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Russland ist ein Panzer, dem der Treibstoff ausgeht

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
PUTIN
Sputnik Photo Agency / Reuters
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"Wie ticken die Russen?", werde ich von Journalisten, Freunden, Nachbarn gefragt.

"Was haben sie pl├Âtzlich?"

"Alles gut", sage ich.

Schlie├člich werden beinahe w├Âchentlich in Russland Umfragen ver├Âffentlicht, denen zufolge es der Mehrheit prima geht.

Sie freut sich ├╝ber ihren gr├Â├čer werdenden Staat und ihren Pr├Ąsidenten, den besten der Welt. Die Leute w├╝rden ihn sofort lebensl├Ąnglich w├Ąhlen, wenn er sie fragen w├╝rde.

Er fragt sie aber nicht.

Das Land steuert zur├╝ck in die Vergangenheit, und je schneller es zur├╝ckgeht, desto mehr freuen sich die B├╝rger.

Man muss die Vorgeschichte kennen, um ihre Freude zu verstehen.

Die Bedeutung des Kr├Ąftegleichgewichts

Im Normalfall wird jedes Land von drei gegeneinander gerichteten Kr├Ąften beherrscht: ├ľkonomie, Politik und Kultur.

Die kapitalistische ├ľkonomie sammelt die Menschen in einer Art Pyramide. Ihre Plattform bilden die Armen, die Mittellosen; oben an der Spitze haben sich die Reichen eingenistet. Wenn die ├ľkonomie allein herrschen w├╝rde, k├Ânnte sich die Pyramide schnell in einen Vulkan verwandeln.

Dagegen steuert die Politik.

Sie setzt Grenzen, schafft Gesetze und Abkommen und zieht die Pyramide auseinander.

Sie soll die Macht der Reichen d├Ąmpfen und die Armen unterst├╝tzen, sie sorgt f├╝r Luft in der Pyramide, damit die Menschen unter den wirtschaftlichen Zw├Ąngen nicht ersticken.

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├ťber diesem Gebilde weht die Kultur, die dritte Kraft, die aus Menschen Pers├Ânlichkeiten macht, sie zu Individuen werden l├Ąsst.

Nur ein st├Ąndiges Gegeneinanderwirken dieser Kr├Ąfte h├Ąlt eine Gesellschaft in Gang. F├Ąllt eine aus, kippt das Ganze um.

Partei an der Macht

In meiner Heimat, der Sowjetunion, wurden siebzig Jahre lang alle drei Kr├Ąfte von einer Hand geb├Ąndigt.

Die Partei hatte die Macht.

Ihr Generalsekret├Ąr war gleichzeitig der Wirtschaftslenker, der oberste Politiker und der Hauptkulturschaffende des Landes.

Er plante die Produktion und die Entlohnung, er schrieb die B├╝cher und f├╝llte mit seinen Auftritten das Fernsehprogramm. Der Bev├Âlkerung wurde die passive Zuschauerrolle zugeteilt. Eigeninitiative war strafbar.

Und schlie├člich gew├Âhnten sich die Menschen daran, dass alle wichtigen Entscheidungen im Leben des Landes ohne ihr Mittun gef├Ąllt wurden.

In gewisser Weise war es sogar eine Erleichterung.

Aus anderen L├Ąndern, in denen die B├╝rger auf sich selbst angewiesen waren, kamen n├Ąmlich schlechte Nachrichten. Im Fernsehen, dem einzigen Fenster zur Welt, sah man regelm├Ą├čig amerikanische Arbeitslose, die in Pappkartons unter Br├╝cken schliefen, und Europ├Ąer, die gewissenlos von ihren Kapitalisten ausgebeutet wurden.

Die sowjetischen Fernsehjournalisten reisten im Auftrag der B├╝rger durch die kapitalistische Welt und lieferten flei├čig Bilder des Zerfalls und der Unterdr├╝ckung.

Die B├╝rger selbst durften nicht verreisen.

Der Panzer ohne Treibstoff

Dieser Zustand endete abrupt mit dem Fall des Sozialismus und der Aufl├Âsung der gro├čen Sowjetunion.

Seit Anfang der Neunzigerjahre konnten die Russen die gro├če weite Welt auf eigene Faust erforschen, sie brauchten daf├╝r keine Ausreisegenehmigung mehr.

