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Umgang mit Queerphobie?! Teil 3: Fehlende akzeptierte Vorbilder

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In den Teilen 1 und 2 haben wir bereits eine Definition von und drei Gründe für Queerphobie vorgestellt. Sie führten ethnologische, gewohnheitsmäßige und machtpolitische Ursachen ins Feld. Die folgenden Thesen berücksichtigen kulturelle Bedingungen und setzen auch bei einem Mangel an Bildung an.

Dabei scheint ja gerade die aus Russland und Frankreich nach Deutschland hereinbrechende Angst, dass Kinder durch Informationen über Schwule und Lesben im Aufklärungsunterricht schwul und lesbisch würden, mit Bildung zusammenzuhängen. Zumindest haben Erziehungsberechtigte Angst, dass die frühzeitige Konfrontation mit „unnormalen" Gedanken im Schulunterricht, jenseits der elterlichen Kontrolle, ihre „hoffentlich heterosexuellen Kinder" verstört.

Doch gerade in der letzten Untersuchung und Forderung der EU-Kommission vom 25.02.2014 wird deutlich, dass insbesondere in Schulen Aufklärung Not tut, da es dort „einen hohen Grad an Homo-/Transphobie gibt". Die feindliche Einstellung gegenüber sexuellen Minderheiten sei eines der Hauptprobleme an deutschen Schulen!

Wird ein homosexuelles Kind in eine heteronormative Welt hineingeboren, ist es extrem schwer, sein Anderssein von sich aus zu thematisieren. Es braucht Orientierung und Unterstützung von außen, um seine Gefühle nicht als „abartig" zu begreifen und sich selbst dafür zu hassen. Die Selbstmordrate bei les-bi-schwulen Jugendlichen ist deshalb fünf Mal höher als bei jenen, die diesen Konflikt nicht haben.

These 4: Queerphobie besteht trotz kulturell akzeptierter Ausnahmen

Es ist verwunderlich, dass in einigen Kulturen das Konzept der „Homosexualität" abgelehnt wird, obwohl bei näherer Betrachtung Liebe und Sexualität unter Geschlechtsgenossen_innen dort bereits akzeptiert wird. Beispiele dafür gibt es nicht nur in den griechischen und arabischen Kulturen, sondern auch in Asien.

Homosexuelle Handlungen unter Männern sind in der Geschichte Japans über Jahrhunderte legal und akzeptiert gewesen (vgl. Homosexualität in Japan). Eine der bekanntesten Unterbrechungen dieser Legalität war ein Zeitraum ab 1907. Die neue Regierung unter Kaiser Meiji lehnte damals ihr neues Strafgesetzbuch an das deutsche StGB an, in dem auch Homosexualität unter Strafe gestellt wurde. Nach dem Krieg wurde dieses Gesetz wieder aufgehoben und dennoch blieben Vorbehalte gegenüber dem westlichen Begriff „Gay", der auf Japanisch Dōseiaisha (同性愛 wörtlich: gleichgeschlechtlich liebende Person) heißt. Homosexuell wird dort nur der Geschlechtsakt bezeichnet und von der Liebesbeziehung zunächst unterschieden.

Man stelle sich nun vor, wie auf einen Japaner / eine Japanerin ein „Gay Pride" wirken muss: ein Haufen ausgeflippter Leute, die sich ohne Moral und romantische Gefühle nur sexuell ausleben wollen. Das Emanzipationskonzept des Westens wird eindimensional wahrgenommen, als Einmischung in die eigene, traditionell anerkannte Moral- und Gefühlswelt gesehen und entsprechend abgelehnt. Was für eine Ironie des Schicksals, dass ein für gut befundenes Strafgesetzbuch ‚made in Germany' aus dem 20. Jahrhundert für Queerphobie im heutigen Japan sorgt.

These 5: Queerphobie braucht positive lebendige Beispiele

Geschichten aus anderen Kulturen und anderen Zeiten helfen, das Bewusstsein zu erweitern. Dennoch braucht es Beispiele queeren Lebens aus dem Hier und Jetzt, um zu sehen, wie es heutzutage in unserer Kultur, in unserem Lebensumfeld gelebt werden kann. Auch politische und juristische Systeme, welche die Grundlagen für das gleichberechtigte Miteinander schaffen, brauchen solche Beispiele. Sie sind abhängig von reflektierten, mutigen und anerkannten Menschen, die ihr Anderssein selbstbewusst nach außen tragen und dafür werben.

Künstler wie Rosa von Praunheim, Hella von Sinnen oder Dirk Bach haben frühzeitig ihre Homosexualität thematisiert. Politiker wie Klaus Wowereit, Ole von Beust, Peter Kurth, Guido Westerwelle und Volker Beck stehen zu ihrer schwulen Identität auch öffentlich. Und im Sport kamen Outings hinzu, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgten und sowohl lesbische (Martina Navratilova) wie schwule Identitäten (Thomas Hitzlsperger) ins Rampenlicht rückten. Dennoch haben sie alle nicht verhindern können, dass es immer noch Menschen gibt, die behaupten „In meiner Familie / meiner Clique / meinem Verein / meiner Schulklasse / meiner Arbeitsstelle gibt es keine Homos bzw. darf es keine geben!"

Es reicht also nicht aus, auf Promis zu verweisen. Es braucht eine lebendige Kultur des Andersseins auf allen Ebenen. Gerade für junge Menschen ist es wichtig, im engsten Freundes- und Bekanntenkreis Beispiele zu kennen, die mit ihren homosexuellen Neigungen oder queeren Identitäten Wege gefunden haben, glücklich zu sein. Und auch für heterosexuelle Eltern, die sich ganz prinzipiell damit anfreunden sollten, dass die eigenen Kinder homosexuell sein könnten, ist es eine Hilfe zu wissen, dass man_frau auch mit anderen Identitäts- und Beziehungsformen ein lebenswertes und glückliches Leben führen kann... so wie Heteros auch.

Nicht unwichtig dabei waren in Deutschland die Medien, welche Homosexualität thematisiert und Geschichten erzählt haben. In den 70-ern war es noch ein Affront, in der ARD Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" zu zeigen. Als mit den privaten Sendern auch die paritätisch festgelegte Welt des Fernsehrates umgangen werden konnte, sind tabuisierte Themen über Talkshows immer stärker in die Öffentlichkeit gelangt. Irgendwann konnten dann auch die Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr umhin, und 1985 erschien mit Georg Uecker der erste Schwule im Serienformat „Lindenstraße" (weiter Infos: Homosexualität im Fernsehen).

Bücher und Zeitschriften sowie Filme im Kino gab es natürlich schon länger. Und seit dem Durchbruch des Internet, kann man_frau sich vor Exhibitionismus in alle Richtungen kaum noch retten. Doch es waren diese Alltagsgeschichten in Zeitschriften und im Fernsehen, welche für viele Jugendliche wie Erwachsene Lebenshilfe boten, und letztlich den breitflächigen Abbau von Queerphobie in Deutschland bewirkten. Nur wenn möglichst viele Menschen ihre unterschiedlichen Identitäts- und Beziehungsformen selbstverständlich und öffentlich leben, wird deutlich, dass die Heteronorm als Norm überholt und widernatürlich ist. Auch unser Mediennetzwerk queerelations will dazu beitragen.

In Teil 4 werden wir uns mit Thesen beschäftigen, welche auf psychische Ursachen von Queerphobie verweisen.

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