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Egal ob Lisa, Kevin oder Mehmet - jedes Kind muss die gleichen Aufstiegschancen haben

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WINFRIED KRETSCHMANN
Baden-Wuertemberg's State Prime Minister Winfried Kretschmann speaks during Germany's Green Party convention in Kiel November 26, 2011. REUTERS/Morris Mac Matzen (GERMANY - Tags: POLITICS HEADSHOT) | getty images
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Ich war ein FlĂŒchtlingskind. Meine Eltern sind nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen ins SchwĂ€bische Land geflohen. Es war nicht einfach, hier Fuß zu fassen. Aber uns ist damals - wie vielen anderen auch - der soziale Aufstieg gelungen.

Ein solcher Aufstieg ist heute lÀngst nicht mehr selbstverstÀndlich. Deutschland ist zwar ein wohlhabendes Land, die Wirtschaft lÀuft und die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr.

Als Exportweltmeister profitieren wir von der Globalisierung. Aber es gibt auch eine andere Seite: Immer mehr Menschen sind prekĂ€r beschĂ€ftigt. Arbeitnehmer mit einfachen TĂ€tigkeiten tun sich heute schwerer eine Familie zu ernĂ€hren als frĂŒher. Und die Perspektive, dass es den eigenen Kindern einmal besser gehen wird, ist unsicherer geworden.

Damit dĂŒrfen wir uns nicht abfinden. Wir mĂŒssen das Aufstiegsversprechen der sozialen Marktwirtschaft wieder mit neuem Leben fĂŒllen. DafĂŒr braucht es eine innovative und zielgerichtete Sozialpolitik, die niemanden im Stich lĂ€sst. Familien mĂŒssen gestĂ€rkt, entlastet und unterstĂŒtzt werden.

It's the education, stupid

Der entscheidende SchlĂŒssel ist aber: Bildung. Egal ob Cleverle oder TrĂ€umerle, ob Überflieger oder SpĂ€tstarter - jeder junge Mensch soll etwas aus seinem Leben machen können. Und das heißt: Er soll den fĂŒr ihn besten und passenden Bildungsabschluss erreichen können.

Wir wollen mit unserer Bildungspolitik in Baden-WĂŒrttemberg Leistung fĂŒr alle und Aufstieg durch Bildung ermöglichen. Als ehemaligen Lehrer treibt mich dieses Ziel an.

Bereits die MĂŒtter und VĂ€ter unserer Landesverfassung haben erkannt, wie wichtig Bildungsgerechtigkeit ist: „Jeder junge Mensch hat ohne RĂŒcksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage das Recht auf eine seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung", heißt es in der baden-wĂŒrttembergischen Verfassung.

Das ist fĂŒr meine Landesregierung Auftrag und Ansporn zugleich. Das gilt umso mehr als Studien zeigen, dass der Bildungserfolg eines Kindes noch immer stark vom Geldbeutel und der Herkunft seiner Eltern abhĂ€ngt.

So hat die Tochter eines Anwalts eine viel höhere Chance, Abitur zu machen und zu studieren, als der Sohn eines Arbeiters.

Das mĂŒssen wir ĂŒberwinden. Mir geht es darum, den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft zu entkoppeln. Um mit einem verbreiteten MissverstĂ€ndnis aufzurĂ€umen: Das heißt nicht, dass wir die AnsprĂŒche senken.

Vielmehr wollen wir ermöglichen, dass jedes Kind Leistung erbringen und seine Talente entfalten kann - egal ob es Lisa, Kevin oder Mehmet heißt, egal ob seine Eltern Ärzte oder Krankenpfleger sind.

Auf den Anfang kommt es an

Dabei kommt es besonders auf den Anfang an. Denn wir lernen nie wieder so schnell wie in den ersten Lebensjahren. Deshalb ist eine gute Kinderbetreuung so wichtig.

In meiner Zeit als MinisterprĂ€sident haben wir die Zahl der Kita-PlĂ€tze fĂŒr Kinder unter drei Jahren um ĂŒber 50 Prozent erhöht. Und auch die QualitĂ€t stimmt: Wir haben in Baden-WĂŒrttemberg den besten BetreuungsschlĂŒssel der Republik.

