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#ParisAttacks: Lieber Herr Dr. Döpfner, ein apokalyptischer Kulturkampf ist keine Option!

14/11/2015 18:05 CET | Aktualisiert 14/11/2016 11:12 CET
zabelin via Getty Images

Lieber Herr Dr. Döpfner,

zunächst einmal möchte ich Ihnen meine Sympathie versichern - eine Sympathie, die nicht dem CEO des Hauses Axel Springer, sondern einem Vor- und Mitdenker gilt, der auch den öffentlichen Diskurs nicht scheut.

Ihr Brief an Eric Schmidt, dem CEO von Google, war z.B. damals sicherlich ein wichtiger Impuls für die Diskussion um die Zukunft der Medien. Auch wenn ich inhaltlich nicht mit Ihnen übereinstimmte, erfreute mich der Diskurs.

So möchte ich auch mit diesem offenen Brief an Ihre Diskursbereitschaft andocken. Dabei habe ich lange gezögert, diesen Brief zu formulieren, der ursprünglich nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo formuliert werden sollte, weil der Schock des ersten traumatischen Anschlags in Paris einen unbelasteten Diskurs schwierig machte.

So hoffte ich, dass ein größerer Abstand einen Austausch vereinfachen würde.

Nun ist Paris wieder Anlass für ein kollektives Trauma und mehr denn je wäre Abstand notwendig. Aber leider ist das Warten keine Option mehr, denn es ist Gefahr im Verzug, wenn schon erste Publikationen von Matussek et al erahnen lassen, was geschehen wird und wie wir sehenden Auges in die Katastrophe navigieren ...

Ihre Neujahrsrede nach dem ersten Trauma von Paris

Worum geht es? Es geht jenseits des Schocks - so schwer der Abstand auch ist - allgemein um den Blick "dahinter" und um die Denkmuster, die uns leiten, wenn wir Paris und andere Ereignisse interpretieren.

Konkret geht es insbesondere um Ihre Neujahrsrede zum Neujahrsempfang von Axel Springer 2015.

Aufgrund Ihres Interesses am Diskurs haben Sie wahrscheinlich diese Neujahrsrede nicht nur in den Hausmedien wie der WELT veröffentlicht, sondern auch in einem hochpolitischen Kontext wie dem Portal der Achse des Guten platziert.

Denn diese Rede war keine normale Neujahrsrede und konnte keine normale Neujahrsrede sein.

Wenig Tage zuvor hatten die Attentäter von Paris mit ihrem brutalen Anschlag die Redaktion von Charlie Hebdo auch einen Anschlag auf die Freiheit, insbesondere die Freiheit der Medien generell verübt.

So wurde ihre Neujahrsrede zu einem Manifest des ungebrochenen Freiheitswillens. So formulierten Sie:

Der Anschlag in Paris ...

hat einen ganzen Berufstand, ein zentrales Element

unserer westlichen Demokratien attackiert und eingeschüchtert:

die Medien, die freie Presse, kurz: die Meinungsfreiheit.

und ließen ihre Rede gipfeln in dem Wunsch:

... dass unser Glück in Freiheit uns alle

vor allem zu einem verpflichtet:

uns niemals einschüchtern zu lassen.

Und zurecht war ihre letzte Bitte:

„Lachen Sie!

Diktatoren und Fanatiker haben keinen Humor"

Ein unglücklicher Nebensatz oder ein Verlags-Mem?

So weit, so wunderbar, vor allem, was den letzten Satz anging. Hier artikulierte sich eine offene Gesellschaft, die sich die Freiheit zur Freude nicht nehmen ließ. Ich musste an Umberto Ecos "Der Name der Rose" denken, wo die Komödie im Okzident (= "Westen") von der Kirche als Bedrohung angesehen wird.

Leider verknüpften Sie Ihre Rede für die Freiheit und die Werte des "Westens" zugleich mit einem weiteren Schlüsselsatz, der ihre Rede unglücklicherweise zum doppelten Manifest werden ließ:

„Wenn man genau hinschaut ist Paris ...

der Anfang der Eskalation

eines Kulturkampfes und Religionskrieges,

der seit langem läuft."

Wir sind in einem Kulturkampf und einem Religionskrieg?

Das ist eine Aussage, deren Bedeutung schwer überschätzbar ist, vor allem, wenn es die Aussage des CEO von Axel Springer ist.

Wir sind also nicht in einer Auseinandersetzung mit den wahnsinnigen Terroristen des IS oder anderer Wahn-Organisationen, sondern in einem Kulturkampf und einem Krieg mit Religionen (dem Islam, der Orthodoxie, ...)?

