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Ende der "Trucker-Romantik": LKW fahren in Zukunft selbst

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MAN BEARD PICKUP TRUCK
JenniferPhotographyImaging via Getty Images
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Der selbstfahrende und privat genutzte PKW ist von begrenztem Nutzen: natürlich ist es ganz nett, auf der Fahrt in den Urlaub entspannt auf dem Fahrersitz die neuesten Nachrichten auf dem Ipad zu lesen oder mit den Kindern auf den Rücksitzen zu spielen, aber volkswirtschaftlich ist der intelligente Selbstfahr-PKW zunächst nur ein "nice to have". Zumindest, wenn es um rein private Fahrten geht. Für den vielfahrenden Handelsvertreter sieht es anders aus, hier kann in wenigen Jahren die bislang sinnlos verschwendete Fahrzeit für effektives Arbeiten genutzt werden. Doch selbstfahrende PKW werden nie die Bedeutung der vermutlich noch schneller eingeführten selbstfahrenden LKW haben: hier geht es um Zehntausende von Stellen und Einsparungsmöglichkeiten in Höhe vieler Millionen Euro für die Speditionsbranche.

Spätestens seit Google Anfang der Woche bestätigte, dass das Tochterunternehmen Waymo erste Experimente mit einem selbstfahrfähigen LKW auf öffentlichen Straßen unternahm ist deutlich geworden, dass hier ein Milliarden-Business entsteht - oder aber die Gefahr, technologisch abgehängt zu werden. Was bei den ausbleibenden Erfolgen der europäischen Digitalindustrie in den vergangenen Jahren eine reale Gefahr ist.

Es geht nicht nur um die Einsparung der Fahrergehälter, so ein Google-Sprecher: "Selbstfahrende LKW werden in Zukunft viele Tausend Unfälle verhindern, viele davon mit tödlichen Ausgang". Wer die Bilder vor Augen hat, wenn ein LKW am Stauende wegen eines übermüdeten oder abgelenkten Fahrers die PKW vor sich zermalmt hat, kann dies nur begrüßen. Auch der Taxi-Ersatzdienst Uber arbeitet mit seiner Tochterfirma OTTO seit längerem an den fahrerlosen Truck und stellte schon mehrere Tausend Liter Bier bei einer von der Polizei begleiteten Testfahrt problemlos zu.

Mit einem international renommierten Experten-Team ist inzwischen ein drittes Unternehmen ausserhalb der klassischen Automobilkonzerne angetreten, um das Trucker-Business zu revolutionären: Embark probt bereits auf den allerdings fast menschenleeren Nebenstraßen von Nevada und gilt als am Weitesten, wenn es darum geht, dass die Lastwagen selbst aus Fehlern lernen: künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen bringt der Software beispielsweise bei, wann ein langsam vorausfahrender Wagen überholt werden kann und wann nicht. Dabei ist das Zukunftsszenario von Embark realistisch: zunächst soll die Software den Fahrer auf den meilen-langen Highways der USA nur entlasten, in den Städten und in brenzligen Situationen über nimmt wieder der Mensch.

Wo bleiben bei diesen Entwicklungen die Lenker aus Fleisch und Blut? Ohne Zweifel werden Zehntausende von Jobs in den nächsten 5-10 Jahren wegfallen. Eine Analyse des Weltverkehrsforums ITF, zusammen mit Lkw-Herstellern, dem Weltverband der Spediteure und der internationalen Transportarbeitergewerkschaft geht davon aus, dass 50-70% der LKW-Fahrer bis 2030 wegfallen. Die Roboter-Technologie bietet aber eine Gnadenfrist: denn noch wird es dauern, so Experten der Unternehmensberatung PWC, bis LKW eigenständig in enge Innenstädte oder unübersichtliche Großmärkte steuern können. Deswegen werden zunächst am Rande der Städte weitere, große Logistikzentren entstehen, an denen LKW-Fahrer die Trucks übernehmen und bis zum Supermarkt in der Innenstadt steuern. Die Kosten pro Lastzug und Jahr werden mit diesem "halb-automatischen" System bereits um fast ein Drittel gesenkt.

Von den 500.000 Berufskraftfahrern in Deutschland werden viele, die bereit sind, sich mit komplexen, digitalen Logistik-Prozessen vertraut zu machen und als "Lotse" die letzten Kilometer zu fahren, eine gute Chance haben, ihren Job zu behalten. Der Fahrer aber, der stoisch auf den Asphalt blickend stundenlang auf der Autobahn fährt, ist Geschichte.