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Umgang mit Queerphobie?! Teil 8: Überwindung von Vorurteilen

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Im 8. und vorletzten Teil dieser Blogserie geht es um Strategien: Wie kann mit psychologischen Mitteln Queerphobie überwunden werden? Vorher noch ein kurzer Überblick zu den Thesen der ersten 5 Teile, die sich ja zum Großteil auf psychologische Mechanismen der Queerphobie bezogen haben:

Definition: Queerphobie = die "Angst" der Heteronormativen vor Abweichungen
1. Queerphobie ist gesellschaftlich bedingt
2. Queerphobie entsteht aus unreflektierter Wiederholung von Traditionen
3. Queerphobie hilft dabei, bestehende Privilegien zu verteidigen
4. Queerphobie besteht trotz kulturell akzeptierter Ausnahmen
5. Queerphobie braucht positive lebendige Beispiele
6. Queerphobie haben vor allem jene, die selbst versteckt queer sind
7. Queerphobie ist Energievergeudung
8. Queerphobie hat mit der Angst vor Rollenwechseln zu tun

Zunächst macht es Sinn, Formen der Manipulation zu erkennen, um nicht selbst darauf reinzufallen oder sogar selbst unfair zu argumentieren. Sie werden zum Beispiel bei der „psychologischen Kriegführung" eingesetzt:

  • Ästhetisierung: die Gegenüberstellung des Schönen gegenüber dem Hässlichen, mit dem Hinweis, dass andere dadurch minderwertiger seien (Beispiele: wenn Reportagen und Talksendungen zu queeren Themen in eine Monstrositäten-Schau ausarten oder ungewohnte Lebensweisen auch filmästhetisch aufwertend bzw. abwertend dargestellt werden, wie in Leni Riefenstahls „Olympia" oder Veit Harlans „Jud Süß" in der Nazizeit)

  • Manipulation: die bewusste Verfälschung von Darstellungen in Bild, Film oder Text, um zu verharmlosen, zu übertreiben, zu legitimieren und zu dämonisieren (Beispiele: wenn Klerus und Regierung in Uganda wie Russland Schwule per se mit Anal-Fetischisten in einen Topf schmeißen, oder die schwule oder lesbische Identität mit kindergefährdenden pädophilen Handlungen gleichsetzen)

  • Feindbilder: Politisches Bewusstsein und Handeln werden stark von den Kategorien "Feind" und "Freund" beeinflusst und negative Vorurteile führen zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität. Dabei wird der Gegner grundsätzlich negativ bewertet, ihm das Menschsein abgesprochen, die alleinige Schuld zugewiesen, mit Projektionen eigener Ängste gearbeitet und Isolation betrieben (Beispiele: die Adoption von Kindern durch Schwule und Lesben wird plakativ als eigennütziger Missbrauch dargestellt und der Aufnahme eines Adoptivkindes in eine „gute uneigennützige Heterofamilie" gegenüber gestellt).

  • Informationskrieg: Aktivitäten, um die Informationen des Gegners auszuwerten, zu bestreiten, zu verfälschen oder zu zerstören, während eigene Informationen vor ähnlichen Maßnahmen geschützt und für militärische Operationen genutzt werden (Beispiele: diverse Talkshows und Berichte zeigen sehr anschaulich den Kampf um die Meinungshoheit, in denen Einzelbeispiele personalisiert, unbedeutende Fehler instrumentalisiert werden und die Gegenseite diffamiert wird; aber auch Hackerangriffe und direkte Attacken gehören im Kampf von Richtig und Falsch dazu, wie wir es bei queerelations.net mit einem Spam-Angriff im Kommentarbereich unseres Themenblogs am 8.2.2014 selbst schon erlebt haben).

  • Heldenverehrung: Überhöhung einer Person oder Gruppe, um die persönliche Identifikation der Bevölkerung, sowie eine Kriegsbegeisterung und -zustimmung zu erreichen. Dabei werden die sogenannten Helden benutzt und ihr Leid für nationale Zwecke missbraucht (Beispiel: auch im rechtsextremen Umfeld werden Protagonisten mit dem Mythos der heldenhaften Unbezwingbarkeit gegenüber den zersetzenden Kräften des Liberalismus hochstilisiert und wesentliche Schwächen und menschenverachtende Haltungen und Handlungen ausgeblendet).
  • Auch die schwul-lesbische Berichterstattung ist nicht immer frei von manipulativen, propagandistischen Mechanismen. Deshalb ist es interessant, an was sich Diplomatie hält, wenn sie nach den Regeln des Harvard-Konzepts (Fischer und Ury 1981) mit ihren Widersachern sachbezogen verhandelt:

