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Eine Übergewichtige packt aus: Die Wahrheit über dicke Menschen, die niemand hören will

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FAT WOMAN
adrian825 via Getty Images
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"Fühlst du dich gut dabei, eine Lüge zu verkaufen?"

Der Nachmittag hat harmonisch begonnen. Ich war bei meinem Vater und habe einen seiner alten Freunde zum ersten Mal getroffen. Dieser Freund ist, wie mein Vater, Ende 60 und kein schlanker Mann. Wir lernten einander kennen, führten Small Talk und sprachen über seine Reisen und meine Arbeit.

Ich erzählte gerade von meiner Arbeit, als mein Vater dazukam. "Sie hat auch geschrieben", sagte er stolz. Als sein Freund dann fragte, worüber ich denn geschrieben hätte, antwortete ich, dass ich darüber schreibe, wie dicke Menschen behandelt werden. "Ich hoffe du sprichst da von Portionsgrößen", sagte er.

"Nein, tu ich nicht", erwiderte ich. "Das wird doch überall diskutiert. Es geht mir darum, wie es ist, dick zu sein und wie eine dicke Person behandelt zu werden."

"Du meinst, was es bedeutet, faul zu sein? Amerikaner sind so unglaublich faul", sagte er mit einer urteilenden Stimme.

"Nein, es geht darum, dass jeder dicke Mensch anders behandelt wird - und meistens schlechter - als dünne Menschen. Es soll andere auffordern, anders darüber zu denken."

Kannst du etwa glücklich sein?

"Aber selbst, wenn du dann besser behandelt wirst, du wärst doch immer noch nicht gesünder oder glücklicher." Er machte eine kurze Pause, versuchte mein Gesicht zu lesen. "Glaubst du ernsthaft, du könntest glücklich sein?"

Ich fühlte, wie sich mein Gesicht erhitzte. "Ja, das glaube ich", sagte ich. "Also erzählst du den Menschen eine Lüge", stellte er fest und lehnte sich zurück in seinem Stuhl. "Was?" "Fühlst du dich wohl dabei, ihnen diese Lüge zu verkaufen?", fragte er gelassen, während er auf eine Antwort wartete, nur um auch diese noch in der Luft zu zerreissen.

(Text geht unter dem Video weiter)

Video: So fühlt es sich an, die fette Person im Flugzeug zu sein, neben der niemand sitzen will

Er, ein Koyote. Ich, sein Opfer. Mein Kopf war mit Antworten darauf überflutet. Ich verkaufe gar nichts. Ich schreibe, weil ich es liebe. Aber das hätte nicht den Punkt getroffen. Bist du mein Psychologe? Zu konfrontativ.

Warum solltest du die Tochter deines Freundes eine Lügnerin nennen? Nein, es ist unfair, meinen Vater in dieses Gespräch mit rein zu ziehen. Wieso scheint dir mein Glücklichsein so abwegig? Aber das würde die Diskussion nur weiter in diese Richtung lenken. Er hatte schon fast seine Zähne gefletscht.

Er würde eh nicht glauben, was ich über das Leben in meinem Körper zu sagen habe. Er fühlte sich im Unbehagen meines Vaters und meiner Angst wohl. Mein Vater saß ganz still da, mit offenem Mund, überrumpelt von der unerwarteten Wendung.

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Er war sprachlos, beobachtete alles, hin- und hergerissen zwischen Freund und Familie. Er hatte so einen schönen Morgen geplant und plötzlich war die Luft wie elektrisch aufgeladen. Ich wechselte das Thema. Wir machten weiter.

Ich war so frustriert

Ich habe gelernt, Menschen wie diesen Freund meines Vaters zu erkennen und mich von ihnen fern zu halten. Aber diese Momente bleiben immer bei mir, unter meiner Haut, sitzen mir immer im Nacken.

Auf dem Heimweg fiel mein Atem dann zusammen, unfähig mich zu beleben. Mein Schädel pulsierte vor Ärger. Ich war auf einmal so frustriert, so erschöpft. Ihm zufolge war meine Arbeit, mein Leben, unseriös, unmöglich und lächerlich. Ich bin naiv und irrwitzig, glaube, alles wäre möglich. Selbst meine Würde und mein Glück.

