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Weltverbesserer: Wie Wirtschaftsstudenten revolutionieren

21/11/2015 14:21 CET | Aktualisiert 21/11/2016 11:12 CET
Peathegee Inc via Getty Images

Kann es Teil des Wirtschaftsstudiums sein, dass man sich Gedanken über eine bessere Welt macht? Nein? Auch dann nicht, wenn die Studenten sich das wünschen?

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Zugegeben, angesichts des erhöhten Leistungsdrucks durch die Einführung von Bachelor und Master, dem zunehmenden Zwang zur Drittmittelfinanzierung und der Forderung der Wirtschaft, dass Studenten praxisorientierter ausgebildet werden sollen, mutet diese Frage realitätsfern an.

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Dennoch lautet die Antwort auf diese Frage: Ja, kann es. Dies ist umso erstaunlicher, als man in der Vergangenheit nicht die besten Erfahrungen hat machen dürfen, wenn Studenten Reformen durchsetzen wollten.

Das prominenteste Beispiel hierfür dürfte die Drittelparität sein, die das Hauptziel der Studentenproteste 1968 und der Folgejahre war und die heute als gescheitert anzusehen ist.

Dabei wollten die Studenten erreichen, dass die wichtigsten hochschulpolitischen Gremien zu je einem Drittel mit Vertretern aus der Professorenschaft, aus den Reihen der wissenschaftlichen Assistenten und aus der Studentenschaft besetzt werden.

Obwohl den Protesten ein hohes Maß an medialer Aufmerksamkeit zuteil wurde, war es letztlich eine simple Tatsache, die dazu führte, dass die Drittelparität nie Realität wurde: Im Gegensatz zur Professorenschaft unterliegt die Studentenschaft einer weitaus größeren Fluktuation.

So dauert es oftmals ein ganzes Studium, bis man das nötige Wissen um die hochschulpolitischen Strukturen erworben und ein Netzwerk aufgebaut hat, das es einem erlaubt, Hochschulpolitik mitgestalten zu können.

Diese Situation wurde durch die Verkürzung der Studienzeit im Rahmen von Bachelor und Master sowie die Tatsache, dass es immer mehr private Hochschulen gibt, in denen der Geschäftsführer eine außerordentlich starke Position einnimmt, zusätzlich erschwert.

Wie ist es also zu erklären, dass es erste Fälle zu bestaunen gibt, bei denen Studenten den Lehrplan nicht nur hinterfragen und nach neuen Möglichkeiten suchen, wie ein besseres Verständnis der Wirtschaftspraxis gelingen kann, sondern selbst Einfluss auf die Lehre nehmen?

Selbst ist der Student

Der erste Stopp bei unserer Suche nach Antworten auf die obige Frage ist das beschauliche Heidelberg, wo sich bereits 1988 Studenten zusammenfanden und den Heidelberger Club für Wirtschaft und Kultur mit dem Ziel gründeten, auf dem jährlich stattfindenden Symposium Wirtschaft und Kultur in einen Dialog treten zu lassen.

Dieses Unterfangen kann durchaus als unzeitgemäß gewertet werden, machte man sich Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre doch eher Gedanken darüber, wie man bestmöglich am entfesselten Kapitalismus mitverdienen könnte.

Und während zahlreiche andere studentische Initiativen, die in den folgenden Jahren gegründet wurden, bald wieder verschwanden, fand das Heidelberger Symposium Jahr für Jahr statt, zuletzt zum 27. Mal im Mai 2015 zum Thema Zeit.

Zeit verging auch, bis die nächste studentische Initiative gegründet wurde, welche es sich zum Ziel setzte, die Ökonomie in einen größeren Rahmen zu stellen und die dieses Ziel heute noch verfolgt.

Gemeint ist das Humboldt Forum Wirtschaft. Auch hier geht es darum, ökonomische Themen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz zu diskutieren. So fand das erste Symposium 2001 mit dem Titel „Mahatma Gates.

Wirtschaft und Ethik - ein Widerspruch in sich?" statt. So radikal wie der Titel war auch die inhaltliche Ausrichtung, ging es den Studenten doch - erstens - um die Frage, ob sich Bekenntnisse von Unternehmen zu ethischen Standards in der Praxis bloß als Lippenbekenntnisse entpuppen.

Und da dies leider oft der Fall ist, ging es - zweitens - darum, wie ethische Ziele auch dann umgesetzt werden können, wenn damit eine Schmälerung der Rendite verbunden ist.

Als weitere jährliche und von Studenten des Programms „Philosophy & Economics" der Universität Bayreuth organisierte Veranstaltung sollen hier die 2004 gegründeten Bayreuther Dialoge aufgeführt werden.

Dass man auch hier dem Anspruch gerecht wird, einen kritischen Blick auf die Dominanz der wirtschaftlichen Logik zu werfen, zeigt sich an einem Symposium aus dem Jahre 2012, wo die Frage diskutiert wurde, was wahres Glück in einer Zeit ausmacht, in der Glück vor allem mit materiellem Wohlstand verbunden wird.

Viele Studenteninitiativen

So wie jene Studenten, die diese bedeutenden Veranstaltungen organisieren - kommen doch beispielsweise zum Heidelberger Symposium über 1.000 Besucher -, haben sich in den letzten Jahren auch zahlreiche andere Studenten in überregional wie auch lokal agierenden Initiativen zusammengefunden, um die Dominanz der wirtschaftlichen Verwertungslogik und die Grenzen der klassischen Ökonomie kritisch zu hinterfragen.

Das größte Netzwerk im deutschsprachigen Raum ist sneep e. V. (student network for ethics in economics and practice), das 2003 in Berlin von sieben Studenten gegründet wurde, die der Überzeugung waren, dass Ethik und Ökonomie verbunden werden müssen - und dass Studenten dazu einiges zu sagen haben.