Das gro├če Kennenlernen fand jedoch nicht statt.

Nur acht Prozent der B├╝rger der russischen F├Âderation machten von ihrem Recht auf Weltreisen Gebrauch. Die H├Ąlfte davon fuhr ausschlie├člich in den Urlaub nach ├ägypten und in die T├╝rkei. Die dortige Welt hat sie allerdings nicht sonderlich ├╝berzeugt.

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Die ├╝brigen vier Prozent flogen nach Amerika und Europa. Zur├╝ckgekehrt erz├Ąhlten sie von europ├Ąischen Autobahnen, lachten ├╝ber die ├╝bertriebene, aufgesetzte Freundlichkeit der Amerikaner und wunderten sich, dass russische Birken ├╝berall wuchsen und t├Ąuschend echt "russisch" aussahen.

"Wir sollten vielleicht auch anfangen, h├Ąssliche H├Ąuser durch neue zu ersetzen und Stra├čen zu bauen. Dann werden sich vielleicht auch bei uns die Menschen freundlicher anschauen", sagten die vier Prozent.

Manche Menschen entwickeln sich dynamischer als ihre L├Ąnder┬á- je gr├Â├čer das Land, umso tr├Ąger die Masse.

Der Umbau des Lebens erfordert die pers├Ânliche Verantwortung jedes Einzelnen, aber daran waren die Menschen nicht gew├Âhnt.

Sie sagten, nein, lasst mal lieber alles so, wie es ist. Wir sind nicht Europa.

Ein Journalist verglich das Land neulich mit einem alten sowjetischen Panzer, dem 1991 der Treibstoff ausgegangen war.

Man versuchte daraufhin mit allen Mitteln, die Maschine wieder in Gang zu bringen: mit europ├Ąischen Werten, mit Menschenrechten, mit Modernisierung, mit Sonnenenergie. Nichts hat geholfen.

Dann gab man einen Tropfen Nationalstolz in den Tank, zwei L├Âffel Patriotismus und ein Gl├Ąschen Fremdenhass: "Wir sind nicht Europa, wir haben unsere eigene russische Welt."

Sofort sprang der Panzer an und machte hundert Meter in drei Sekunden, ein Weltrekord.

Mag sein, dass dieser Cocktail f├╝r l├Ąngere Strecken nicht taugt, aber f├╝r kurze Distanzen ist er unschlagbar.

Leider kann man den Panzer bei solchen Spr├╝ngen nicht steuern.

Die Wahrscheinlichkeit, im Graben zu landen, ist sehr hoch, die Stra├čen sind schlecht, besonders im Fr├╝hling.

Aber Spa├č muss sein. Die Russen fahren gerne schnell.

Hauptsache wir sind nicht Europa!

Die neue Parole kam supergut an: Wir sind nicht Europa!

Wir m├╝ssen also doch keine Autobahnen bauen und keine Stra├čen fegen. Wir bleiben, wie wir sind, und wir sind die Besten! Wir haben den besten Pr├Ąsidenten, auf den Rest verzichten wir.

Ihre B├╝rgerrechte kann sich die Welt in den Arsch schieben. Uns soll sie in Ruhe lassen, und wem das nicht gef├Ąllt, der kann abhauen.

Hallo, ehemals sowjetische, russische Br├╝der der Ostukraine, kommt zu uns zur├╝ck!

Die Botschaft wurde erh├Ârt.

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Wenig sp├Ąter gingen in Donezk und Charkow die Menschen auf die Stra├če. Ob Einheimische oder Zugereiste, blieb unklar.

In Charkow verlief sich ihre Demo, und sie besetzten statt des Rathauses die Oper. Tosca.

Im Nachhinein sagten sie jedoch, das w├Ąre der Plan gewesen: zuerst die Oper und dann das Rathaus zu besetzen.

An einem anderen Platz wollten die Menschen zur Einstimmung die russische Hymne singen, doch keiner kannte den Text.

Aber der Text ist egal.

Hauptsache wir sind nicht Europa, Opa!

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus Goodbye Moskau. Betrachtungen ├╝ber Russland (Goldmann Taschenbuch Originalausgabe, 2017)
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