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Verliert Europa den Kampf um die Internet-News? So könnte die Zukunft aussehen

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90% aller Nachrichten kommen in 5 Jahren von "Roboterjournalisten", werden also ohne jede menschliche Hilfe von Computern erzeugt, aus immer grösser werdenen Datenbergen. Das sagt kein Prophet in der Wüste, sondern eine Analyse der für Seriösität stehenden BBC, der altehrwürdigen, britischen Rundfunkgesellschaft. Nur - wer wird bestimmen, welche Nachrichten "erzeugt" werden?

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Bei den heute schon häufig anzutreffenden Fußball-, Börsen- und Wetterberichten konnten noch mehrere europäische Anbieter mit der US-Konkurrenz mithalten, aber das ändert sich radikal. Ein "Weltmonopol in der Nachrichtenproduktion" scheint immer wahrscheinlicher, nur noch zwei europäische Firmen haben überhaupt eine Chance, den mit vielen Millionen Dollar finanzierten Nachrichtenanbietern aus den USA etwas entgegenzuhalten.

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11 Millionen Dollar hat "narrative science" im vergangenen Monat zugesagt bekommen, nachdem bereits in den vergangenen Jahren rund 40 Millionen Dollar von unterschiedlichen Investoren kamen. Bemerkenswert: zu den Hauptinvestoren gehört das CIA, der amerikanische Geheimdienst. Allerdings hat deren Investment-Firma Inqtel bislang nicht veröfentlicht, welche Summe man bereitgestellt hat. Alle Investorengelder zusammen ermöglichen es, bei narrative science die weltweit besten Daten-Analytiker und Computerlingusten zu beschäftigen. Ähnlich wie beim nationalen Konkurrenten "automated insights", in dem unter anderem der 1,5 Milliarden Dollar schwere Privat-Investor und AOL-Gründer Steve Case an Bord ist.

In Deutschland können Unternehmen in diesem Bereich von solchen finanziellen Möglichkeiten für die Entwicklung nur träumen, die ersten sind bereits abgehängt. Wenn zur Textgenerierung von Börsenberichten für ein Nachrichtenportal Anfang 20jährige, ehemalige Werbetexter eingesetzt werden, hat das nicht unbedingt etwas mit dem Unvermögen des Managements zu tun, sondern mit knappen Ressourcen. Bei "narrative science" kümmert sich ein ehemaliger Digital-Redakteur des weltweit renommierten "Wall Street Journal" um dasselbe Thema.

Mit Textgenerierungs-Software lässt sich eine Betrachtung von Finanzdaten, von globalen Konjunkturdaten oder von Zahlen aus dem Gesundheits- oder Militärbereich in Millisekunden perfekt aufbereitet in allen Sprachen der Welt verbreiten, uneinholbar in Präzision und Geschwindigkeit. Wer wird bestimmen, welche Fakten von der Software als besonders wichtig für einen Text betrachtet werden?

Ernsthaft konkurrieren mit den US-News-Maschinen können nur noch zwei europäische Anbieter, bald noch eines: denn das spanische Unternehmen narrativa ist nach vergeblicher Kapitalsuche auf diesem Kontinent dabei, das Büro nach Abu Dhabi zu verlegen. Dort hat man erkannt, dass narrativa technologisch mit den Anbietern aus den USA mithalten kann: die Spanier reden nicht nur von den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz, sie setzen sie teilweise schon ein.

In Deutschland ruht die Hoffung in Sachen Zukunft der Nachrichten auf ein Stuttgarter Unternehmen (aexea) , mit dessen Software schon viele Zehntausend veröffentlichungsfähige Texte pro Tag publiziert werden, in immerhin 18 Sprachen. Die Stuttgarter wollen selbst nicht in das Nachrichtengeschäft einsteigen und konzentrieren sich darauf, Medien selbst in die Lage zu versetzen, automatische Inhalte in hoher Qualität zu erstellen.

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Fazit: die weltweiten Distributionswege für News im Netz sind ohnehin zu 80% von Google, Facebook und Twitter beherrscht. Jetzt könnte in den USA auch noch ein Fast-Monopol bei der Erstellung des globalen Nachrichtenangebotes entstehen. Wenn man der BBC glaubt, könnten die beiden US-Firmen narrative science und automated insights dann 90% des weltweiten Nachrichtenangebotes verantworten. Mit freundlicher Unterstützung der CIA.

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