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Umgang mit Queerphobie?! Teil 7: Politisches Handeln

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YASUYOSHI CHIBA via Getty Images
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Aus der Position einer echten Demokratie redet es sich leicht. Wir haben Meinungs- und Versammlungsfreiheit und können uns auf Menschen- und Bürgerrechte berufen. Dennoch erhält in einem Rechtsstaat eine Minderheitenmeinung nur mit Engagement Gehör. Klassisch heißt es, „auf die Straße gehen", um zu zeigen: „Wir sind mit dieser politisch-gesellschaftlichen Entwicklung nicht einverstanden und wir stehen nicht alleine." Straßen-Demonstrationen sind das Sinnbild für Bewegungen und damit medienwirksam... soweit sich die Medien darauf einlassen. Fernseh- und Radiosender, Internetseiten und die Presse haben es in der Hand, wie eine Demonstration bewertet und eingeschätzt wird, welche Parolen und Bilder gezeigt und in welche Ecke Demonstrierende gestellt werden: queere Bürgerrechtsbewegung oder eher querulante Spinner-Ansammlung?

Dadurch werden unterschiedliche Reaktionen provoziert, die dann ihrerseits auf die Straße gehen: Gegendemonstrationen wie in Frankreich gegen die Gleichstellung der Homo-Ehe oder Kundgebungen in Baden-Württemberg gegen die Einführung liberaler Bildungspläne. Das ist Teil der demokratischen Kultur und wir können froh darüber sein. In Russland wurde durch das Anti-Propaganda-Gesetz am 11.06.2013 genau dieses Recht auf Meinungsfreiheit beschnitten und demonstrierende Queers sind der Willkür der Staatsmacht ausgeliefert und werden zu Freiwild für rechtsextreme Gruppen.

Eine rechtsstaatliche Demokratie zeichnet sich nicht nur durch Mehrheits- sondern gerade durch Minderheitenrechte aus. Deshalb ist es auch antidemokratisch, Demonstrationen zu verbieten, weil sie gerade einer Mehrheit nicht passen. Wenn laut renommierten Untersuchungsergebnissen (vgl. Spiegel-Artikel vom 11.06.2013) 90 Prozent der russischen Bevölkerung dieses Verbot unterstützen, 42 Prozent eine Zwangsbehandlung oder Isolierung von Homosexuellen befürworten und 5 Prozent sogar eine "Liquidierung" sexueller Minderheiten empfehlen, heißt das nicht, dass dies auch umgesetzt werden darf. Schließlich stehen hier internationale Menschenrechtskonventionen dagegen, denen auch Russland zugestimmt hat.

Auch wenn Demonstrationen am effektivsten von denen organisiert und angeführt werden, die davon im eigenen Land betroffen sind, ist dies in einigen Fällen unmöglich. Entsprechend müssen dann sowohl internationale Unterstützerkreise als auch jene politischen Kräfte im Land, die sich bereits für Liberalisierung und Demokratisierung allgemein einsetzen, aktiv werden: Gewerkschaften, Reformkirchen, Frauenbewegungen ... Diesen Alliierten kommt große Bedeutung zu, da durch ihrer Einforderung der Menschenrechte und Bewusstmachung von Unrecht eigene und fremde Regierungen unter Druck geraten können.

Weltweit gibt es derzeit sieben Länder, in denen Homosexualität mit der Todesstrafe belegt ist. In über 70 Staaten gibt es Gesetze gegen Queers, und gerade in afrikanischen Staaten werden sie derzeit verschärft (vgl. ILGA-Menschenrechtsbericht Mai 2013 auf tagesschau.de). In den meisten Fällen stecken christliche oder muslimische Fanatiker dahinter. Eine beeindruckende Dokumentation ist der Film „God loves Uganda", in dem der schleichende Krebs der Missionierung durch evangelikale Prediger und Bildungsinitiativen deutlich wird, der zu den aktuellen politischen Auswüchsen in diesem afrikanischen Land geführt hat (Trailer auf YouTube vom 25.09.2013).