Momente wie diesen erlebe ich so oft. Im freundlichen Austausch zeigen mir Bekannte, dass man mir und meinen Erfahrungen nicht trauen kann. In anderen Situationen wird meine Autonomie öffentlich lächerlich gemacht - wie ein Spielzeug, das man im Spaß ja zerreissen kann. So viele Menschen sind offensichtlich Aasgeier.

Eine Lügnerin genannt zu werden - öffentlich - wurde normal in meinem Leben als dicke Person. Jede Aussage, die ich über meinen Körper verliere, das, was ich esse, wie ich mich fühle, oder wie oft ich mich bewege, wird mit Abschätzigkeit gestraft.

Wenn ich gefragt werde, ob ich Sport mache, sage ich Ja. Nein, machst du sicher nicht, oder ist es Aerobic? Es muss doch Aerobic sein. Hast du schon einmal die South Beach Diät ausprobiert? Du hast es wahrscheinlich falsch gemacht.

Fragt man mich, ob ich einen Ernährungsberater oder Personal Trainer engagiert habe, dann antworte ich "Ja, mehrere Jahre lang sogar." Du hast es wahrscheinlich nicht lang genug versucht. Man braucht nur ein bisschen Willenskraft!

Meine Antworten können nur falsch sein

Auf all diese Fragen - über Diäten, Sport, Wert und Wille - gibt es keine Antworten, die sie zufriedenstellen würden. Meine Worte wurden schon von meinem Körper hintergangen und dem willensschwachen Charakter, der sie aussprach. Es gibt nichts, was ich sagen kann, um diesen Unterstellungen etwas entgegen zu setzen.

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Kollegen und Fremde geben mir unaufgefordert Ratschläge, wie ich den Körper verändern kann, den ich schon immer gehabt habe, dann behandeln sie ihn mit Urteilen und Abschätzigkeit. Meine Antwort klingt für sie wie eingeübt, als hätte ich gar nicht gesprochen.

Für viele ist mein Körper nur der Bestandteil einer langweiligen Wissenschaft. Wie ein Experimente ohne neue Ergebnisse, er bestätigt nur die alten. Mein Körper wir dabei lebend seziert, nur um zu sehen, wie er funktioniert. Zuckend und lebend wird er auseinander geschnitten, um den Grund für dieses Scheitern zu finden.

Meinen Erfahrungen kann kein Glauben geschenkt werden - sie müssen von meinem Körper abgerissen werden, wie ein Filet von einem unansehnlichen Monster. Aber ihre unfähigen Hände können nicht etwas zerlegen und es gleichzeitig am Leben lassen.

Sie glauben nicht, dass sie meinen Körper damit zerlegen und ihr Eifer kommt nicht nur vom Urteilen und ihrer Abschätzigkeit. Sie wollen mich nicht verletzen. Sie jagen dem tiefen Wunsch nach, ihrem eigenen, widerspenstigen Körper einen Sinn zu geben. Uns allen wird doch eingetrichtert, wie wir uns in unserem Körper zu fühlen haben.

Wenn sie herausfinden, wo mein Fehler liegt, was mich zu dem schrecklichen Schicksal meines Körpers geführt hat, dann können sie verhindern, selbst mal so auszusehen. Und sie können sich sicher sein, dass sie die Experten sind, die Starken, schlau genug, ihren eigenen Körper zu überlisten. Sie fürchten sich davor, wie ihre Körper werden können.

Mein Körper schreckt sie ab

Diese Fragen an mich sind keine Fragen, sondern Gebete für Stärke und Tugend. Sie glauben, dass meine Fehler plötzlich zum Leben erwacht sind, dass die Versuchung hinter jeder Ecke lauert und nur ihre Stärke und Intelligenz sie vor einem Körper wie meinem bewahrt.

