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Europa bricht zusammen - und die Medien sind mitschuldig

12/02/2016 11:07 CET | Aktualisiert 12/02/2017 11:12 CET
dpa

„Europa" war für die meisten Redaktionen schon immer ein schwieriges Thema, unbeliebt, trocken, staubig. Wer nach Brüssel oder Den Haag geschickt wurde, war oft ambitioniert, aber durch die Heimatredaktionen auch schnell desillusioniert, nicht nur in Deutschland.

Mit endlosen Debatten über die Angleichung von Rentenbezugsregeln oder die Festlegung von Leitplankenhöhen konnte man der nach Print-Lesern Ausschau haltenden Chefredaktion nicht kommen, höchstens die stammtischtauglichen Entscheidungen über die Krümmung von Bananen waren mal einen Zweispalter im „Vermischten" wert. Europa erklären? Zu mühsam, zu weit weg.

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EU-Politik bringt keine Klicks und keine Reichweite

Mit dem neuen Glaubensbekenntnis „Du sollst nichts schreiben, was keine Reichweite und keine Klicks erzielt" endgültig erledigt, das Thema Europa. Bleiben die Nischen-Hörfunkprogramme der ARD, in der die Hörerzahl abendlicher Sendungen mit EU-Fokus annähernd deckungsgleich ist mit der Zahl der an der Sendung technisch Beteiligten.

Häme und Anekdoten über den europäischen Prozess waren immer gerade noch erlaubt in den Massenmedien, alles andere unverkäufliche Esoterik.

Auch weil, wie der Journalistenpapst Walther von la Roche immer wieder betonte, ein Journalist erst einmal ein Thema selbst verstehen muss, bevor er darüber berichtet. Europa, die europäische Idee zu verstehen, war in kaum einer Redaktion wichtig.

War es das mit Europa?

Jetzt zu erwarten, dass sich eine europäische Bevölkerung in letzter Sekunde darauf besinnt, dass der seit 1945 andauernde Frieden kein unerklärliches Geschenk ist, sondern in tatsächlich oft überlangen, oft überflüssigen, aber in der Masse unverzichtbaren Diskussionen zwischen Portugiesen und Polen, Franzosen und Deutschen, Spaniern und Engländern, Italienern und Griechen zunächst erkämpft und dann ausgebaut und verteidigt wurde, ist naiv.

Dass an „der Presse" in ganz Europa auch noch der wahnwitzig naive Balztanz der EU - vorbei an Russland - mit der Ukraine vorbeiging, macht es nicht besser.

Kaum ein Journalist, der diesen Brandsatz entdeckte. Wenn heute Prominente meinen, in einer Zeitungsanzeige vor einem Krieg mit Russland warnen zu müssen, liegt das auch daran, dass zunächst jahrelang kaum erklärt wurde, was das herausragende an diesem einzigartigen Friedensbündnis ist und man sich gleichzeitig in der „Wächterfunktion" der Presse auf das ewige Thema der zu hohen EU-Abgeordneten-Diäten beschränkte, den Fall „Ukraine" aber nahezu überging. Bis es viel zu spät war.

Die mediale Mitte der Berichterstattung zu finden wird fast unmöglich

Während zu Recht oder Unrecht russisch-europäische Konfliktambitionen heraufbeschworen werden, igelt sich Europa ein. Schieben sich die Länder Verantwortungen für Menschen zu, die gerade dem Tod in Aleppo entkommen sind und sich in Deutschland bereits wieder vor Brandsätzen in Flüchtlingsheimen fürchten müssen.

Dutzende von Straftätern vor dem Kölner Dom beherrschen wochenlang immer wieder die Schlagzeilen.

Denn das bringt Reichweite und ist auch, viel schlimmer, Duckmäuserei vor dene, die in Regionen mit einem Ausländeranteil von 0,4% besonders laut den Fremdenhass schüren und über die sozialen Netze auf einmal eine Macht haben, die weit überproportional zu ihrer wirklichen Bedeutung ist.

„Die Presse" wird immer mehr vor sich hergetrieben, durch Reichweitenanalysen und Shitstorms

Wer jetzt nicht immer wieder und zum x-ten Mal über Köln schreibt, ist einer von „denen", der nimmt die Ängste der Bevölkerung nicht ernst: „Wir wollen uns ja nicht dem Vorwurf aussetzen, dass wir da nicht ausführlich darüber berichten!" ist die Abgabe der journalistischen Unabhängigkeit an der AfD-Parteikasse.

Mit deutscher Gründlichkeit wird nun lieber zu viel als zu wenig berichtet, man weiß ja nie. Ganz ähnliche Redaktions-Reaktionen, wenn auch aus jeweils etwas anderen Gründen, sind vor allem in Frankreich, Belgien und Großbritanien Alltag geworden.

„Die Presse" wird immer mehr vor sich hergetrieben, durch Reichweitenanalysen und Shitstorms, durch scheinbare Zwänge zur Berichterstattung und einer gleichzeitig immer kleiner werdenden Zahl an handwerklich guten Redakteuren und Reportern.

Eine solche Entwicklung kann wie in jedem Berufsstand auch zu Fehlern, auch zu Versagen führen. Dabei ist in Zeiten, in denen alles irgendwie und irgendwo von irgendjemanden geschrieben im Internet steht, ein selbstkritischer und selbstbewusster - weil handwerklich unangreifbarer - Journalismus kein Luxus mehr, sondern Existenzsicherung für eine an sich hervorragend funktionierende, grenzübergreifende Demokratie.

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