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Zukunft der Arbeit - Angst 4.0 oder Deutschland als Vorreiter für die „menschliche" Digitalisierung

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INDUSTRIE40
dpa
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0. Unsichere Zeiten ...

Wie wird sich die Arbeit in Zukunft quantitativ und qualitativ entwickeln? Wir wissen es nicht wirklich! In diesen Zeiten der Unsicherheit haben daher Horror-Szenarien Hochkonjunktur. Der Verlust von Arbeitsplätzen wie auch die totale Flexibilisierung ohne Arbeitsplatzsicherheit scheinen unsausweichlich. Dabei hat gerade Deutschland eine besondere Chance, führend in Richtung einer humanzentrierten bzw. „menschlichen" Ausrichtung der Digitalisierung und Industrie 4.0 zu sein und nicht trotzdem, sondern gerade deswegen besonders zukunftsfähig zu werden.

Neben einem politischen Rahmen (Bildungspolitik, Grundeinkommen, ...) zur Abfederung extremer Entwicklung wird dabei vor allem die Begleitung der Transformation in den Unternehmen wesentlich sein. Zwei Netzwerke bemühen sich darum besonders: Das „Human Digitalization"- und das „Industrie 4.0 human"-Netzwerk. Botschaft von beiden Netzwerken: Wir sollten nicht auf Angst 4.0 setzen, sondern unsere „humanen" Stärken mobilisieren. Dann gelingt die Soziale Marktwirtschaft auch digital bzw. in einer Ökonomie 4.0.

1. German Angst 4.0

Deutschland ist u.a. für zwei Eigenschaften international besonders bekannt:

Zum einen steht die „German Angst" laut Wikipedia für eine „typisch deutsche Zögerlichkeit, s. hier. Viel wichtiger als die Zögerlichkeit ist bei der German Angst nach Ansicht des Autors die zum Teil sehr irrationale Überhöhung von Gefahrenpotenzialen. Das hat in Deutschland immer wieder Fortschritt erschwert, wo es sinnvoller gewesen wäre, mit Risiken umgehen zu lernen.

In diesem Sinne genießen wir aktuell geradezu auch auf eine dunkle Weise die Horrorszenarien von einer arbeitsfreien Zukunft und zelebrieren kollektiv unsere Existenzängste. „Sie sind entlassen" titelte der SPIEGEL verkaufsfördernd und konnte schein-rational dabei auf diverse Studien zurückgreifen, obwohl die meisten dieser Studien durch ihre Ceteris-Paribus-Betrachtung (man betrachtet nur einen oder wenig Effekte im Rahmen der Zukunftsszenarien) und andere Schwächen die Zukunft nicht wirklich sicher prognostizieren. Da wird z.B. auf eine reine Automatisierungs- und Effizienzlogik gesetzt (Wegfall von Arbeit) und neue Wertschöpfungspotenziale werden einfach ausgeblendet. Das ist dann egal, wenn es der Auflage hilft.


Video 1: Arbeitswelten 4.0 (Fraunhofer IAO)

Neben dem Verlust der Arbeit wird vor allem eine totale Flexibilisierung 4.0 befürchtet. Sind wir nachher alle nur noch Teil einer Workforce Cloud? Das Fraunhofer IAO prognostizierte schon früh eine Teilung zwischen Care Companies auf der einen Seite und Unternehmen, die auf Cloud Worker setzen, auf der anderen, s. Video 1. Auch ein Experte wie Thomas Sattelberger formulierte ähnliche Szenarien auf dem NextAct-Event s. hier.

So weit, so schlecht, zumindest für diejenigen, die unfreiwillig Cloud Worker werden.

Es geht aber auch anders.

2. Humanzentrierung 4.0!

Zum anderen steht Deutschland nämlich trotz Agenda 2010 und zunehmender Dualisierung der Gesellschaft immer noch für einen dritten ökonomischen Weg der „Sozialen Marktwirtschaft" bzw. eine Partnerschaft von Unternehmen und Mitarbeitern auch jenseits von Tarif-, Arbeits-und Mitbestimmungsrechts-Bürokratie.

