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"Ich kann mir nicht verzeihen": Erinnerungen eines Mannes, der die Atombombe mitgebaut hat

06/08/2015 17:43 CEST | Aktualisiert 05/08/2016 11:12 CEST
Getty

Ich habe in einem Hospiz in den USA als Musiktherapeut gearbeitet. Dabei lernte ich viele Menschen kennen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten.

Da war die Frau, die die Schlacht um Okinawa überlebt hatte, in die USA gezogen war, und kurz vor ihrem Tod von ihren Erinnerungen überwältigt wurde.

Da war ein Veteran, der liebe Freunde in der Schlacht in der Philippinensee verloren hatte, der nach dem Krieg die verbrannte Erde von Hiroshima gesehen hatte, und uns mit Tränen in den Augen bat, niemals zu vergessen, dass es dort Krieg gegeben hatte.

Da war der Mann, der einen japanischen Soldaten in der Schlacht von Saipan getötet hatte, und sich mir anvertraute, bevor er starb.

Und es gibt noch jemanden, den ich nie vergessen werde.

Einer meiner Patienten war ein 93-jähriger Mann, Sam hieß er. Er war mit Darmkrebs im Endstadium ins Hospiz gekommen. Er war recht klein, freundlich und lächelte immer. Er liebte Big-Band-Musik, vor allem die Stücke „Blue Moon" und „My Way".

Eines Tages sagte Sam, er wolle ein italienisches Volkslied hören. Er war Italoamerikaner.

Das einzige solche Lied, das ich kannte, war das neapolitanische „Santa Lucia". Als ich es sang, schenkte er mir ein zufriedenes Lächeln.

„Das ist ein gutes Lied", sagte er. „Ich bin stolz auf meine italienische Abstammung. Wo kommst du eigentlich her?"

Als ich ihm sagte, ich sei Japaner, sah er mich erstaunt an. Dann begann er plötzlich zu weinen. Nach einigen Momenten der Stille sagte er: „Ich war an der Entwicklung der Atombombe beteiligt. Wenn ich an die Kinder und unschuldigen Menschen denke, die getötet wurden ..."

Er blickte zur Seite, schüttelte den Kopf.

„Ich bin nicht stolz darauf."

Dann weinte er wieder.

Während des Zweiten Weltkrieges entwickelten und bauten die USA mit Großbritannien und Kanada zusammen die Atombombe. Sie nannten es das „Manhatten-Projekt", es begann 1939. Schätzungen nach waren mehr als 130.000 Menschen darin involviert. Sam war einer von ihnen.

„Ich wusste das nicht. Ich wusste nicht, dass das bei unserer Arbeit herauskommen würde."

Er hob den Kopf vom Kissen und sah mich bittend an. Sein gebrechlicher Körper zitterte, als er weinte.

Man muss nicht extra sagen, dass das „Manhatten-Projekt" top secret war. Den meisten Menschen, die für es arbeiteten, war nicht bewusst, dass sie eine Atombombe entwickelten und bauten. Nur sehr wenige waren in den Plan eingeweiht, Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abzuwerfen.

Ich saß still bei ihm, wusste nicht recht, was ich sagen sollte. Langsam wurde mir klar, welchen Schmerz, welche Traurigkeit er seit Jahren mit sich herumgetragen haben musste.

In diesem Moment erinnerte ich mich an eine Schul-Exkursion nach Hiroshima. Es war ein Sommertag mit klarem, blauem Himmel. Wir standen verschwitzt vor dem Denkmal in Hiroshima und hörten einer ausdruckslosen Frau in grauer Kleidung zu, die am Tag des Bombenabwurfs dort gewesen war.

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Das Gebäude der Industrie- und Handelskammer wurde am 6. August 1945 durch die Atombombe zerstört, alle Menschen darin getötet. Heute ist das Gebäude ein Denkmal für den blutigen Tag. Foto: Getty

„Direkt nach der Detonation waren viele tot. Es war unmöglich, all die Leichen zu bergen. Bis zum heutigen Tag schlafen viele dieser Körper unter jenem Beton, auf dem ihr gerade steht."

Was ich in der Gedenkstätte sah, wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Die Schatten der Menschen, die auf diesen Stufen verbrannt waren. Die geschmolzene Haut, die auf den Wänden haften geblieben war.

Durch Sam habe ich eine weitere Seite dieser Tragödie kennengelernt: Viele Amerikaner fühlen sich noch heute schuldig, weil sie an der Entwicklung der Bombe beteiligt gewesen waren.

Sam wurde so von Schluchzern geschüttelt, dass er außer Atem kam.

„Ich möchte Musik hören. Sing etwas", sagte er.

Ich klimperte ein bisschen auf meiner Gitarre und sang das Lied, das er so gerne mochte, „Blue Moon". Endlich ließ er seinen Kopf zurück aufs Kissen sinken und, langsam beruhigte sich sein Atem.

Ich besuchte ihn bis zu seinem Tod. Als sein Ende näher rückte, verstärkten sich seine Scham und seine Traurigkeit. Er hörte auf zu lächeln, wie er es bislang immer getan hatte.

Er hatte aufgehört zu essen und verbrachte die meiste Zeit mit Schlafen. Eines Tages sagte er zu mir: „Ich kann mir nicht verzeihen, was ich getan habe." Dann schloss er die Augen, als fände er es schwierig, mich auch nur anzusehen.

"Ich kann nicht glauben, dass Krieg die beste Lösung ist. Niemand hat den letzten Krieg gewonnen, und niemand wird den nächsten Krieg gewinnen." Eleanor Roosevelt

Dieser Text erschien ursprünglich auf Yumiko Satos Musiktherapie-Tagebuch.

Yumiko Satos Buch "Last Song: Music for the End of Life" ist nun bei Popular Publishing Co, Ltd erschienen.

Dieser Blog erschien ursprünglich auf "The Huffington Post Japan", wurde ins Englische und von Susanne Klaiber ins Deutsche übersetzt.


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