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Bei uns kommen im Schnitt auf eine Erzieherin gerade einmal drei Kinder unter drei Jahren. Auch die Sprachförderung an unseren KindergÀrten haben wir ausgebaut und verbessert. Denn ohne gutes Deutsch wird sich ein Kind in der Schule immer schwertun.

Mehr Ganztag und individuelle Förderung

Wir bauen die Ganztagsschulen im ganzen Land konsequent aus. Das ist pĂ€dagogisch sinnvoll. Denn Kinder und Jugendliche lernen dort mehr und besser. Davon profitieren gerade auch Kinder, die es zu Hause nicht so leicht haben. Außerdem verbessern Ganztagsschulen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Mit der Gemeinschaftsschule haben wir eine neue Schulart eingefĂŒhrt, die die individuelle Förderung ins Zentrum stellt.

Die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler lernen hier entsprechend ihrer individuellen LeistungsfĂ€higkeit im jeweiligen Fach auf unterschiedlichen Lernwegen - und entfalten so ihre FĂ€higkeiten optimal.

Davon profitieren die SchwĂ€cheren ebenso wie die Leistungsstarken. Die Gemeinschaftsschule entwickelt sich zu einem echten Erfolgsmodell: Bereits nach wenigen Jahren gibt es ĂŒber 300 Gemeinschaftsschulen im ganzen Land. Und es zeigt sich, dass die SchĂŒler dort mit höherer Motivation lernen.

Aber auch die Realschule und das bewĂ€hrte Gymnasium stĂ€rken wir mit zusĂ€tzlichen Lehrern und mehr individueller Förderung. Ebenso die beruflichen Schulen. Außerdem investieren wir krĂ€ftig in die Schulsozialarbeit.

Denn manchmal sind es Probleme in der Familie oder auf dem Pausenhof, die Kinder in der Schule ausbremsen. Heute gibt es im SĂŒdwesten um ĂŒber 50 Prozent mehr Schulsozialarbeiter wie vor meinem Regierungsantritt.

QualitÀt im Mittelpunkt

FĂŒr die kommenden Jahre legen wir den Schwerpunkt auf die pĂ€dagogische QualitĂ€t. Wir konzentrieren uns darauf, die QualitĂ€t der Schulen und des Unterrichts zu verbessern, etwa indem wir in der Grundschule die Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen stĂ€rken.

Davon sollen gerade auch SchĂŒlerinnen und SchĂŒler aus bildungsfernen ElternhĂ€usern profitieren.

Ende der Kreidezeit

Die Welt verÀndert sich - und mit ihr verÀndert sich unsere Gesellschaft. Darauf muss Bildungspolitik reagieren. Denn die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts lassen sich nicht mit den Rezepten des 20. Jahrhunderts lösen.

➚ Mehr zum Thema: Auf dem Abstellgleis: Besonders zwei Gruppen leiden unter der deutschen Sozialpolitik

Wir haben das mit unseren Bildungsreformen beherzigt. Und so machen wir es auch mit der Digitalisierung: Wir beenden die Kreidezeit im Klassenzimmer und machen unsere SchĂŒler fit fĂŒr das digitale Zeitalter, beispielsweise durch Medienbildung, Informatikunterricht oder eine digitale Lernplattform.

Das ist notwendig, damit unsere Kinder spÀter im Berufsleben durchstarten können.

Eine große Aufgabe

Aufstieg durch Bildung - das ist eine große Aufgabe, an der meine Regierung entschlossen und beharrlich arbeitet.

Wir haben schon viel auf den Weg gebracht, aber es gibt auch noch einiges zu tun. Denn noch immer bleiben Kinder zurĂŒck. Und mit den vielen FlĂŒchtlingen, die zu uns gekommen sind, wachsen die Herausforderungen.

➚ Mehr zum Thema: Die Aufstiegschancen fĂŒr Migrantenkinder sind ein Armutszeugnis - so können wir das Ă€ndern

Dennoch bin ich zuversichtlich. Denn ich war selbst ein FlĂŒchtlingskind. Und ich tue alles dafĂŒr, dass auch heute die Kinder und Jugendlichen die Chance zum Aufstieg bekommen. DafĂŒr ist eine gute Bildung das Wichtigste was wir ihnen mit auf den Weg geben können.

(jz)

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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