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Als ich die Welt bereiste, sah ich, was ein Leben ohne Chancen bedeutet - jetzt bin ich überzeugter Europäer

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WOLFGANG TIEFENSEE
Andreas Rentz via Getty Images
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  • In vielen Teilen der Welt habe ich gesehen, was ein Leben ohne Chancen bedeutet
  • Gerade deshalb mache ich mich stark für eine menschliche, unbürokratische EU
  • Wir müssen kämpfen für ein "Haus Europa" ohne Kellerwohnung und Hinterhof

Die EU braucht neue Kraft und Dynamik. Die Finanz- und die Flüchtlingskrise und zuletzt der Brexit haben Europa erheblich zugesetzt. Unsere Staatengemeinschaft steht am Scheideweg. Schaffen wir es, Europa auf ein neues, solideres Fundament zu stellen - oder gewinnen die Euroskeptiker endgültig die Oberhand?

In schwierigen Zeiten wie diesen tun zunächst ein wenig Rückbesinnung und Selbstvergewisserung gut - ganz individuell, ganz persönlich. Ich wurde 1955 geboren, zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Für den Einkauf gab es damals noch Lebensmittelmarken, mein Spielplatz ein Ruinengrundstück. Ich habe nicht den Krieg, aber später dann ein Wunder erlebt: Aus Kriegsfeinden wurden Verbündete, aus Gegnern Partner.

Vom Katzentisch an den Verhandlungstisch

Aufgewachsen bin ich in der DDR. Demokratische Grundrechte existierten nicht. Erich Honeckers Unterschrift unter die Schlussakte von Helsinki war eine Farce. Erst die friedliche Revolution im Herbst 1989 setzte dem ein Ende.

Die Voraussetzungen dafür wurden nicht zuletzt auf europäischer Ebene geschaffen - mit der Charta 77, Solidarnosz, Glasnost und Perestroika, der Öffnung des ungarischen Grenzzauns. Später dann die Erfahrung - zum Beispiel als Präsident von der Städtevereinigung Eurocities:

Wer wie Ostdeutschland wirtschaftlich schwach war, saß am Katzentisch. Heißt: Auch in der neuen Freiheit gaben ein paar Einflussreiche den Ton an, auch hier brauchte es oftmals einen langen Atem und viel Durchhaltevermögen.

Mehr zum Thema: Die Welt war noch nie so demokratisch wie heute und kaum einer bekommt es mit

Ich habe später die Welt bereist, unter anderem eine Partnerschaft zwischen Leipzig und Addis Abeba ins Leben gerufen, im Nachkriegsjugoslawien Prizren besucht.

Zum einen waren die globalen Verschiebungen jener Zeit greifbar - und zum anderen konnte ich erahnen, was ein Leben ohne Chancen bedeutet, was Hunger und Bürgerkrieg mit Menschen machen.

Visionen für Europa

Welche Erwartungen und Maßstäbe lege ich vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen an das Handeln Deutschlands in Europa, welchen Beitrag zu einem starken Europa kann und muss Deutschland leisten?

Aus meiner Sicht betrifft das insbesondere vier übergeordnete Visionen, in deren Realisierung sich Deutschland mit seinen spezifischen Erfahrungen einbringen sollte.

1. Die Vision einer Welt ohne Krieg

Deutschland kann Vorreiter werden bei der Lösung von Konflikten. Unsere Nachkriegserfahrung ist Legitimation, in Deutschland Orte zu bieten, wo sich Feinde begegnen - Verletzungen artikulieren, Bedingungen für einen Frieden formulieren und nach Kompromissen suchen.

Mehr zum Thema: Die Zukunft der EU steht auf dem Spiel - wir dürfen diese historische Chance nicht verpassen

Deutschland schmiedet Allianzen, um Kriegsherde auszutreten. Deutschland formuliert Grundsätze einer neuen europäischen Friedens- und Rüstungspolitik. Getragen wird dies von der Erkenntnis: Es ist möglich, zwischen Verfeindeten Frieden zu schaffen.

2. Die Vision einer menschlichen, unbürokratischen EU

Deutschland muss sich einsetzen für eine bürgernahe europäische Politik und damit eine ernsthaft dem Bürger zugewandte und verständliche EU, gegen eine bürgerferne Bürokratie. Brüssel wird zu einer europäischen Vertretung der Regionen.

In Anlehnung an den Ausschuss der Regionen setzt sich das Parlament aus Regionalvertretern (375 direkt, 375 über Liste) zusammen und erhält alle Kompetenzen der ersten Gewalt.

Eine Regionenkammer, verbunden mit national entsandten Kommissaren, bildet die zweite Gewalt. Der Sitz in Straßburg wird aufgegeben.

3. Die Vision der Aufwertung der Schwachen

Der Umgang mit den neuen, vergleichsweise schwachen EU-Mitgliedern, die Attitüde gegenüber Griechenland sind kontraproduktiv.

Deutschland muss sich einsetzen für ein "Haus Europa" ohne Kellerwohnung und Hinterhof - gegen die Überheblichkeit der Starken. Aus dem Einsatz der Schwachen vor 1989 resultiert für uns eine Art Bringschuld.

Deutschland sollte den Aufbau Süd- und Osteuropas aktiv begleiten und unterstützen, ohne Fass-ohne-Boden-Rhetorik, sondern auf Augenhöhe.

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Im Verwaltungshandeln, beim Umsetzen gemeinsamer Projekte, in der öffentlichen Kommunikation haben Verstehen und Unterstützung Priorität. Politik ist das Vermindern von Spannungen im Interesse aller.

4. Die Vision einer Welt der Chancengleichheit für alle

Die EU muss der Hort und das Instrument der Eine-Welt-Politik sein. Deutschland sollte diese Vision aktiv befördern.

Dabei geht es um weltweit geltende Arbeits- und Sozialstandards, aktive Klimaschutzpolitik, fairen und freien Handel, Steuergerechtigkeit - und gegen die Drogenkartelle, Billigproduzenten, Ölmagnaten, Rüstungskonzerne, Finanzhaie und Steuerjongleure.

Lencke Steiner, Wolfgang Tiefensee und James D. Bindenagel diskutieren die gewaltigen Herausforderungen, vor denen Deutschland und Europa stehen, auch beim diesjährigen Wirtschaftsgipfel Deutschland am 1. Juli in Seeheim bei Frankfurt am Main.

Unter dem Titel "Change - Den Wandel gestalten" beschäftigen sich Unternehmenslenker, Vordenker und Politiker mit der Frage, wie sich der Wandel gestalten lässt. XING ist Medienpartner. Tickets und weitere Informationen unter.

Dieser Text erschien zuerst bei "XING" Klartext.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat es auf den Punkt gebracht: "Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen."

Aber wie kann das aussehen? Was muss sich in Europa ändern? Und welche Menschen zeigen uns, wie ein lebenswertes, innovatives Europa aussehen könnte?

Diese und andere Fragen will die HuffPost in dem neuen Ressort "Voices of Europe" beantworten.

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