BLOG

Armut in Deutschland betrifft die Mehrheit der Bürger, auch Kinder, und hat fast nie etwas mit "persönlichem Versagen" zu tun!

27/09/2017 14:51 CEST | Aktualisiert 28/09/2017 21:09 CEST

Immer wieder wird betont, dass es Deutschland doch gut ginge- warum sollte man dann also grundsätzlich etwas ändern? CDU, CSU und SPD "abstrafen" mit historisch schlechtem Wahlergebnis reicht doch, damit die sich doch mehr auch um einige arme Bürger kümmern? Aber letztlich ist doch jeder seines Glückes Schmied und geht es "uns" gut, gibt es in Deutschland eine gute Politik? Wer das nicht glaubt soll doch in die USA gehen, mit dort verheerendem Gesundheitssystem und sozialen Leistungen? Und wer in Deutschland in Armut gerät ist letztlich doch irgendwo selbst schuld, etwa weil er sich zuviele Statussymbole kauft (wie es etwa ein Huffington-Post- Artikel neulich beschrieb?)

Mitnichten!

Es gibt in Deutschland doch schon lange Massenarmut, auch starke soziale Armut, das betrifft zig Millionen Menschen und inklusive "Geringverdiener" (wer ist das heute nicht) die Mehrheit der Bürger!

Zig Millionen Menschen, etwa jeder Dritte in Deutschland, fühlt sich ausgegrenzt oder gar diskriminiert, wie etwa im Bericht der Bundesregierung zu Diskriminierungen zu lesen war. Als "Ausländer", "Ossie" oder Frau, "Behinderter" und so weiter. Kinder aus Arbeiterfamilien können nach wie vor weitaus seltener an Hochschulen, immer mehr Menschen verdienen gering oder viel zu wenig, um sich horrende Mieten und andere Lebenshaltungskosten leisten zu können, Zusatzleistungen für die Gesundheit, Altersvorsorge, bessere Bildung etc. Offizielle Armutsberichte zeigen immer wieder, dass immer mehr Menschen immer ärmer werden, während einige wenige immer reicher werden.

Nach vielen Sozialforschern (wie etwa die Süddeutsche Zeitung vom 19. April 2017 berichtete) gilt heute jeder als armutsbedroht, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. So gesehen, wären etwa 13 Millionen Menschen in Deutschland in Armutsgefahr.

Aber selbst "mittleres Einkommen" reicht doch heute nicht mehr zum (gut) leben.

Spätestens mit Einführung des "(T)Euros" kann doch kaum ein "Normalverdiener" mehr ein gutes, gesundes Leben für sich und eine Familie bezahlen, es gibt zumindest eine 2-Klassen-Medizin in Deutschland, unbestritten kaputt gespartes Gesundheits- und Bildungssystem, soziale Leistungen und vieles mehr

Mit zumal auch extremer sozialen Ungleichheit, Not, Ungerechtigkeit, wie etwa auch kürzlich in dieser Zeitung zu lesen ("Top-Ökonom: "Deutschland ist bereits eines der ungleichsten Länder der industrialisierten Welt").

Zurecht wies etwa auch Oliver Schulz, Hamburger Schuldnerberater, in seinem Huffington - Post - Artikel (vom 26/09/2017) darauf hin: "Die Wirtschaft boomt, doch die Menschen rutschen in die Armut: Schuldnerberater erklärt, warum auch Mittel- und Oberschicht nicht sicher sind" - und auf viele gesellschaftliche Misstände. So etwa, dass " Von 18 untersuchten europäischen Staaten ist die Gefahr, trotz geregelten Einkommens in Armut zu rutschen, in Deutschland am größten. Das geht aus einer Studie des des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor".

Und : "Jeder Mensch kann in Geldnot geraten".

In der Tat. Herr Schulz weist auch zurecht darauf hin, dass Statussymbole

heute viel zu große Rollen spielen. Das stimmt. Allerdings ist ja auch nicht unverständlich, dass Menschen sich einmal etwas gönnen wollen, wenn sie sonst etwas kaum haben, benachteiligt, ausgegrenzt, diskriminiert werden- auch etwa durch faktisch begrenzten Zugang zu Hochschulen.

Oder vom (besseren) "Wohnungsmarkt", besseren privaten Leistungen für Bildung (und damit Zukunft), Gesundheit, ... Denn:

Für harte Arbeit verdienen zig Millionen Menschen viel zu wenig und werden oft wahnsinnig gestresst. Was auch mehr Menschen "ausbrennt", Beziehungen belastet, krank macht. Und damit oft in die Schuldenfalle treibt, als Folge gesellschaftlicher Missstände (und nicht "persönlichen Versagens")!

Laut diversen Untersuchungen sind wirklich zumindest ca. 90 % der in Deutschland überschuldeten Menschen dies nicht, weil sie verschwenderisch mit Geld umgingen, sondern als Folge von objektiv einfach zu wenig Geld- in Folge von (zumeist unverschuldeter) Arbeitslosigkeit, Krankheit oder zu schlecht bezahlter Arbeit.