Politisches Handeln ist gerade auch in Demokratien auf vielen verschiedenen Ebenen zu denken und nur dann effektiv, wenn ebenfalls auf allen Ebenen gehandelt wird. Die gute Nachricht ist: Wir haben es tatsächlich in der Hand, ob Gerechtigkeit siegt. Die schlechte Nachricht: Wenn wir nichts tun, machen wir uns mitschuldig am Unrecht gegenüber anderen.

Was also tun? Idee 1 bezog sich auf uns selbst: „Die eigenen Vorbehalte als Wegweiser zur persönlichen Entwicklung nehmen" (vgl. Teil 6). Jetzt beziehen wir uns auf die anderen:

Idee 2: Um Verständnis werben und Gesetzesgrundlagen einfordern

Gerade zu Beginn einer Emanzipationsbewegung braucht es Wehrhaftigkeit und Demonstrationen jener, die es betrifft, und jener, die die Betroffenen nicht alleine lassen wollen. Sichtbare Allianzen sind das deutliche Signal, dass man_frau ein Phänomen nicht einfach ignorieren und unterdrücken kann. Aber Sichtbarkeit ist nicht alles. Es braucht letztlich die strukturelle Gleichstellung aller Menschen und entsprechende Antidiskriminierungsgesetze, die in Demokratien auch von Mehrheiten der Wähler_innen abhängig sind. Deshalb muss auch die allgemeine Bevölkerung schrittweise vom Unrecht überzeugt werden, das durch Ungleichbehandlung entsteht. Völlige Gleichbehandlung ist eine Jahrtausendaufgabe!

Die hohen Zustimmungswerte der deutschen Bevölkerung zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften haben ja selbst konservative Politiker_innen und Parteiprogramme Anfang des Jahrtausends zum öffentlichen Umdenken bewegt. Die Gesetze wurden entsprechend angepasst, und inzwischen nimmt das deutsche Bundesverfassungsgericht als juristische Machtsäule im Staat eine Vorreiterrolle in punkto Gleichberechtigung von Queers ein.

Auch andere Autoritäten ziehen nach oder geben weltweit Richtlinien für die Gesetzgebung vor. Immerhin hat die Generalversammlung des Weltärztebundes erklärt, dass Homosexualität keine Krankheit ist (vgl. Mitteilung Bundesärztekammer 22.10.2013). Queers können also weder ansteckend sein, noch wird jemand durch Informationen alleine homo- oder transsexuell! Eine Erkenntnis, die wohl nicht bis nach Russland und in andere queerphobe Staaten vorgedrungen ist, weshalb auch aus internationaler Sicht einem „Anti-Propaganda-Gesetz" dringend widersprochen werden muss (vgl. Wikipedia Artikel zu Homosexualität in Russland).

Noch wichtiger an der Feststellung, dass Homosexualität eine gesunde Lebensweise ist: Damit werden auch „Heilmethoden" abgelehnt. Die Heilung von einer Krankheit war lange Zeit der vorgeschobene Versuch queerphober Aktivisten_innen, Homosexualität zu diskreditieren und mit Gehirnwäschen und Elektroschock-Therapien von homosexuellen Handlungen und Gedanken abzuschrecken. Unter dem unscheinbaren Begriff „Konversionstherapie" lassen sich solche menschenverachtende Ansätze wiederfinden, denen zumindest in Deutschland das Handwerk gelegt werden sollte. Doch bislang kam es nur zu einem Gesetzesentwurf, der im März 2013 von Bündnis 90/Die Grünen eingereicht wurde und seither kontrovers diskutiert wird.

