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Offener Brief an Sigmar Gabriel - eine neue Politik für die Industrie 4.0!

14/08/2015 09:16 CEST | Aktualisiert 14/08/2016 11:12 CEST

Lieber Herr Bundesminister Gabriel,

als Robert Weber, einer der führenden Medienvertreter für das Thema Industrie 4.0, Ende Juni im Manager Magazin geschrieben hat, dass Sie sich auf „Industrie 4.0" stürzen und der „Roboter die Genossen retten soll", habe ich mich erst einmal sehr gefreut. In mir keimte die Hoffnung, dass Sie es mit dem Turnaround 4.0 wirklich ernst meinen.

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Bundesminister Sigmar Gabriel im Mittelpunkt des Regierungsgeschehens (Bild: Wikipedia)

Schon im Vorfeld habe ich als Freund und Kritiker des Projekts („RIP Industrie 4.0") intensiv die Transformation in Richtung „Industrie 4.0 reloaded" beobachtet und mich mit vielen Branchenvertretern u.a. vor und auf der Hannover Messe dazu ausgetauscht. Wir waren und sind alle sehr gespannt und offen für einen wirklichen Neuanfang ...

Ist es am Ende doch nur Partei-PR?

Am Ende der Hoffnung und des Abwartens zählen aber die Ergebnisse. Was bleibt also am Schluss, wenn sich der Nebel verzogen hat. Bleibt netto relevanter Wandel oder am Ende doch nur Partei-PR? Dass die Partei (die SPD!) sich „nach einer klaren wirtschaftspolitischen Ausrichtung sehne", so Robert Weber in seinem Beitrag, verstärkte bei mir persönlich die zarte Pflanze der Hoffnung. Man soll ja nicht vergessen: Die Partei, die Partei, die hat immer recht ;-)

Anders als mancher Leser denkt, möchten nämlich auch viele scheinbaren „Kritiker" gar nicht, dass die negativen Prognosen, z.B. von Martin Hofer und mir im oben genannten Beitrag, eintreten und Industrie 4.0 am Schluss im Worst Case nicht mehr sein wird als eine Unterarbeitsgruppe des IIC.

Das Ganze ist nur eine „paradoxe Intervention". Wir wollen genau das Gegenteil! Wir wollen - wie viele - den Erfolg 4.0 und wünschen Ihnen und „Ihrem" Projekt daher alles erdenklich Gute.

Mehr noch - sie können sich eigentlich der Unterstützung vieler Mit-Gutwilliger sicher sein, die man nur - besser als bisher - im Projekt als Unterstützer-Netzwerk mobilisieren muss, damit „Ihr" Projekt wirklich „DAS"" Projekt vieler wird. Zusammen mit Ihrem Mitarbeiter, Dr. Andreas Goerdeler, und dem Projektleiter Rainer Glatz, war z.B. der Autor des Beitrags einer jener, die anfangs euphorisch für das Projekt warben, s.u..

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Missionieren für Industrie 4.0: Rainer Glatz, Dr. Andreas Goerdeler, der Autor und Andreas Fischer (Bild G+F Verlags- und Beratungs- GmbH)

Hier das mittlerweile historische Video

Zwei Jahre später und drei Tage vor dem Beitrag von Robert Weber habe mich in diesem Sinne auch noch gefreut, als ich bei einem der diesjährigen Schlüssel-Events, dem EXCHAINGE-Event in Frankfurt, mit dabei sein durfte, jenem Event, wo Frau Dr. Seebauer jedes Jahr dafür sorgt, dass sich das Who-Is-Who bzw. das Kern-Netzwerk der Supply-Chain-Community und diesmal auch der Industrie 4.0-Community trifft, um über den Status-Quo und die Zukunft zu sprechen.

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Im Frankfurter House of Logistics and Mobility kamen 180 Supply-Chain-Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft zusammen, um zwei Tage lang über die Auswirkungen der Industrie 4.0 und des Internets der Dinge auf logistische Netze zu diskutieren, z.B. also über neue Ansätze zur Bestandsoptimierung in kollaborativen Netzen, Optimierungspotenziale von Cloud-Lösungen oder die Etablierung zuverlässiger Riskmanagement-Strategien in kollaborativen Netzwerken.

Sie sehen: Hier war Industrie 4.0 nicht Theorie, sondern ein wirklich praxisrelevantes Thema.

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Professor Kempf (in der Mitte) und andere Köpfe der Community (Bild: Huss-Verlag)

Professor Kempf, inspirierender Kopf des BITKOM, hielt eine motivierende Rede, und dann konnte ich mich mit vielen engagierten Köpfen wie meinen „Ex-Fraunhofer-Kollegen" Professor ten Hompel und Professor Henke (eher „Ex-Chefs", ich war nur unbedeutender stellvertretender Leiter eines Paderborner Anwendungszentrums) oder Praxisvertretern wie Markus Meißner und dem Mensch-versus-Maschine-Warner Daniel Terner von AEB austauschen.

