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"Intergrationsklassen? Für'n Arsch": Streetworker erklärt, wie der Staat die Lage von jungen Flüchtlingen mit Hilfsangeboten verschlimmert

Veröffentlicht: Aktualisiert:
YOUNG MIGRANTS GERMANY
Ralph Orlowski / Reuters
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Gut eine Million Euro sollen laut eines Berichts des "Tagesspiegel" in die Arbeit mit minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlingen in Berlin gehen. Genauer gesagt, in Initiativen, um sie vor dem Abrutschen in die Kriminalität zu schützen.

Ich arbeite seit über zehn Jahren als Streetworker in Berlin Mitte - und kann mir denken, an welche Jugendlichen sich diese Initiative richten soll: Unter uns Streetworkern wird geredet, dass es wohl rund 100 Jugendliche mit Fluchthintergrund sind, die am Kottbusser Tor und anderen Drogenumschlagsorten ihr Unwesen treiben.

Genau wissen wir das aber nicht. Denn die Wahrheit ist: Diese Jugendlichen sind auch für uns Streetworker schwer zu erreichen. Sie sind durch das System gefallen.

"Der Kotti ist kein Flüchtlingsproblem, sondern ein gesellschaftliches Problem"

Wahr ist auch: Die Kriminalität am Kotti ist kein Flüchtlingsproblem sondern ein gesellschaftliches Problem. Der Kotti war schon immer ein Brennpunkt. Da treffen sich seit Jahren die Junkies, die alteingesessenen Dealer, die organisierten Banden.

Meine Vermutung ist: Die unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge, die dort nun kriminell zugange sein sollen, sind schlichtweg billiger, als andere Dealer - und damit eine attraktive Zielgruppe für diese Banden.

Wir dürfen nicht vergessen: Der Kotti ist nicht durch diese Jugendlichen kriminell geworden, sondern andersrum. Die sind von einem kriminellen System aufgefangen worden, das schon über Jahrzehnte hier in Berlin, in der Hauptstadt Deutschlands, entwickelt hat.

Und da wären wir beim eigentlichen Problem.

Denn die Banden haben damit etwas übernommen,  was der Staat nicht auf die Reihe gebracht hat. Wer nicht vom deutschen System aufgefangen wird, sucht sich ein anderes. So einfach ist das.

Wir versäumen gerade die Integration dieser junger Menschen - und eine Million Euro zu investieren, wird nicht reichen, um das zu ändern. Was wir nämlich wirklich brauchen, ist ein komplett neues System.

Eines, mit dem wir Sozialarbeiter und Streetworker ganzheitlich arbeiten können. Denn: Im Moment sind die nur punktuellen Unterstützungsmöglichkeiten durch soziale Arbeit bei weitem nicht ausreichend.

"Meine Kollegen stehen kurz vor dem Burn-out"

Die aktuelle Arbeit ist, nebenbei bemerkt, sehr frustrierend. Die Rahmenbedingungen sind katastrophal. Meine Kollegen, die diese Jobs trotzdem annehmen, stehen kurz vor dem Burn-out.

Es gibt zwar betreute WG's für minderjährige, unbegleitete Geflüchtete, doch die Sozialarbeiter dort sind meist allein für zu viele Jugendliche zuständig. Intensiv betreuen kann man die so nicht. Dabei haben die Kinder multiple Probleme: Traumata, Existenzängste, Angst vor der Abschiebung, Heimweh. 

Wir fühlen mit diesen jungen Menschen, die wirklich vom Nötigsten träumen: Von einer Existenz, von Arbeit, davon, ihre Familie wieder sehen zu können.

Ich habe am Anfang nicht verstanden, warum nur junge Männer zu uns kommen, bis es mir einer von ihnen erklärt hat. Die wären sonst oft vom Wehrdienst eingezogen worden und wären vielleicht für einen Krieg gestorben, der gar nicht ihrer ist. Mit 15, 16 Jahren. Verdammt, an ihrer Stelle wäre ich auch geflohen.

"Integrationsklassen sind für 'n Arsch"

Wir bräuchten ein Konzept, dass die nahtlose und intensive Betreuung dieser Jugendlichen ermöglicht. Man würde diesen jungen Menschen so gerne helfen und scheitert ständig an Papierhürden, an komplexen, unverständlichen Behördenschranken. Es gibt keine Handlungskonzepte, an denen wir uns orientieren könnten.

Geld ist gut, aber wie man es einsetzt, ist wichtiger. Bis jetzt ist viel geschehen, um die Jugendlichen zu isolieren und zu wenig um sie zu integrieren.

Die Integrationsklassen beispielsweise sind für den Arsch, das sage ich ganz direkt. Wie sollen die Jugendlichen denn einen Anschluss an die deutsche Gesellschaft finden, wenn sie nur von anderen Geflüchteten umgeben sind?

Ich sage: Schickt die Jugendlichen gleich auf reguläre Schulen und setzt das Geld lieber für Mentorenprogramme ein. Setzt Sozialarbeiter ein, die zwei bis drei Jugendliche über ein paar Jahre intensiv betreuen können.

Und am wichtigsten: Erleichtert ihnen den Einstieg in die Arbeitswelt, gebt ihnen Praktika und Ausbildungsplätze. Und zwar jetzt. Denn wer hier eine Arbeit und Freunde findet, wer einen Platz in unserer Gesellschaft hat, vertickt keine Drogen am Kotti.

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