Idee 3: Gutes Timing von Aufstand gegen und Kooperation mit der Mehrheitsgesellschaft

Duckmäusertum hat noch nie zum Fortschritt geführt. Gegen Windmühlen oder Wände zu rennen, bringt auch nicht weiter. Was tun? Verhärtung löst sich - wie bei der Massage - nicht durch Brachialgewalt. Es braucht die richtige Mischung von Druck und Entspannung, von Aktion und Reaktion. In diesem Sinne ist es auch für queere Aktivisten_innen wichtig zu wissen, wie weit sie in der jeweiligen Situation gehen können, ohne zu viele Sympathien zu verspielen. Hierzu gibt es neben der Straßendemonstration zahlreiche Protestformen, die helfen, Ungerechtigkeiten anzuprangern: Mahnwachen, Netzaktivismus, Petitionen, Infostände, Kunstaktionen, Menschenketten, Sitzblockaden, Besetzungen, Flashmobs, Streiks ... Seid kreativ und gewaltfrei, soweit ihr in einem Rechtsstaat lebt!

Vor allem in Un-Rechtsstaaten ist es wichtig, sich mit Teilen der Mehrheitsbevölkerung zu solidarisieren. Um im Bild der Massage zu bleiben: Ist der Muskel total verhärtet, arbeitet man sowohl mit dem umliegenden Gewebe als auch mit den Ansätzen des Muskels. Wenn also bestimmte Themen von Staatsseite tabuisiert sind, müssen angrenzende Themen mit unterstützt werden und zum Beispiel gegen Menschenrechtsverletzungen allgemein vorgegangen werden, um ein Solidaritätsnetzwerk aufzubauen. Die Diskriminierung von Menschen hat aber auch tieferliegende Ansätze, welche erkannt und bearbeitet werden müssen. Dazu haben wir bereits mit den Analysen und Thesen der ersten 5 Teile unserer Blog-Serie einen Beitrag geleistet.

Was hilft nun wirklich beim Umgang mit Queerphobie? Eine unbegründete Phobie behandelt die Verhaltenspsychologie unter anderem mit begleiteter Konfrontation. Bei der Arachnophobie (Angst vor Spinnen) geht man gemeinsam ins Spinnenhaus oder richtet ein Terrarium ein. Bei Höhenangst fährt man_frau mit dem Aufzug in den 30. Stock eines Hochhauses oder unternimmt angeleitete Bergwanderungen. Entsprechend wichtig ist es auch bei Queerphobie, sich den Auseinandersetzungen auf allen Ebenen so oft wie möglich zu stellen und damit persönlich wahrgenommen und respektiert zu werden.

Überall, wo Protagonisten_innen der queeren Szene mutig ins Rampenlicht traten, konnten Befürwortende sich identifizieren und Entgegnende sich mit ihren Argumenten und Emotionen abarbeiten. Kein leichter Job, aber der bislang bewährteste Weg, mit Anliegen in der Mehrheitsmeinung Gehör und Akzeptanz zu finden. Harvey Milk, Menschenrechtsaktivist und erster offen schwul lebender Stadtrat in den USA, war der Meinung, dass Leute mitbekommen müssen, dass ihr Bruder, Lehrer, Freund schwul ist, damit sie Schwule nicht mehr ablehnen. Er selbst wurde bei diesem öffentlichkeitswirksamen Kampf erschossen, ist aber noch heute eine Ikone für Menschenrechte, nicht nur in den USA (vgl. Wikipedia).

Politisches Handeln hat viele Facetten, und die Demonstration ist nur eine mögliche Form, sich ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Welche Erfahrungen haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, denn schon gemacht? Auf unserem queerelations-Themenblog zum Thema „Umgang mit Queerphobie?!" sammeln wir seit mehreren Monaten diverse Hinweise und würden uns freuen, auch Ihre Erfahrungen damit dokumentieren zu können.

Für die kollegiale Bearbeitung dieses Artikels möchte ich mich noch bei Elisabeth Raschke, Dr. Hilmar Sturm und Christian Merten bedanken. Im nächsten Teil werden wir unsere Thesen kurz zusammenfassen und angewandte Psychologie beim Umgang mit Queerphobie betreiben.

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