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Diese unsoziale Selektion bei Kindern gibt es nur noch in Deutschland und Österreich!

16/02/2016 16:22 CET | Aktualisiert 16/02/2017 11:12 CET
Ulrike Schmitt-Hartmann via Getty Images

Bisher war ich nur als Pädagoge und Therapeut mit diesem Irrsinn beschäftigt, nun auch noch als Vater:

Die Entscheidung von neun- bis zehnjährigen Kindern (beziehungsweise ihrer Eltern) über ihre Zukunft!

Mit dem "Entwicklungsbericht" aus der Grundschule, im 1. Halbjahr der 4. Klasse, soll überlegt werden, welche Schule für das Kind die beste sei. Man schaut sich dann verschiedene an, die auch verschiedene Schwerpunkte haben. Und muss eigentlich sein Kind fragen, ob es lieber mal Naturwissenschaftler werden möchte oder andere Schwerpunkte, Fähigkeiten und Interessen haben wird, wenn es einmal erwachsen ist.

Klingt verrückt? Ist es auch!

Viele Menschen wissen ja nicht einmal mit 16, 17 Jahren was sie später einmal machen wollen.

Viele Kinder mit neun Jahren wollen ein berühmter Fußballer werden oder zur Polizei, Feuerwehr und so weiter. Aber ob die das später auch noch wollen, weiß ja kein Mensch. Sich in dem zarten Alter, wo ja auch viele Entwicklungen noch in keinster Weise abgeschlossen oder vorhersehbar sind, irgendwie entscheiden zu müssen, ist aber nicht nur Irrsinn und eine viel zu hohe Erwartung und Verantwortung für Kinder und Eltern, es ist vor allem auch eine skandalöse soziale Auslese - die es so auch nur noch in Deutschland und Österreich gibt!

Zumindest wenn man sogenannte "Industrienationen" betrachtet. So landen beispielsweise viele Kinder, die sich später super entwickeln, nicht auf dem Gymnasium.

Klar, theoretisch kann man später immer noch wechseln. Zu recht schrieb dazu aber beispielsweise der Fachautor Karl-Heinz Reith in einem Leitartikel der Zeitschrift "Erziehung und Wissenschaft" (3/2015), dass das doch oft sehr schwer sei.

Und fordert dort als Fazit:

Die Antwort auf die oft ungerechten Weichenstellungen bei den Übergängen kann daher nur lauten: länger gemeinsam lernen. Und: Eine Schule für alle Kinder!

Ja- zumal so eine frühe Selektion, wie dort auch belegt wird, eben wirklich so auch nur noch in Deutschland und Österreich erfolgt. In anderen Ländern ist dies - wenn überhaupt - erst viel später der Fall. In skandinavischen Ländern, die Deutschland nach deren großen Erfolgen unter anderem in "PISA- Studien" angeblich als Vorbild dienen, folgen echte Bewertungen (und Entscheidungen) erst ab etwa der 7., 8. Klasse oder noch später. Dort wird auch (zunächst) schwächeren Schülern in der Schule viel mehr Unterstützung geboten.

In Deutschland, wie auch in der genannten Zeitschrift mit vielen Studien und Erfahrungen belegt, spielt noch viel zu oft das Einkommen beziehungsweise die Herkunft eine Rolle (und das ist ja schon seit Jahrzehnten bekannt). Wer mehr Geld für Nachhilfe hat, kann natürlich auch bessere Leistungen erzielen, Kinder von Lehrern oder anderen Pädagogen und Akademikern bekommen oft sowieso bessere Noten.

So erhält sich ein "Stand", die Ständegesellschaft, selbst heute noch im -angeblich so sozialen - Deutschland!

Zudem wird dort belegt, dass Gemeinschaftsschulen mehr oder weniger kaputt gespart werden.

So dass, selbst wenn man gar nicht unbedingt das Gymnasium bevorzugt, doch dorthin gewechselt werden muss - wenn man es sich denn, inklusive Nachhilfe, leisten kann.

Und der Rest bleibt halt ein Nicht-Akademiker und bekommt nur "Bildung 2. Klasse"

- was die Zukunft natürlich immens beschränken kann

Nicht-Akademiker zu sein ist natürlich keine Schande - nur den Kindern, die gerne studieren würden oder mit Abitur bessere Chancen hätten, würden dem gegenüber natürlich ungerecht behandelt, zumal es meistens ja auch ein niedrigeres Einkommen bedeutet. Und all das führt ja mit zu der bekannten

ChancenUNgleichheit in Deutschland

oder auch "einmal arm, immer arm". Dass Kinder aus Arbeiterfamilien oder mit Hartz IV-Bezug schlechtere Chancen haben, ist auch hinlänglich bekannt und immer wieder belegt.

Nur wird eben viel zu wenig dagegen getan - und wenn dann nur auf dem Papier, wenn etwa "Gemeinschaftsschulen", wie beschrieben, zur Verfügung gestellt werden, Bildungspakete (wie auch von Herrn Reith beschrieben) nicht wirklich hilfreich gestaltet werden.

Und all dies betrifft eben sehr, sehr viele Deutsche. Und dass Missstände wie diese angesichts der "Flüchtlingskrise" oft kaum noch gesehen und noch seltener darüber berichtet wird, stimmt ja tatsächlich. Darauf aufmerksam zu machen sollte aber nicht nur der "AfD" überlassen werden, sondern alle angehen, denen die Zukunft unserer Kinder - und damit auch der Gesellschaft und Alternativen für diese - am Herzen liegt.

Und da sind endlich TATEN nötig, nicht nur Worte - und zwar solche, die wirklich auch den Namen "sozial" oder "christlich" (demokratisch) verdient haben!

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