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Wie der Westen die Lage in der Türkei wieder einmal missversteht

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ERDOGAN TURKEY
ASSOCIATED PRESS
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Der Putschversuch in der Türkei Mitte Juli war, anders als die vorherigen Versuche des Militärs in den Jahren 1998 und 2007, die Macht an sich zu reißen, weder leise noch indirekt. Ganz im Gegenteil, die Drahtzieher waren harsche Militäroberste, die auf große Unterstützung aus verschiedensten Bereichen zählen konnten.

Gegen Mitternacht, als in Ankara und Istanbul erbitterte Kämpfe ausgetragen wurden, verhielten sich die meisten der Verbündeten der Türkei beschämend ruhig. Viele glaubten, der Putsch würde erfolgreich verlaufen. Einige große Nachrichtenagenturen weltweit bereiten sogar schon Reportagen darüber vor, wie Erdogan den Zorn der Generäle auf sich gezogen habe. Andere verschwendeten keine Zeit und verkündeten, dass der Putsch der Türkei die Demokratie bringen würde.

Die Stimmung in Istanbul aber war eine ganz andere. Präsident Recep Tayyip Erdogan, der den Putschisten, die auf dem Weg zu seinem Marmaris Hotel waren, um ein Haar entkommen konnte, rief die Bevölkerung dazu auf, auf die Straßen zu gehen und ihre Demokratie gegen die Verräter zu verteidigen. Währenddessen berichteten die großen Medien weiter und fokussierten sich immer noch auf die gewählte Regierung, nicht auf die Putschisten.

Als in Ankara und Istanbul erbitterte Kämpfe ausgetragen wurden, verhielten sich die meisten der Verbündeten der Türkei beschämend ruhig

Kurz nachdem er begann, schien der Putsch auch schon zum Scheitern verurteilt, weil die Putschisten nicht bedacht hatten, dass die soziale Dynamik des gesamten Landes sich geändert hatte - ebenso wie im Rest der Welt. Der Putsch scheiterte und zwar auf ganzer Linie. Letztendlich sorgten vor allem die Menschen in der Türkei dafür. So etwas hatte es zuvor noch nicht gegeben.

Mehr als zwei Wochen nach der Nacht des Tumultes herrscht in der Türkei wieder Ordnung. Immer mehr Details sickern durch und die ganze Nation wird sich bewusst, welche Gefahr abgewendet werden konnte. Ein großer Moment der Erleichterung und des Stolzes für die Türken.

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Die Menschen versammeln sich auf dem Taksim-Platz und protestieren gegen den Putsch. 2. August 2016 (Getty Images)

Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass der Putschversuch die polarisierte, gespaltene türkische Gesellschaft enger zusammengebracht hat. Heute sind die politischen Fraktionen nicht nur gegen den gescheiterten Putsch, sondern auch gegen seine Drahtzieher vereint - eine historische Seltenheit. Am 24. Juli betraten auf einer Kundgebung gegen den Putsch Top-Vertreter der AKP, der Partei Erdogans, und Kemal Kilicdaroglu, Anführer der größten Oppositionspartei, und seine Genossen gemeinsam die Bühne auf dem Taksim-Platz.


Es bot sich eine historische Gelegenheit
, das Militär zu zivilisieren. Fast die Hälfte der Generäle und Admiräle des Landes befindet sich inzwischen in Haft. Militärakademien werden geschlossen und durch zivile Verteidungsakademien ersetzt. Die Oberbefehlshaber unterstehen jetzt direkt dem Präsidenten und die Landstreitkräfte, Luftwaffe und Marine dem Verteidigungsminister.

Der Putschversuch brachte die polarisierte, gespaltene Gesellschaft enger zusammen

Schaut man sich die Medien weltweit an, so bietet sich ein ganz anderes Bild. Dieser seltene Moment der sozio-politischen Versöhnung und der Demokratisierung der Militärführung ist fast unsichtbar. Dass in der Türkei ein brutaler Militärputschversuch stattfand, ist hier tatsächlich nur ein Hintergrunddetail. Nur wenige Artikel beleuchten die Dynamik des Widerstandes gegen den Putsch und liefern Details dazu, wie er mobilisiert wurde. Wo sind die Artikel zu den mehr als 240 Menschen, die im Zuge dieser Ereignisse getötet wurden?

Das Gegenteil ist der Fall. Die Zeitungen und TV-Kanäle weltweit berichten in großer Dichte von einer breit angelegten Säuberungsaktion. Wir lesen Geschichten darüber, wie Erdogan die Armee und andere staatliche Einrichtungen entmachtet und seine eigene Macht weiter festigt. Es gibt fantastische Artikel, in denen darüber berichtet wird, dass der Islam in der Türkei nach dem gescheiterten Putsch an Stärke zunimmt.

Niemand kann bestreiten, dass so weitreichende und komplexe Reaktionsmaßnahmen auf den Putschversuch ohne Fehler und Ungerechtigkeiten vorgenommen werden. Es ist zu erwarten, dass der Rechtsstaat wieder die Kontrolle übernimmt, sobald der Ausnahmezustand beendet ist.

