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Der Mann im Wald: Wie ich mein Leben hinter mir ließ

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MAN FOREST
Aliyev Alexei Sergeevich via Getty Images
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"Herr Ködel, Sie waren geschäftsführender Gesellschafter einer Firma. Was genau haben Sie gemacht?" Ich schwitze und mein Hals ist rau und trocken. Ich räuspere mich. "Das war eine Laserschneidfirma", antworte ich. "Eine kleine Firma, die Spezialteile aus Metall gefertigt hat."

Die Moderatorin sieht mich an, ruhig, aufmerksam. Sie hört zu - wie jemand, der wirklich etwas wissen will. "Wieso kam Ihre Firma in eine Schieflage?"

"Das hatte verschiedene Gründe", erkläre ich und räuspere mich wieder. "Wachsende Konkurrenz, die allgemeine Wirtschaftslage, und dann meldete auch noch ein Großkunde Insolvenz an." Meine Stimme klingt brüchig wie altes Papier. Seit die anderen - Expolitiker Ronald Schill, Exnationaltorhüter Eike Immel und Exschlagersänger Nino de Angelo - ein paar geschliffene Eröffnungsstatements abgegeben haben, sitze ich in dieser Runde, unendlich nervös, und denke: Ich kann nicht reden. Nicht wie die, so klug und gewandt. Ich habe drei Jahre mit keinem Menschen geredet. Nur mit einer Katze.

"Sie hatten Firmenkredite mit einer Hypothek auf Ihr Haus abgesichert. Wenn die Firma dann pleitegeht, ist auch das Haus weg."

"Dann ist auch das Haus weg." Ich nicke. Und lächle. "Das Haus, die Ersparnisse, alles." Die Moderatorin beugt sich etwas vor. "Das heißt, Sie wussten, was auf Sie zukommt?"

"Das wusste ich." Ich nicke. Und lächle. Und huste.

"Haben Sie sich überlegt, was Sie dann machen werden?"

"Ich wollte nichts mehr machen."

Ich schüttele den Kopf. "Ich wollte nichts mehr machen. Irgendwann habe ich alles nur noch auf mich zukommen lassen." Die Studioscheinwerfer blenden und Schweiß steht mir auf der Stirn. Himmel, wie bin ich hier gelandet?

Nachdem die Polizisten gegangen waren, geschah lange Zeit nichts. Niemand kam, niemand bestand darauf, dass ich verschwand. Also blieb ich. Eines Morgens hörte ich wieder Schritte im Unterholz; mein Gehör war nun geschärft und stets auf Laute gerichtet, die nicht von Tieren kamen. Stimmen. Schritte. Spaziergänger, die ihren Hunden durchs Gebüsch folgten. Jetzt entfernten sich die Schritte vom Weg, kamen immer näher. Ein Mann stieg das Gefälle hinauf.

"Ich hab ganz schön suchen müssen, um Sie zu finden", sagte er und schnaufte. Er trug Jeans, eine grüne Weste, einen Filzhut. Sein Gesicht verschwand beinahe hinter einem dichten Vollbart. Hättest dir die Mühe nicht machen müssen, dachte ich. Doch das sagte ich nicht. Ich sagte bloß: "Grüß Gott."

"Grüß Gott." Der Fremde sah sich um. "Das Landratsamt hat uns verständigt, dass hier jemand zeltet. Ich bin Isar-Ranger."

Ich nickte und folgte stumm seinem Blick.

"Sie wissen, dass das hier ein Naturschutzgebiet ist?"

"Ja."

"Es ist verboten, in den Schutzgebieten im Freien zu übernachten, damit die Tiere nicht gestört werden."

"Ja."

Wieder inspizierte er mein Zelt, die Tüten, den Müll. Und schüttelte den Kopf. "Sie müssen diesen Platz räumen."

"Ja", sagte ich.

Doch wo sollte ich hin? Ich hatte immer noch keine Antwort.

"Ich weiß nicht, wohin", sagte ich. "Wissen Sie vielleicht, wo ich stattdessen zelten kann?"