    1. behandeln Sie Menschen und ihre Interessen (die Sachfragen) getrennt voneinander;
    2. konzentrieren Sie sich auf die Interessen der Beteiligten und nicht auf ihre Positionen;
    3. entwickeln Sie Entscheidungsoptionen (Auswahlmöglichkeiten); und
    4. bestehen Sie auf objektiven Beurteilungskriterien (beispielsweise gesetzliche Regelungen, ethische Normen etc.), bei deren Einhaltung das Ziel eine Übereinkunft ist, die folgenden Anforderungen genügt:
    • die guten Beziehungen der Parteien bleiben erhalten,
    • bei der beide Seiten mitnehmen, was sie brauchen - oder, wenn sie beide das gleiche brauchen, fair teilen (beispielsweise nach dem Prinzip „Einer teilt, der andre wählt") -, und
    • bei der zeiteffizient verhandelt wird (da nicht auf Positionen herumgeritten wird).

    Mit dieser Einleitung jetzt zu den konkreten Maßnahmen, wie wir Queerphobie mit psychologischen Mitteln begegnen können, ohne zu manipulieren:

    Idee 4: Queerphobie kann nur rational UND emotional begegnet werden

    In Deutschland sind wir ja mit dem Reflexions- und Akzeptanzprozess von alternativen Identitäten und Lebensweisen schon auf einem guten Weg. In anderen Ländern - wie Russland und Uganda - müssen wir Deutschen bei der Unterstützung von LGBT-Bewegungen nochmal einen Schritt zurückgehen. Schnell wird einem offen schwul lebenden deutschen Außenminister ein individuelles Interesse bei der Unterstützung der russischen Opposition vorgeworfen oder eine imperialistische Verschwörung behauptet. Mit Patriotismus wird dann sehr emotional gegen Menschenrechte argumentiert.

    Klar, auch „der Westen" und wer immer ihn vertritt muss sich die Frage gefallen lassen, warum er tradierte Lebensweisen in Frage stellen will und wem damit eigentlich gedient ist. Aber wenn wir unsere Hausaufgaben gemacht haben und die Argumentationsketten schlüssig auf Menschenrechten aufbauen, kann eine diskriminierende Weltanschauung demaskiert werden: rational mit sachlichen Belegen und juristischen Ableitungen.

    Aber auch die emotionale Begründung ist wichtig. Nichts ist überzeugender als die authentisch erzählte Geschichte eines Menschen, in den sich andere Menschen hineinversetzen können und dessen Gefühle sie begreifen können. Die Besonderheit des Homo sapiens ist die Fähigkeit, sich mit Worten und Bildern mitzuteilen und auszutauschen.

    Doch auch hier aufgepasst. Bis heute werden in den Medien und selbst im Unternehmens-Management Geschichten eingesetzt, um Positionen authentisch oder konstruiert, ohne Hintergedanken oder zielgerichtet für die Stärkung eigener Positionen zu nutzen. Das eigene „Storytelling" kann polarisieren, solidarisieren und einen Mythos verbreiten helfen. Der bewusste Umgang damit ist angeraten.

    Idee 5: Positive Beispiele jenseits der Heteronorm veröffentlichen

    Auf gesellschaftlicher Ebene, auch über Landesgrenzen hinaus, haben die Massenmedien eine bedeutende Aufgabe. Als vierte Säule der Macht in der Gesellschaft sollten sie die Öffentlichkeit auf Ungerechtigkeiten aufmerksam machen und alternative Lebensformen zeigen. Dies gilt nicht nur für die Spartenmedien, sondern gerade für die Mainstream-Medien, die von vielen unterschiedlichen Menschen gelesen, gehört und gesehen werden. Ein Schwuler in der Fernsehserie Lindenstraße hat wahrscheinlich mehr bewirkt als hundert Oppositionsreden und sämtliche schwul-lesbischen Filmfestivals zusammen, wobei diese womöglich die Voraussetzung waren, dass sich die Produzenten dafür entschieden.