Dennoch wundert es mich, dass, außer einer Handvoll qualitativ hochwertiger Ausnahmen wie der "New York Times" oder die World Post, die Medien und Meinungsmacher weltweit sich so sehr darauf konzentrieren, über die Maßnahmen nach dem Putschversuch zu berichten, als wäre zuvor nichts gewesen. Es herrscht immer noch eine gewaltige Lücke zwischen der weltweiten Wahrnehmung der Türkei und der Wirklichkeit im Land.

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Menschen protestieren gegen den gescheiterten Putschversuch in Istanbul. 2016 (Getty Images)

Diese Lücke hat es immer gegeben. Die Gründe dafür liegen in dem oft wiederholten und teils überzeugendem Argument, die Türkei sei ein zerrissenes Land. Wie in vielen anderen Fällen von zerrissenen Ländern konkurrieren auch hier verschiedene Visionen der Realität miteinander. Wer auch immer grade den besseren Draht zu den Nachrichtenproduzenten hat, sieht seine Version gedruckt und an die globale Leserschaft und ihr Bewusstsein gebracht.

Ob beabsichtigt oder nicht, viele westliche Medienorganisationen und Entscheidungsträger bekommen ihre Informationen von einem sehr begrenzten Teil der türkischen Gesellschaft. Während der letzten Jahre wurde dieser Teil nicht nur immer mehr von dem Rest der Öffentlichkeit isoliert, er stellte sich auch immer mehr gegen Erdogan und die Regierung. Das Ergebnis ist eine spürbare Voreingenommenheit.

Eine solche binäre Denkweise ist eine veraltete Analytik, die in Misskredit geraten ist und nicht mehr angewendet wird. Der Westen aber bedient sich immer noch dieser Methodik und wendet sie auf einige Regionen der Welt an. Deshalb wird die Wirklichkeit in der Türkei von so vielen so oft missverstanden - und deshalb stehen so wenige den Türken zur Seite, wenn diese sich den Militärputschisten entgegenstellen. Die Wut auf Erdogan ist so weit verbreitet, dass sie eine von Prinzipien unterstützte Position gegen einen brutalen Militärputschversuch verhindert.

Ob beabsichtigt oder nicht, viele westliche Medienorganisationen und Entscheidungsträger bekommen ihre Informationen von einem sehr begrenzten Teil der türkischen Gesellschaft

Eine Tatsache, die sich ebenso häufig wiederholt, wie sie Anlass zu Beschwerden gibt, ist auch das doppelte Maß, das westliche Medien oft anlegen, wenn es in scheinbar nicht-demokratischen Teilen der Welt zu Ausbrüchen von Demokratie kommt. Während eines Militärputsches - oder einer populären Revolution - betrachtet die Welt die Geschehnisse mit einer Auffassung, die nicht darauf aufbaut, was grade passiert, sondern die auf den Machthierachien und den politischen Prioritäten, die mit dem Land einhergehen, basiert.

Zu guter Letzt ist da noch die Gülen-Bewegung. Die Gülen-Bewegung als eine harmlose, zivile Gemeinschaft zu verstehen, besonders in den USA, wo sie über eine erfolgreiche PR-Maschinerie verfügt, ist von der Realität, wie sie die meisten Türken in den letzten Jahren erfahren haben, weit entfernt. In der Türkei betrachtet man die Gülen-Bewegung als eine kriminelle Organisation, die den Staat infiltriert und durchdringt, Gegner unterdrückt und einschüchtert und sie mit Material aus Lauschangriffen und fabrizierten Beweisen erpresst.

Es existieren viele handfeste Beweise, die die Gülen-Bewegung überzeugend mit dem Putschversuch in Verbindung bringen. Wenn aber die globale Gemeinschaft keine Ahnung von den dunklen Seiten dieser Organisation hat, dann wird es sehr schwer, die Menschen davon zu überzeugen, dass die Gülen-Bewegung hinter dem Putschversuch steckt. Und da viele Ausländer auch nicht wissen, wie viele Gülenisten sich in harmonischer Solidarität vereint in der Regierung und dem Militär befinden, erscheinen ihnen die derzeitigen Geschehnisse in der Türkei wie eine willkürliche, riesig angelegte Säuberung.

Heute, hauptsächlich als ein Ergebnis der westlichen Gleichgültigkeit gegenüber des Putschversuches und seiner Verantwortlichen und einer weitaus größeren Aufmerksamkeit, die anderen Ereignissen entgegengebracht wird, sind viele Menschen in der Türkei - auch jene, die nichts von Verschwörungstheorien halten - davon überzeugt, dass die Menschen im Westen es begrüßt hätten, wäre der Putschversuch von Erfolg gekrönt gewesen. Die Türken haben Schwierigkeiten, Menschen in anderen Teilen der Welt davon zu überzeugen, was für sie selbst so klar und deutlich ist.

Ich glaube, dass viele Menschen im Westen schlussendlich verstehen werden, was die Türken ihnen zu vermitteln versuchen. Aber je länger es dauert, desto größer wird die Kluft zwischen ihnen und die Wahrscheinlichkeit, dass der Westen seinen wichtigen Verbündeten, die Türkei, verliert, steigt. Wichtiger noch, die globalen Medien verlieren in der Türkei zunehmend an Glaubwürdigkeit.

Dieser Artikel erschien zuerst in der World Post und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.