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Der Sattel-Burger und Deutschlands Weg 4.0 jenseits der Effizienz Chinas und der Disruption Kaliforniens

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Westend61 via Getty Images
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Der Sattelbergersche "Burger" macht das deutsche Dilemma deutlich. Bedrängt von Gründer- und Niedrigkosten-Nationen brauchen wir einen dritten Weg. Ein solcher Weg wird in diesem Beitrag vorgestellt. Mehrwerte 4.0 durch Denken 4.0 sind der Hebel für einen schnellen ROI und eine realistische Strategie für Deutschland 4.0.

Der Sattel-Burger

Der Kauf von KUKA durch einen chinesischen Investor hat die Diskussion um die Sicherung unserer Zukunftsfähigkeit Deutschlands noch einmal befeuert. Wer das Reich der Mitte bisher immer noch als innovationsschwache verlängerte Werkbank sah, wird spätestens jetzt verstehen, wie sehr China notfalls mit gefüllter Kriegskasse im Aufbruch ist, um noch selbstbewusster am Tisch der Innovatoren zu sitzen.

Zugleich wird Deutschlands 4.0 schon länger bedrängt von der kalifornischen Disruption. From Zero to Hero, Scale, Scale, Scale, Greenfield Strategien ohne Altlasten, man ist berauscht von der kreativen Zerstörung im besten Schumpeterschen Sinne ... dem unaufhaltsamen kalifornischen Schöpfungsgeist ... von einer Flower-Power-Nation, die im Technologischen ihr Wunderland gefunden hat.


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Bild 1: Der "Sattel-Burger", Deutschlands Dilemma nach Sattelberger!


Und auf der anderen Seite erwartet uns nun die neue Qualität der Effizienz-Maschine China. Dieser doppelten Bedrohung, die der Vordenker Thomas Sattelberger sehr schön über einen Burger visualisiert hat, scheint man nichts entgegensetzen zu können. Ist das so?

Zukunftsstrategien reduziert auf 3x3 statt 2x2

Wenn Strategen über die Zukunft nachdenken, reduzieren sie gerne auf 2 x 2-Felder. Ein bisserl komplexer wollen wir es dann doch angehen. Vereinfachen wir die Welt weiterhin in zwei Dimensionen, aber mit drei Alternativen ähnlich wie beim Digitalen Navigator von Detecon, dann gelangen wir zum 9er-Feld nach Bleise:

Handlungsziel:
  • Erlössteigerung
  • Qualitätsoptimierung
  • Kostensenkung (Effizienz)
Handlungsfeld:
  • Funktion
  • Prozess
  • Projekt/Innovation


Die Kategorie des 9er-Feldes nach Bleise sind sicherlich z.T. noch abgrenzungsbedürftig, aber für diesen Beitrag dennoch geeignet, um den deutschen Weg in die Zukunft zu diskutieren.


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Bild 2: Das strategische 9er-Feld nach Bleise

Strategie I: die rote Effizienzfalle, Deutschland besser als China?

Betrachtet man bei diesen 9 Feldern zunächst die Kosten-/Effizienzfelder, dann fokussieren sich - wie auch Thomas Sattelberger zurecht kritisiert - viele Unternehmen u.U. aus Gründen der Einfachheit auf die Felder 1 und 2. Sie senken also die Kosten in Funktionen oder Prozessen. Diese Strategie hat zwei wesentliche Eckpfeiler:

  1. Fokus auf den Kernprozess und
  2. Fokus auf Effizienzsteigerung.

Da nicht nur Deutschland sondern auch China diese Strategie verfolgt, entsteht hier ein Verdrängungswettbewerb. Glauben wir wirklich hier in the long run, vorne zu liegen im Wettbewerb mit dem Reich der Mitte? Deutschland muss schnellstens aus dem Effizienzfetisch, selbst wenn er nun digital verbrämt wird.

Strategie II: die Disruptions-Falle, Deutschland besser als Kalifornien?