Im Rahmen etwa der Studie „Schulden-Kompass" der Schufa (Holding AG) stellten sich die

Hauptursachen der Überschuldung aus Sicht der Schuldnerberatung

etwa bereits 2007 wie folgt dar:

Arbeitslosigkeit und die damit verbundenen Einkommenseinbußen - 29,3 %

Änderung der Lebensumstände durch Trennung, Scheidung oder Tod des Partners/der

Partnerin - 13,5 %

Unwirtschaftliche Haushaltsführung (Konsumverhalten) - 8,6 %

Erkrankung, Sucht oder Unfall - 9,8 %

Gescheiterte Selbstständigkeit, Existenzgründung - 9,5 %

Gescheiterte Immobilienfinanzierung - 4,0 %

Nur bei einem sehr geringen Anteil der Beratungsfälle (nur etwa 10 %) sind demnach Schuldenprobleme auf die unzureichend ausgebildete Fähigkeit zurückzuführen, mit Geld umzugehen

Das Angebot des Handels, auf Darlehensbasis zu kaufen, oder der Banken, das Konto zu überziehen, verführt zumal auch demnach oftmals dazu.So wie es auch Herr Schulz beschrieb: " Die Banken sind bei der Kreditvergabe im Konsumentenbereich immer aggressiver geworden".

Ebenso wie ausbrennende Arbeitsbedingungen gegen Menschen und aggressiverer "Wohnungsmarkt", Einführung von Niedriglohnjobs, eine reichere Menschen begünstigende Steuerpolitik etc. All das treibt zunehmend mehr Menschen in Krankheit, Beziehungsprobleme, Versuch der Selbstständigkeit, Armut, Not und Schulden. Und bedarf einer anderen Politik- für bezahlbare Mieten, Gesundheitsleistungen, bessere und gerechtere Löhne, Gehälter, Arbeits- und Bildungschancen.

Den Betroffenen, Opfern bislang schlechter Politik auch noch Vorwürfe zu machen, wenn sie mit ansonsten viel zu wenig Geld nicht auskommen, ist ansonsten auch noch der Gipfel der Ungerechtigkeit!

Natürlich ist auch wichtig, dass man (auch sich selbst) immer wieder verdeutlicht, dass

Äußerlichkeiten können und sollten nicht über Menschen entscheiden

Weder die Hautfarbe noch beispielsweise, ob man teure Kleidung trägt (oder nicht). Ein Manager, der im feinen Anzug für Profite über Leichen geht ist ja beispielsweise sicher keiner guter Mensch - oder gar ein besserer als ehrlich, hart ihr Geld (und vielleicht auch noch das für die Familie) verdienende Menschen. Ob ein Mensch gut, schlecht oder "asozial" ist hängt ja vom Charakter ab, und natürlich nicht von irgendwelchen Statussymbolen oder sonstigen Äußerlichkeiten..

Allerdings wäre auch gefährlich das Problem darauf zu reduzieren, weil es dieses dann auch etwas verharmlosen würde. Denn für sehr viele Menschen, auch Kinder bzw. Eltern, geht es ja darum, ob sie sich überhaupt genug (gute) Kleidung, Ernährung, Bildung, Medizinisches etc. leisten können.

Wie etwa in der "Zeit" (vom 19. Januar 2017) belegt und weiter ausgeführt gilt aber in einem der reichsten Länder der Erde,

in Deutschland: Jedes 5. Kind ist arm- ändern tut sich aber seit Jahrzehnten nahezu nichts, es gibt nur billige Heuchelei

Und die Autorin dort, die sich schon lange mit Kinderarmut in Deutschland beschäftigt ist "die billige Heuchelei leid", denn: "Was für eine Schande, sagen alle. Wir müssen etwas ändern, sagen die Politiker"- ändern tut sich aber seit Jahrzehnten nahezu nichts.

Und „Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt" (Albert Einstein) gilt ja auch in unserem Lande. Da bedarf es grundlegender, auch politischen, Änderungen. Und hier müssen, auch im Interesse unserer Kinder (und damit unserer allen Zukunft) echte Christen, (Sozial-) Demokraten, Liberale und andere in und außerhalb der Parteien

sich weitaus mehr dafür einsetzen, dass in Deutschland endlich eine sozialere, gerechtere Politik gemacht wird

- und gewaltige Probleme wie massenhafte Armut- auch von Kindern, aber ja auch von Millionen älteren Menschen- nicht immer wieder verharmlost und unter den Tisch gekehrt wird bzw. ein durchaus möglicher "Wohlstand für Alle" dem (Profit-) Interesse einiger wenigen reichen Menschen, Konzerne, Wohnungsgesellschaften etc. und deren "Lobby" in der Politik geopfert wird

Sponsored by Trentino