BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Yasin Bas Headshot

Wieso der Leitkultur-Begriff obsolet ist

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
DE MAIZIERE
Wolfgang Rattay / Reuters
Drucken

Nach dem Referendum zur Verfassungs├Ąnderung in der T├╝rkei entbrannte in Deutschland zun├Ąchst die sogenannte Integrationsdebatte, die durch die Thesen von Bundesinnenminister Thomas de Maizi├Ęre zur ÔÇ×deutschen Leitkultur" fortgesetzt wurde.

In regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden debattieren wir ├╝ber diesen ├╝berholten Leitkultur-Begriff. Aber bringt uns die Diskussion weiter, wenn wir fast j├Ąhrlich dar├╝ber streiten?

Leit- oder Leidkultur?

Ich st├Âre mich an dem Begriff "Leitkultur", da er anf├Ąllig f├╝r aus- und abgrenzende sowie herabsetzende Debatten ist. Das Wort besitzt somit einen antipluralistischen Beigeschmack und richtet sich in erster Linie an die Einwanderer. Und zwar allen voran Muslime.

Wir k├Ânnten uns auf einen alternativen Begriff einigen, der f├╝r jeden Menschen die M├Âglichkeit bietet, sich mit Deutschland und den Grunds├Ątzen unserer Verfassung, mit Menschenrechten, Gleichberechtigung, Gleichheit und Verschiedenheit(!), Teilhabe, Meinungs- und Religionsfreiheit, Respekt, Anerkennung, Pluralismus, Gerechtigkeit, Rechtstaatlichkeit usw. zu identifizieren.

Die Diskussion in Deutschland l├Ąuft leider immer noch ├╝ber die Abgrenzung zum vermeintlich ÔÇ×Fremden".

Solange wir nicht begreifen, von einem gemeinsamen ÔÇ×Wir" zu sprechen und immer nur zwischen ÔÇ×Wir" und ÔÇ×Ihr" trennen, uns also ├╝ber den ÔÇ×Anderen" definieren, k├Ânnen wir diese Diskussion vor jedem Wahlkampf weiterf├╝hren und uns endlos im Kreis drehen.

Identit├Ątskonflikte f├╝hren nicht selten dazu die vorhandenen Spannungen auf Kosten anderer Menschen auszutragen. Durch die Abwertung des ÔÇ×Anderen" wird das eigene ÔÇ×Ich" aufgewertet. In der Leitkulturkontroverse sind ├Ąhnliche Beobachtungen m├Âglich.

Identit├Ątsachterbahn von uns Deutschen

Die Einheit des Deutschen Reiches 1871 hat eine gesamtdeutsche Identit├Ąt hervorgebracht. Leider wurde diese Identit├Ąt in Teilen durch v├Âlkischem und ethno-nationalistischem Gift morsch. So kam es zu zwei gro├čen Weltkriegen, in denen diese Identit├Ąt Schaden nahm.

Die Weimarer Republik als erste deutsche Demokratie wurde als ÔÇ×Republik ohne Demokraten", ÔÇ×Demokratie ohne Demokraten" oder ÔÇ×improvisierte Demokratie" bezeichnet. Extreme Rechte und linke Parteien sowie konservative Eliten haben sich nicht wirklich mit der demokratischen Staatsform identifiziert.

Nach der Machtergreifung durch Hitler erlebten wir Deutschen erneut ein ÔÇ×Identit├Ątskarussell", das in eine Katastrophe, totale Niederlage und Zerst├Ârung m├╝ndete. Die von den alliierten Siegerm├Ąchten verordnete neue Demokratie, die sogenannte ÔÇ×Zweite Republik" musste erneut eine neue - diesmal atlantisch-europ├Ąische - Identit├Ąt schaffen.

Diese neue Identit├Ąt sollte vor dem Hintergrund des ÔÇ×Kalten Krieges" heranwachsen. F├╝r die Deutschen aus dem Osten waren die Deutschen, zu denen auch eigene Verwandte und Bekannte geh├Ârten nun auf einmal ÔÇ×Klassenfeinde".

In Westdeutschland ├╝bernahmen die B├╝rger der DDR diese Rolle. Die Wiedervereinigung und der Mauerfall riefen erneut eine Achterbahn der Identit├Ątsgef├╝hle hervor. Auch jetzt wurde wieder ein Gegenpol gesucht und gefunden: Ausl├Ąnder und Gefl├╝chtete.

Der 11. September 2001 m├╝ndete wieder zu einer neuen Identit├Ąts- und Kulturdebatte. Diesmal ging es um ÔÇ×Muslime" und den ÔÇ×Islam" als Gegenpol zum so genannten ÔÇ×christlich-j├╝dischen Erbe". Seit der Fl├╝chtlings- und EU-Krise (Griechenland, Rechtspopulismus, Brexit usw.) werden wir in Deutschland wohl wieder in unsere Identit├Ątsachterbahn steigen m├╝ssen.

Mal sehen, wohin uns die Fahrt diesmal hinf├╝hrt. Zu hoffen ist nur, dass wir bei der Fahrt nicht entgleisen.

Eine Gemeinschafts- und Friedenskultur anstatt Leitkultur

Leben bedeutet auch Weiterentwicklung, Ver├Ąnderung und Anpassung an die Realit├Ąten der Zeit. Assimilationspolitik, Realit├Ąts- und Erkenntnisverweigerung aber auch Belehrungsgehabe und Paternalismus erschweren es, einen Konsens zu finden.

Die Ausgrenzung und Diskriminierung in vielen Bereichen des gesellschaftlichen, beruflichen und politisch-kulturellen Lebens k├Ânnen eine Gemeinschaftskultur und Gemeinschaftsidentit├Ąt behindern. Unser Grundgesetzt gibt uns eine Richtschnur.

Wenn wir uns an dieser halten brauchen wir keine ÔÇ×F├╝hrungs- oder Leitkultur", die, seitdem Bassam Tibi das Wort in den 90ern pr├Ągte, zu einer Leidkulturdebatte ausartet. Eine Gemeinschafts- und Friedenskultur ist besser als jede Leit- und Leidkultur.

Yasin Ba┼č ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine B├╝cher: ÔÇ×Islam in Deutschland - Deutscher Islam?" sowie ÔÇ×nach-richten: Muslime in den Medien".

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.