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Mit Syrern auf der Flucht nach Europa

22/12/2014 13:35 CET | Aktualisiert 21/02/2015 11:12 CET
Getty

Der Reporter Wolfgang Bauer und der Fotograf Stanislav Krupar haben syrische Flüchtlinge begleitet, in ihren Verstecken in Ägypten, auf dem Flüchtlingsboot nach Europa. Die Journalisten lassen sich Bärte wachsen, legen sich neue Identitäten zu. Wer sie wirklich waren, durften die Schmuggler nicht erfahren. Die Überfahrt scheitert, sie werden auf der Insel Nelson Island von der ägyptischen Polizei festgenommen - und als Europäer abgeschoben.

Einige der anderen Flüchtlinge schaffen es später. Und rufen Bauer an. Wer nun glaubt, die Willkür der Behörden sei hier in Europa zu Ende, irrt.

Fast zweitausend Kilometer entfernt, jenseits des Mittelmeeres, jenseits der Alpen, klingelt bei mir, dem Reporter, das Telefon. Ich habe mir nach der Zeit in Ägypten und der Abschiebung in die Türkei eine kleine Auszeit genommen. Seit meiner Rückkehr sind vier Wochen vergangen. Ich sitze wieder am Schreibtisch, arbeite wieder an unterschiedlichsten Projekten. Ich nehme den Hörer ab. »Es ist vorbei«, sagt Alaa ins Handy. »Wir sitzen auf einem italienischen Kriegsschiff. Neben mir ist Hussan. Du müsstest ihn sehen: Er grinst von einem Ohr zum anderen.«

So kommt es, dass der Reporter, der über Schmuggler schreibt, plötzlich selber zum Schmuggler wird.

Unsere Gesetze dienen dazu, uns, die Menschen, zu schützen und die Gesellschaft besser zu machen. Es kommt aber vor, dass unsere Gesetze Menschen gefährden und die Gesellschaft schlechter machen. Soll man sich dann an diese Gesetze halten? »Wir helfen euch«, hatten der Fotograf Stanislav Krupar und ich dem Brüderpaar im Gefängnis versprochen. »Wenn ihr Italien erreicht, holen wir euch ab.« Wir wollen verhindern, dass sie ihr Leben abermals Kriminellen anvertrauen. Verhindern, dass Alaa, Hussan und Baschar erneut ihr Leben riskieren. Wir verstoßen mit diesem Versprechen gegen geltendes Recht. Wir werden Menschen ohne gültige Einreisepapiere, ohne gültiges Visum durch Europa transportieren. Mit Heldenmut hat das alles wenig zu tun, viel aber damit, nicht den Respekt vor sich selbst zu verlieren.

Alaa und Hussan ist es gelungen, die Außengrenze der EU zu durchbrechen, nun aber müssen sie noch quer durch Europa. Der Kontinent, der in den letzten Jahren nach außen hin zur Festung wurde, unterteilt sich im Inneren in zwei Sicherheitszonen, den Süden und den Norden. Die erste ist durch das Mittelmeer geschützt. Wie ein gigantischer Wassergraben schirmt es das Refugium der Besitzenden von den Ländern der Besitzlosen ab, trennt es die Menschen, die in Sicherheit leben, von denen, die im Kriegszustand sind. Wer diese Hürde überwunden hat, stößt bald auf eine zweite: die Alpen. Die Pässe des Gotthard und des Brenner.

Die Straße, auf die sich Alaa und Hussan in Mailand nicht trauen, weder am Tag noch in der Nacht, die Gasse, in der ihr Versteck liegt, ist düster und fast menschenleer. Ich parke den fabrikneuen Miet-BMW mit einem unguten Gefühl, es ist kurz nach Mitternacht.

Eine einzige Kneipe hat offen,vor ihrem Eingang schlägt eine Gruppe betrunkener junger Männer auf einen einzelnen Wehrlosen ein. »Das ist keine gute Gegend«, sagt Rafik, 26, der Bruder von Alaa und Hussan, der mich und Stanislav Krupar hierhergeführt hat. Er ist der Mutigste der Familie, der es als Erster gewagt hat, über das Meer zu setzen und es letztes Jahr mit dem Boot nach Italien und dann nach Schweden geschafft hat. Dort lebt er jetzt als anerkannter Flüchtling und darf innerhalb Europas legal reisen. Als ihn Alaa von Sizilien aus anrief, ist er nach Mailand gekommen. Rafik fühlt sich dafür verantwortlich, dass seine Brüder unbeschadet nach Schweden gelangen.

Hastig laufen wir die Straße entlang, Rafik voran, in Sorge, dass wir von Anwohnern gesehen werden, dass der BMW gestohlen wird. Wir verschwinden in einem Hauseingang, eilen die enge Treppe hinauf. Ein Ägypter vermietet die Wohnung zu Wucherpreisen an Illegale, hundertfünfzig Euro die Nacht. Er darf nichts von uns wissen.

