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Blick hinter die Kulissen der Chefetagen

02/08/2017 17:47 CEST | Aktualisiert 02/08/2017 17:47 CEST

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"Die Betriebskultur bei Audi erinnert an jene, die etliche Zeugen und Beschuldigte schon im Mutterkonzern Volkswagen beschrieben haben. Kaum jemand traut sich, große Probleme offen anzusprechen; vielmehr muss man so tun, als lasse sich jedes Problem mit Wille und Entschlossenheit wegtüfteln. Technische Rückschläge sind nicht vorgesehen, Scheitern geht erst recht nicht. Audi steht seit Langem für harten Wettbewerb, nach innen und nach außen. Innen setzen sich die Mitarbeiter gegenseitig unter Druck, um ihren Chefs zu gefallen. Nach außen will der Konzern unbedingt die Konkurrenz ausstechen." Süddeutsche Zeitung vom 29. Juli

Stimmt das so ? Lassen sie uns einen Blick hinter die Kulissen werfen

Die Atmosphäre ist angespannt. Dr. Ralf König, Leiter der Hauptabteilung Forschung + Vorentwicklung, spricht vor hochkarätiger Managerrunde und muss sich den Fragen der Anwesenden stellen: „Herr Dr. König, mit welchen Daten haben Sie diese Aussage abgesichert? Wie kommen Sie zu dieser Schlussfolgerung, gerade unter Risikoaspekten? Wie prognostizieren Sie, welche ..." Scheinbar sachliche Fragen, hinter denen sich Emotionen nur mühsam verbergen.

Dr. Ralf König, 57 Jahre alt, ist nicht irgendwer. Er trägt Führungsverantwortung für 95 Mitarbeiter und verfügt über ein Budget von 30 Millionen Euro. Wie er mir während einer Coaching-Sitzung berichtete , geriet das Managertreffen zum Albtraum. Es lief in etwa wie folgt ab:

Drei Stunden sind angesetzt. Auf der Tagesordnung steht die abschließende Präsentation von drei Entscheidungsvorlagen, die für das Unternehmen mit erheblichen Investitionen und weitreichenden strategischen Konsequenzen verbunden sind. Anwesend sind der Entwicklungsvorstand, die leitenden Manager aus dem Bereich Entwicklung und die zuständigen Projektleiter. Durchweg Naturwissenschaftler, vor allem Ingenieure und Physiker. Eine reine Männerrunde.

Die wirtschaftliche Großwetterlage - Stichworte sind hier Digitalisierung, Elektromobilität, das Auftauchen branchenfremder Wettbewerber - hat in der Vorstandsetage Nervosität und Unsicherheit über den künftigen Kurs des Unternehmens ausgelöst. Dementsprechend groß ist der Druck auf den Bereich Forschung und Entwicklung: In welche Felder soll das Unternehmen verstärkt investieren? Welche Themen sollen ausgeforscht, welche dagegen nicht weiter verfolgt werden?

Vor diesem Hintergrund präsentiert Dr. König den aktuellen Stand der von ihm verantworteten Projekte. Der Manager ist auf kritische Fragen gefasst, schließlich steht für das Unternehmen viel auf dem Spiel. Nicht erwartet hat er, dass die Diskussion in ein wahres Kesseltreiben ausartet. Die Herren wetteifern geradezu, durch raffinierte Fragen Lücken in der Argumentation offenzulegen. Sie verlangen abgesicherte Aussagen auch da, wo das gar nicht möglich ist. Anstatt Unsicherheiten einzugestehen, appellieren sie an seine Expertise: „Als Ingenieur müssen Sie doch sagen können..."

Was Herrn Dr. König am meisten schmerzt: Auch sein Vorgesetzter, Dr. Schmittenkamp, stellt bohrende Fragen und setzt ihn unter Druck - gerade so, als hätte man die Dinge vorher nie gemeinsam besprochen. Gegen alle Argumente, die Herr Dr. König vorgebracht hat, beschließt die Runde schließlich, die ursprünglich vereinbarten Projekttermine und Meilensteine noch einmal nach vorne zu verschieben. Auch hier stellt sich Dr. Schmittenkamp auf die Seite der „Oberen" und lässt seinen Mitarbeiter im Stich.

Ohnmacht - mit diesem Wort lässt sich auf den Punkt bringen, was Dr. König empfand, als er mir die Geschichte wenige Tage später erzählte. „Alle waren gegen mich, selbst mein Chef hat sich mit den Anderen verbündet. Und am Ende haben sie mir Vorgaben aufgedrückt, die völlig unrealistisch sind."

Was war geschehen? Klar ist: Bei der Sitzung ging es um viel, die Entscheidungen waren mit hohen Risiken verbunden. Hinter einer Fassade von Rationalität verbargen sich Angst und Verunsicherung. Man diskutierte scheinbar sachlich, ohne sich einzugestehen, dass die Zukunft ungewiss ist und auch durch noch so kluges Fragen unsicher bleibt. Dieses Verhalten ist typisch für eine Männerkultur in angespannte Lage: Die Herren machen eine Arena auf. Sie kehren ihre Expertise hervor und beißen sich an Details fest, die in der Sache nicht weiterführen. Eine fachlich hoch versierte Männerclique, verantwortlich für die Zukunft des Unternehmens und viele 1000 Arbeitsplätze, verschwendet ihre Zeit mir fruchtlosen Detaildiskussionen.

Die Erfahrungen von Herrn Dr. König sind bezeichnend. Wenn Manager sich gegen unrealistische Vorgaben wehren oder Bestehendes in Frage stellen, laufen sie Gefahr, in der Runde gegrillt zu werden. Ihre Argumente, dass ein Vorhaben in der geforderten Zeit, mit den vorhandenen Ressourcen oder der vorgesehenen technischen Lösung nicht ausführbar ist, stoßen auf taube Ohren. Schließlich resignieren sie und kommen für sich zu dem Schluss: „Wenn ihr das so haben wollt, drehe ich das halt so hin." Der Abgasskandal lässt grüßen: Um unrealistische Vorgaben zu erfüllen, erfindet man eine Schimmelsoftware.

Die Situation ist paradox. Einerseits sehen sich führende Manager wie Dr. König in den Strukturen gefangen, aus denen ein Ausbrechen unmöglich erscheint. Sie fühlen sich ohnmächtig. Andererseits fordert man von ihnen, die neuen Herausforderungen von Digitalisierung oder Globalisierung zu meistern. Gefordert werden Führungskräfte, die in einer komplexen und schnelllebigen Welt gute Entscheidungen treffen und eine zukunftsfähige Richtung vorgeben. Menschen, die auch dann die Wahrheit sagen, wenn es unbequem ist. Die betriebliche Realität zeigt dann aber, dass eben diese Manager nicht gewollt sind und in hierarchisch geprägten Strukturen offenbar keinen Platz haben. Menschen mit Ecken und Kanten stoßen auf Ablehnung - wer hingegen rund und angepasst ist, macht Karriere.

Wo stehen Sie in Ihrer Organisation? Können Sie die Hilflosigkeit von Herrn Dr. König nachempfinden? Es ist höchste Zeit, die Ohnmacht in der Cheftage zu überwinden.

Namen sind geändert

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat es auf den Punkt gebracht: "Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen."

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