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Wie es sich anfühlte, mein Baby abzutreiben

Veröffentlicht: Aktualisiert:
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Von Lindsey Averill

In den Sozialen Medien werden momentan unter dem Hashtag #shoutyourabortion Frauen dazu ermutigt, offen darüber zu sprechen, warum sie sich für eine Abtreibung entschieden haben. Und deshalb möchte auch ich meine Geschichte erzählen.

Vor etwas mehr als einem Jahr waren mein Mann Randy und ich überglücklich. Wir waren in einer Geburtshilfepraxis und die Sprechstundenhilfe hatte meinen Namen aufgerufen und uns in ein Untersuchungszimmer geführt. Wir hatten einen Termin für eine anatomische Ultraschalluntersuchung.

Ich befand mich damals in der 21. Schwangerschaftswoche. Ich wusste schon, dass ich ein kleines Mädchen bekommen würde. Wir liebäugelten mit den Namen Madison oder Lexi.

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Yay! Schwanger!

Die Ultraschalluntersuchung zwischen der 20. und der 21. Schwangerschaftswoche ist für die meisten werdenden Eltern ein ganz besonderer Augenblick. Ein einzigartiger Moment. Die Untersuchung, bei der die abstrakten Bilder auf dem kleinen Bildschirm nicht mehr nur wie ein Klecks oder eine Kaulquappe mit Armen aussehen, sondern wie ein richtiges Baby.

Endlich kann man den Rücken, die Finger, die Zehen und das Gesicht erkennen. Das sind dann die Ultraschallbilder, die auch gerne auf Facebook gepostet werden. Ich weiß nicht mehr genau, wie die Arzthelferin hieß, die den Ultraschall durchführte. Als sie ins Zimmer kam, plauderten Randy und ich gerade aufgeregt miteinander.

Ich erzählte der Arzthelferin, dass mein Vater auch Frauenarzt ist, als sie das kalte Gel auf meinem Bauch verteilte. Und bevor ich mich versah, konnten wir auch schon unsere Kleine auf dem Bildschirm sehen, der gegenüber von uns an der Wand hing.

Gutgelaunt und heiter zeigte uns die Arzthelferin die einzelnen Körperteile unseres Babys und machte dabei Aufnahmen zum Ausdrucken. Die Arzthelferin deutete auf einen Punkt.

"Ui. Da ist eine kleine Hand." Als Tochter eines Frauenarztes hatte ich schon unzählige Ultraschalluntersuchungen miterlebt. Doch diese eine Untersuchung war etwas ganz Besonderes
für mich.

Ich sah Randy an - er war total aus dem Häuschen und grinste über das ganze Gesicht. Die Arzthelferin deutete wieder auf einen Punkt: "Ihre Füße."

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Ein Foto, das den Moment festhält, als ich festgestellt habe, dass ich schwanger bin

Plötzlich kippte die Stimmung. Ich fühlte es. Die Arzthelferin maß immer wieder den Kopf des Babys ab. Es dauerte zu lange.

Sie bat mich, meine Position zu verändern. Sie drückte die Ultraschallsonde fest auf meinen Bauch - so fest, dass es wehtat.

"In der wievielten Woche sind Sie?", fragte sie.

"In der einundzwanzigsten."

"Sind Sie ganz sicher?"

Ich war mir sicher.

Die Arzthelferin beendete die Ultraschalluntersuchung und druckte einige Bilder aus, die wir mit nach Hause nehmen durften. Sie gab Randy die Bilder und sagte uns, dass der Arzt in wenigen Minuten bei uns sein würde.

Sobald sie den Raum verlassen hatte, begann ich loszuplappern.

"Alles ist gut", sagte ich. "Die wirklich schlimmen Dinge sind ja bereits ausgeschlossen worden", sagte ich. "Es ist nichts, stimmts?" Ich sah Randy an. Er nickte mir aufmunternd zu. Dabei hielt er die Bilder im Arm und schaukelte sie sanft hin und her.

Es war nicht alles gut.

Es bestand keinerlei Hoffnung

Ihr Gehirn war nicht komplett ausgebildet und mit ihrem Herzen war auch etwas nicht in Ordnung. Ich behielt meine Fassung, als der Arzt uns alles erklärte. Typisch Arzttochter stellte ich nüchterne medizinische Fragen.

Doch meine Stimme bebte, als ich fragte: "Es besteht also keinerlei Hoffnung, dass das Baby gesund zur Welt kommt?" Gleich darauf entschuldigte ich mich für meine Nervosität. Lächerlich.

Ich erhielt eine typische Ärzte-Antwort: "Tja, eine gewisse Chance besteht natürlich immer. Aber wenn Sie mich fragen, ist diese Entwicklung nicht normal."

Wir verließen völlig aufgelöst die Praxis. Meine Familie war innerhalb weniger Stunden bei mir. Ich hatte bereits mit meinem Frauenarzt, mit meinem Vater und mit einem Neurologen für Säuglinge gesprochen. Sie alle hatten sich die Ultraschallbilder angesehen und ihre Aussagen dazu verhießen nichts Gutes.

Keiner konnte mir etwas Genaues sagen, doch sie alle waren der Meinung, dass mein Baby - das Baby, dessen Bewegungen ich bereits in meinem Bauch spürte - alles andere als gesund war. Randy und ich trafen gemeinsam die Entscheidung, dass wir unsere Tochter nicht zur Welt bringen würden.

Eine Spät-Abtreibung ist ein lebensgefährlicher Eingriff

Nach der 21. Schwangerschaftswoche in Südflorida ein Kind abzutreiben, ist gar nicht so einfach. Eine Stunde von meinem Haus entfernt gibt es zwar eine Klinik, doch die ist Tag für Tag von Demonstranten umlagert, die gegen Abtreibungen protestieren. Ich war am Boden zerstört und untröstlich.

