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Alarmierender Anstieg von Suizid - Versuchen in deutschen Flüchtlingseinrichtungen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GREECE
Alkis Konstantinidis / Reuters
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Wird mit sinkenden Zahlen ankommender Flüchtlinge in Deutschland alles besser?
Nein! Das zeigen unter anderem Berichte aus Hamburg, die nun etwa auf "Focus online" (Regional, Hamburg, am 03.08.2016) zu lesen waren.

In den vergangenen zehn Wochen haben demnach 13 Flüchtlinge aus Erstaufnahmeeinrichtungen in Hamburg versucht, sich das Leben zu nehmen, Tendenz steigend!

Dass dies dort als "schockierende Zahlen" bezeichnet wird kann man nur unterstreichen.
Nicht zuletzt deshalb, weil trotz deutlich sinkenden Flüchtlingszahlen die Zahl der Suizid- Versuche sehr stark angestiegen ist, einem (im Focus zitierten) "Hamburger Morgenpost"-Bericht zufolge gab es in den sechs Monaten zuvor "nur" elf Suizidversuche. Das ergab eine Kleine Anfrage der Linkspartei im Hamburger Senat, wie die Zeitung berichtete.

Und dahinter stecken ja Schicksale, Gesichter, Menschen. Der Focus berichtet so etwa: "Ein minderjähriges Mädchen aus Afghanistan legte sich auf Gleise, ein Syrer schluckte eine Überdosis Tabletten"

Nun fordert die Linkspartei mehr psychologische Betreuung.
Denn daran mangelt es nach wie vor, zumal beim Hamburger Zentralen Koordinierungsstab Flüchtlinge (ZKF) des Problem anerkannt werden muss: "Jeder Suizidversuch ist einer zu viel", sagte Christiane Kuhrt vom ZKF auf Nachfrage von FOCUS Online. Seit einigen Monaten erfasse die Behörde systematisch jeden Vorfall. "Wir haben jedoch keine verlässlichen Zahlen zu Suizidversuchen, um Aussagen über eine Tendenz treffen zu können", teilt Kuhrt weiter mit.

Es gibt aber sicher, wie fast immer bei Suizid- Versuchen,

hohe Dunkelziffern- aber selbst bekannt gewordene Zahlen sind alarmierend! Mehr psychologische Betreuung und das Ende von Verharmlosungen gefordert:

Wie aus der Hamburger Senatsantwort aus dem April 2016- die ja eigentlich auch dem "ZKF" dort bekannt sein muss, ebenso wie der steigende Trend, der daraus hervorgeht!- wurden alleine schon in Hamburg seit April 2014 40 (!) Suizidversuche bei Flüchtlingen registriert.
Statt "Gefahr erkannt, Gefahr gebannt" lesen sich die Stellungnahmen der ZKF so eher als Versuche die Probleme zu verharmlosen, die Politik aus der Verantwortung zu nehmen - was falsch ist.

Beim ZKF versichert man auch, dass es "sehr viele Angebote" und eine geschulte psychologische Betreuung gebe, um Flüchtlingen zu helfen. Oftmals seien psychische Probleme oder suizidale Absichten erst weit nach der erstmaligen medizinischen Untersuchung in einer Erstaufnahmeeinrichtung zu erkennen, wie Kuhrt betont. Als Ursachen für Suizidversuche sieht sie traumatische Erlebnisse auf der Flucht und Todesfälle von Familienmitgliedern oder Freunden.

Diverse Sozialverbände sowie die Linksfraktion fordern hingegen allerdings deutlich den Ausbau von Beratungsangeboten, wie auch im Focus zu lesen.

Christiane Schneider von den Linken betonte zudem: "Die Unterbringung in Baumarkthallen und Containerdörfern ohne privaten Rückzugsraum über viele Monate hinweg kann für psychisch belastete Menschen zur Hölle werden", sagte sie der "Morgenpost". Die Linken-Politikerin fordert daher einen Ausbau des psychotherapeutischen Beratungsangebots für suizidgefährdete Flüchtlinge.

Das ist sicherlich zu unterstützen, zumal in einer der reichsten Städte der Welt, Hamburg, wo es an Geld sicher nicht mangelt. Aber eben an genug Angeboten, auch vorbeugend, für Flüchtlinge (und auch Deutsche)- zurecht lautet die Überschrift in dem genannten Artikel im "Focus" auch "Alarmierende Zustände in Flüchtlings- Erstaufnahmeeinrichtungen". Dort fehlt es zudem an mehr Personal, damit überhaupt Suizid- Gefahr besser erkannt oder vermieden werden kann, wo derzeit Sozialarbeiter kaum Zeit haben um sich über die Bewohner überhaupt irgendwie zu kümmern.

Und grundsätzlich geht es zudem sicherlich darum etwas zu tun

gegen eine Politik, die überhaupt erst - nach wie vor - Fluchtursachen schafft - und damit unzählige Opfer, Tote

Und das nicht "nur" in Deutschland, aber von dort aus entscheidend (mit) verursacht.
So wie es etwa schon Georg Restle, der Leiter von "Monitor" (ARD) am 25. 8. 2015 in seinem "Tagesthemen"-Kommentar benannte:

(...) "Die eigentliche Schande aber ist die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik. Eine Flüchtlingspolitik die die Ursachen für die Flucht von Millionen Menschen nicht bekämpft, sondern sie immer wieder aufs Neue schafft.

Zum Beispiel im Kosovo, wo auch diese Bundesregierung ihr Versprechen gebrochen hat, dem Land nach dem Krieg wieder auf die Beine zu helfen und stattdessen ein hochkorruptes Regime unterstützt, das die Menschen in die Flucht treibt.

Zum Beispiel in Syrien, wo diese Bundesregierung die Politik eines türkischen Präsidenten unterstützt, der islamistische Mörderbanden mit Waffen versorgt. Mörderbanden, vor denen hunderttausende nach Europa fliehen.

Oder Afrika, wo der deutsche Außenminister einen Pakt mit den schlimmsten Despoten des Kontinents schließen will. Einen Pakt, der verhindern soll, dass politisch Verfolgte ihr Land verlassen können und sie stattdessen ihren Verfolgern ausliefert.
Diese Politik ist eine Schande für dieses Land. Daran müsste etwas geändert werden. Mit kernigen Parolen allein ist jedenfalls niemandem geholfen".

Und daran hat sich heute, fast ein Jahr danach, ja kaum grundsätzlich etwas geändert.
Außer, dass durch mehr als zweifelhafte "Pakte" (wie mit der Türkei) nun viele Schicksale nicht mehr nach Deutschland vordringen, sondern wieder mehr an Außengrenzen der EU gedrängt werden. "Aus den Augen, aus den Sinn" sollte hier aber natürlich, bitte nicht gelten. Und vor schockierenden Missständen, alarmierenden Zuständen sogar in Deutschland, selbst der reichsten Stadt dort- die aber an anderen Orten kaum gänzlich besser sein dürften (Berichte von Suizid- Versuchen gibt es ja immer wieder, aus vielen Orten)- sollte man natürlich auch keinesfalls die Augen verschließen.

Anmerkung: Rat und Hilfe für von Suizid- Gedanken betroffene Menschen und Angehörige bietet unter anderem die Telefonseelsorge. Deren kostenlosen Hotlines: 0800-1110111 oder 0800 3344533.

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