Aus Ihrem wunderbaren Manifest für eine offene Gesellschaft wurde in diesem Moment auch ein Manifest des Kulturkampfs.

Nun muss man fairerweise feststellen, dass dies eher ein Nebenaspekt der Rede war, zugleich war die Botschaft aber in Übereinstimmung mit einer Serie von Beiträgen in Publikationen des Axel Springer Verlags, die - wenn man es sehr spitz formuliert - „den Westen" immer wieder explizit oder implizit in Frontstellung gegen den Anti-Westen (Russland, China, "islamische Welt" ...) brachte und dabei eine überschneidungsfreie Aufteilung von gelebten Werten hier (im Westen) und gelebten Wertverletzungen dort (im Anti-Westen) diagnostizierte.

Dabei wurde gleichzeitig ein Universalitätsanspruch für die eigenen Werte formuliert wie man ihn auch von dem von Ihnen und der WELT referenzierte August Winkler ableiten kann.

Auch in Ihrer Rede äußerten Sie sich entsprechend:

Der Westen ist eine Idee und ein Glücksversprechen.

Die Idee heißt Freiheit, basierend auf

Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten.

Bei uns haben derzeit

die Russlandversteher, Islamismusrelativierer und Chinaverherrlicher

Konjunktur

Der Historiker Heinrich August Winkler hat es auf den Punkt gebracht:

"Gäbe der Westen die Idee

der Universalität der Menschenrechte auf,

er würde sich selbst aufgeben."

So scheint die kulturelle Blockbildung Programm zu sein. Und auch im ersten Kommentarbeitrag der WELT zum gestrigen Terror greift Sascha Lehnartz die Gedanken Ihrer Rede auf (ohne sie zu referenzieren), wenn er schreibt:

Hier geht es um uns.

Um die Art, wie wir leben.

Um unsere Freiheit.

Wir werden alle darum

kämpfen müssen.

Ich will Lehnartz nur gute Absichten ("Freiheit!") unterstellen. Seine Botschaft ist aber in Übereinstimmung mit dem oben erwähnten Denkmuster im Kontext Ihres Verlages und ein Denkmuster des wichtigsten Verlags Deutschlands ist ein relevantes Denkmuster der "Mehrheitsgesellschaft" in Deutschland.

Insofern kann man froh sein, wenn bei Ihnen das Kind beim Namen genannt wird und dadurch diskursfähig wurde, denn dieser Diskurs ist dringend notwendig. Vor allem, wenn es zu Entgleisungen im Kulturkampf kommt ...

Mattuseks Entgleisung und Diekmanns Korrektur

Wenn der einst von mir geschätzte Kolumnisten Ihres Verlages Matthias Matussek nun Paris als Anlass einer Verbindung von Terror mit Flüchtlingen und Islam nutzt und dafür viel Beifall von der "falschen Seite" bekommt, dann zeigt dies als Beispiel, welche Qualität des Diskurses uns droht und wohin der Diskurs führen wird.

Dass Matussek hier das Bedürfnis nach einem Smiley und einer "frischer Richtung" hat, irritiert natürlich zusätzlich, wenn man die Trauer ernst nimmt. Nicht Verantwortung, sondern Zynismus charakterisiert diesen Diskurs.

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Zum Glück relativierte Kai Diekmann relativ schnell wie zuvor in anderen Fällen den Ausrutscher (s. Media-Beitrag "Durchgeknallt").

Trotzdem stellt sich natürlich die Frage, ob die Aussagen Matusseks in gewisser Weise als Worst Case repräsentieren, was als Kulturkampf-Muster bzw. -Paradigma bzw. neudeutsch -Mem repräsentativ auch für andere ist.

Der Kulturkampf des Westens - ein Paradigma mit enormer Sprengkraft!

Eine einzelne Entgleisung ist kein Problem, sehr wohl aber ein fundamentales, unsere Welt-Interpretation und -Gestaltung bestimmendes Paradigma, wie es sich als Emergenz aus vielen einzelnen Beträgen, Statements, .... ergibt und unsere Gesellschaft und ihren inneren Frieden schleichend bedroht.

Was aber ist denn falsch an dieser Perspektive und was ist die Alternative? An anderer Stelle sollt dies intensiver beleuchtet werden, Hier nur einige Sätze:

1. Ein Kampf der Kulturen ist konzeptionell unsauber

Zunächst: Huffington und andere wurden wegen ihrer vereinfachenden Sicht oft kritisiert. Der Kulturkampf repräsentiert ein Kategorisieren der Kulturen, das der Vielfalt ihrer Paradigmen / Denkschulen nicht gerecht wird.