Vor allem aber konnte ich von vielen gelungen Industrie-4.0-Projekten erfahren und an dem sehr regen Austausch teilhaben.

Dass mein früherer Beratungs-Kollege Dr. Markus Kückelhaus, jetzt Vice President Innovation bei der DHL, über konkrete Erfolgsprojekte bei der Deutschen Post berichtete, freute mich z.B. besonders, da auch ich für ein großes, nicht zu nennendes Logistik-Unternehmen schon im letzten Jahrtausend Industrie 4.0-Projekte in Form von Predictive Analytics von Verkehrsmengenströmen realisieren durfte.

Auch andere Praxisvertreter von Continental und Bosch oder die Finalisten von Nokia und Sky überzeugten mit ihren Erfolgen ebenso wie KMUs wie der AEB-Partner gewuerzkamagne UG, die zwar nicht im Zentrum von Industrie 4.0 agieren, aber viele der Konzepte der neuen Logik erfolgreich nutzen.

Dass Huffington-Post-Autor Roman Rackwitz und Dr. Joerg Niesenhaus unter dem Jubeln der Teilnehmer aufzeigen durften, dass Industrie 4.0 auch zusammen mit Gamification und Motivationsdesign gedacht werden kann, empfand ich als besonders erfreulich, denn der Mensch muss noch mehr im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen, wie es auch schon Johann Soder von SEW Eurodrive und Burkhard Röhrig, Kopf des VDMA Fachverbands Software, in ihren Beiträgen für die Huffington Post betont haben.

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Reger Austausch auf dem Community-Event EXCHAINGE 2015 (Bild: Huss-Verlag)

Wir waren euphorisch

Wir alle waren also an diesen zwei Tagen euphorisch, wenn wir uns über diese Leuchttürme und die Chancen für Deutschland austauschten. Zugleich aber, in mancher Pause beim kühlenden Bier, verlor die eine oder andere Stimme ihre Euphorie, als es darum ging, Deutschlands Zukunft insgesamt zu bewerten. Immer wieder kam die Aussage:

Jenseits der Leuchttürme

ist es uns noch nicht gelungen,

die Breite des Mittelstands mitzunehmen

Lieber Herr Bundesminister: Wenn uns das aber nicht gelingt, werden mittelfristig die Konsequenzen für Deutschland katastrophal sein. Auch einer der Väter der Industrie 4.0, Professor Kagermann, formuliert hierzu deutlich:

Industrie 4.0 wird nur ein Erfolg,

wenn die kleinen und großen Unternehmen

gleichermaßen mitziehen und

wir die Menschen mitnehmen.

Thomas Sattelberger sieht uns schon im Innovations-Sandwich von unten (China) bedrängt und von oben (USA) abgehängt. Dann haben wir endgültig beide Halbzeiten des Spiels um das Internet verloren wie es Telekom-Chef Höttges prophezeit.

Und um ehrlich zu sein: Einige bisherige Maßnahmen im Rahmen des erhofften Turn-Arounds bieten, sagen wir, immer noch Verbesserungspotenzial. Wenn man aus dem "erneuerten" oder "erweiterten" Industrie 4.0-Projekt ein erfolgreiches "Geschäftsmodell" machen möchte, müssen Nutzenversprechen und Betriebsmodell stimmen.

Der Autor dieses Beitrags sieht gerade aktuell aber einige Weichenstellungen und immer noch vorhandene Schwachstellen, die den Projekterfolg erschweren:

Nutzenversprechen:

Konzern-Zentrierung (statt Mittelstands-Zentrierung): SAP und die Deutsche Telekom haben eine fast schicksalshafte Bedeutung für den Erfolg des Projekts Industrie 4.0. SAP war deswegen auch Initiator unseres Competence Books zu Industrie 4.0.

Dennoch führt die Wahrnehmungs-Fokussierung auf Großkonzerne dazu, dass der Mittelstand sich im Worst Case außerhalb des Projekts sieht. Zumindest sollten Hidden Champions wie KUKA, SEW Eurodrive, Lenze, ... noch stärker das Gesicht des Projekts mit prägen.

Wenige KMU aus dem Industrie 4.0-relevanten Umfeld werden es schaffen, eine zweite SAP oder eine zweite Telekom zu werden. Die meisten aber wollen irgendwann einmal Hidden Champions oder Tesla sein ;-) Daher sollte das Projekt Industrie 4.0 auch in seiner Außendarstellung die Orientierung in Richtung KMU über KMU-kompatible Köpfe und Institutionen leben.