Alaa öffnet die Tür, führt uns hinein in den Verschlag aus zwei schmalen Zimmern. Es ist das erste Wiedersehen nach unserer Abschiebung aus Ägypten: Er hat einige Kilo verloren, wirkt sehr erschöpft nach den Tagen auf dem Boot. Die Haut spannt über seinem Gesicht. Er ist nervös. Es ist so wie immer: Alle Sorgen drücken auf Alaas Schultern - während sein jüngerer Bruder Hussan schläft.

Wir bleiben nur kurz, planen, am nächsten Morgen die Alpen zu überqueren. Ich gebe ihnen die dunklen Herrenanzüge, die mir ein Freund geliehen hat. Sie sollen bei der morgigen Fahrt nicht wie Flüchtlinge aussehen, wenigstens nicht auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick erkennt man Illegale immer: an der Angst in den Augen.

Die Polizei hat sie auf Sizilien nach nur einer Nacht aus dem Camp entkommen lassen, wie fast alle anderen, die mit ihnen übers Meer kamen. Italiens Regierung boykottiert die europäischen Asylgesetze. Sie will die Lasten der großen Massenflucht aus dem Süden nicht alleine tragen. Alaa und Hussan mussten deswegen ihre Fingerabdrücke nicht abgeben. Italien will sie loswerden, Italien will sie nicht halten. Im Zug von Sizilien nach Mailand hat Alaa dann überall bekannte Gesichter gesehen. Es sind fast ausschließlich Syrer, die in den Abteilen sitzen, dösend, mit den Köpfen gegen die Fenster gelehnt, fast alle Passagiere der »Al Basam«.

Nur der Schmugglerkapitän und die Mannschaft haben es nicht in den Zug geschafft. Sie wurden bereits im Hafen verhaftet, weil sie einer der Flüchtlinge heimlich an die Behörden verriet. Zu skrupellos war der Skipper gewesen.

Im Gefängnis II

Der Morgen, an dem wir Mailand verlassen, ist trüb, Stau auf den Autobahnen. Die drei Syrer hocken auf der Rückbank, in ihren schlecht sitzenden Anzügen. Rafik, ihren Bruder, haben wir in der Stadt zurückgelassen. Für den Abend hat er seinen Rückflug nach Schweden gebucht. Auf den ersten Kilometern erzählt Alaa viel, von den Booten und dem Meer. Hussan und Baschar fallen wieder in tiefen Schlaf. So viele Tage haben sie kaum schlafen können. Aus der Po-Ebene fahren wir in die Alpen. Ich habe mich für Österreich entschieden. Der Weg über die Schweiz ist zwar kürzer, doch sollen die Grenzen dort noch stärker kontrolliert werden. Sanfte Weinberge breiten sich um uns aus, dann steile Wiesenhänge, dunkle Wälder, Felswände. Mit jedem Kilometer wird es kälter. Der letzte Schnee liegt auf den Hängen. Hussan erwacht und starrt stumm auf die schroffe Bergwelt. Noch nie hat der 20-Jährige solche Höhen gesehen.

An den Tankstellen bleiben die drei im Wagen, aus Angst, an den Raststätten auf fliegende Polizeikommandos zu stoßen.

Wie bei einem Countdown zählen wir die Entfernungsmarken laut herunter. 240 Kilometer, 210 Kilometer, 110 Kilometer, 50 Kilometer, 22 Kilometer, 9 Kilometer nur noch, doch mit einem Mal ist sie verschwunden, diese Grenze. Wir haben sie überquert, ohne sie überhaupt zu bemerken. Es gibt keine Schranke, keinen gemalten Strich an der Stelle, wo aus Italien die Republik Österreich wird. »War das die Grenze?«, fragt Alaa irritiert. Die Verkehrsschilder wechseln ihre Farbe - es ist Österreich. Wir klatschen uns ab, fahren auf der Brennerautobahn ins Tal hinab, nach Innsbruck, passieren noch eine letzte lästige Mautstelle, zahlen noch einmal 10,50 Euro, um endlich weiterzukommen, als direkt hinter unserer Ausfahrt ein Streifenwagen der Landespolizeidirektion Innsbruck steht. Ein Beamter beugt sich zu uns hinein. »Papiere bitte.«

Ich werde verhaftet, zum zweiten Mal innerhalb eines Monats. Die Handschellen erspart man mir auch hier. Der BMW wird durchsucht, mein Handy beschlagnahmt. Ich werde vom Rest der Gruppe getrennt. »Wir haben hier einen Schlepper«, meldet der Inspektor über Funk seiner Einsatzzentrale. Ich gelte als Täter, da ich am Steuer saß. Zwei Beamte in Zivil führen mich ab. Ich strecke ihnen die Hand entgegen, aber sie ergreifen sie nicht. »Das entscheide immer noch ich selber, wem ich die Hand gebe«, raunzt einer. »Sie sitzen tief in der Scheiße«, sagt der andere. Wortlos fahren sie mich den Brenner hinunter in die Polizeidirektion nach Innsbruck, nehmen mir dort Schuhe und Gürtel ab und sperren mich in eine Arrestzelle. Für sie, das signalisieren sie mir deutlich, bin ich jetzt ein Krimineller auf einer Stufe mit Entführern und Raubmördern.