Der Ranger rieb seinen Bart, ein leises Kratzen. "Können Sie denn nicht zu Ihrer Familie? Zu Freunden oder Bekannten?" Ich senkte den Kopf. Nach einer Weile ging der Mann. Von nun an schaute ab und zu ein Ranger in grüner Weste vorbei. Man ermahnte mich. Doch niemand setzte mir ein Ultimatum.

Es war schon Herbst, als wieder jemand das Gefälle hinaufstieg. Der Mann trug keine grüne Weste und einen Moment dachte ich, es sei der Spaziergänger, der mich im Frühjahr beobachtet hatte. Doch er war kleiner, kräftig, sein Kopf beinahe kahl. Er wirkte auch nicht neugierig, im Gegenteil, etwas Freundliches ging von ihm aus.

"Grüß Gott", sagte er mit rotem Gesicht und etwas aus der Puste. "Ich hab gehört, dass Sie hier wohnen, und da wollt ich mal nach Ihnen schauen. Sie müssen den Platz ja räumen - brauchen Sie vielleicht Hilfe?" Er reichte mir die Hand. "Ludwig Frey mein Name, freut mich."

Frey? Hilfe?

Stumm folgte ich seinem Blick, der über den Platz glitt. Über den Müll. Vor allem über den Müll. "Mei, das kann ja einer allein gar nicht wegtragen. Wissen'S, wir sammeln nämlich Abfall in der Au, zwei Mal im Jahr ist Ramadama." Er schüttelte noch immer meine Hand und plötzlich wurde mir schwindelig. Eine jähe Freude packte mich - zum ersten Mal seit Langem bot mir jemand Hilfe an.

Am Tag darauf kam Ludwig Frey mit ein paar Jugendlichen aus dem Angelverein und den ganzen Nachmittag karrten sie Schubkarren voller Papier und Flaschen zu einem Container. "Und jetzt", sagte Frey, als die Jugendlichen sich verabschiedeten und wieder auf ihre Fahrräder stiegen, "bring ich Sie zur Caritas."

"Wieder beantragte ich Hartz IV"

Die Frau, die mich seinerzeit im Heim und später in der Dachwohnung untergebracht hatte, schlug die Hände zusammen, als sie mich sah. "Dass Sie noch leben!" Wieder bekam ich Kleider- und Lebensmittelgutscheine, meldete mich arbeitslos, beantragte Hartz IV. Und zog in ein Bauernhaus auf einer Alm, zehn Kilometer entfernt.

Die Moderatorin lehnt sich in ihrem Sessel zurück. "Dann wurde Ihr Haus zwangsverkauft. Und Sie mussten ausziehen?" Sie trägt eine weiße Hose, eine blaue Bluse und in ihrem Gesicht liegt ruhiges, wahrhaftiges Interesse.

Seltsam, ich habe das Gefühl, als würde ich sie schon lange kennen. Wieder räuspere ich mich. "Ja, dann musste ich ausziehen", antworte ich, während mir der Schweiß den Rücken hinabläuft und mein Hals vollkommen trocken ist. "Ich hab meine wichtigsten Sachen gepackt: Zelt, Decke, Taschenlampe..."

"Und sind in den Wald gegangen?"

"Und bin in den Wald gegangen."

"Warum in den Wald?" Ich höre das Staunen in ihrer Stimme. Und verstehe es nicht.

"Mir ist kein besserer Platz eingefallen."

"Mir ist kein anderer Platz eingefallen", versuche ich, zu erklären. "Ich wollte mit allem nichts mehr zu tun haben."

Einen Moment ist es ganz still im Studio. Sie sieht mich an. Wartet sie, ob ich noch etwas sage? Ich zucke mit den Schultern.

"Sind Sie glücklich im Wald gewesen?", fragt sie schließlich. Ich denke nach. "Anfangs", antworte ich, "hatte ich kaum Gefühle." Nino de Angelo, der mir gegenübersitzt, nickt, als wüsste er genau, was ich meine. "Es war eine Zeit wie in Trance", fahre ich fort. "Ich hab gar nicht richtig wahrgenommen, was geschieht. Ich hab einfach von Tag zu Tag gelebt."

