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Belarus: Aufbruch mit Bologna?

08/03/2016 16:09 CET | Aktualisiert 08/03/2017 11:12 CET
Wavebreakmedia Ltd via Getty Images

Mitte Februar, Dienstagnachmittag in Minsk: Es dämmert schon und feuchter Schnee an den Schuhen taut schnell ab in den warmen Räumen. Am Ende des Ganges wartet eine Gruppe von Studenten fast in Reih und Glied. Sauber und ruhig ist es hier an der Belarussischen Staatlichen Universität im Stadtzentrum von Minsk. Helle Gänge, ordentliche Aushänge, Höflichkeiten und Rücksicht im vollen Fahrstuhl.

Es könnte durchaus eine deutsche Universität sein. Es ist Tauwetter in Minsk. Nicht nur auf den Straßen. Politisches Tauwetter zeigt sich an der prestigeträchtigen Universität und im ganzen Land. In wenigen Tagen wird die Europäische Union entscheiden, die bisherigen Sanktionen gegen Teile der Staatsspitze aufzuheben.

Nach Verhaftungen politischer Opponenten in Minsk hatte die Europäische Union seit 2011 mit Sanktionen politisch reagieren müssen, seit wenigen Monaten sind die früheren Gefangenen nun wieder frei.

2016-03-07-1457337497-1346243-HuffPost.Sender_B.v1.2.pic03.jpg Studentischer Englischklub an der Belarussischen Staatlichen Universität.

Foto: Studentischer Englischklub

Jüngstes Teilnahmeland am Bologna-Prozess

Die Beziehungen zum Westen entspannen sich wieder. Bereits vor dem Aufheben der Sanktionen hatte die Europäische Union die Hand in Richtung Belarus ausgestreckt. Der EU-Nachbar wurde im vorigen Jahr als letztes europäisches Flächenland Mitglied im Europäischen Hochschulraum.

An Erasmus+ und Horizon2020 beteiligt sich Belarus schon heute, nun führt der EU-Nachbarstaat auch Bachelor- und Masterstudiengänge ein. Während die Ukraine oder Kasachstan dies bereits seit Jahren tun, folgt Belarus nun mit deutlichem Abstand. Selbst Russland ist bereits seit 2003 dabei.

In nur einem Schuljahr rund 600 eng bedruckte Textseiten allein zur Geschichte lesen

Offen sind die Lehrkräfte hier an der Belarussischen Staatlichen Universität in diesen Tagen für westliche Besucher. Und ja, man brauche Unterstützung bei der Modernisierung der Lehre und möchte dafür die Kontakte nicht nur zum Westen, sondern auch in Richtung Osten ausbauen. Von dort kommen derzeit immerhin die meisten Austauschstudenten.

Trotz aller Anstrengungen hört man aber auch die Klage, dass sich das Bildungssystem im Land trotz aller schönen Gebäude zu langsam modernisiert. Erst letzte Woche hatte selbst Präsident Alexander Lukaschenko nochmals angemahnt, die Unterrichtsbücher im Land zu modernisieren.

Dies nicht ohne Grund: Zehntklässler müssen in Belarus in nur einem Schuljahr rund 600 eng bedruckte Textseiten allein zur Geschichte lesen. Prüfungen legen oft nicht Wert auf Kompetenzen wie Argumentationsfähigkeiten, sondern fragen Wissen aus großen Listen mit vorgefertigten Fragen ab.

Sehr sowjetisch im Ursprung leistet dieses Bildungssystem zu geringe Beiträge für die dringend nötige Modernisierung der belarussischen Wirtschaft.

Studentische Initiativen wollen Reformprozess begleiten

Hoffnung setzen manche Beobachter in Belarus nunmehr nicht nur auf Reformen im Schul- und Hochschulsystem, sondern auch in das Engagement ihrer Studenten, als ein Katalysator der längst fälligen Reformen an den belarussischen Universitäten.

Dieses Mitspracherecht zeigt sich durchaus im gegenwärtigen Zuge der politischen Öffnung, vorläufig aber bei weitem nicht in dem Tempo, wie sich das mancher noch im Mai letzten Jahres vorgestellt hat, als Belarus Teil des Bologna-Prozesses wurde.

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Noch sind die Pflänzchen des Engagements klein: An der Belarussischen Staatlichen Universität in Minsk hat sich ein studentischer Englisch-Club gegründet, der die Sprachkenntnisse der Studenten durch Eigeninitiative verbessern soll. An den strukturellen Ursachen der mangelnden Fremdsprachenkompetenzen ändert dies freilich noch nichts.

Aber die Sache scheint Spaß zu machen und hat zumindest schon den britischen Botschafter zum Stelldichein bewogen. Weitere Botschafter haben sich zur Diskussion mit den Studenten bereits angekündigt. Erfolgreich ist zudem in Belarus auch die Initiative adukacyja.info.

Eine Gruppe von rund 30 jungen Belarussen hat sich hier zusammengeschlossen, um ehrenamtlich eine Internetseite mit Bildungsangeboten zu betreiben. Damit wollen sie die Bildungschancen für junge Menschen im Land verbessern und künftig auch stärker zu bildungspolitischen Themen aktiv sein.

Sie korrigieren damit, dass noch nicht alle internationalen Büros an den Universitäten auf hohem Niveau arbeiten.

Die EU redet heute von einer "kritischen Zusammenwirkung" mit Belarus

Mit wirklicher Einbindung studentischer Vertreter in die Verwaltung der Universitäten wie auch mit dem Ausbau der akademischen Selbstverwaltung der Hochschuleinrichtungen tun sich die Leitung der Universitäten wie auch das zuständige Bildungsministerium allerdings bislang noch schwer.

Von einer Stellung wie sie in Deutschland etwa der RCDS besitzt sind die weißrussischen Studentenvereinigungen noch weit entfernt - aber die Zeiten ändern sich. Nach der Aufnahme von Belarus in den Bologna-Prozess redet die EU nun heute von einer "kritischen Zusammenwirkung" mit Belarus.

Das heißt, dass man auch von Belarus Zugeständnisse erwartet. Dies - neben der Energie und dem Änderungsdurst der jungen Generation - gibt Hoffnung, dass auch in Minsk nach dem gegenwärtigen Tauwetter ein Sommer folgen könnte.

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Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.

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