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Russland, schlechtes Land? Kein neuer "Kalter Krieg" bitte!

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Natürlich, es wird oft etwas differenzierter klingend ausgedrückt. Faktisch scheint Russland aber letztlich doch, glaubt man der (offiziellen) "westlichen", auch deutschen Darstellung, ein (überwiegend) ziemlich böses, schlechtes Land zu sein, zumindest mit ziemlich teuflischer Politik. Und Herr Putin ein Dämon- der Oppositionelle und sein Volk, die Ukraine und andere unterdrückt.

Aber stimmt das? Und :

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen ...

Die Zeiten des früheren „Kalten Krieges" schienen schon überwunden. Es musste selbst auf westlicher Seite zugestanden werden, dass von beiden Seiten auch viel Ungutes gemacht wurde während dessen. In vielen Bereichen. So wurde beispielsweise ja auch im „Westen" systematisch gedopt, um als „menschlich" stärker zu gelten- und nicht nur im „Osten". Sowohl etwa die ehemalige Sowjetunion als auch die USA bekleckerten sich bekanntlich in diversen Kriegen wahrlich nicht mit Ruhm (etwa in Afghanistan, Vietnam oder auch Hiroshima) und ernteten dafür zurecht weltweiten Widerstand und Proteste- ebenso wie für Menschenrechtsverletzungen, wenig demokratische Politik auch im Inneren und Vielem mehr. Während das für die Vergangenheit langsam endlich zunehmend zugestanden wird, ist es aber in der Gegenwart doch wieder oft sehr einseitig beleuchtet, was da im Westen über den „bösen" Osten berichtet wird. Etwa die Rolle Russlands in der Ukraine oder in Syrien. Diese muss man auch sicher (sehr) kritisch sehen. Aber „hier die Guten (der Westen), da der Böse (vor allem Russland)" stimmt ja auch heute nicht.

Beide Seiten sind nicht (nur) gut, frei von Schuld! Da bedarf es weitaus differenzierter Betrachtung

Bei aller, im Westen ausführlich (und oft zurecht) vertretenen, Kritik an der russischen Politik: Es gibt auch berechtigte Stimmen, die diese (zurecht) zumindest differenzierter sehen!

So kritisierte etwa Dirk Müller, international bekannter deutscher Börsenmakler, Buchautor (auch auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste) und mehrmals bei Ausschusssitzungen des Deutschen Bundestages -unter anderem am 27. Juni 2011- eingeladener Sachverständiger, am 21. 2. 2016 bei Markus Lanz  (ZDF) unter anderem die weit verbreitete Ansicht - oder Heuchelei- dass es Ziel der westlichen militärischen Einsätze in Syrien sei dort Bürgerrechte, Menschenrechte und dergleichen zu schützen und sagte weiterhin dazu:

Es geht immer, auch Deutschland, nur um geostrategische Interessen

Natürlich würde dies nicht nur für Deutschland zutreffen, sondern auch für alle anderen Länder.

„Natürlich ist es aus strategischer Sicht so, dass der Russe seinen einzigen Mittelmeerhafen dort halten will. Wir machen aber auch immer nur das, was unseren geostrategischen Interessen des Westens gerade so hilft. Das kann man gut finden, das kann man schlecht finden - aber man muss doch Dinge beim Namen nennen. Und wenn wir dem Russen ankreiden "du darfst keine geostrategischen Interessen haben", dann dürften wir das auch nicht. Es geht doch aber nie um Bürgerrechte oder Menschenrechte, sondern immer nur um geostrategische Interessen"

Er vertrat ferner die Ansicht  "Unsere Bomben sind auch nicht besser". Und

"es ist ein beiderseitiges Spiel um Macht"

- Unter großem Applaus des Publikums sagte er zudem:

Unsere Bomben treffen auch nicht besser als die der Russen, uns kümmert auch nicht, wie viel Kinder draufgehen. Jede Bombe ist eine zu viel dort unten

Und:
"Im Moment machen beide Seiten etwas auf dem Rücken einer Bevölkerung, die sich überhaupt nicht wehren kann und die wir gegeneinander aufhetzen".

