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Umgang mit Queerphobie?! Teil 1: Die kulturelle Angst vor sexueller Freiheit

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Ugandas Präsident Yoweri Museveni unterzeichnete am 24.02.2014 trotz aller Warnungen und Proteste das umstrittene Gesetz, das lange Haftstrafen für Schwule und Lesben in dem ostafrikanischen Land vorsieht. Museveni sagte Journalisten, dass "diejenigen, die unsere Kinder rekrutieren, um sie zu Homosexuellen zu machen, hart bestraft werden müssen, um die Kultur unseres Landes zu verteidigen". Woher kommt diese tief sitzende Angst vor Homosexualität? Was treibt den Präsidenten eines ganzen Landes dazu an, Homosexualität landesweit mit langen Haftstrafen zu belegen? Was davon hat auch mit unserer latenten Aversion und Angst vor ungewöhnlichen Identitäten und Lebensweisen zu tun?

Bereits vor zwei Monaten habe ich mit Kollegen_innen auf unserem Themenblog im Münchner Mediennetzwerk queerelations.net die Frage aufgegriffen. Damals war der unsägliche Umgang mit Homosexuellen in Russland der Auslöser, der ja auch nach der Olympiade noch besteht. Die dabei entstandenen 8 Thesen und 9 Ideen im „Umgang mit Queerphobie?! " - einem erweiterten Begriff von Homophobie - wollen wir in den kommenden Wochen auch hier bei der Huffington Post als Artikel-Serie vorstellen und diskutieren.

Und los geht's mit einer Definition:

Was ist mit "Queerphobie" gemeint?

Queerphobie = die "Angst" der Heteronormativen vor Abweichungen

Von Homo-, Lesbo-, Trans- und Interphobie hat man_frau gelegentlich schon gehört. Es geht dabei um keine Angsterkrankungen, sondern die Begriffe stehen - ähnlich wie das Wort Sexismus - als Synonyme für die Feindlichkeit gegenüber Abweichungen von der Heteronormativität (kurz: Heteronorm). Soziologe Albert Memi schlug 1982 vor, den Begriff „Heterophobie" (héteros = der andere) zu verwenden. Gewalt- und Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer machte diesen Begriff populär, indem er damit eine ablehnende Haltung gegenüber sämtlichen Randgruppen umschreibt, also auch Migranten, Behinderten und Obdachlosen. Ich finde den Begriff zwar prinzipiell richtig hergeleitet, jedoch für unseren Kontext sowohl zu breit als auch irreführend, da er als Ironie begriffen und, analog zum Begriff Homophobie, als „Angst gegenüber Heterosexuellen" missverstanden werden könnte.

Hier geht es um die Frage, wieso andere sexuelle Identitäten und Orientierungen, Geschlechterrollen und Beziehungsformen so heftig bekämpft werden müssen. Die Zielgruppe dieser Vorbehalte und Aggressionen sind „Queers": „Queer steht heute sowohl für die gesamte Bewegung als auch für die einzelnen ihr angehörenden Personen. Es ist eine Art Sammelbecken, unter dem sich außer Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Intersexuellen, Transgendern, Pansexuellen, Asexuellen und BDSM-lern auch heterosexuelle Menschen, welche Polyamorie praktizieren, und viele mehr zusammenschließen."

"Queerphobie" wird als Begriff genutzt, um die Aversionen auch innerhalb der diversen Szenen untereinander zu beschreiben; d. h. auch Schwule können „queerphob" sein gegenüber Lesben und Bisexuellen, tuntigen, behinderten oder alten Schwulen sowie Beziehungskonzepten jenseits der Paarbeziehung. Mit queerem Identitätskonzept kann man_frau also dennoch queerphob sein, ähnlich wie Migranten_innen Aversionen gegenüber anderen Migrationsgruppen haben können (Xenophobie). Und das öffnet eine selbstkritische Diskussion, die nicht nur Heterosexuelle betrifft.


Die "Angst" vor Queers - woher kommt sie?

Mit mehreren Thesen möchte ich Erklärungsansätze vorstellen, die sowohl den Angstbegriff hinterfragen als auch den Ursprung von Queerphobie nachvollziehbarer machen helfen.

These 1: Queerphobie ist gesellschaftlich bedingt

Der Ethnologe David Gilmore hat viele Jahre in unterschiedlichen Kulturen verbracht und in seinem Buch „Mythos Mann" festgestellt, dass die Rollendifferenzierung zwischen Mann und Frau für viele Gesellschaften sinnvoll, wenn nicht gar überlebensnotwendig war.

Insbesondere in umkämpften Regionen, in denen es eine wehrhafte und kinderreiche Gesellschaft brauchte, war die Rollenfestlegung wichtig, um bereit für die Abwehr feindlicher Angriffe zu sein bzw. selbst andere angreifen zu können: Der Mann als Krieger und Arbeiter war zuständig für äußere Angelegenheiten, während die Frau als Mutter und Haushälterin sich um innere Angelegenheiten der Familie kümmerte. Klassische Ausprägungen dieser Sozialisation als Mann und Frau sind beispielsweise der Machismo in Spanien oder der Kopftuchzwang im Islam.

Gilmore beschreibt aber auch Kulturen, in denen diese Unterscheidung nicht stattfand, wo Männer wie Frauen gleichberechtigt und relativ androgyn aufwuchsen, insbesondere bei Inselvölkern wie in Tahiti und ärmeren Bergvölkern wie in Malaysia. Diese Gesellschaften standen nicht im Konkurrenzkampf, da sie für andere unerreichbar oder uninteressant waren. Deshalb, so Gilmore, war keine starke Rollendifferenzierung nötig.

Abweichungen von der Heteronormativität (kurz: Heteronorm) sind vor allem in jenen Kulturen unterdrückt worden, wo die eindeutige Zuordnung notwendig schien, um die heranwachsende Bevölkerung nicht unnötig zu verwirren. Jungs mussten unhinterfragt Krieger werden und sich für ihre Gemeinschaft den Kopf einschlagen lassen. Mädchen mussten ganz "natürlich" viele Kinder auf die Welt bringen und sie 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr betreuen. Die Paarbeziehung aus Mann und Frau, die gemeinsame Kinder zur Welt bringen, hat bislang diese Geschlechterrollen und das Gesellschaftssystem stabilisiert. Hierzu wurden und werden Rituale (Verlobung, Hochzeit, Taufe ...) und Privilegien (diverse Rechte, Steuerermäßigungen ...) für jene bereitgestellt, die sich konform verhalten. Alle anderen, die von dieser Konformität abweichen oder sie infrage stellen, werden als Außenseiter_innen behandelt.

Ausgehend von der These, kann eine Gesellschaft, die nicht nach dieser Form von Rollentrennung funktionieren muss, die Rollen anders differenzieren. Gesunde Rahmenbedingungen für Queers sind da, wo Bedürfnisse, Interessen und Fähigkeiten wichtiger sind als das Geschlecht, wo nicht Auslese und Ausgrenzung, sondern Inklusion und Kooperation das Zusammenleben bestimmen. Und wir dürfen davon ausgehen, dass fast alle Menschen auf die eine oder andere Weise von der Heteronorm abweichen, da es ja nicht nur um die sexuelle Orientierung geht.

Im nächsten Artikel Ende dieser Woche werden weitere Thesen vorgestellt. Wir freuen uns über Ihre Rückmeldungen und Diskussionsbeiträge auch auf www.queerelations.net!

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