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Welttag der Brille: Ich sehe was, was du nicht siehst

23/04/2017 22:58 CEST | Aktualisiert 23/04/2017 22:59 CEST
Licht für die Welt

Man stelle sich die über 40 Millionen Menschen in Deutschland vor, die eine Brille tragen. Die meisten von ihnen wären ohne diese Sehhilfen nicht in der Lage zu lesen oder zu schreiben, am Computer zu arbeiten, Auto zu fahren oder anderen alltäglichen Arbeiten nachzugehen.

Für zig Millionen Menschen weltweit ist letzteres allerdings die Realität, denn schätzungsweise 153 Millionen Menschen mit einer Fehlsichtigkeit, wie Weit- oder Kurzsichtigkeit, haben trotz dringenden Bedarfs keinen Zugang zu Brillen und sind damit sehbehindert oder sogar blind.

In vielen Ländern, gerade in Subsahara Afrika, grenzt es im ländlichen Raum oft an ein Ding der Unmöglichkeit, eine Brille zu bekommen - denn häufig gibt es keine Fachkräfte wie Augenärzte, Augenoptiker oder Optometristen, keine Brillenmanufakturen und keine Untersuchungsmöglichkeiten für Fehlsichtigkeit.

In Uganda, wo ich seit 25 Jahren arbeite, kostet eine Brille aus der Privatwirtschaft umgerechnet etwa so viel wie zwanzig Hühner - was vor allem für Menschen in ländlichen Gebieten unerschwinglich ist.

Ein ganzes System muss sich also verändern, um Brillen für die Bevölkerung von einkommensschwachen Ländern wie Uganda zugänglich zu machen. Vor fast zehn Jahren begann ich für die Fachorganisation "Licht für die Welt" gemeinsam mit dem ugandischen Gesundheitsministerium und in Partnerschaft mit der Organisation Brien Holden Vision Institute sowie lokalen und internationalen Partnern ein weltweit einzigartiges Pilotprojekt für fehlsichtige Menschen aufzubauen.

Das „Niure"-Projekt - ein nationales Interventionsprogramm für unkorrigierte Fehlsichtigkeit - stellt der Bevölkerung von Uganda nicht nur leistbare Brillen zur Verfügung, sondern baut auch sukzessive ein landesweites System der augenoptischen Versorgung auf.

Weniger als 20 Prozent der Bevölkerung hatten Zugang zu Services im Bereich Fehlsichtigkeit

Als gelernter Augenoptiker und „Ophthalmic Assistant", eine spezielle lokale Ausbildung in Augenheilkunde in Uganda, war mir der Aufbau eines solchen nationalen Versorgungsprogramms für Menschen mit Sehfehlern ein großes Anliegen.

Zu Beginn des Projekts hatten weniger als zwanzig Prozent der Bevölkerung Zugang zu Services im Bereich Fehlsichtigkeit. Mittlerweile erreichen wir schon die Hälfte der rund 38 Millionen Menschen im Land.

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Insgesamt wurden seit 2008 über 114.000 Personen auf Fehlsichtigkeit untersucht und 12.000 Menschen, die sich eine Brille auf normalem Wege nicht leisten können, mit maßgeschneiderten Brillen versorgt. All diese Brillen werden direkt in der landesweit einzigen und zentralen Brillenwerkstatt in der Hauptstadt Kampala produziert und von da aus in alle Regionen des Landes verschickt.

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Man könnte sagen, ein ganzes „Brillennetzwerk" ist entstanden, das weiter wächst und systematische nachhaltige Versorgung ermöglicht. Dieses Netzwerk kann nur funktionieren, indem vorhandene Strukturen entsprechend genutzt werden: Eine ganz zentrale Rolle nehmen dabei Gesundheitszentren und Schulen in Uganda ein, denn vor allem Kinder, deren Sehfehler nicht behandelt werden, sind maßgeblich in ihrer Bildung und intellektuellen Weiterentwicklung gehindert.

Mit Sehkorridoren wird die Sehschärfe von Kindern getestet

Daher wird Lehrerinnen und Lehrern gezeigt, wie sie erkennen können, ob ihre Schüler Sehprobleme haben. Dafür nutzen wir „Sehkorridore", die an Wänden aufgemalt werden - ähnlich wie Sehtafeln - mit denen die Sehschärfe der Kinder einfach getestet und womit auf das Thema „Sehen" aufmerksam gemacht wird.

Ich sehe heute oft Schüler, die sich spielerisch mithilfe der Sehkorridore darin messen, wer besser sehen kann und das zeigt mir, dass die heranwachsende Generation ein Bewusstsein für ihr Sehvermögen entwickelt.

Es erfüllt mich mit Freude, dass wir bislang mehr als 128.000 Schulkinder untersucht haben, denn zum Welttag der Brille liegt es mir besonders daran zu erinnern, dass jedes einzelne Kind, welches einen Sehfehler hat und sich dadurch nicht entsprechend seinen Fähigkeiten - z.B. in der Schule - entwickeln kann, nur weil es nicht rechtzeitig eine Brille bekommen hat, ein Kind und menschliches Schicksal zu viel ist.

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Wolfgang Gindorfer ist gelernter Augenoptiker und lebt seit über 25 Jahren in Uganda, wo er im Bereich Augengesundheit und Entwicklungszusammenarbeit tätig ist. Seit 2007 ist er Leiter für den Bereich Fehlsichtigkeit und Augengesundheit an Schulen bei der Fachorganisation "Licht für die Welt". Der gebürtige Deutsche und gelernte Augenoptiker erhielt 2004 für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz.

Mehr über Wolfgang Gindorfer auf: www.licht-fuer-die-welt.de/wolfgang-gindorfer

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