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Russland ist ein Panzer, dem der Treibstoff ausgeht

02/03/2017 17:57 CET | Aktualisiert 02/03/2017 17:57 CET
Sputnik Photo Agency / Reuters

"Wie ticken die Russen?", werde ich von Journalisten, Freunden, Nachbarn gefragt.

"Was haben sie plötzlich?"

"Alles gut", sage ich.

Schließlich werden beinahe wöchentlich in Russland Umfragen veröffentlicht, denen zufolge es der Mehrheit prima geht.

Sie freut sich über ihren größer werdenden Staat und ihren Präsidenten, den besten der Welt. Die Leute würden ihn sofort lebenslänglich wählen, wenn er sie fragen würde.

Er fragt sie aber nicht.

Das Land steuert zurück in die Vergangenheit, und je schneller es zurückgeht, desto mehr freuen sich die Bürger.

Man muss die Vorgeschichte kennen, um ihre Freude zu verstehen.

Die Bedeutung des Kräftegleichgewichts

Im Normalfall wird jedes Land von drei gegeneinander gerichteten Kräften beherrscht: Ökonomie, Politik und Kultur.

Die kapitalistische Ökonomie sammelt die Menschen in einer Art Pyramide. Ihre Plattform bilden die Armen, die Mittellosen; oben an der Spitze haben sich die Reichen eingenistet. Wenn die Ökonomie allein herrschen würde, könnte sich die Pyramide schnell in einen Vulkan verwandeln.

Dagegen steuert die Politik.

Sie setzt Grenzen, schafft Gesetze und Abkommen und zieht die Pyramide auseinander.

Sie soll die Macht der Reichen dämpfen und die Armen unterstützen, sie sorgt für Luft in der Pyramide, damit die Menschen unter den wirtschaftlichen Zwängen nicht ersticken.

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Über diesem Gebilde weht die Kultur, die dritte Kraft, die aus Menschen Persönlichkeiten macht, sie zu Individuen werden lässt.

Nur ein ständiges Gegeneinanderwirken dieser Kräfte hält eine Gesellschaft in Gang. Fällt eine aus, kippt das Ganze um.

Partei an der Macht

In meiner Heimat, der Sowjetunion, wurden siebzig Jahre lang alle drei Kräfte von einer Hand gebändigt.

Die Partei hatte die Macht.

Ihr Generalsekretär war gleichzeitig der Wirtschaftslenker, der oberste Politiker und der Hauptkulturschaffende des Landes.

Er plante die Produktion und die Entlohnung, er schrieb die Bücher und füllte mit seinen Auftritten das Fernsehprogramm. Der Bevölkerung wurde die passive Zuschauerrolle zugeteilt. Eigeninitiative war strafbar.

Und schließlich gewöhnten sich die Menschen daran, dass alle wichtigen Entscheidungen im Leben des Landes ohne ihr Mittun gefällt wurden.

In gewisser Weise war es sogar eine Erleichterung.

Aus anderen Ländern, in denen die Bürger auf sich selbst angewiesen waren, kamen nämlich schlechte Nachrichten. Im Fernsehen, dem einzigen Fenster zur Welt, sah man regelmäßig amerikanische Arbeitslose, die in Pappkartons unter Brücken schliefen, und Europäer, die gewissenlos von ihren Kapitalisten ausgebeutet wurden.

Die sowjetischen Fernsehjournalisten reisten im Auftrag der Bürger durch die kapitalistische Welt und lieferten fleißig Bilder des Zerfalls und der Unterdrückung.

Die Bürger selbst durften nicht verreisen.

Der Panzer ohne Treibstoff

Dieser Zustand endete abrupt mit dem Fall des Sozialismus und der Auflösung der großen Sowjetunion.

Seit Anfang der Neunzigerjahre konnten die Russen die große weite Welt auf eigene Faust erforschen, sie brauchten dafür keine Ausreisegenehmigung mehr.

Das große Kennenlernen fand jedoch nicht statt.

Nur acht Prozent der Bürger der russischen Föderation machten von ihrem Recht auf Weltreisen Gebrauch. Die Hälfte davon fuhr ausschließlich in den Urlaub nach Ägypten und in die Türkei. Die dortige Welt hat sie allerdings nicht sonderlich überzeugt.

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Die übrigen vier Prozent flogen nach Amerika und Europa. Zurückgekehrt erzählten sie von europäischen Autobahnen, lachten über die übertriebene, aufgesetzte Freundlichkeit der Amerikaner und wunderten sich, dass russische Birken überall wuchsen und täuschend echt "russisch" aussahen.

"Wir sollten vielleicht auch anfangen, hässliche Häuser durch neue zu ersetzen und Straßen zu bauen. Dann werden sich vielleicht auch bei uns die Menschen freundlicher anschauen", sagten die vier Prozent.

Manche Menschen entwickeln sich dynamischer als ihre Länder - je größer das Land, umso träger die Masse.

Der Umbau des Lebens erfordert die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen, aber daran waren die Menschen nicht gewöhnt.

Sie sagten, nein, lasst mal lieber alles so, wie es ist. Wir sind nicht Europa.

Ein Journalist verglich das Land neulich mit einem alten sowjetischen Panzer, dem 1991 der Treibstoff ausgegangen war.

Man versuchte daraufhin mit allen Mitteln, die Maschine wieder in Gang zu bringen: mit europäischen Werten, mit Menschenrechten, mit Modernisierung, mit Sonnenenergie. Nichts hat geholfen.

Dann gab man einen Tropfen Nationalstolz in den Tank, zwei Löffel Patriotismus und ein Gläschen Fremdenhass: "Wir sind nicht Europa, wir haben unsere eigene russische Welt."

Sofort sprang der Panzer an und machte hundert Meter in drei Sekunden, ein Weltrekord.

Mag sein, dass dieser Cocktail für längere Strecken nicht taugt, aber für kurze Distanzen ist er unschlagbar.

Leider kann man den Panzer bei solchen Sprüngen nicht steuern.

Die Wahrscheinlichkeit, im Graben zu landen, ist sehr hoch, die Straßen sind schlecht, besonders im Frühling.

Aber Spaß muss sein. Die Russen fahren gerne schnell.

Hauptsache wir sind nicht Europa!

Die neue Parole kam supergut an: Wir sind nicht Europa!

Wir müssen also doch keine Autobahnen bauen und keine Straßen fegen. Wir bleiben, wie wir sind, und wir sind die Besten! Wir haben den besten Präsidenten, auf den Rest verzichten wir.

Ihre Bürgerrechte kann sich die Welt in den Arsch schieben. Uns soll sie in Ruhe lassen, und wem das nicht gefällt, der kann abhauen.

Hallo, ehemals sowjetische, russische Brüder der Ostukraine, kommt zu uns zurück!

Die Botschaft wurde erhört.

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Wenig später gingen in Donezk und Charkow die Menschen auf die Straße. Ob Einheimische oder Zugereiste, blieb unklar.

In Charkow verlief sich ihre Demo, und sie besetzten statt des Rathauses die Oper. Tosca.

Im Nachhinein sagten sie jedoch, das wäre der Plan gewesen: zuerst die Oper und dann das Rathaus zu besetzen.

An einem anderen Platz wollten die Menschen zur Einstimmung die russische Hymne singen, doch keiner kannte den Text.

Aber der Text ist egal.

Hauptsache wir sind nicht Europa, Opa!

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus Goodbye Moskau. Betrachtungen über Russland (Goldmann Taschenbuch Originalausgabe, 2017)

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