Dieser dritte Weg hat uns erfolgreich gemacht und bietet auch für die Zukunft enorme Potenziale, gerade im Kontext der Digitalisierung. Wir werden - das ist die Überzeugung des Autors - nicht trotz, sondern wegen unser Humanzentrierung besonders erfolgreich in einer digitalen Zukunft sein. Vor allem im deutschen Mittelstand bzw. bei den Hidden Champions herrscht oft eine besonders hohe Mitarbeiterzentrierung, wie Thomas Sattelberger im Rahmen des genannten Events einräumte. Natürlich stellt sich dann die Frage, was mit den Mitarbeitern geschieht, die nicht das Glück haben, Teil einer solchen Caring Company zu sein?

Der Leiter des Blogger-Netzwerks der Huffington Post, Tobias Böhnke, formulierte im Email-Dialog mit dem Autor dazu einmal eine zukunftsoptimistische These für Deutschland:

Ich glaube, dass sich gerade in Deutschland die Digitalisierung und Industrie 4.0 positiv auf die Arbeitswelt auswirken können, in dem Sinne, dass Technik die unangenehmen Tätigkeiten für uns übernimmt und kosteneffizient realisiert und wir die neuen Effizienzpotenziale dann aber als Grundsicherung und für die Zukunftsfähigkeit für die sogenannten Modernisierungsverlierer nutzen, das heißt die Mitarbeiter am Fließband, die Stapel- und LKW-Fahrer, aber auch die Werkzeughersteller und andere Unternehmen, die der Wandel jetzt massiv bedrängen wird.

Böhnke setzt also auf Humanzentrierung 4.0 statt auf German Angst 4.0! Mit dieser Sicht ist Tobias Böhnke nicht alleine. Auch der Digitale Darwinist Karl-Heinz Land sieht eine solche Doppelstrategie aus neuen ökonomischen Wertpotenzialen und gesellschaftlichen und politischen Lösungen.

3. Chancen jenseits der Effizienzfalle und Alimentierung 4.0

Wer jetzt allerdings die Böhnke-These leichtfertig missinterpretiert im Sinne einer maximal automatisierten Zukunft ohne Arbeit und einer dann notwendigen Alimentierung der Abgehängten übersieht ein wichtiges Wort: Zukunftsfähigkeit.

Die digitale Ökonomie oder Ökonomie 4.0 wird nicht einfach nur eine hightech-basierte, effizientere Ökonomie 3.0 sein, die dann noch für Brot und Spiele sorgt, jedenfalls nicht in Deutschland. Mögen Länder wie China und andere aufstrebende New Stars vor allem auf Effizienz und Automatisierung setzen.

4. Besser mit dem Menschen im Mittelpunkt

Deutschlands Mittelweg zwischen Chinas Effizienz und der radikalen Disruption im B2C aus dem Silicon Valley muss im sogenannten Sattelburger (s. hier) vor allem eine kunden-, mitarbeiter- und wertzentrierte Optimierung der Wertschöpfung sein. Nicht billiger, sondern besser - wer diesen bewährten Made-In-Germany-Weg auch in Zukunft gehen will, kann nicht nur auf die Effizienz von Roboter und AI setzen, sondern muss den Menschen in den Mittelpunkt setzen und mit neuer Technologie die empathischen, kognitiven, kreativen und kollaborativen Fähigkeiten des Menschen neu mobilisieren.

Humanzentrierung und Digitalisierung können das Erfolgspaar sein, um Deutschland in eine neue Wettbewerbsfähigkeit zu führen.

Hier entsteht so eine neue kollaborative Sozial-Partnerschaft zwischen Unternehmern und Mitarbeitern, aber auch zwischen Mensch und Maschine, wo es nicht nur um Wertverteilung von Effizienz- und Effektivitäts-Potenzialen geht, sondern vor allem um neue Formen der Wertschöpfung. Arbeit wird dann nicht zwangsweise weniger, aber sicher qualitativ hochwertiger.

