BLOG

Autos als Statussymbol und Spaß: Ferdinand Dudenhöffer über das Kaufen

24/09/2015 11:57 CEST | Aktualisiert 24/09/2016 11:12 CEST
Getty

Anlässlich der klaren Worte von Ferdinand Dudenhöffer gestern in den Medien zu der VW-Abgasaffäre möchten wir Ihnen gerne ein paar grundsätzliche Überlegungen von Herrn Dudenhöffer zur automobilen Gesellschaft und deren Zukunft präsentieren. Wir führten das Interview für die Ausgabe "Homo automobilis" (Ausgabe 3/2013).

2015-09-23-1442994229-5017227-FerdinandDudenhffer.jpg

Herr Dudenhöffer, sind Sie Autofan?

Dudenhöffer: Nicht im klassischen Sinne. Ich habe noch nie an Autos herumgeschraubt.

Angenommen, man würde einen Menschen aus der Antike in die heutige Zeit versetzen: Wie würden Sie ihm begreifbar machen, was die Faszination des Autos ausmacht?

Ich würde ihm einfach den Schlüssel in die Hand drücken und sagen, er soll mit einem Auto fahren. Man kann nicht immer alles mit Worten erklären. Manches muss man selbst erleben.

Das Auto steht für mehr als nur die Möglichkeit, von A nach B zu kommen. Es ist auch ein Kultobjekt, mit dem viele Emotionen verbunden sind. Was überwiegt Ihrer Ansicht nach beim Auto: der Faktor Fortbewegung oder der Kultfaktor?

Das hängt davon ab, welche Menschen Sie fragen. Es gibt Menschen, die sich einen Dacia kaufen, weil sie damit wirklich nur von A nach B fahren wollen. Und es gibt Leute, die sich einen Porsche oder einen Ferrari kaufen.

Mit einem Ferrari fährt man nicht nur von A nach B, das wäre eine Zweckentfremdung - so wie bei einer teuren Uhr die Zeitmessung nur ein Accessoire ist. Mit solchen Autos wollen Sie Fahrspaß und Emotion genießen - und vielleicht auch dem Nachbarn zeigen, dass Sie ein toller Hecht sind.

Wobei der Faktor Status den Faktor Fahrspaß wohl überwiegt, oder nicht?

Das hängt auch vom Alter ab. Je älter die Leute werden, desto mehr Wert legen sie darauf, Hochwertiges zu konsumieren und in der Gesellschaft akzeptiert zu werden.

Sie gehen zum Beispiel mit dem Nachbarn zum Golfen. Und beim Golfclub mit einem Dacia vorzufahren, ist eher ungewöhnlich. Bei einem Studenten wiederum wäre es sonderbar, wenn er mit einem nagelneuen Mercedes an die Uni käme.

Da ältere Menschen meist über mehr Geld verfügen, legen sie mehr Wert auf hochwertige Produkte. Fahrspaß kann man mit einem Renault Clio Turbo haben, Status und jugendliches Erscheinungsbild mit einem Mercedes SL.

Der VW Käfer war das Symbol des „Wirtschaftswunders" in Deutschland und das Auto drückte ein Lebensgefühl aus, das lange erstrebenswert schien. Heute definieren sich junge Menschen in viel geringerem Maße über das Auto, immer häufiger machen sie nicht einmal den Führerschein. Erleben wir da gerade einen automobilen Epochenwechsel?

Da ist schon eine große Veränderung im Gange. Früher führte kein Weg am Auto vorbei. Das dies heute nicht mehr so ist, liegt vor allem daran, dass das Auto Konkurrenz durch neue Produkte, Dienstleistungen und Technologien bekommen hat, die es konventioneller erscheinen lassen.