Nun haben Köpfe wie Thomas Sattelberger mitttlerweile Deutschland umfassend sensibilisiert, dass Effizienzinnovation nicht die Lösung sein kann. Deshalb versuchen Unternehmen durch radikale Innovationen im kalifornischen Stil (Feld 9) neue Märkte zu schaffen, z.B. durch neue Beiboote. Sie zeichnet sich durch folgende Eckpunkte aus:

  1. hohes Risiko (Totalausfall)
  2. hoher Aufwand (in Mrd. Höhe)
  3. hohe Chancen (Ergebnis in Mrd. Höhe)

Die Amerikaner haben Apple, Oracle, Dell, Google, Microsoft, Facebook, Tesla... aus dem Boden gestampft. Welche Unternehmen mit Durchbruchsinnovation haben die Deutschen in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht? Haben die Deutschen überhaupt diese Art von Kultur, die Welt so radikal neu zu erfinden? Haben die Deutschen wirklich die Kultur, Regeln des Marktes zu brechen? Die Autoren des Beitrags sind skeptisch.

Strategie III: Deutschland 4.0 durch Mehrwerte 4.0 und Denken 4.0

Erlöse lassen sich aber auch durch die Integration von Funktionen (Feld 7: z.B. Telefon im Auto) oder Verknüpfung von andersartigen Prozessketten (Feld 8: z.B. Busreise bei Aldi) erzielen. Dieser neuartige Mehrwert kann nur gefunden werden, wenn der enge Fokus auf den Kernprozess aufgegeben wird. Anstatt sich auf den 1 € im Kernprozess zu konzentrieren, ist es sinnvoller sich auf die 100 € Scheine im Mehrwertprozess zu fokussieren (siehe Tschibo-Vertriebssystem). Die Strategie III. lässt sich wie folgt beschreiben:

  1. Fokus auf integrierte Funktionen und verknüpfte Mehrwertprozesse und Mehrwertprodukte/-services
  2. Fokus auf Effektivität und Integration
  3. Fokus auf win-win und Kollaboration

Diese Strategie beinhaltet ein doppeltes Versprechen: Einerseits kann sich das Unternehmen dadurch differenzieren und andererseits ist die Befähigung der Mitarbeiter für eine Mehrwert-organisation realistisch. Das jahrzehntelange Denken in Kernprozessen (Denken 3.0) ist dafür allerdings dringend durch das nichtlineare offene und kollaborative Denken 4.0 zu ersetzen, um systematisch und nachhaltig Mehrwerte zu finden.

Damit wird das Denken selbst zum Gegenstand der Betrachtung. Der Schlüssel für eine erfolgreiche Mehrwertorganisation liegt in der bewussten Konstruktion von Denkprozessen. Mit einer Brückenorganisation, dem sogenannten Center of Integration als Plattform für ein Neudenken, und einer kollaborativen Innovationsmethodik zum Musterbrechen, dem sogenannten „Brainware-Chip" (in Anlehnung an den Microship) können wir Denkprozesse systematischer auf die Mehrwertgenerierung ausrichten als dies heute im Kontext der alten Logik der Fall ist.

Strategie IV: Die Clou-Strategie

Die Clou-Strategie kombiniert die Strategie I mit der Strategie III. Für viele Unternehmen stellt es einen großen Vorteil dar, wenn sie sowohl Strategie I anwenden und damit ihre Kernprozesse effizienter gestalten als auch die Strategie III einsetzen, um zusätzliche Erlöse mit einer Mehrwert-Organisation erzielen.

Wer die strategische Lücke III füllt, schafft mehr Werte und mehr Sinn und dient damit dem gesamten Unternehmen. Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer profitieren durch mehr Gewinn, Gehalt und Arbeitsplatzsicherheit.

Zugleich sollten wir Start-Ups und Ausgründungen fördern, damit wir auch das strategische Feld II nicht vernachlässigen. Wir sollten nur nicht davon ausgehen, dass das reicht. Mit anderen Worten: Gerne Effizienz, wo möglich, aber dann nicht stehen bleiben, sondern vor allem auf Mehrwerte aus dem Vorhandenen heraus setzen und natürlich wenn möglich parallel auch Ecosysteme für radikalere Innovationen schaffen.

Deutschlands DNA und adäquate Strategien 4.0

Am Ende müssen wir uns bei allen Zukunftsforderungen für Deutschland immer fragen: Wie gut passt dies zu unserer DNA? Wir sollten in Zukunft kalifornischer werden und dafür bereits in den Schulen und Universitäten ansetzen. Bis wir aber eine ähnliche Plattform wie Kalifornien sind, sollten wir unsere heutigen Stärken systematisch mobilisieren.

Dann sollte Deutschland 4.0 auch in Zukunft eine Zukunft in der Zukunft 4.0 haben.

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