    Nicht unwichtig ist auch die Bewertung dieser Lebensformen, welche von der Haltung, dem Reflexionsgrad sowie dem Mut der Medienmachenden abhängig ist. Jede Vermittungsform hat eine Vielzahl von Möglichkeiten, auf die Wahrnehmung der Rezipienten_innen Einfluss zu nehmen. Zu Beginn eines Antidiskriminierungsprozesses sind deshalb vor allem positive Beispiele zu zeigen, die dann mit zunehmender Akzeptanz durchaus differenzierter und kritischer werden können. Selbstbewusste Betroffene können natürlich leichter Selbstkritik und Selbstironie äußern. Dies kann zum rechten Zeitpunkt sogar für Sympathie sorgen. „Queer sein" ist dann in der Normalität angekommen, wenn Kritik und Satire nicht mehr existenzbedrohend sind bzw. Menschen davon abhalten, zu sich und anderen Queers zu stehen.

    Aus dem Schimpfwort „schwul" einen Begriff zu machen, auf den man stolz sein und mit dem man auf die Straße gehen kann, ist so ein Beispiel aus der Erfolgsgeschichte homosexueller Gleichberechtigung. Dass er von manchen Bevölkerungsgruppen immer noch abwertend gesehen und so benutzt wird, zeigt, dass auch Homosexuelle hier noch etwas zu tun haben. Heraklit lädt zur mutigen Auseinandersetzung ein, wenn er behauptet: „Polemos panton men pater esti" - Krieg (im Sinne von Streit) ist der Vater aller Dinge. Neue Ansichten kommen nur in die Welt, wenn sich Menschen dafür einsetzen und stark machen.

    Idee 6: Community-übergreifend berichten

    Die großen Mainstream-Medien wie Fernsehen, Hörfunk und Presse, haben in Zeiten des anonym nutzbaren Internets eine Mittlerfunktion. Sparten-Sendungen und Social-Networks kommen nur dann ins öffentliche Bewusstsein, wenn andere Medien über sie berichten, auf sie verweisen und verlinken. Totalitäre Systeme aber auch diktatorisch geleitete Demokratien wie China und Russland versuchen die Informationsfreiheit zu blockieren, indem sie staatliche Sender okkupieren, Internet-Seiten abschalten oder Handy-Netze lahmlegen.

    Es wird deutlich, wie wichtig das gute Zusammenspiel von kleinen Plattformen und großen Medien ist. Andererseits wird auch Diktatoren bewusst, dass sie kaum Chancen haben einer öffentlichen Meinung zu entgehen. Deshalb wird dann bewusst oder unbewusst auf Methoden der psychologischen Kriegsführung (s.o.) zurückgegriffen.

    Im Kontext mit Queers ist dieses Zusammenspiel auch deshalb sehr wertvoll, da es Grenzgängern_innen hilft, sich umzusehen, eine eigene Meinung zu bilden und andere zu überzeugen. Öffentlich dokumentierte Meinungen und Geschichten können nachgelesen, vertieft und vermittelt werden. Außerdem ermöglichen sie den Blick über den Tellerrand, auf ähnlich gelagerte Diskriminierungs- und Beziehungskonstellationen.

    Dadurch kann man_frau von anderen lernen, fühlt sich bestätigt und kann auch selbst Solidarität und Unterstützung anfragen und signalisieren. Wer aus der Minderheitenrolle heraus will, muss sich zusammenschließen mit anderen Minderheiten. Ansonsten kann dem Druck des „Teile und Herrsche" nicht widerstanden werden.

    Bei all den psychologischen Überlegungen in diesem Themenblog sollten wir aber eines nicht außer Acht lassen, was Eugen Roth (Rezepte vom Wunderdoktor) in einem Vers beschreibt:
    Ein Mensch erlebt den krassen Fall,
    es menschelt deutlich überall.
    Doch oft erkennt man weit und breit
    nicht eine Spur von Menschlichkeit.

    Ein Kollege unseres queerelations-Redaktionsteams meinte vor kurzem so treffend: „Es ist doch letztlich nicht so wichtig, warum jemand geschlagen wird oder ausgegrenzt - das soll überhaupt nicht stattfinden! Ob schwul oder hetero: Man behandle Menschen anständig. Punkt."

    Insofern würden wir uns wünschen, dass diese Überlegungen auch im Kontext jeder anderen Form von Diskriminierung hilfreich sein können. Teil 9 wird weitere Ideen zum Umgang mit Queerphobie präsentieren und den vorläufigen Abschluss bilden.