Ich war seelisch so am Ende, wie man nur irgendwie sein kann. Ich konnte in diesem Zustand auf gar keinen Fall an einer Reihe von Demonstranten vorbeigehen, die mir ihren ganzen Hass entgegen schleuderten.

Eine Abtreibung in diesem Schwangerschaftsstadium ist ein langer, komplizierter und unter Umständen sogar lebensgefährlicher Eingriff. Ich wollte ihn vorsichtshalber lieber in einem Krankenhaus durchführen lassen. Doch im Sunshine State gibt es dafür kein Krankenhaus.

Ich bin in der glücklichen Position, dass ich genug Geld und Kontakte habe und Ärzte und Freunde in Connecticut und New York anrufen kann. Wir machten einen Plan. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden hatte ich einen Termin für den Eingriff, der sechs Tage später um 1 Uhr nachmittags im Mount Sinai Hospital in New York stattfinden sollte.

Außerdem besaß ich ein Flugticket nach New York. Ich versuchte, mich von dem Baby in meinem Bauch zu verabschieden und mit meiner Entscheidung klarzukommen. Doch ich konnte nicht schlafen. Ich konnte nichts essen. Manchmal konnte ich kaum atmen.

Randy reagierte völlig gegensätzlich. Er konnte nicht mehr aufhören, zu schlafen. Er konnte nicht mehr aufhören, zu essen. Wir waren völlig am Ende. Wir gingen ins Kino und sahen uns "Kiss the Cook - So schmeckt das Leben!" an. Ich war wütend, weil der Film lustig war.

Ein Teil des Gehirns meines Babys fehlte

Mit der Zeit verfestigte sich in mir der Gedanke, dass mein Körper sie im Stich gelassen hatte. Dass ich sie im Stich gelassen hatte. Ich hatte das Gefühl, als Mutter eine dumme Entscheidung zu treffen und es brach mir das Herz.

Ich hatte solche Angst. Ständig suchte ich im Internet nach Statistiken. Wie viele Leute hatten die gleiche Diagnose wie ich bekommen und trotzdem ein gesundes Baby zur Welt gebracht? Konnte es sein, dass die Ärzte sich irrten?

Ein Teil des Gehirns meines Babys fehlte

Im Internet fand ich Erfahrungsberichte. Es gab tatsächlich Menschen, bei denen die Ultraschalluntersuchung in der einundzwanzigsten Schwangerschaftswoche ebenfalls Grund zur Sorge gegeben hatte. Sie hatten sich jedoch anders entschieden und am Ende gesunde Babys zur Welt gebracht.

Meine Mutter übernachtete bei mir. In wenigen Stunden würden wir zusammen nach New York fliegen und ich war völlig durch den Wind. Doch ich wollte den Eingriff auf keinen Fall durchführen lassen, ohne mir vorher noch eine zweite Meinung einzuholen.

Ich rief meinen Vater an. Auf Empfehlung des Arztes für Pränataldiagnostik am Krankenhaus meines Vaters bekam ich einen Tag vor dem Eingriff um 7 Uhr morgens noch einen Termin beim besten Arzt für Pränataldiagnostik an der New York University, damit ich mir von ihm
eine Zweitmeinung einholen konnte.

Der New Yorker Arzt hatte keine Zweifel. Ein Teil des Gehirns meines Babys fehlte und außerdem waren seine Arterien verstopft. Die Kleine hatte keine Nase und nach der Geburt würde sie ein kurzes und schmerzvolles Leben erwarten.

Ich konnte die Entscheidung nur treffen, weil ich privilegiert war

Ich ließ mein Baby abtreiben, um den Schmerz zu beenden. Den Schmerz, den sie später einmal spüren würde.

Meinen Schmerz. Den Schmerz meines Mannes. Den Schmerz der Menschen, die uns liebten. Ich ließ meine Tochter abtreiben, weil sie sterben würde, wenn ich sie zur Welt bringen würde. Und weil ich dabei verrückt werden würde.

Ich ließ mein Baby abtreiben, weil es die beste Entscheidung war. Meiner Meinung nach hatte ich keine andere Wahl.

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Erleichtert, dass die Prozedur zu Ende ist und ich gesund.

Ich konnte diese Entscheidung jedoch nur treffen, weil ich als Tochter einer Familie aus der oberen Mittelschicht gewisse Privilegien genieße. Weil ich Kontakte zu gebildeten Menschen habe und weil ich finanziell gut gestellt bin.

Ich war immer gegen Abtreibungen. Doch bevor mir das alles passierte, wusste ich auch nicht wirklich viel über Spätabtreibungen - obwohl ich mich im Bereich Medizin relativ gut auskenne. Ich konnte die Leute verstehen, die ein Verbot von Spätabtreibungen forderten, auch wenn meine eigene Meinung zu dem Thema nicht ganz so strikt war.

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Mittlerweile sehe ich das alles ganz anders. Ich bin der Meinung, dass Spätabtreibungen unbedingt gesetzlich erlaubt bleiben müssen. Es tut mir immer noch weh, sie gehen zu lassen. Und bisher haben wir auch noch kein Happy End in Aussicht -wir haben noch nicht weiter versucht, ein gesundes Baby zu bekommen.

Aber eines ist sicher: Ich hatte Glück, dass ich eine sichere Spätabtreibung durchführen lassen konnte. Ich schäme mich nicht für meine Entscheidung. Und ich würde diese Entscheidung auch nicht ändern wollen. Nicht einmal in Millionen von Jahren.

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Eine Woche später: Back to normal!


Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

Wenn du eine Tochter hast, nimm dir drei Minuten Zeit, um dieses Video zu sehen

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