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Einblick in eine Flüchtingshalle

09/03/2016 11:43 CET | Aktualisiert 10/03/2017 11:12 CET
dpa

Passau. So ziemlich direkt an der Grenze zu Österreich. Hier kommen tagtäglich tausende Flüchtlinge an, die auf unsere - nicht Hilfe - sondern Unterstützung angewiesen sind. Mein schlechtes Gewissen lässt mich nicht in Ruhe.

Während so viele Menschen vor Krieg, Gewalt und Terror fliehen, kümmere ich mich hier um mein eigenes Leben. Das sollte sich jetzt ändern. Tausende - ja, sogar fast schon komische, irrelevante Fragen, schlummern mir durch den Kopf. Wie fühlen sie sich? Sind sie erschöpft? Sind sie glücklich? Sind sie krank? Haben sie was zu Essen? Was brauchen sie genau?

Mit nur einer Sach- oder Geldspende bin ich nicht glücklich.

Um aktiv etwas für Geflüchtete tun zu können ist meine erste Anlaufstelle eine Flüchtlingshalle, in der ich als freiwillige Helferin Neuankömmlinge unterstützen werde.

Und nun ist es so weit. Es ist an einem späten Nachmittag eines Donnerstags, als ich zum ersten Mal aushelfen werde. Ihr könnt es euch nicht vorstellen, wie ich mich fühle. Ich bin nervös, euphorisch und kann es kaum abwarten.

Mit voller Hoffnung, eine Antwort auf die Unmengen an Fragen finden zu können, freue ich mich auf meine erste Begegnung mit den Flüchtlingen.

Manche können ihre verletzten Gesichtszüge nicht verstecken

Zu meiner Enttäuschung sind zunächst sehr wenige anwesend. Ich habe mit viel mehr, mit Hunderten Flüchtlingen gerechnet, da die Medien es wie üblich immer so darstellen. Wie naiv von mir, denke ich. Nach ca. 45 Minuten Anwesenheit kommen jedoch die ersten Busse an. Busse mit ca. je 50 geflüchteten Menschen, die erschöpft und hungrig sind.

Ich sehe die ersten Neuankömmlinge, die die Halle betreten. Sie sind ermüdet. Einige sind akut erkrankt. Manche können sogar ihre verletzten Gesichtszüge nicht verstecken.

Ich kann mich an einen alten Mann erinnern, der sehr schlaff ist und kaum Kraft findet zu laufen. Eine ältere Dame - geschätzt zwischen 65 bis 75 -, die mit mehreren Decken eingedeckt ist, aber immer noch zittert und friert. Über die Frau, die vermutlich Narben vom Krieg trägt will ich nicht mal erzählen.

Und die Kinder. Kinder, die hochgestimmt in die Halle rennen und „Hello" schreiend dir zuwinken. Ich sehe aber auch Kinder, die sehr eingeschüchtert sind und sich hinter der Mutter verstecken.

Was mir besonders auffällt ist, dass die Kinder sprachlich so sehr begabt sind. Obwohl sie erst teilweise 4/5 Jahre alt sind, können sie Englisch! Auch wenn sie nur nach einem Blatt Papier und einem Stift fragen; sie können das halt einfach!

Viele Flüchtlingskinder übernehmen früh Verantwortung

Ich weiß, das ist jetzt viel zu sehr verallgemeinert. Es gibt keine Zweifel daran, dass jedes Kind auf der ganzen Welt speziell ist und individuelle Fähigkeit vorweist. Aber was ich damit sagen möchte ist, dass sie Fähigkeiten mitbringen, die deren Gleichaltrige in Deutschland nicht liefern können.

Ich glaube, die wenigsten Kinder, die in Deutschland aufwachsen, können auf Englisch - auch wenn nur minimal - kommunizieren!

