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Was es bedeutet, nach dem Anschlag in London Muslim zu sein

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TERROR IN LONDON
Getty
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Es war immer die Frage wann, und nicht ob, London wieder einem Terroranschlag zum Opfer fallen würde. Seit dem Selbstmordattentat vom siebten Juli 2005, bei dem in Londoner U-bahnen und Bussen 52 Menschen starben, lebte die Hauptstadt in ständiger Angst.

Diese Angst wurde am Mittwochabend Wirklichkeit.

Ein Mann trug eine Waffe bei sich, die aussah wie ein Küchenmesser, erstach damit einen Polizisten, überrannte unschuldige Passanten und versuchte, Zugang zum Parlament zu erlangen. Dabei tötete er vier Menschen. Die Reporter bezeichneten es gleich als terroristischen Anschlag, bis sich die Polizei sicher war.

Die Menschen starren und tuscheln

Ich war alarmiert.

Nicht nur weil ich besorgt war, weitere Attacken könnten folgen, sondern auch weil man als britischer Moslem (gläubig oder nicht) lernt, sich vor den Angriffen der Öffentlichkeit zu wappnen, sobald das Wort Terrorismus in den Medien fällt. Angst und Ignoranz macht sich breit und dann prasseln rassistische oder islamophobische Beleidigungen auf dich ein. Und die Menschen starren dich an und tuscheln.

In den Wochen nach dem Anschlag vom siebten Juli war London ein furchterregender Ort. Ich kann mich noch gut daran erinnern, von einem Passanten in Greenwich "stinkender Terrorist" genannt worden zu sein - ich war damals 15 Jahre alt.

Meine Schwester, die ein Kopftuch trägt, wurde "Bombenträger" genannt und einer Schulfreundin wurde das Kopftuch heruntergerissen, als sie durch London spazierte.

Nachdem ich ein Wochenende bei meiner Cousine verbracht hatte, saß ich in einem Bus mit einem Rucksack voller Klamotten. Einige Polizisten sahen mich und ordneten mir an, mein Gepäck auszuleeren - vor den Augen aller Mitreisenden. Die tuschelten natürlich alle besorgt - und immer noch war ich nur 15 Jahre alt.

Von diesem Tag an bis heute werde ich angestarrt, wann immer meine Tasche prall gefüllt aussieht.

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Versteht mich nicht falsch, ich verstehe die Besorgnis. Aber es ist ermüdend, im Schatten dieser Anschläge ein Muslim zu sein, wenn ihr überall in den Medien sensationslustige Schlagzeilen verbreitet.

Und, lasst es uns selbst nicht vormachen, dass Menschen nicht an muslimische, bärtige Männer oder Frauen mit Kopftuch denken, wenn sie das Wort "Terrorismus" hören. Glaubt mir, ich habe ein größeres Recht, Angst davor zu haben, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen oder auch einfach nur die Straße runterzulaufen, wenn gerade wieder ein terroristischer Anschlag passiert ist, als ihr, Angst vor mir zu haben - oder vor Menschen, die aussehen wie ich.

Es verletzt immer

Als ich am Mittwoch Feierabend hatte und gerade die Nachricht vom Anschlag in Westminster bekannt wurde, wünschten meine Kollegen allen einen sicheren Heimweg und viele fügten hinzu: "vor allem dir Yusuf, weil...du weißt schon."

Mehr zum Thema: Den Londonern ist der Anschlag unfassbar egal

Wie erwartet waren die Bahnen vollgestopft mit Menschen, die so schnell wie möglich nach Hause wollten. Hinzu zu dieser sehr ungemütlichen Heimfahrt kamen natürlich die panischen Blicke und die gewohnten Kommentare, als wir die Westminster Station passierten. Ich habe nichts gesagt, habe versucht, es nicht an mich heran zu lassen, aber glaubt mir, es hat mich gestört - das tut es immer.

In den kommenden Tagen und Wochen wird in London überall die Polizeipräsenz verstärkt werden - natürlich, um alle zu beschützen und zu beruhigen. Ich und alle, die genauso aussehen wie ich, werden allerdings uns selbst schützen müssen. Die Medien werden weiterhin Panik über Muslime verbreiten. Die Sun-Zeitung glaubt anscheinend schon zu wissen, dass einer von fünf britischen Muslimen mit Jihadisten sympathisiert. Also können wir nur darauf warten bis die Medien noch mehr Müll verbreiten.

Alles, was ich möchte, ist das: Wenn ihr nach dem Terroranschlag irgendetwas Islamophobisches hört oder seht, bitte sagt etwas. Seid nicht diese Person, die den Rassisten dabei filmt, wie er sein Opfer beleidigt und das ganze dann ins Internet stellt. Das verändert gar nichts.

Sagt etwas, werdet laut und lasst jeden wissen, dass die Meinung einiger ignoranten Menschen nicht den Rest Londons repräsentiert.

Der Anschlag in Westminster zielte darauf ab, uns zu trennen - inmitten einer eh schon angespannten Situation, in der sich unser Land derzeit befindet.

Mehr zum Thema: Nach den Angriffen in London: Der Kampf gegen den Terrorismus muss in der muslimischen Community beginnen

Im Rest der Welt wird London dafür gefeiert, so offen und integrativ zu sein, jeden willkommen zu heißen - jetzt ist es an der Zeit, auch so zu handeln.

Der Beitrag erschien zuerst bei der Huffington Post UK und wurde von Franziska Kiefl übersetzt.

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