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Umgang mit Queerphobie?! Teil 4: Psychische Ursachen

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Der vierte Teil unseres Thesenpapiers zu Queerphobie verweist nach historischen, kulturellen, politischen und medialen Aspekten diesmal auf psychologische Vorgänge. Die Definition in Teil 1 hat deutlich gemacht, dass es bei Queerphobie weniger um nachvollziehbare Ängste als viel mehr um irrationale Phobien bzw. ideologisch-motivierte Aggressionen gegen Minderheiten geht.

Dabei trifft man auch auf eine Reihe pseudowissenschaftlicher Erklärungsversuche, die mit Zahlen unterlegt von Instituten wie dem DIJG vertreten werden. Dort wird dann z.B. erklärt, dass die Probleme und Schwierigkeiten schwuler, lesbischer und transsexueller Menschen daher rührten, dass sie persönliche Labilität, ein Orientierungsdefizit oder gar eine Krankheit bzw. einen Gen-Schaden hätten. Auf Suchmaschinen hoch gerankt, verbreiten dann diese Webportale ein ideologisch verbrämtes Halbwissen und raten z. B. von frühen sexuellen Erfahrungen, einem Coming-out im Jugendalter oder schulischem Aufklärungsunterricht ab. Zahlen werden aus ihrem Zusammenhang gerissen, Schlussfolgerungen uminterpretiert und damit Diskriminierung auf pseudointellektuellem Niveau betrieben.

Wer selbst davon als les-bi-schwul-trans-fühlender Mensch betroffen ist, den lässt diese Ignoranz aufschreien. Für jene, die nicht direkt betroffen sind, bleibt es eine Debatte, in der wir als Mediennetzwerk queerelations mit unseren Thesen durchaus ein Pro für Freiheit, Liebe und Leben bieten können.

These 6: Queerphobie haben vor allem jene, die selbst versteckt queer sind

Psychologisch nachvollziehbar ist der Erklärungsversuch, dass jene, die am heftigsten queere Lebensweisen ablehnen und abstoßend finden, auf die ein oder andere Weise selbst damit in Verbindung stehen. Ein Artikel in der Süddeutsche Zeitung vom 11.04.2012 fasst diese Studienergebnisse aus Großbritannien, den USA und Deutschland zusammen.

Einerseits können es eigene unterdrückte Wünsche, Begehren und Träume sein, die sich herausgefordert fühlen, sich aber nicht trauen, den Vorgaben der Umwelt zu widersprechen. Insbesondere bei autoritären, homophoben Eltern übernehmen dann beispielsweise schwule Söhne sämtliche Stereotype, die laut Heteronorm einen Mann ausmachen. Sie spielen im Fußball härter als die anderen, um nicht als „Tunte" oder „Weichei" zu gelten. Andere, wie der evangelikale US-Prediger Ted Haggard verurteilen immer wieder gleichgeschlechtliche Liebe, bis sie selbst als queer geoutet werden.

Richard Ryan von der University of Rochester warnt davor, über die krasse Heuchelei von queerphoben Hasspredigern, welche selbst bei homosexuellen Handlungen ertappt werden, zu lachen. „Eigentlich sind diese Menschen selbst häufig Opfer von Unterdrückung und nehmen völlig übertriebene Gefühle von Bedrohung wahr." Die damit verbundene Queerphobie und die Verurteilung anderer kann „zu Gewalt gegen Homosexuelle führen - bis hin zum Mord", betont Ryan.

Die Eifersucht auf Freiheiten anderer und die radikale Ablehnung eigener homosexueller Gefühle kann dann dazu führen, was wir von Rechtsradikalen in Russland seit einigen Monaten ins Internet gestellt bekommen: Videos, in denen sie nackte Schwule demütigen. Damit werden ja auch die erotischen Komponenten ihres Tuns offensichtlich, die sich auch andere homophobe Schwule ungestraft ansehen und worüber sie mit ihren Freunden reden können. Vermutlich nutzen sie solche Videos als Ventil für angestaute Frustrationsenergie, als Bestätigung, sich besser nicht zu outen, oder als ‚Test' für die Reaktionen anderer Jungs. In jedem Fall eine extrem belastende Situation für Opfer, Täter und Zuschauer.

Andererseits können Auslöser für den Hass auf Lesben, Schwule, Transsexuelle etc. auch gute Freunde, Lebenspartner_innen oder Kinder sein, die sich aus der queerphoben Welt verabschiedet haben. Wenn sie nach Jahren des heterosexuellen Scheins ihre eigentliche Identität endlich ausleben, stellen sie indirekt das familiäre Glaubenssystem in Frage. In einigen wenigen Fällen geht es bis zum Ehrenmord, wie z.B. die taz am 7.9.2009 über den Fall Ahmet Yildiz berichtete, da die Familie für die Homosexualität des eigenen Kindes verantwortlich gemacht wird und die Schande getilgt werden muss. Aber auch der vollständige Abbruch familiärer Beziehungen ist psychologisch gesehen eine permanente Belastung aller Familienmitglieder. Die Verleugnung von Kindern bzw. Eltern ist systemisch gesehen Ursache für anderweitige Beziehungsstörungen und Krankheiten.

