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Umgang mit Queerphobie?! Teil 6: Was wir dagegen tun können

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In den Teilen 1 bis 5 wurde beschrieben, dass Queerphobie keine Angst im klassischen Sinne ist, sondern eher eine Abwehrreaktion angeblich heterosexuell lebender Menschen, die Menschen mit anderen sexuellen Identitäten und Lebensformen diskriminieren (vgl. Definition Teil 1). Um die Gründe zusammenzufassen, können wir kurz die Überschriften unserer Themenblog-Serie aufgreifen:
1. Angst vor sexueller Freiheit,
2. Fehlender Mut anders zu sein,
3. Fehlende akzeptierte Vorbilder,
4. Psychische Ursachen und
5. Mangel an Alltagserfahrungen.

Nun schließt sich nach viel Analyse die Frage an:

Was kann man_frau dagegen tun?

Soweit die bisherigen Thesen stimmen, können wir sowohl individuell als auch gesellschaftlich, historisch wie interkulturell nachsehen, was gegen Queerphobie und andere Unterdrückungsphänomene wie Sexismus und Xenophobie geholfen hat. Dabei versuchen wir bereits mit unserer Sprache bzw. dem Schriftbild darauf hinzuweisen, dass die Räume zwischen Mann und Frau, zwischen hetero- und homosexuell, zwischen Asexualität und Polyamorie fließend sind.

Die gendersensible Sprache, wie sie z. B. von der Frauenbeauftragten der Universität München in einem Leitfaden zusammengefasst wird, schlägt für allgemeine wie spezifische Personenbezeichnungen diverse Schreibweisen vor, wobei sich im Hinblick auf Transgender, Bigender oder Intersexualität weitere Überlegungen ergeben, die den Transfer oder ein Zwischenstadium beschreiben können:

  • Geschlechtsneutrale Bezeichnung von Personen: „Lesende" statt „Leser" oder „Leserin"
  • Zusammenschreiben mit einem großen „I", wo es möglich ist: „LeserIn"
  • Neue Wortkreationen mit Unterstrich „_" oder Stern „*" zwischen weiblicher und männlicher Form des Begriffs, um sowohl*als_auch auszudrücken: „Leser*in", „Leser_in"; den Querstrich „/" versucht man_frau inzwischen zu vermeiden, da damit eher die entweder/oder-Aussage verstärkt wird: „Leser/in". Eine Schwierigkeit für den Lesefluss sind weibliche Bezeichnungen, die den männlichen Ausdruck nicht nur ergänzen sondern wo die Satzenden nebeneinander geschrieben werden müssten: „Autoren_innen"
  • Ausführlichere Darstellung des Sachverhalts: „von Autoren bis Autorinnen"
  • Verfremdung von Begriffen, die ganz selbstverständlich eine männliche Form für alle Menschen nutzen: „Was kann man_frau dagegen tun?"

In unseren Texten halten wir uns nicht sklavisch daran, aber wenn im Text bereits hie und da mit gendergerechter Sprache gearbeitet wird, entsteht ein Hingucker. Wer sich mit Fragen zu Gender auseinandergesetzt hat, wird einfach weiterlesen. Alle anderen machen sich bewusst oder unbewusst Gedanken, warum so eigenartig mit diesen Worten unserer schönen deutschen Sprache umgegangen wird. Dies sind kleine Irritationen und Stolpersteine unserer Heteronormativität und unseres alltäglichen Sexismus.

Ähnlich wie wir in den ersten Teilen die Begründungen von Queerphobie als „Thesen" formuliert und keine Allgemeingültigkeit behauptet haben, wollen wir Vorschläge, wie damit umgegangen wird, als „Ideen" bezeichnen. Damit ist auch das Satzzeichen am Ende der Überschrift nach wie vor eine Folge von Fragezeichen „?" und Ausrufezeichen „!", da nur Menschen in ihrer individuellen Situation beurteilen können, ob der vorgeschlagene „Umgang mit Queerphobie" für sie sinnvoll ist. Als Mediennetzwerk queerelations stellen wir auch die Ideen an sich in Frage und freuen uns über kritisches Feedback und Diskussionen, auch auf unserem Themenblog.