In meiner Jugend hatte ich einen VW Käfer. Wir sind mit diesem Auto zum Zelten oder zum Rockkonzert gefahren. Heute können junge Leute nach Hawaii fliegen - und es gibt das Smartphone, mit dem man auf der Datenautobahn schneller davonbrausen kann, als dies mit einem Auto jemals möglich wäre. Dennoch erfindet man das Auto gerade neu, Stichwort: Carsharing-Systeme.

Im Januar dieses Jahres haben Sie deutliche Worte für die Situation auf dem europäischen Automobilmarkt gefunden: „2013 wird das härteste Jahr seit dem Zweiten Weltkrieg." Und im Juni sagten Sie: „Die europäische Automobilindustrie geht durch ihr schwerstes Jahr seit der ersten Ölkrise." Auf der anderen Seite gehen Sie aber davon aus, dass die Zulassungszahlen bis in fünf Jahren wieder „normales Niveau" erreichen könnten ...

Frühestens.

Was macht Sie da so optimistisch? Angesichts der sich stetig verschärfenden Euro-Krise müsste man doch eher mit einem weiteren Rückgang der Verkäufe rechnen.

Das dachte man auch in den USA nach dem Platzen der Immobilienblase und dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008. Und dann hat dort ein halbes oder dreiviertel Jahr später der Automarkt wieder Fuß gefasst.

Nun sind diese Verkaufszahlen nur dadurch zustande gekommen, dass die Verschuldung - und zwar sowohl die des Staates als auch die der Privathaushalte - massiv gestiegen ist. Ist eine Zukunft des Automobils nur auf Pump vorstellbar?

Nur auf Pump geht nicht. Man muss den Kredit wieder zurückzahlen können. Eine reine Blase ist für alle schlecht. Beim Platzen der Blase gibt es nur Verlierer.

Abgesehen von Verschuldung und Krise: Sind die Märkte in den klassischen Industrienationen nicht ohnehin schon gesättigt?

Das stimmt, aber ältere Autos werden ja immer wieder durch neuere ersetzt. In Europa und USA besteht der Markt zu 95 Prozent aus Ersatzbedarf. Und da sprechen wir von 30 Millionen Neuwagen pro Jahr.

Warum sollte man sich darauf verlassen, dass die Europäer diesen Ersatzbedarf auch in Zukunft decken werden?

In der Welt läuft vieles nach Wachstumsgesetzen ab. Auch eine Bakterienkultur vermehrt sich nach bestimmten Gesetzen bis zu einer bestimmten Grenze - vorausgesetzt, es kommt zu keiner plötzlichen Temperaturveränderung.

Unterstellen wir mal, die Temperatur bleibt auch in Bezug auf den Mobilitätsbedarf in der Gesellschaft gleich. Dann gilt für die Automobilindustrie ein einfaches Wachstumsmodell:

Auf der Ordinate (y-Achse) trägt man ab, wie viele Autos tausend Leute brauchen oder haben wollen. Man geht dabei von 500 Autos als oberem Grenzwert aus - beispielsweise weil Kinder keine Autos kaufen, Senioren oft nicht mehr fahren können und es schwierig ist, Leuten, die bereits ein Auto haben, noch ein zweites zu verkaufen. Auf der Abszisse (x-Achse) trägt man das BIP pro Kopf ein, was nichts anderes als eine vereinfachte Aussage darüber darstellt, wie viel Geld die Leute haben.

Wir haben dieses Modell in vielen Nationen getestet und es zeigte sich immer wieder: Mit steigenden BIP pro Kopf steigt auch die Zahl der verkauften Autos bis zur Sättigungsgrenze. Und weil Autos nicht unendlich leben, haben wir den nicht zu unterschätzenden Ersatzbedarf. Das Autogeschäft ist relativ einfach.

Das komplette Interview finden Sie auf dem Blog der agora42.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Abgas-Skandal: "Wir waren unehrlich" - Die Entschuldigung des VW-Amerika-Chefs im Wortlaut

Hier geht es zurück zur Startseite

Gesponsert von Knappschaft