Und auch Georg Restle, Leiter von Monitor (WDR) sagte bereits in seinem Tagesthemen- Kommentar am 25. 8. 2015:

„Die eigentliche Schande aber ist die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik. Eine Flüchtlingspolitik, die die Ursachen für die Flucht von Millionen Menschen nicht bekämpft, sondern sie immer wieder aufs Neue schafft"

Und das belegte er dort weiter: "Zum Beispiel im Kosovo, wo auch diese Bundesregierung ihr Versprechen gebrochen hat, dem Land nach dem Krieg wieder auf die Beine zu helfen und stattdessen ein hochkorruptes Regime unterstützt, das die Menschen in die Flucht treibt. Zum Beispiel in Syrien, wo diese Bundesregierung die Politik eines türkischen Präsidenten unterstützt, der islamistische Mörderbanden mit Waffen versorgt. Mörderbanden, vor denen Hunderttausende nach Europa fliehen. Oder Afrika, wo der deutsche Außenminister einen Pakt mit den schlimmsten Despoten des Kontinents schließen will. Einen Pakt, der verhindern soll, dass politisch Verfolgte ihr Land verlassen können und sie stattdessen ihren Verfolgern ausliefert". Er zog dann dort das Fazit: Diese Politik ist eine Schande für dieses Land. Daran müsste etwas geändert werden. Mit kernigen Parolen allein ist jedenfalls niemandem geholfen"

Genau - und auch nicht damit, dass man

immer nur die Schuld beim anderen sieht, letztlich oft um von eigener schlechten Politik abzulenken

- eben etwa bei Russland und Putin. Und denen, wenn wohl auch oft zurecht, schlechte Politik vorwirft. Aber ist die oben beschriebene Deutschlands und der EU besser, menschlicher?
Zumal Putins Politik in Russland dort ja auch kritisch hinterfragt wird. Nicht „nur" von bekannten Oppositionellen. Wie ich nun etwa bei einer Reise nach Russland, Moskau unzählige Male sehen konnte. Allerdings wird dort eben auch oft darauf hingewiesen, dass in Russland ja auch Vieles gut läuft. Und die „westliche Politik" ja auch nicht nur gut ist. Wie gesagt: Zurecht. Zumal, dass

Russland durch die „westliche Politik" ja oft auch provoziert wird

und darauf oft auch verständlicherweise reagiert vertreten inzwischen ja auch viele westliche Stimmen,
wie beispielsweise Harald Kujat, ehemaliger ranghöchster General der NATO. Der bereits in der ARD-
Sendung Panorama (vom 29.01.2015) kritisierte:

"Russland muss einen Platz in dieser europäischen Sicherheits-Architektur erhalten und, ich sage das nicht leichtfertig, man muss auch bereit sein, Russland in dieser Rolle zu akzeptieren und das ist auch eines der Probleme, mit dem wir zu tun haben. Die Sanktionen signalisieren Russland, Du wirst in Deiner Rolle als militärische und politische Supermacht, Großmacht, nicht akzeptiert von uns. Das ist ein ganz, ganz großer Fehler, den wir da begehen."

Und so wurde zum Beispiel auch in der Zeitung Freie Welt (vom 8. 6. 2016) beschrieben

Russland in der Zwickmühle
Durch die Osterweiterungen der NATO auf das Gebiet des ehemaligen Warschauer Paktes und der einstigen Sowjetunion sieht sich das heutige Russland zunehmend in seiner Sicherheit bedroht

- und das, wie dort auch weiter erläutert, durchaus verständlicherweise- und
Sichtweisen, die das unberücksichtigt lassen, sind einfach zu wenig differenziert

und werden der Wahrheit nicht gerecht. Und das gilt für Vieles bezüglich Russland.

So ist, um nur ein Beispiel zu nennen, etwa Moskau eine extrem beeindruckende Stadt. Für (wie mich) im Westen aufgewachsene Menschen eher als kulturlose Stadt kennen gelernt im Schulunterricht - oder eben nur als Hauptstadt der „bösen Kommunisten" (wobei Kommunisten dort heute auch sehr kritisch betrachtet werden) oder des "Großprotzes" sieht die Realität doch sehr anders aus. Alles Russische schlecht zu machen wird von russischen Bürgern aber natürlich beleidigend empfunden, schafft Unmut. Zumal jeder, auch westliche Reiseführer, von großem (Welt-)Kulturerbe dort zu berichten weiß, einer wahnsinnig großen, interessanten Metropole, sehr modern und mit vielen sehr schönen Seiten. Und vor allem unzähligen sehr, sehr freundlichen und herzlichen, gastfreundlichen Menschen. Mit selbst in normalen Wohngegenden Riesen Parks mit kostenlosen Bademöglichkeiten, Sportplätzen, Spielplätzen etc. Einer weltberühmten, günstigen U-Bahn und vielem mehr. Natürlich auch mit vielen sozialen Ungerechtigkeiten, etwa in Moskau mit den mit meisten Millionären und Milliardären auf der Welt, andererseits aber auch viel Armut. Die es aber etwa in den USA oder teilweise der EU, auch Deutschland, zumindest doch genauso gibt. Und natürlich gibt es auch in Moskau viel Umweltverschmutzung, Verkehrschaos und mehr Unschönes - aber gibt es das im Westen` wirklich gänzlich weniger? Oder (siehe oben) weniger ungute Politik?

