BLOG

Eine offene Plattform fĂŒr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Wolfgang Zehrt Headshot

Wenn in der coolen Startup die Eiszeit beginnt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
STARTUP
BraunS via Getty Images
Drucken

Ganz klar: wer direkt von der Uni kommt, kann in kurzer Zeit bei vielen Startups intensive Erfahrungen sammeln, mit meist deutlich mehr Entscheidungsfreiheiten als bei einem großen Konzern. AnnĂ€hernd gleichaltrige Team-Kollegen und kollegiale GrĂŒnder und GeschĂ€ftsfĂŒhrer sind ein zusĂ€tzlicher Reiz, zunĂ€chst bei einem Unternehmen zu beginnen, dass gerade erst versucht, durchzustarten. Soweit der optimale Fall.

Inzwischen profitiert in der digitale GrĂŒndermetropole Berlin ein ganz anderer Berufsstand vom Startup-Hype: RechtsanwĂ€lte mit den Fachgebieten Arbeits- und Vertragsrecht. Denn die ĂŒberlangen und nicht bezahlten Überstunden fĂŒhren nicht unbedingt dazu, dass der Respekt vor den Mitarbeitern wĂ€chst - der Arbeitseifer wird schlicht vorausgesetzt.

Solange im jungen Unternehmen fairplay herrscht, ist das ein gegenseitiges Geben- und Nehmen: mittelprĂ€chtige Bezahlung fĂŒr viel und sehr viel Arbeit, im Ausgleich komprimiierte Einblicke in die Unternehmensentwicklung, oft auch auf internationaler Ebene. Aber was passiert, wenn es in der coolen Unternehmung auf einmal frostige Zeiten einkehren, entweder, weil die Zahlen nicht stimmen oder das Management ĂŒberfordert ist, im schlimmsten Fall sogar beides?

Meistens ist es die mangelnde Erfahrung von Startup-Mitarbeitern, die sich GrĂŒnder&GeschĂ€fsfĂŒhrer zunutze machen, um sich von den Mitarbeitern zu trennen, die eben noch als Kumpel mit am Kickertisch standen. Sind die Mitarbeiter erfahrener, kommt es gerne zur Nötigung: "Wenn Du keinen Aufhebungsvertrag unterschreibst, mĂŒssen wir Dich leider wegen Betruges anzeigen" - dafĂŒr, und das weissen die wenigsten Berufsstarter, kann eine Ungenauigkeit bei der Reisekostenabrechnung reichen. GrĂŒnder mit Finanzinvestoren an Bord haben immer einen Anwalt, der auf solche "Einsparungsmöglichkeiten" spezialisiert ist, die Mitarbeiter nicht. SpĂ€testens dann ist es egal, wieviel Überstunden geleistet worden sind oder mit wieviel Engagement und Kompetenz gearbeitet wurde, dass ist nur noch Geschichte.

Nicht immer ist es böse Absicht, wenn es zur Eskalation kommt: gerade bei schnell wachsenden Startups ist das Management fĂŒr fast alles alleine verantwortlich und hat oft das Defizit, nicht delegieren zu können. "Das muss alles ĂŒber unsere Schreibtische" hört sich zwar nicht nach innovativen FĂŒhrungsmethoden an, ist aber gĂ€ngige Praxis von GrĂŒndern, die es versĂ€umt haben, ein mittleres Management aufzubauen. Was auch an den Investoren liegt, denn diese fördern bereitwillig die Einstellung von Entwicklern und Vertriebsleuten, aber Ă€ußerst ungerne die VergrĂ¶ĂŸerung des back-offices: ein/e professionelle Personal-Referent/in ist beispielsweise die absolute Ausnahme.

Das soll niemanden abhalten, wichtige und möglicherweise sogar internationale Erfahrungen bei einer Startup zu machen! Aber mit diesen Tipps kann auch eine Eiszeit entspannter kommen:

1. Niemals einen Arbeitsvertrag ohne Anwalt abschließen. Ein einstĂŒndiges BeratungsgesprĂ€ch kostet zwischen 180-220Euro. Das lohnt sich schon, um Erfahrungen zu sammeln. Noch ein Vorteil: kommt es zum ernsten Konflikt mit den GeschĂ€ftsfĂŒhrern, muß nicht erst ein Jurist gesucht werden.

2. Wer auf "berufliche FreirĂ€ume"Wert legt und sich nicht auf einem Platz wiederfinden will, von dem tĂ€glich 80 Kunden angerufen werden mĂŒssen, sollte diesen Punkt sehr genau hinterfragen. . Ohne die Möglichkeit, sich persönlich weiterzuentwickeln, sind die GehĂ€lter in der Startup-Szene zu niedrig.. Ist es wirklich sicher, an "spannenden, internationalen Projekten mitarbeiten zu können? Konzepte fĂŒr große Kunden entwickeln dĂŒrfen?

3. Nicht tĂ€uschen lassen von der "Wir sind alle eine große Familie"- AttitĂŒde der GrĂŒnder. Dieses Auftreten hat meistens den knallharten betriebswirtschaftlichen Hintergrund, Forderungen nach dem ansatzweisen Einhalten von Arbeitszeiten oder gesetzlich möglicher Mitbestimmung zu verhindern.

4. Unbedingt einmal im Jahr ein Zwischenzeugnis geben lassen! Zeugnisse sind aus der Steinzeit? Wer nach dem Startup in ein etabliertes Unternehmen wechseln will, wird ohne nicht weit kommen. Mit detailierter Beschreibung der Aufgabengebiete und Projekte. Und warum einmal im Jahr? Weil auch GrĂŒnder manchmal von Bord gehen und der Nachfolger nichts ĂŒber die einzelnenen MItarbeiter weiß.

5. GrĂŒnder arbeiten bis zur zweiten, oft bis zur dritten Finanzierungsrunde auch fĂŒr wenige Tausend Euro im Monat. Weil sie das legitime Ziel vor Augen haben, das Unternehmen irgendwann fĂŒr viel Geld zu verkaufen. Schade, wenn die Kollegen vom Kickertisch dann leer ausgehen. Weil nichts dazu in ihren VertrĂ€gen steht.

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform fĂŒr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.