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Bestätige gefälligst meine Meinung!

17/03/2016 11:50 CET | Aktualisiert 18/03/2017 10:12 CET
Milenko Bokan via Getty Images

Irgendwo im Internet wird's schon stehen, die Bestätigung der eigenen Meinung, der Vorbehalte und Vorurteile. Irgendjemand wird schon genau das geschrieben haben, was man selbst unbedingt glauben will, weil man es schon immer geahnt hat.

Und dieser Zustand fing schon lange vor den sozialen Medien an, in der Blütezeit der sterbenden Printdinosaurier: Wer ein bisschen gegen die Regierung und das „Establishment" war, las die „Frankfurter Rundschau" und fuhr Volvo oder Saab.

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Wem die „Rundschau" zu brav war, der abonnierte die „taz" und radelte, maximal ging der VW Bus noch, um neben dem WG-Umzug auch die Clique zur Demo schaffen zu können.

Indiskutabel für Leser dieser beiden Presseorgane war die „Welt" (auch Springer; Opel- und Ford-Fahrer, aber die größeren Modelle) und natürlich nicht mal mit Gummihandschuhen anzufassen die - Sie wissen schon, großformatig, bunt und auch Springer (gar kein Auto oder VW).

Der aufstiegsorientierte Jurastudent und die Arzttochter mühten sich dagegen mit der immer viel zu großen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Mercedes! BMW!) ab, deren Feuilleton zwar immer sichtbar aufgeschlagen, aber nie gelesen und verstanden werden musste.

„Die Zeit" (automarkenneutral) schaffte den Spagat, dank des kettenrauchenden Herausgebers Helmut Schmidt, der jede überbordende Linkshaftigkeit im Zigaretten-Nebel vom Redaktionstisch wischte, Katholiken-light und sanfte Linke zu vereinen.

Und so war die bundesdeutsche Medienlandschaft lange übersichtlich wie das Gleichgewicht zwischen Ost und West und die nahöstlichen Nach-Kolonialreiche. Schöne, alte Welt!

Egal wer es sagt - Hauptsache, es wird endlich mal gesagt!

Abgeschafft wurde in der medialen Neuzeit als erstes die so langweilige, fade, ja verwirrende Frage nach dem Urheber eines Inhaltes, dem Verbreiter einer Nachricht, dem Autoren eines Posts. Da steht doch schließlich im Internet, da redet ganz Facebook drüber, das gibt's ne riesige WhatsApp-Gruppe zu, dann m-u-s-s das doch stimmen.

Stimmt! Genauso wie der Redakteur der „Frankfurter Rundschau" prinzipiell in jeder Äußerung eines amerikanischen Politikers den Beginn eines neuen Vietnam-Krieges und die „FAZ" mit den ersten Erfolgen der „Grünen" die Rückkehr der Weimarer Republik unmittelbar bevorstehen sah, haben heute Millionen von Menschen das verbriefte Recht, zum Nulltarif ihre Sicht der Dinge kostenlos und ohne belastende journalistischen Kenntnisse an all die zu verbreiten, die auch genau dieser Meinung sind.

Oder auch nicht, dann gibt's den „shitstorm", der sich früher nur in den einem kritischen Leserbrief entladen konnte, den die allmächtige Redaktionssekretärin in die Setzerei durchließ. Eine Setzerei war - egal. Steht manchmal noch im Museum rum.

Je lauter desto wahrer

Wie soll der normalbegabte Mensch in den 1 Milliarde Facebook-Posts pro Tag eine Wahrheit finden oder auch nur ein Quentchen Wahrheit? Unmöglich? Unmöglich!

Und so geben die absterbenden Printosaurier einfach weiter, was sich bewährt hat: die eigene Facebook-Gruppe (marketing-technisch genial als „Freunde" bezeichnet), das WhatsApp- Netz, die Twitter-Connections, die Instagramm-Community erfüllen - allerdings jetzt ganz ohne hauptberuflichen Gralshüter - denselben Zweck, nämlich die eigene Meinung zu bestätigen, möglichst oft.

Like meine Meinung und wir sind echte Freunde. Dabei wären Journalisten nie wichtiger gewesen als heute, dass liegt einfach daran, dass noch nie so viele Informationen zur Verfügung standen, dass noch nie eine solche Kommunikationsgeschwindigkeit erreichte wurde und die Welt nie kleiner war.

Einordnung würde helfen, ebenso wie sichten und aussortieren, Relevantes hervorheben und die von Vergessenheit bedrohten Geschichten trotzdem erzählen. Das ist unwiderruflich vorbei und das wird erheblichen Einfluss auf uns alle haben.

Jetzt entscheidet bei den meisten die Lautstärke des Posts und die, die im Spinnennetz aller Netze noch nach der abweichenden, der neuen, der frischen Meinung suchen, sind eine verschwindende Minderheit.

Professionelle Medien würden zutiefst Sinn machen - das steht garantiert irgendwo im Internet.

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