Kinder im Alter von bis zu ca. 13 Jahren fragen für ihre Eltern, nach Essen, nach Kleidung. Sie übernehmen Verantwortung und sorgen in so jungen Jahren für ihre Eltern! Welcher Teenager macht das hier? Ich glaube, die Wenigsten. Einigen fällt es sogar vielleicht schwer, die Eltern im Haushalt zu unterstützen.

Ich unterhalte mich mit ein paar Flüchtlingen überwiegend auf Deutsch, die zu mir kommen, und nach „Chai" (auf dt: Tee) fragen. Für einige bin ich schon die „Abla" (auf dt: große Schwester). „Abla, wo liegt Hamburg?", „Abla, woher kommst du?", „Abla, was soll ich machen, das Leben ist halt so", „Danke Abla".

Mir hat noch kein Flüchtling schiefe, sexistische und abwertende Blicke zugeworfen!

Es sind wirklich so interessante und vor allem lustige Konversationen entstanden. Gefühlte 80 % waren hiervon männliche Geflüchtete. Mir hat kein männlicher Flüchtling - egal wie alt - schiefe, sexistische und abwertende Blicke zugeworfen!

Ein Beweis dafür, dass Aufklärungsarbeit darüber, dass junge Mädchen bitte mit jungen, geflüchteten Männern kein Geschlechtsverkehr haben sollen, völlig schwachsinnig ist.

Diese Menschen sind für unsere Hilfe enorm dankbar!

Mir fällt eines am stärksten auf: Dankbarkeit! Sie bedanken sich für alles und für jede Kleinigkeit! Auch, wenn du eine Frage mit „nein" beantworten musst, auch wenn du sie mit deiner Antwort enttäuschen musst, weil sie nicht noch eine Essenstüte bekommen dürfen, bedanken sie sich!

Mal ganz ehrlich, Hand aufs Herz: Wer von uns bedankt sich dafür, dass er nicht noch ein Stückchen Brot bekommt, weil das nicht fair gegenüber anderen wäre? Oder besser gesagt, kennen wir das überhaupt? Etwas begrenzt zu genießen? Und dafür auch noch dankbar zu sein?

Ich glaube, viele von uns kennen das Gefühl gar nicht, weil wir eine Konsumgesellschaft sind und das „Nicht-Konsumieren" schlicht und ergreifend nicht kennen. Einige werden ja schon fast zu Rebellen, wenn das Gewünschte nicht konsumiert werden kann.

Da stecken Talente in diesen Hallen!

Als meine Schicht dem Ende naht, möchte ich gar nicht mehr gehen. Ich bin so geladen mit positiver Energie. Und am liebsten würde ich den ganzen Abend noch hier bleiben. Ich frage mich wirklich: Vor wem hat ein Teil der deutschen Gesellschaft Angst? Vor wem? Vor was? Vor Menschen, die vor Krieg und Terror fliehen?

Vor Menschen, die in so jungen Jahren vielleicht besser Englisch können als in Deutschland aufwachsende Kinder? Vor einer misslungenen Integration? Da stecken Talente in diesen Hallen! Jeder einzelne Neuankömmling ist ein Mehrwert für unsere Gesellschaft!

Es wird keine misslungene Integration entstehen, wenn wir frühzeitig mit ihnen zusammenarbeiten und sie in jeglicher Integrationsebene unterstützen.

Daher mein liebes Land, meine lieben Freunde, das ist deine, meine, unsere Zukunft! Unsere Zukunft mit extrem viel Mehrwert! Wir können so viel von Menschen, die vor Terror, Verfolgung und Krieg geflohen sind, lernen! In erster Linie vor allem: Dankbarkeit!

Ich will nicht auch eine von vielen sein, die predigen, keine Angst zu haben. Aber bitte mache deine Augen auf und schau genau hin! Dann wird dein Unwissen, deine Angst und deine Wut verschwinden! Und wir werden eine bessere Gesellschaft.

Setz ein Zeichen! #keineAngstvordeinerZukunft

Danke!

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