Weil sie glauben, dass ein Körper wie meiner sie ins Unglück führt, in die Isolation, in Schmerz und Herzbrechen. Nur mit genug Willenskraft können sie dem Schicksal entkommen. Ihnen wird vermittelt, dass sie nur einen falschen Schritt tun müssen, um meinen Körper zu haben. Für sie ist mein Körper nicht mein Körper, sondern ein Symbol ihres Schicksals. Natürlich gehören meine Erfahrungen deshalb nicht mir.

Wenn eine dicke Person diesen Teufelskreis durchbricht, glücklich ist, eine olympische Medaille gewinnt, alles versucht, Gewicht zu verlieren und es trotzdem nie ganz schafft - dann ist die Welt für sie aus den Fugen geraten.

Glückliche dicke Menschen, fitte dicke Menschen, dicke Menschen, die von ihren misslungenen Abnehmversuchen gebrandmarkt sind - wir alle werden Einzelfälle, ungewöhnliche Punkte auf einem chaotischen Diagramm, das vorher eine so ordentliche Kurve war.

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Uns wird so oft vermittelt, dass unser Körper ein Generalschlüssel sei, das Wundermittel gegen Traurigkeit und Melancholie. Gewichtsverlust wird zu einem Stärkungsmittel - trinke es und du wirst alles bekommen, was du willst: das Leben, den Partner, die Arbeit, die Schönheit, die Stärke. Trinke es und du wirst frei.

Ja ich kann glücklich sein - und ihr könnt es auch

Als ich dem Freund meines Vater gesagt habe, dass ich jetzt glücklich bin, war das alles ein Stoß in das Licht. Wenn ich mit Größe 56 glücklich sein kann, dann wäre ja das Glück eines Jeden komplexer als seine Klamottengröße!

Wenn ich jetzt glücklich sein kann, vielleicht kann er es dann auch. Und es könnte ja sein, dass er dafür tief bei sich graben muss, um herauszufinden, was falsch ist - auch in den Teilen, die er nicht mag. Es könnte bedeuten, dass es gar nicht sinnvoll ist, seine ganze Traurigkeit in schonungsloses Training und Diäten zu vergraben. Unsere Körper haben unserer Unzufriedenheit Struktur verliehen.

Aber Traurigkeit ist trickreich und findet ihren Weg an unerwartete Stellen. Und Glück ist nicht an eine Eigenschaft gebunden. Unsere Leben stehen nicht still. Wir bewegen uns vorwärts, schwerfällig.

Wir machen Fehler, wir arbeiten hart, um es nächstes Mal besser zu machen. Wir verlieren Beziehungen, wir verlieren geliebte Menschen. Manchmal scheitern wir, manchmal haben wir Erfolg. Aber wir arbeiten immer hart - im Rahmen unserer chaotischen Umgebung. Ein Körper wird nicht die Verworrenheit des Lebens ändern.

Ich bin eine optimistische, einfühlsame, engagierte, enthusiastische Person. Ich liebe meine Arbeit, meine Freunde, meine Familie, mein Leben. Ich habe traurige Momente. Manchmal wegen meines Körpers und wie er behandelt wird und manchmal wegen größerer Unsicherheiten in meinem Leben und der Welt.

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Aber für Leute, die mich nicht kennen, ist das eine sehr unbefriedigende Antwort. Für Kollegen und Fremde, die sich darauf verlassen, dass ihr Körper der Grund für ihr Leben und ihre Beziehungen ist.

So wenig im Leben ist einfach und da ist es verlockend, zu glauben, dass ein neuer oder anderer Körper Ordnung in eine instabile Welt, instabile Beziehungen oder unsere Zweifel bringen kann. Wir sind alle komplexer als unsere Körper. Wir sind weitreichender, stärker, echter und chaotischer als die Form unseres Körpers.

Ja, ich glaube, ich kann glücklich sein, so wie ich bin. Und ich glaube, dass ihr es auch könnt. Aber am meisten wünsche ich mir, dass ihr mir glaubt.

Der Beitrag erschien zuerst auf medium.com und wurde von Franziska Kiefl aus dem Englischen übersetzt.

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