Wir haben gewusst, dass so etwas passieren kann. Österreichisches Fremdenpolizeigesetz, Paragraf 114: Das Delikt der Schlepperei kann mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug bestraft werden - wenn es gewerbsmäßig betrieben wird oder eine »größere Zahl von Fremden« ins Land gebracht wurde. Ich bin mir bewusst, dass mir keine Haftstrafe droht, weil keines der beiden Tatbestandsmerkmale erfüllt ist. Ich bin aber trotzdem nervös, schließlich weiß ich nicht, wie lange die österreichische Polizei braucht, um mir das zu glauben.

Den Nachmittag verbringe ich in diversen Zellen. Nach der Arrestzelle werde ich in den U-Haft-Block überführt. Für zwei Stunden warte ich in einer Schubzelle, zweimal zwei Meter groß, fensterlos, mit einem Schlitz unter der Decke, durch den ich gelegentlich nach persönlichen Angaben befragt werde. Aus der Schubzelle führt mich ein Beamter in die Zelle 46. Er drückt mir Bettzeug in die Hand und kündigt das Abendessen an. Zwei Scheiben Brot und zwei weichgekochte Eier.

Was würde ich jetzt geben für eine Xanax-Pille von Amar.

Über die Alpen!

Alaa und die beiden anderen, erzählen sie mir später, werden auf der Polizeidirektion in Innsbruck getrennt verhört. Ein ägyptischstämmiger Übersetzer wird hinzugezogen. Mit Hussan hält er sich am längsten auf, er spürt, er ist der Ängstlichste. »Sag uns die Wahrheit«, drängt der Übersetzer. »Was habt ihr dem Schmuggler gezahlt?« Sie erzählen alle die Wahrheit: dass nämlich nichts gezahlt wurde. »Warum schützt du diesen Mann?«, fragt der Übersetzer Hussan. Der Mitarbeiter der Polizei bietet an, sie alle drei über die Alpen nach Deutschland zu bringen, höchstselbst - wenn Hussan den Schlepper, also mich, belaste. »Das habe ich für eine syrische Familie, die wir verhaftet hatten, gestern genauso getan.« Die österreichischen Polizisten sitzen daneben und können dem auf Arabisch geführten Verhör mit seinen Drohungen und Lügen nicht folgen.

Wenige Stunden später werden die Flüchtlinge in einem Streifenwagen zurück auf den Brenner gefahren. Sie mussten zuvor eine Strafe von dreihundert Euro für illegalen Grenzübertritt zahlen. Die Österreicher nehmen ihre Fingerabdrücke, versichern aber, die Informationen würden nicht an die EURODAC übermittelt, die zentrale EU-Datenbank für Asylbewerber. Auch Österreich will sie nicht. Die Daten würden nur in die allgemeine polizeiliche Erfassung eingespeist, die der generellen Verbrechensbekämpfung diene. Auf dem Brenner werden die drei den italienischen Behörden übergeben. Dort bietet ihnen der diensthabende Beamte zwei Optionen an:

Sie können den Zug nach Österreich besteigen. Er sucht ihnen sogar zwei Zugverbindungen nach Deutschland heraus, von denen er weiß, dass in ihnen keine Personenkontrollen stattfinden, weil um diese Uhrzeit die Schichten wechseln. Er schreibt ihnen die Angaben auf einen Zettel und drückt Alaa das Papier aufmunternd in die Hand.

Oder, sagt der Grenzer, sie nehmen den Zug nach Mailand.

Sie entscheiden sich für Mailand, weil sie nicht noch einmal über die Berge wollen, rufen ihren Bruder Rafik an, der rasch seinen Flug storniert und sie am nächsten Morgen am Hauptbahnhof der Stadt abholt - mit einem neuen Plan.

Ich werde gegen Abend freigelassen, weil die Ermittler keine Anhaltspunkte für »gewerbliche Schlepperei« finden konnten. Ich erhalte Gürtel, Schuhe und mein Handy zurück. Sie täten nur ihre Pflicht, sagen die Kommissare. Ihre Arbeit sei undankbar. Sie erzählen, wie frustrierend der Dienst derzeit sei, wie viele Flüchtlinge jetzt über den Brenner kämen. »Wir nehmen sie fest, fahren sie zur Grenze, und ein paar Stunden später sind sie wieder hier.« Ich werde angehalten, ein Formular zu unterschreiben, mit dem ich bestätige, dass ich in der Zelle mit ausreichend Trinkwasser versorgt wurde, und darf danach gehen. Zusammen mit dem Fotografen setze ich die Fahrt nach Deutschland fort, mit leerer Rückbank.

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Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Über das Meer. Mit Syrern auf der Flucht nach Europa. Eine Reportage" von Wolfgang Bauer, Edition Suhrkamp, 14 Euro.


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Video: Hilfe für Menschen auf der Flucht: So viele Flüchtlinge erwartet Deutschland im nächsten Jahr