5. Vier To Dos für ein humanzentriertes Deutschland 4.0

Was dafür zu tun ist, kann man u.a. im neuen Buch von Tobias Kollmann lesen. Hier seien vor allem 3+1 Maßnahmen hervorgehoben:

  • To Do 1: Forschung/ Förderung für Smart Services (Wirtschaftspolitik)

Unsere bisherigen Industrie 4.0-Bemühungen setzen noch zu sehr auf lineares Denken, Automatisierung und die Effizienzfalle. Hier entstehen aber netto keine neuen Jobs und vor allem im internationalen Vergleich keine nachhaltige neue Wettbewerbsfähigkeit für Deutschland, denn Effizienz können andere in the long run besser. Stattdessen müssen wir - durch unsere Forschungs- und Förderpolitik - in unserer Wertschöpfung auf Mehrwerte und Services und die neue Logik einer individualisierten Service-Ökonomie setzen. Es ist eigentlich absurd: Wir klagen über die Verdichtung der Arbeit und zu wenig Serviceorientierung und gleichzeitig über den drohenden Abbau von Arbeit. In einer Smarter Services-Welt gibt es aber glücklicherweise noch einiges zu tun und daher setzt die Bundesregierung auch auf das Thema. Eine solche neue Wertschöpfung würde auch unserer DNS deutlich besser entsprechen.

  • To Do 2: Neue Kompetenzoffensive (Bildungspolitik)

Wenn wir eine solche neue Wertschöpfung anstreben, dann haben wir aber - was Bildung angeht - ein Problem. Wir schulen heute noch in Schulen und Universitäten, was dann morgen nicht mehr gebraucht wird. Wikipedia-Bulemie-Wissen ist ebenso wenig zukunftsfähig wie alle Befähigungen für automatisierbare Aufgaben. Qualifizierung und auch Bildungspolitik müssen klar das stärken, was Differenz von Mensch und Maschine ist, gerade in Deutschland! Empathie, Kreativität, Kommunikationsfähigkeit, ... kein Chatbot kann wahre Kundenliebe ;-)

  • To Do 3: Neue Partizipationsgerechtigkeit (Steuerpolitik)

Neue Wertschöpfung durch neue Kompetenzen wird wahrscheinlich in der Übergangsphase nicht ausreichen, um alle mitzunehmen. Hier gilt dann die Böhnke-Forderung. Statt vor allem auf die Besteuerung von Arbeit zu setzen, gilt es im Rahmen neuer Steuermodelle Wertschöpfung zukunftsfähiger oder auch speziell die neuen Effizienz- und Effektivitätspotenziale (Roboter-Steuerung) zu besteuern, um durch neue Mittelzuflüsse realistische Formen des „Grundeinkommens", Veränderungen von Arbeitszeiten etc. als Basis für einen neuen tragfähigen Gesellschaftsvertrag zu schaffen.

Nun sollte man aber nicht nur auf Vater Staat vertrauen. Noch wichtiger ist die Transformation in den Unternehmen!

  • To Do 4: Zukunftsfähigkeit deutscher Unternehmen!

Denn wer nur auf die Politik hofft, hofft oft leider vergeblich. Maßgeblich wird es daher sein, dass der Wandel in den Unternehmen geschieht und hier die richtigen Weichen gestellt werden. Die richtigen Weichen stellen, heißt in diesem Fall den Wandel auf eine klare Humanzentrierung fokussieren und zwar nicht als Korrektur, sondern Komplement der Digitalisierung. Der digitale und kollaborativ augmentierte Mitarbeiter kann zu ganz neuen Höhen der Wettbewerbsfähigkeit beitragen, gerade in Deutschland!

6. Human Digitalization - humanzentrierte Digitalisierung der Unternehmen!

Wer das will, muss die Projekte zur Digitalisierung in den Unternehmen entsprechend ausrichten. Wichtig noch einmal dabei: Das geschieht nicht aus gutmenschlichem Altruismus, sondern auf Basis ökonomischer Vernunft und zum Wohle der Sicherung unserer Zukunftsfähigkeit. Humanzentrierung wird Wettbewerbsfaktor und auf dem Weg ist oft genug der Humanfaktor der Erfolgsengpass bei aller Digitalisierung.