"Dabei waren Sie gar nicht irgendwo in der Wildnis, der Wald war nicht weit weg von Ihrem alten Zuhause."

"Nein." Wieder bricht meine Stimme. "Nein, ich war nicht weit weg..." Ich huste. "Einen Schluck Wasser vielleicht? Die Luft ist trocken hier im Studio." Sie reicht mir ein Glas. "Zum Wohl!" Sie trinkt selbst einen Schluck. Sie ist wirklich nett.

Zum Ramadama kam auch ein Reporter der Lokalzeitung. Als er erfuhr, dass ich fast drei Jahre im Wald gelebt hatte, schrieb er einen Artikel für den Münchner Merkur. Auch die TZ brachte einen Artikel.

Im November 2014 meldete sich jemand vom Fernsehen: Ob ich Lust hätte, in die Talkshow Menschen bei Maischberger zu kommen, das Thema der Sendung laute Hoch geflogen, tief gestürzt? Ein paar Tage dachte ich nach. Das Angebot setzte mich unter Zugzwang: Auf keinen Fall konnte ich im Fernsehen auftreten, ohne zuvor Kontakt zu meiner Familie aufzunehmen. Doch noch immer fürchtete ich nichts mehr als diese Konfrontation.

Noch immer hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie ich mich erklären sollte. Aber es war ausgeschlossen, dass meine Mutter dachte, ich sei tot, und mich dann vielleicht in einer Talkshow sitzen sah. Diese Anfrage, dachte ich, ist deine Chance, wieder in die Welt zurückzukehren. Jetzt musst du handeln!

Trotzdem verschob ich den Anruf von Tag zu Tag. Irgendwann drängte die Redaktion auf eine Entscheidung. Ich hatte mir ein billiges Handy mit Prepaidkarte gekauft und eines Abends rief ich meine Schwester an. Schwitzend und mit vor Nervosität kalten Händen wählte ich ihre Nummer.

Ein Klingeln am anderen Ende der Leitung. Noch ein Klingeln. Noch eines. Ein Anrufbeantworter. Ich holte Luft. Sagte, ich sei am Leben, es gehe mir gut, ich würde mich wieder melden. Und legte auf.

"Wir waren sicher, dass wir die nie wiedersehen würden."

Unendlich erleichtert. Am nächsten Tag rief meine Schwester zurück. "Himmel, Wolfgang, wo steckst du? Was ist los mit dir? Wir haben uns solche Sorgen gemacht, die Mutter ist krank vor Gram, sie denkt, du bist tot! Tot oder im Ausland verschollen, sie ist vollkommen sicher, dass sie dich nie wiedersehen wird . . ."

Vorwürfe.

Eine Lawine von Vorwürfen. Ich atmete tief durch.

"Es tut mir leid", sagte ich.

"Es tut dir leid? Himmel noch mal, Wolfgang", Margarethas Stimme zitterte, "hast du eigentlich eine Ahnung, was du uns allen antust?" Ein wunder Laut entfuhr ihrer Kehle. "Immerhin, du lebst..." Ein jäher Schluchzer. Tränen.

Und wieder schwarze Verwirrung, wie eine Wolke trieb sie auf mich zu - doch ich holte Luft und wischte sie beiseite. "Es ging mir nicht gut", sagte ich. "Ich kann das jetzt nicht erklären." Noch mehr Tränen.

Und noch mehr Schuldgefühle.

Ich stapfte über sie hinweg. "Was ich dir sagen wollte: Ich werde im Fernsehen auftreten."

"Du wirst . . .?" Ein geräuschvolles Schniefen. "Du wirst was?"

"Man hat mich in eine Sendung eingeladen, zum Thema Hoch geflogen, tief gestürzt. Du musst es der Mutter sagen, damit sie nicht erschrickt." Ein Lachen, kurz, schrill, beinahe hysterisch. "Ja, bist du jetzt vollkommen narrisch? Du kannst doch nicht im Fernsehen auftreten! Was werden die Leute sagen?"

Die Leute?

Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten. Was zum Teufel interessierten mich jetzt noch die Leute? "Wolfgang, um Himmels willen, das kannst du der Mutter nicht antun! Und mir auch nicht -"

"Ich melde mich wieder", sagte ich. "Gib einfach der Mutter Bescheid."

Und legte auf.

Meine Hände waren feucht und kalt, mein Herz pochte. Doch dann wurde ich mit einem Mal ganz ruhig. Ich werde, dachte ich, in diese Sendung gehen, denn wenn ich es nicht tue, werde ich es nie schaffen, mich zu stellen. Wenn ich jetzt nicht hinausging, würde ich mich für den Rest meines Lebens verkriechen.

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"In der Zeit, als Sie im Wald lebten", Sandra Maischberger streicht sich mit einer raschen Bewegung das Haar aus der Stirn, "kamen Sie ab und zu zurück in die Zivilisation. Sie gingen zum Supermarktcontainer, Sie kauften sich Tabak. Haben Sie Kontakt zu Menschen aufgenommen?"

Ich schüttele den Kopf. "Nein", sage ich. Sie sieht mich an, ein wenig ungläubig. "Kann man sagen, Sie haben sich versteckt?"

"Ja", antworte ich. "Ja, das war der Sinn der Sache: Ich wollte fort, ich wollte allein sein."

"Wusste niemand, wo Sie stecken?" Wieder dieses Staunen. Das Staunen der anderen.

"Nein", sage ich. "Das wusste niemand."

Sie hebt die Hand. "Sie haben Eltern, Sie haben eine Schwester...". An den Fingern ihrer rechten Hand zählt sie auf, wer hätte wissen müssen, wo ich stecke. Und sie hat recht. Irgendwie. Und wahrscheinlich denkt nicht nur sie so, wahrscheinlich denken so auch meine Eltern, meine Schwester . . .

"Ich habe meiner Familie sehr wehgetan."

Ich räuspere mich. Hole wieder Luft. Sage: "Ich habe meiner Familie sehr wehgetan und das tut mir wirklich leid. Aber in der Situation . . . ich konnte einfach nicht anders."

Einige Tage nach unserem ersten Gespräch telefonierten meine Schwester und ich erneut. "Die Mutter weiß noch nichts", sagte Margaretha und diesmal klang ihre Stimme nicht vorwurfsvoll, sondern zutiefst ratlos. "Ich weiß einfach nicht, wie ich es ihr beibringen soll...".

Ich lauschte dem Rauschen in der Leitung. Wusste nicht, was ich sagen sollte. "Ich hab Angst, sie bekommt einen Herzkasper." Ich hörte Margarethas Atem, ihre schweren, stoßweisen Züge. "Vielleicht", fragte ich schließlich, "kannst du dafür sorgen, dass sie an dem Abend nicht fernsieht? Dann gewinnen wir Zeit."

"Phhh...".

Und wieder Rauschen. Wie ein fernes Meer. "Ich werde auf jeden Fall nach Köln fahren", sagte ich. Schweigen.

"Ja", sagte Margaretha.

Ich legte auf.

"Herr Ködel, seit einem Monat leben Sie nun nicht mehr im Wald", sagt Sandra Maischberger und ich blinzele ins Scheinwerferlicht. "Haben Sie schon Kontakt mit Ihren Eltern aufgenommen?"

Ich nicke. "Mit meiner Schwester habe ich Kontakt aufgenommen."

"Und Ihre Mutter? Die muss gedacht haben, dass Sie tot sind. Drei Jahre sind Sie weg und sie hat keine Nachricht...". Ich nicke wieder. Ja, denke ich. Und: seltsam. Seltsam, wenn Frau Maischberger das sagt, klingt es mit einem Mal nicht mehr wie ein Vorwurf. Es klingt einfach wie eine Frage. Es klingt nach Interesse - jemand will verstehen...

"Hatten Sie zwischendurch kein schlechtes Gewissen gegenüber denjenigen, die Sie lieben und die Sie vermissten?"

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Der Mann im Wald. Wie ich mein Leben hinter mir ließ" von Wolfgang Ködel und Sabine Eichhorst. Erschienen ist das Buch beim Piper Verlag.
Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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