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An den Arzt, der meinen stummen Schrei gehört hat

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Wir kannten uns noch nicht, als ich an diesem Tag in Ihre Praxis kam. Sie baten mich höflich, mich für meinen Ultraschall hinzulegen.

Für Sie war es reine Routine ... einfach nur eine Ultraschall-Untersuchung, die bestätigten sollte, dass das Baby in meinem Bauch tot war. Für mich war es jedoch alles andere als Routine. Es war die Hölle.

Als Sie mich fragten, wie es mir geht, konnte ich kaum antworten. Ich brachte seit 48 Stunden fast kein Wort mehr heraus.

Mein Gesicht war tränenüberströmt und ich nickte einfach nur mit dem Kopf, um Ihnen zu zeigen, dass es mir gut ging.

Doch das stimmte nicht.

Ich hatte gelogen.

Es ging mir alles andere als gut.

Ich war am Boden zerstört.

Als ich in den Spiegel blickte, erkannte ich mich selbst nicht wieder.

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Sie schenkten mir ein Lächeln, das bedeuten sollte: 'Ich kann mir das nicht vorstellen.' Und ich wollte Ihre Meinung nicht in Frage stellen.

Sie fragten mich, ob wir mit dem Ultraschall beginnen könnten. Ich nickte.

Ich starrte mit angehaltenem Atem auf den Bildschirm. Mein Glaube war so stark, dass ich fest davon überzeugt war, dass ich gleich ein Wunder erleben würde. Ja, ich hatte bereits vor Tagen erfahren, dass meine Tochter gestorben war. Doch seitdem hatte ich Gott unzählige Male angefleht, sie wieder zum Leben zu erwecken.

Ich suchte auf dem Bildschirm nach irgendeinem Lebenszeichen ... doch meine Kleine war einfach nur - still.

Sie trat mich nicht mehr und sie winkte mir nicht mehr zu, wie sie es vor gerade einmal sechs Tagen noch getan hatte.

Die Zeit stand still und mein Kopf war voller Fragen, die alle mit den Worten 'Warum?' und 'Wieso?' begannen. Doch ich konnte keine einzige dieser Fragen stellen. Ich war vollkommen sprachlos.

Sie fuhren mit Ihren Aufnahmen fort und tippten Daten in den Computer ein.

Sie dachten, ich würde schweigen, doch ich schrie so laut, dass ich selbst davon taub wurde. Es war ein stummer Schrei.

Es war die Art von Schrei, den nur ein Mensch von sich geben kann, der gerade mit ansehen musste, wie seine eigene Welt zusammenbricht. Ein Schrei, der so laut und eindringlich ist, dass menschliche Ohren ihn gar nicht erfassen können.

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Sie hätten mich mit leeren Floskeln abspeisen können, wie so viele andere auch. Doch das taten Sie nicht.

Sie nahmen schweigend meine Hand und blickten mir in die Augen, als Sie sagten: 'Meine Frau und ich haben auch schon drei Babys verloren.' Sie streichelten meine Hand und ich weinte nicht nur um das Kind, das wir verloren hatten, sondern ich weinte auch, weil Sie mich verstanden.

Weil Sie dieses Gefühl kannten. Ich wusste, dass Sie nicht einfach nur Mitleid mit uns hatten. Sie fühlten mit uns und deshalb klangen Ihre Worte auch so authentisch und aufrichtig.

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Sie hätten auch ganz einfach wieder in Ihren professionellen Arzt-Modus zurückwechseln können, doch das taten Sie nicht. Sie nahmen sich die Zeit und erklärten uns alles.

Und Sie achteten währenddessen darauf, nicht mit medizinischem Fachjargon um sich zu werfen ... Sie behandelten uns wie Familienmitglieder, und ich bin mir nicht sicher, ob Sie überhaupt wissen, was für ein Geschenk das für uns war.

Uns war bewusst, dass draußen bereits eine andere Familie auf Sie wartete, doch Sie hetzten uns nicht. Sie gaben uns die Zeit, die wir brauchten, um unsere Fassung wiederzuerlangen, bevor wir den Raum verließen.

Es gibt keine Worte, die bedeutend genug wären, um Ihnen dafür danken zu können, dass Sie uns in dieser schweren Zeit beigestanden haben. Und deshalb möchte ich Sie einfach nur wissen lassen, dass ich nicht weiß, was wir ohne Ihre Hilfe getan hätten.

Ich weiß, dass Sie Medizin studiert haben, damit Sie Menschenleben retten können. Auf den ersten Blick denkt man vielleicht, dass Sie dieses Ziel nur erreichen können, indem Sie lebensrettende Operationen durchführen.

Uns haben Sie jedoch dadurch gerettet, dass Sie uns ihr aufrichtiges Mitgefühl geschenkt haben ... Sie haben uns zwar vielleicht nicht vor dem Tod gerettet, doch als unsere Herzen zerschmettert vor Ihnen auf dem Praxisboden lagen, haben Sie uns davor bewahrt, dass sie noch weiter zerbrechen.

Seht euch bitte auch diesen eindrucksvollen Kurzfilm an: https://youtu.be/ayiQQ9DFqnA

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post Großbritannien und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)