Idee 1: Die eigenen Vorbehalte als Wegweiser zur persönlichen Entwicklung nehmen

Wenn es um Ideen zum besseren Umgang mit Queerphobie geht: Am besten mal bei sich selbst anfangen. Das Prinzip der Queerphobie lässt sich auch auf andere Vorbehalte und Vorurteile gegenüber anderen übertragen, die wohl jede_r latent mit sich herumschleppt. Dabei gilt die „Zeigefinger-Regel": Von der Hand, mit deren Zeigefinger ich auf andere zeige, deuten drei andere Finger auf mich und jene, die mir folgen. Bereits in den Teilen 4 und 5 stellten wir die Frage nach psychologischen Ursachen und einem Bezug zu eigenen Phobien: "Vor wem, vor welcher Gruppe an Menschen habe ich die größten Vorbehalte? Wen kenne ich davon real? Welche Gefahr geht ernsthaft von ihm/ihr/ihnen aus?"

Zynismus, Sarkasmus und andere intelligente ‚humorvolle' Varianten der Herabsetzung anderer funktionieren vor allem dann besonders gut, wenn man_frau selbst noch keinen entspannten Umgang mit diesem Thema hat. Wenn Witze mit Tabus spielen, polarisieren sie, und während die einen sich ihrer inneren Anspannung durch Lachen entledigen, bleibt den anderen das Lachen bereits im Halse stecken, da sie merken, dass es auf Kosten von Minderheiten geht. Je mehr Leute über die Diskriminierung anderer lachen, desto tabuisierter ist das Thema gesellschaftlich. Tausende von Comedians, Karikaturistinnen und Karikaturisten, Glossen- und Serienschreibenden leben davon.

Ein Blog auf facebook hat den Namen „Jeder hat das Recht diskriminiert zu werden" und meint in der Info zur Gemeinschaft: „Moralapostel können gleich wieder verschwinden". Eine hervorragende Fundgrube, um sich mit gängigen Vorurteilen auseinander zu setzen und zu überprüfen, auf welche Formen der Diskriminierung das eigene Selbst noch anspricht. Wenn ein abgemagerter nackter Mensch, kniend vor der Kulisse eines afrikanischen Hüttendorfes, in den Sand starrt, und die Überschrift lautet „Hat jemand meine Kontaktlinsen gesehen?" dann kann man_frau sich nur wünschen, dass es möglichst viele ‚Moralapostel' bzw. reflektierte Menschen gibt, denen auffällt, über was sie da lachen.

Es fällt nicht leicht, dieses Prinzip der tabuisierten Diskriminierung auch in der Queerphobie (Angst vor Vielfalt) zu erkennen, geschweige denn auch für sich selbst anzuerkennen. Um es nochmal zu betonen, dies gilt nicht bei begründeten Ängsten. Die Angst vor Gewalttaten muss durchaus ernst genommen werden, wenn ich mich in eine Gegend begebe, in der Gewalt herrscht. Mich aber per se vor der Vergewaltigung durch Schwule oder vor dem Übergriff von Lesben zu fürchten, ist nur möglich, wenn ich mich mit diesen Menschengruppen zu wenig auseinandergesetzt habe (vgl. Teil 5). Warum? Habe ich Angst, selbst schwul oder lesbisch zu werden oder meine eigene Homosexualität dadurch öffentlich zu machen?

Auseinandersetzung muss nicht im Kopf beginnen, es können auch spielerische Rollenwechsel sein, die beim Karneval, im therapeutischen Rollenspiel oder bei Theater und Film zugelassen oder gefordert werden. Im Anderssein liegt auch die Chance zu erleben, wie es sich inmitten der Alltagszwänge anfühlt: Sich als Mann in ein Frauenkleid und hochhakige Schuhe zu zwängen und durch die Fußgängerzone zu laufen, oder sich als Frau in die männerdominierte Fankurve eines Fußballstadions zu stellen - womöglich noch im Trikot der Gegenmannschaft - kann „befremden" und je nach gesellschaftlicher Akzeptanz zu heftigen Reaktionen führen. Das Erlebnis des Andersseins macht einerseits deutlich, wieviel Mut und Überwindung es kostet, mit einer Außenseiterrolle gegen den Mainstream anzukämpfen. Es kann aber auch ein Gefühl der Vertrautheit mit der neuen Rolle entstehen, oder gar das Empfinden angekommen zu sein. Diesen Gefühlen nachzugehen wäre dann die weiterführende Herausforderung.

In Teil 7 wird es um Ideen zu gesellschaftspolitischen Umgangsformen gehen, mit denen die Rahmenbedingungen für ein queerphobie-freies Klima geschaffen werden.