Warum sieht sich der „Westen" dann als Vorreiter der Demokratie, Menschlichkeit, der sich anmaßt Russland mit Sanktionen und dergleichen „abzustrafen", was bekanntlich politisch kaum hilft. Und oft nur die Menschen in Russland trifft

- die deshalb beispielsweise ihren Job verlieren. Und dann natürlich auch eher wütend auf `den Westen` werden und eher Putin unterstützen, der dagegen „etwas tut". Und wer etwa Post von Deutschland nach Russland senden will oder dorthin, von dort telefonieren will merkt auch schnell, wie faktisch Russland aus Europa ausgegrenzt wird- wenn es etwa in die Telefonzone „Welt" gelegt wird und damit Telefonate genauso teuer sind wie ans (oder vom) Ende der Welt, kaum bezahlbar.

Warum gibt es nicht wieder, wie in Zeiten etwa Willi Brandts, staatlich geförderte Schritte zur Annäherung zwischen zumindest den Völkern, Bürgern

- Förderung (statt Erschwerung) von Kontakten, Korrespondenzen, auch Reisen und so weiter? Dann würde man ja auch noch besser sehen können, dass nach wie vor stimmt was etwa Sting schon in früheren Zeiten (des „Kalten Krieges") schrieb in seinem bekannten Lied Russians, in dessem Refrain es (auch am Ende des Liedes) übersetzt heißt:

„Wir haben dieselbe Biologie gänzlich abgesehen von der politischen Ideologie
Was uns retten könnte, mich und dich
ist, dass die Russen ihre Kinder auch lieben"

- und das tun sie offensichtlich, wie an jeder Ecke dort zu sehen, ebenso wie die Menschen im „Westen".

Und für die Zukunft unser aller Kinder sollten wir verhindern, dass nicht schon wieder - mit Folgen weitergeführter „Kalter" oder vielleicht sogar wieder einmal richtiger Kriege - Völker gegeneinander aufgehetzt werden (ideologisch)

Die Politiker sollten überall erst einmal vor ihrer eigenen Haustüre kehren (und der „Rote Platz" und Kreml sind wirklich recht gewaltig oder, je nach Sichtweise, protzig - nimmt man die gesamten Regierungsgebäude, Reichstag/Bundestag und Ländervertretungen in Berlin zusammen, ist das für Deutschland, ein ja auch weitaus kleineres Land, aber doch ebenso wenig bescheiden). Sondern uns viel offener begegnen, dafür (politisch) einsetzen, dass diese Begegnungen und Austausch wieder besser möglich werden. Und hier und dort uns mehr für Annäherung, Demokratie und Menschenrechte einsetzen - gegen eine Politik, die Demokratie, Gerechtigkeit und Menschenwürde mit Füßen tritt (was wie beschrieben aber auch für Vieles „Made in Germany" und der EU gilt und nun unzählige Menschen auch zu Protesten gegen die "G20"- Politik veranlasst). Und auch gemeinsam gegen wiedererstarkende nationalistische oder andere Länder „verteufelnde" Strömungen vorgehen. Auch im Westen, gerade auch in Deutschland- gerade auch Russland gegenüber. Dazu mahnen etwa in Moskau nicht nur viele große antifaschistische Mahnmale, sondern auch (vielleicht noch eindrücklicher) in unzähligen russischen Familien Bilder von Familienmitgliedern, die dem deutschen National(sozial)ismus, Faschismus zum Opfer fielen. Zur Erinnerung (laut Wikipedia, aktueller Stand): bis etwa die Hälfte der Opfer, Toten des Zweiten Weltkrieges, etwa 13 Millionen (!) Soldaten und 14 (!) Millionen Zivilisten waren in der (ehemaligen) Sowjetunion, also unfassbare 27 (!) Millionen Menschen- jeder einzelne einer zu viel. Und wahrlich Mahnung genug, dass alles getan werden sollte, um weitere (auch „nur" kalte und ideologische) Kriege zu verhindern!