Pointiert: ein kemalistischer Sunnit oder ein liberaler Alevit sind einem rheinischen Katholik (also nicht Matussek) in Grundfragen (Trennung Religion - Kirche, Vernunftsparadigma, ...) näher als einem Salafisten (das genau ist ja der Konflikt in Syrien!) und der rheinische Katholik wird mit einem Alevit besser Karneval feiern als mit einem Piusbruder oder Matussek.

Das soll kein Scherz sein, nur eine bildhafte Verdeutlichung.

2. Ein Kampf der Kulturen ist ein ungerechter Kampf

#notinmyname ist die klare Aussage vieler Muslime, dass die Terroristen nicht für sie stehen. Der Kulturkampf nimmt aber sogar die in Sippenhaft die eine offene Gesellschaft unterstützen und für sie kämpfen (gegen die IS!), weil sie der falschen Religion/Kultur angehören. Diese ungerechtfertigte Kollektivschuld aber spaltet unnötig die Gesellschaft und bedroht sie mehr als manchere Terroranschlag.

3. Ein Blockkampf der Kulturen ist ein erfolgloser Kampf

Wer sich wie der Autor als Berater der Bundeswehr mit dem Anti-Terror beschäftigt hat, der erahnt, dass man der asymmetrischen Bedrohung nicht mit Block-Denken begegnen kann.

4. Ein Kampf der Kulturen ist ein vielfach zerstörerischer Kampf

Der Kampf der Kulturen zerstört die offene Gesellschaft, die er zu beschützen vorgibt!

5. Ein Kampf der Kulturen ist ein unehrlicher Kampf

Früher oder später wird deutlich, dass wir es gar nicht ernst meinen mit dem Kampf für die Werte des Westens. Spätestens mit dem nächsten Panzer-Verkauf an Saudi-Arabien.

6. Ein Kampf der Kulturen ist ein unnötiger Kampf

Wir müssen keine Kulturen bekämpfen, sondern Feinde unserer offenen Gesellschaft. Die gibt es in allen Kulturen, ebenso wie es in allen Kulturen Feunde unserer ffenen Gesellschaft gibt.

Was aber ist die Alternative?

‪Eine kulturübergreifende Verteidigung der offenen Gesellschaft

In diesen Stunden ist es die angemessenste Reaktion, den Toten und Verletzten zu gedenken und in allen Kultur-Kontexten für sie zu beten, wenn das Beten eine Option ist.

Zugleich sollten Betende auch für eine friedliche Zukunft beten, die nie mehr in Gefahr war als jetzt. Das reicht natürlich nicht. Was wir nicht wollen, ist ein falsches Appeasement. Natürlich müssen wir den den Feinden der Demokratie und der offenen Gesellschaft entgegentreten, aber nicht im Sinne eines Kulturkampfs.

Die Alternative ist eine neue Sicht auf die Welt ... Denn eigentlich ist es ganz einfach: Nicht Kulturen sind im Kampf, sondern Denkmuster bzw. Paradigmen. Wir brauchen eine kulturübergreifende Allianz der Vertreter der offenen Gesellschaft gegen die Feinde der offenen Gesellschaft, egal aus welchem religiösen oder nicht-religiösen Kontext sie kommen.

Hier ist die wirklich relevante Trennlinie - horizontal, nicht vertikal. Deswegen endet dieser Beitrag mit einer Grafik, die diesen Unterschied verdeutlicht.

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Daher: Lieber Herr Dr. Döpfner, lassen Sie Ihre Manifestationen weiterhin Manifestationen für eine offene Gesellschaft und nicht Manifestationen für einen Kulturkampf sein , der im Worst Case nur apokalyptisch endet. In dieser Hoffnung verbleibe ich

Ihr

Winfried Felser

PS: Danksagung

An dieser Stelle möchte ich mich bei denen bedanken, deren Posts heute dazu geführt haben, dass ich diese 3-4 Zeilen zum Thema niedergeschrieben habe statt - wie geplant - zu arbeiten, insbesondere MiSha Michael Rajiv Shah, Michael Felser, Mirko Lange, Michael Zachrau, Maël Roth und Klemens Skibicki.

Was wir bisher über die Attentäter von Paris wissen

Konzertbesucher schildert Blutbad: "Als sie nachluden, entwischte ich"

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