BLOG

Der Mord an Farkhunda

07/08/2015 16:06 CEST | Aktualisiert 07/08/2016 11:12 CEST
dpa

Farkhunda las den Koran jeden Morgen. Sie war höflich und liebte ihre Familie. Wie andere 27-jährige hatte sie Hoffnungen und Träume. Farkundas Mutter sagte mit bebender Stimme: „An diesem Tag war alles normal, sie verließ das Haus, um zur Koranstunde zu gehen. Sie war glücklich und voller Energie". Es war der 19. März. Nach ihrer Lesung besuchte sie den Shah-Du-Shamshera Schrein. Sie rief ihre Mutter an, um ihr zu sagen, dass sie danach nach Hause kommen würde.

Doch dann geriet sie in eine Diskussion mit einem Hausmeister. Es ging darum, ob es richtig war, vor dem Schrein Amulette zu verkaufen. Während der Auseinandersetzung beschuldigt er sie, den Koran verbrannt zu haben und schrie. „Im Namen Gottes, tötet sie. Sie hat den Koran verbrannt!"

Innerhalb kürzester Zeit strömten viele Männer in den Schrein und begannen Farkhunda zu prügeln. Sie töteten Farkhunda am Ende, die Polizei stoppte den Mord nicht.

Der brutale Mord an Farkhunda wurde auf Mobiltelefonen gefilmt, von Gaffern, die zusahen. Das schockierende Filmmaterial wurde schnell über die sozialen Medien verbreitet. Viele Afghanen zeigten sich entsetzt über das Geschehene, ihr Mord wurde zur internationalen Schlagzeile. Farkhundas Mutter sah sich die Videos an, die zeigten, wie ihr Kind geschlagen und von den Männern getötet wurde. Sie sagte, sie erleide seelische Qualen, weil die Polizei nicht eingriff, um ihre Tochter zu retten.

Als afghanische Frau, die seit über zehn Jahre über das Leben von Frauen und Mädchen in Afghanistan berichtete, war ich entschlossen, herauszufinden, was tatsächlich hinter dem brutalen Mord steckte, und warum die Polizei Farkhunda nicht schützte. In einer Dokumentation der BBC World News Serie Our World sprechen wir mit der Familie von Farkhunda und sprechen erstmals mit der Familie eines der Männer, der für ihren Mord ins Gefängnis kam.

Der Mord wurde von Präsident Ashraf Ghani scharf verurteilt. Er ordnete eine unverzügliche Untersuchung an. Der Präsident und seine Frau Rula Ghani trafen die Eltern von Farkhunda. Rula Ghani sagte, "Was passiert ist, war barbarisch... Der Mord an Farkhunda zeigt, wie gewalttätig die afghanische Gesellschaft nach 30 Jahren Krieg geworden ist."

Der Mord an Farkhunda zog eine der größten Protest-Aktionen - organisiert von Frauen - in der Geschichte Afghanistans nach sich. Die Frauenrechtlerin Sahra Mosawi, setzte sich über Traditionen hinweg und trug den Sarg von Farkhunda zusammen mit anderen Frauen bei ihrer Beerdigung.

Sahra sagt: „Wenn Farkhunda ein Mann gewesen wäre, wäre ihr dies nicht zugestoßen." Sie fügte hinzu: „Die Männer, die Farkhunda angriffen und töteten, waren Männer, die unter dem Karsai-Regime in Kabul aufwuchsen. Sie haben gelernt, wie man Jeans trägt und modern aussieht, aber ihre Haltung gegenüber Frauen hat sich nicht geändert."

49 Verdächtige wurden ursprünglich in dem Mordfall Farkhunda angeklagt, darunter 19 Polizisten. Es kam schnell zum Prozess, der auch im Fernsehen übertragen wurde. Elf Polizisten wurden zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil sie ihre Pflicht nicht erfüllt hatten. Ende Juli kamen sie aufgrund einer Entscheidung des Berufungsgerichtes in Kabul frei.

General Zahir Zahir, Chefermittler der Kabuler Polizei, gestand ein, dass die Polizei, darin versagte, Farkhunda zu verteidigen. Er sagte: „Offensichtlich konnten unsere Leute nicht mit den Randalierern umgehen, als eine große Gruppe wütender Männer die Frau attackierte, fürchteten die Polizisten um ihr eigenes Leben."

Im Mai wurden vier Männer zum Tode verurteilt, acht weitere erhielten 16 Jahre Haft. Anfang Juli wurde die Todesstrafe in 20 Jahre Haft für drei der Männer umgewandelt. Die Haftstrafe des vierten wurde auf zehn Jahre reduziert, da er vermutlich nicht volljährig war. Ich sprach mit den Eltern des vierten Angreifers mit Namen Yacoob - der mit der Todesstrafe belegt worden war.

Ich wollte wissen, warum er in die Sache geraten war. Sein Vater Mohammad Yasin sagte: „Er ist Moslem, er ist jung und als sie riefen: diese Person ist zum Judentum übergetreten und hat den Koran verbrannt, konnte er seine Emotionen nicht kontrollieren." Die Eltern bitten die Familie von Farkhunda, ihrem Sohn zu vergeben und verlangen von der Regierung, diejenigen, die Farkhunda getötet haben, der Gerechtigkeit zu überführen.

Frauenrechtlerinnen glauben, dass ein echter Wandel nur möglich ist, wenn die tiefe Frauenfeindlichkeit der afghanischen Gesellschaft überwunden ist, und Gleichheit der Geschlechter im Gesetz verankert ist. Sie gestehen ein, dass bis dahin noch ein langer Weg vor ihnen liegt. Vielleicht wird die nächste Generation ein Afghanistan erleben, das Frauen akzeptiert und als gleichwertig respektiert.

Our World: The Killing of Farkhunda mit Zarghuna Kargar wird an diesem Wochenende auf BBC World News am Samstag, den 8. August um 10.30 Uhr MEZ und am Sonntag, den 9.August um 16.30 Uhr und 22.30 Uhr ausgestrahlt.


Lesen Sie auch:

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite

Gesponsert von Knappschaft