Heute gibt es 27 Lokalgruppen in Deutschland und der Schweiz, wo sich über 550 Studenten für den kritischen Diskurs zwischen wirtschaftsethischer Theorie und unternehmerischer Praxis einsetzen.

In Deutschland nicht ganz so präsent wie sneep, dafür international wesentlich aktiver ist die 1987 im schweizerischen St. Gallen gegründete Initiative Oikos. Ziel von Oikos ist es, das Thema Nachhaltigkeit stärker in der Lehre und der Unternehmensführung zu verankern.

Auf internationaler Ebene ist auch Net Impact zu nennen, wo sich über 25.000 Studenten zusammengefunden haben und für eine ökologische und sozial gerechtere Gestaltung der Wirtschaft einsetzen.

Freiwilliges Engagement

Man muss betonen, dass all dieses Engagement auf freiwilliger Basis erfolgt. Keiner der Studenten, die sich für die genannten Veranstaltungen einsetzen oder sich im Rahmen der vielen Initiativen engagieren, tut dies, weil er sich dieses Engagement auf sein Studium anrechnen lassen kann.

Das ist - gelinde gesagt - verwunderlich. Schließlich weist bereits die Tatsache, dass es dieses Engagement gibt, auf ein Versagen der universitären Bildung hin.

Denn würde innerhalb des Studiums ein differenzierterer Blick auf die Wirtschaft geworfen und gezeigt werden, dass eine andere ökonomische Realität möglich ist beziehungsweise wie sie gestaltet werden kann, würden sich Studenten wohl kaum noch weitere Aufgaben zumuten, wo ihre Wochen ohnehin prall gefüllt sind.

Studenten wurden kritischer

Diese Problematik aufgreifend, haben sich seit Ausbruch der Finanzkrise immer mehr Studenten mit den Inhalten der wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge kritisch beschäftigt. Im Jahr 2014 fanden sich dann 82 Einzelorganisationen aus 31 Ländern zusammen und verfassten unter dem Namen International Student Initiative for Pluralism in Economics (ISIPE) einen offenen Brief für einen größeren methodischen und theoretischen Pluralismus in der ökonomischen Lehre.

Es handelt sich dabei gewissermaßen um eine philosophische Revolution in der ökonomischen Lehre: Die Dominanz der neoklassischen Lehre und des damit einhergehenden eingeschränkten Menschenbildes und Nutzenverständnisses in der Ökonomie müsse beendet werden.

Bevor man sich Gedanken über die Ausgestaltung des Wirtschaftssystems mache, müsse man zunächst Antworten auf grundsätzliche Fragen finden wie beispielsweise: Mit welchem Ziel wirtschaften wir? Was ist Wohlstand? Wohin schreitet der Fortschritt? Was ist die Krise und wer sind wir danach?

Aufbruch in eine neue Lehre

Doch solch eine Neuausrichtung der ökonomischen Lehre wird nicht über Nacht von statten gehen, da - wie der Ökonom Birger Priddat in der agora42-Ausgabe zum Thema Fortschritt bemerkte - „solch ein plötzlicher Wechsel schließlich die jahrzehntelange Forschung vieler Lehrstuhlinhaber entwerten würde - was sicherlich nicht ihren Wünschen entspricht.

Folglich wird sich die Ökonomie allmählich über einen Generationenwechsel ändern. (...) Wir - die Bürger - werden diese Fragen folglich in den Medien stärker erörtern müssen, um unseren Einfluss auf die Politik zu intensivieren. (...) Es gibt erste Anzeichen, dass man in der Politik und in der Gesellschaft darüber nachdenkt, welche Ökonomie man braucht."

Wie man bei den anfangs erwähnten Studentenprotesten gesehen hat, braucht es mehr als engagierte Studenten, damit sich im Universitätsbetrieb etwas verändert.

Doch vielleicht stehen heute die Vorzeichen für die Studenten besser als 1968. Zum einen gibt es inzwischen bereits zahlreiche Initiativen, die über die Jahre gewachsen sind.

Und zum anderen offeriert auch die institutionelle Seite bereits erste Angebote, um der gestiegenen Nachfrage nach einer anderen Vermittlung der ökonomischen Lehre gerecht zu werden.

"World Citizen School"

So rief beispielsweise im Mai 2013 das Weltethos-Institut in Tübingen - An-Institut der dortigen Universität - das Modellprojekt „World Citizen School" ins Leben.

Die „World Citizen School" stellt einen freien Lernraum und ein Netzwerk für gesellschaftlich engagierte Studenten und studentische Initiativen dar.

Ziel des Projekts ist es, die Förderung des studentischen Engagements institutionell zu verankern sowie insbesondere das selbstorganisierte Bildungsengagement studentischer Initiativen für die Universität und die Gesellschaft fruchtbar zu machen.

"Schule für Weltbürger"

In der „Schule für Weltbürger" nehmen die Mitgliedsinitiativen selbst die zentrale Rolle ein. Bereits 20 gemeinwohlorientierte Initiativen aus den Bereichen gesellschaftliche Verantwortung, Nachhaltigkeit und Wirtschaftsethik haben sich dem Projekt angeschlossen.

Es entstand ein transdisziplinärer Lernraum, in dem Studenten aus allen Fachbereichen gemeinsam, selbstorganisiert und im Rahmen ihrer jeweiligen Themenschwerpunkte an Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen arbeiten.

Ein wichtiges Ergebnis der Arbeit ist das Curriculum für Gesellschaftsverbesserer, das sich aus den verschiedenen Bildungsveranstaltungen der Initiativen zusammensetzt und durch gesellschaftliche Relevanz sowie Aktualität der Themen auszeichnet.

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