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Wenn in der coolen Startup die Eiszeit beginnt

09/04/2017 17:26 CEST | Aktualisiert 09/04/2017 17:26 CEST
BraunS via Getty Images

Ganz klar: wer direkt von der Uni kommt, kann in kurzer Zeit bei vielen Startups intensive Erfahrungen sammeln, mit meist deutlich mehr Entscheidungsfreiheiten als bei einem großen Konzern. Annähernd gleichaltrige Team-Kollegen und kollegiale Gründer und Geschäftsführer sind ein zusätzlicher Reiz, zunächst bei einem Unternehmen zu beginnen, dass gerade erst versucht, durchzustarten. Soweit der optimale Fall.

Inzwischen profitiert in der digitale Gründermetropole Berlin ein ganz anderer Berufsstand vom Startup-Hype: Rechtsanwälte mit den Fachgebieten Arbeits- und Vertragsrecht. Denn die überlangen und nicht bezahlten Überstunden führen nicht unbedingt dazu, dass der Respekt vor den Mitarbeitern wächst - der Arbeitseifer wird schlicht vorausgesetzt.

Solange im jungen Unternehmen fairplay herrscht, ist das ein gegenseitiges Geben- und Nehmen: mittelprächtige Bezahlung für viel und sehr viel Arbeit, im Ausgleich komprimiierte Einblicke in die Unternehmensentwicklung, oft auch auf internationaler Ebene. Aber was passiert, wenn es in der coolen Unternehmung auf einmal frostige Zeiten einkehren, entweder, weil die Zahlen nicht stimmen oder das Management überfordert ist, im schlimmsten Fall sogar beides?

Meistens ist es die mangelnde Erfahrung von Startup-Mitarbeitern, die sich Gründer&Geschäfsführer zunutze machen, um sich von den Mitarbeitern zu trennen, die eben noch als Kumpel mit am Kickertisch standen. Sind die Mitarbeiter erfahrener, kommt es gerne zur Nötigung: "Wenn Du keinen Aufhebungsvertrag unterschreibst, müssen wir Dich leider wegen Betruges anzeigen" - dafür, und das weissen die wenigsten Berufsstarter, kann eine Ungenauigkeit bei der Reisekostenabrechnung reichen. Gründer mit Finanzinvestoren an Bord haben immer einen Anwalt, der auf solche "Einsparungsmöglichkeiten" spezialisiert ist, die Mitarbeiter nicht. Spätestens dann ist es egal, wieviel Überstunden geleistet worden sind oder mit wieviel Engagement und Kompetenz gearbeitet wurde, dass ist nur noch Geschichte.

Nicht immer ist es böse Absicht, wenn es zur Eskalation kommt: gerade bei schnell wachsenden Startups ist das Management für fast alles alleine verantwortlich und hat oft das Defizit, nicht delegieren zu können. "Das muss alles über unsere Schreibtische" hört sich zwar nicht nach innovativen Führungsmethoden an, ist aber gängige Praxis von Gründern, die es versäumt haben, ein mittleres Management aufzubauen. Was auch an den Investoren liegt, denn diese fördern bereitwillig die Einstellung von Entwicklern und Vertriebsleuten, aber äußerst ungerne die Vergrößerung des back-offices: ein/e professionelle Personal-Referent/in ist beispielsweise die absolute Ausnahme.

Das soll niemanden abhalten, wichtige und möglicherweise sogar internationale Erfahrungen bei einer Startup zu machen! Aber mit diesen Tipps kann auch eine Eiszeit entspannter kommen:

1. Niemals einen Arbeitsvertrag ohne Anwalt abschließen. Ein einstündiges Beratungsgespräch kostet zwischen 180-220Euro. Das lohnt sich schon, um Erfahrungen zu sammeln. Noch ein Vorteil: kommt es zum ernsten Konflikt mit den Geschäftsführern, muß nicht erst ein Jurist gesucht werden.

2. Wer auf "berufliche Freiräume"Wert legt und sich nicht auf einem Platz wiederfinden will, von dem täglich 80 Kunden angerufen werden müssen, sollte diesen Punkt sehr genau hinterfragen. . Ohne die Möglichkeit, sich persönlich weiterzuentwickeln, sind die Gehälter in der Startup-Szene zu niedrig.. Ist es wirklich sicher, an "spannenden, internationalen Projekten mitarbeiten zu können? Konzepte für große Kunden entwickeln dürfen?

3. Nicht täuschen lassen von der "Wir sind alle eine große Familie"- Attitüde der Gründer. Dieses Auftreten hat meistens den knallharten betriebswirtschaftlichen Hintergrund, Forderungen nach dem ansatzweisen Einhalten von Arbeitszeiten oder gesetzlich möglicher Mitbestimmung zu verhindern.

4. Unbedingt einmal im Jahr ein Zwischenzeugnis geben lassen! Zeugnisse sind aus der Steinzeit? Wer nach dem Startup in ein etabliertes Unternehmen wechseln will, wird ohne nicht weit kommen. Mit detailierter Beschreibung der Aufgabengebiete und Projekte. Und warum einmal im Jahr? Weil auch Gründer manchmal von Bord gehen und der Nachfolger nichts über die einzelnenen MItarbeiter weiß.

5. Gründer arbeiten bis zur zweiten, oft bis zur dritten Finanzierungsrunde auch für wenige Tausend Euro im Monat. Weil sie das legitime Ziel vor Augen haben, das Unternehmen irgendwann für viel Geld zu verkaufen. Schade, wenn die Kollegen vom Kickertisch dann leer ausgehen. Weil nichts dazu in ihren Verträgen steht.

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