Fragt man Entscheider, was sie heute daran hindert, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, sind es meist zuerst fehlende (digitale) Kompetenzen und Skills, zu statische Organisationen und Führungskräfte und oft genug eine Kultur, die zu wenig chancenorientiert ist. Diese Voraussetzungen für die Digitalisierung der Organisation zu schaffen, nennt ein Netzwerk, das die Berater von promerit initiiert haben, Human Digitalization.

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Abbildung 1: Human Digitalization als Teil von Digital HR!

Hier liegt nach Überzeugung der Initiatoren DER Schlüssel für den Unternehmenserfolg der nächsten 5-10 Jahre.

Ein schöner Nebeneffekt für das Personalmanagement in den Unternehmen: Übernimmt HR bei der Humanzentrierten Digitalisierung eine wesentliche Rolle, dann hat HR den Beweis angetreten, dass man echten Mehrwehrt erbringen kann. Digitalisierung im Kontext des Personalmanagements bzw. Digital HR ist dann nicht nur als Innensicht (HR Digitalization) zu interpretieren. So wichtig Digitale Personalakten & Co sind, noch wichtiger ist die Wirkung, die HR als Befähiger für den digitalen Wandel hat. Human Digitalization umfasst nach Meinung des Netzwerks um promerit vor allem vier Handlungsfelder:

  • Digitale Kompetenzen
  • Agile Kultur
  • Digital Leadership
  • und
  • New Work

U.a. im Rahmen einer gemeinsamen Kommunikations-Plattform soll diese Botschaft in die Welt getragen werden. Mehr zum Ansatz liest man hier.

7. Industrie 4.0 human - Technik für die Humanzentrierung!

Wer nun aber glaubt, dass sich nur HR-Experten in Deutschland Gedanken um eine humanzentrierte Ausrichtung unserer digitalen Ökonomie machen, der irrt glücklicherweise. Bisher wurde der Industrie 4.0-Initiative immer wieder eine zu verengende Technikorientierung vorgeworfen, u.a. von einem der profiliertesten Industrie 4.0-Kritiker, Professor Andreas Syska. Der Vorstandsvorsitzende des VDMA Fachverband Software und Digitalisierung des VDMA, Burkhard Röhrig, hat daher nun auch im Kontext 4.0 ein Netzwerk organisiert, das den Menschen in das Zentrum aller Überlegungen zur Industrie 4.0 rücken möchte.

Damit das Wunder einer humanzentrierten Industrie gelingt, fehlt noch eine klare Vision und eine aktive Gestaltung der „humanen" Seite der Industrie 4.0, bei der die Interessen von Unternehmen und Mitarbeitern so abgestimmt werden, dass Mitarbeiter zum Erfolgsgaranten für Industrie 4.0 werden und vom Wandel profitieren statt Opfer der Revolution zu sein, und Unternehmen rechtzeitig so aufgestellt werden, dass sie auch in Zukunft wettbewerbsfähig sind. Daher arbeitet das Netzwerk an dieser Vision.

Was einmal mit einem Beitrag in der Huffington Post begann (s. hier) und sich dann als Buch fortsetzte (s. hier) wurde jetzt zu einer Blogging-Plattform ausgebaut, s. hier.

Erfreulich dabei: Die Diskussion eröffnet gerade jener Professor Syska, der sonst sehr kritisch bezüglich 4.0 ist.

Schluss-Vision: Die human- und wertzentrierte Gesellschaft 4.0

In seinem eröffnenden Blogbeitrag fordert Professor Syska:

Industrie 4.0 hat nur dann eine Chance auf Erfolg, wenn sie sich die Frage stellt, wie wir zukünftig wirtschaften, arbeiten und leben wollen und aus den Antworten die richtigen Schlüsse zieht. Eine humanzentrierte Gesellschaft 4.0 muss an die Stelle der technikzentrierten Industrie 4.0 treten.

Mögen diese Worte möglichst breit gehört werden. Dann gelingt nicht nur Deutschlands Zukunftsfähigkeit mit Humanzentrierung, sondern wegen unserer Humanzentrierung!

Dieser Blogartikel ist Beitrag zur Blogparade „DigiEmX" - Digitalisierung ohne Ende, aber wo bleiben die Mitarbeiter!, zu der die Zukunft Personal auf ihrem Blog aufgerufen hat.

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