Das tabuisierte soziale Umfeld hat also einen hohen Preis zu zahlen. Und paradoxerweise scheinen jene am feindseligsten gegenüber Queers zu sein, die selbst am meisten unter Identitäts- und Beziehungsstörungen leiden. Sie bräuchten am dringendsten psychologische Hilfe und einen gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Akzeptanz gegenüber Anderen.

These 7: Queerphobie ist Energievergeudung

Ängste sind nur dann sinnvoll, wenn sie uns reale Gefahren immer wieder ins Bewusstsein bringen und davor warnen. Bei irrealen Angstvorstellungen wie der Queerphobie wird hingegen viel Zeit und Energie darauf verwendet, „richtig" zu sein. Je deutlicher das Mann- oder Frau-Sein voneinander unterschieden wird, desto mehr muss der Mensch sich anpassen und permanent auf der Hut sein, andere Anteile der eigenen Persönlichkeit nicht zu zeigen. Der Anpassungsdruck, der im Laufe der Sozialisierung nach innen verlagert wird, kann je nach Dimension zu einer Reihe von Krankheitsbildern bis hin zum Selbstmord führen.

Die Psychologie hat schwer daran zu arbeiten, die Bereitschaft zu etablieren, Alternativen zuzulassen. Queerphobie lebt von einer hart zweigeteilten Grundhaltung, bei der es um „entweder - oder" geht. Dadurch muss sich der Mensch entscheiden, welcher Vorgabe er entspricht. Das gilt für Identitäten (Mann oder Frau) wie für Lebensformen (Zweierbeziehung oder Singledasein) und führt in manchen Fällen - wie bei der Operation von intersexuellen Babys - dazu, dass aus Angst vor gesellschaftlichen Schwierigkeiten frühzeitig und irreversibel über das Kind entschieden wird (vgl. Streitgespräch in der zeit vom 12.01.2012).

Diese Grundhaltung des „entweder - oder" verengt den Blick auf Menschen und macht eine Gesellschaft ärmer. Ein „sowohl - als auch" hingegen öffnet den Horizont und lässt Vielfalt zu. In England ist diese Haltung so weit verbreitet, dass „agree to disagree" (sich einig sein, nicht einig zu sein) als Selbstverständlichkeit gilt. Man_frau lässt Unterschiede zu und vermeidet es Konformität anzustreben. Gerade was menschliche Bedürfnisse betrifft, können demokratische Normen und Regeln zwar helfen, nicht über die Stränge zu schlagen und Rechte anderer nicht zu verletzen. Gleichzeitig gebieten jedoch Menschenrechte und Respekt, dass Minderheitenbedürfnisse berücksichtigt und anerkannt werden.

Auf Tahiti zum Beispiel - wir erinnern uns an das Land mit den androgynen und gleichberechtigten Lebensformen in Teil 1 - wurde vor den Zeiten der Kolonialisierung davon ausgegangen, dass Bedürfnisse anderer befriedigt werden müssen, damit nicht böse Geister das Zusammenleben vergiften. Originäre Moralvorstellungen, wie über Sexualität in der Öffentlichkeit, widersprachen dabei jenen der englischen Eroberer. Ihre Geschichten machen uns heute noch deutlich, wie unterschiedlich gesellschaftliche Normen, familiäre Bande, Beziehungs- und Eheformen sein können, die auch gesellschaftlich akzeptiert bzw. gefordert waren. Unsere Vorstellungen von Richtig und Falsch, von Liebe und Begehren sind abhängig von gesellschaftlichen Übereinkünften, deren Ursprung und Sinnhaftigkeit wir kaum reflektieren.

„Wenn es um sexuelle Normen geht, gibt es keine Allgemeingültigkeit oder Beständigkeit. Im Gegenteil: betrachtet man sie im Kulturvergleich, erscheinen sie eher ganz unbeständig und wandelbar. Die Mitglieder der jeweiligen Gesellschaft mögen sie für vernünftig oder unveränderlich halten, Außenseitern hingegen erscheinen sie oftmals absurd oder unverständlich, Insgesamt ist also in sexuellen Dingen das, was die Menschen als „natürlich" bezeichnen, oftmals nicht mehr als Konvention." (Archiv für Sexualwissenschaften).

Teil 5 wird sich um Thesen aus Alltagserfahrungen drehen. Zwischendurch Dank an meine Kollegen Dr. Julian Klotz, Dr. Hilmar Sturm, Christian Merten aus dem queerelations Mediennetzwerk, welche bei diesen Artikeln im Hintergrund unterstützten und weitere Hinweise gaben.

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