IT-Zentrierung (statt Lösungs-Zentrierung): Dass das Industrie 4.0-Projekt jetzt mit dem IT-Gipfel verknüpft wird, wird der Bedeutung von IT in der Industrie 4.0 gerecht. Zugleich ist diese Botschaft aber insofern negativ, weil es die Maschinen- und Anlagenbauer oder andere Player (HR, Organisation, Business Developer) befürchten lassen muss, dass sie in der IT-Zentrierung untergehen.

Bedenken Sie einmal, warum es eine BITKOM gibt, aber trotzdem einen VDMA Fachverband Software. Aber auch unabhängig von Befindlichkeiten, ist CIM als Vorläufer von Industrie 4.0 vor allem am dominierenden C-Fokus gescheitert!

Und das sagt ein ehemaliger Mitarbeiter an einem Lehrstuhl für integrierte Produktion, insbesondere CIM, der über ein CIM-/Industrie 4.0-Thema promoviert hat (Fertigungssteuerung durch autonome Agenten)! Am Ende funktioniert Industrie 4.0 nur, wenn wir auf vernetzte Lösungen und Kompetenz-Communities setzen.

Hightech-/Forschungs-Zentrierung (statt Lösungs-Zentrierung): Gut, dass jetzt endlich mit dem Projekt Smart-Service-World klar gemacht worden ist, dass wir in Deutschland jenseits reiner Technik-Zentrierung den Menschen als Kunden und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen müssen (und Arbeiten40 dasselbe für den Mitarbeiter leistet).

Ich habe mich sehr gefreut, dass auch mein Ex-Chef-Chef und Technologie-Ikone Hans-Jörg Bullinger im Manager Magazin die Perspektive in Richtung Kunde gedreht hat (Wem gehört künftig der Kunde?). Hightech ist auch in der Industrie 4.0 kein Selbstzweck.

Gerade KMU brauchen oft im ersten Schritt erst einmal Lowtech- oder Notech-Lösungen bzw. müssen da abgeholt werden, wo sie aktuell stehen, s. den Beitrag von Professor Kletti für die Huffington Post (6 Gründe, warum viele Unternehmen trotz Industrie 4.0 scheitern werden).

Gerade KMU brauchen aber vor allem Lösungsansätze, die morgen schon markt- und kundenrelevant sind und sie brauchen Antworten auf den Wandel der Markt-Logik ("Plattformen"). Industrie 4.0 muss nicht nur atomare Bausteine liefern, sondern vor allem eine Gesamtvision für den nachhaltigen Markt-Erfolg unserer Industrie, insbesondere der KMU. Das wäre ein Nutzenversprechen!

Betriebsmodell

Innen-Zentrierung (statt Markt-Zentrierung): Eine stärke Marktorientierung muss aber auch dem Projekt selbst gelingen. Während wir noch forschen, erobern andere (USA, ...) Kunden und Märkte. Das IIC ist ein Benchmark-Projekt, das man nicht ignorieren darf.

Hier muss das Industrie 4.0-Projekt vom IIC lernen und wie im Schreiben an die Bundeskanzlerin gefordert, sich zu einer klaren Marktorientierung committen!

„Arbeitskreis"-Zentrierung (statt Netzwerk-Zentrierung): Wenn das Nutzenversprechen des Industrie 4.0-Projekts und der Fokus auf den eigenen "Markterfolg" passen, muss nur noch die Struktur stimmen bzw. adäquat sein ;-) Was mich am Projekt „Industrie 4.0" an dieser Stelle verzweifeln lässt, ist die nicht ausreichende Beachtung der eigenen Botschaft:

„Eat your own dogfood".

Industrie 4.0 bedeutet nicht nur IoT, CPS, Smartness, ... das sind alles nur Tools. Industrie 4.0 bedeutet eigentlich neue Kollababoration in dezentralisierten Netzwerken, oft unter Nutzung kollaborativer Plattformen (die zugleich unsere Kunden-Hoheit bedrohen, s. Beitrag Hans-Jörg Bullinger).

Und was macht das Industrie 4.0-Projekt selbst? Die Plattform Industrie 4.0 im Web ist immer noch 1.0-Logik. Man setzt in der kollaborativen Netz-Ökonomie auf weitgehend geschlossene Arbeitskreise und Pressemitteilungen im Jahresrhythmus (s. Pressemitteilungen hier).

Ist das die Dynamik, die wir brauchen? Zumindest die Einrichtung dezentraler Competence Center ist ein richtiger Weg, warum aber setzt man nicht auf kollaborative Plattformen und Kampagnen und die breiteste Mobilisierung von Netzwerken, um den dringend notwendigen Transformationsprozess umfassend zu unterstützen?

Das wäre der notwendige Weg in die Zukunft. Wann können wir auf wahrnehmbare Änderungen in diesem Sinne hoffen? Lieber Herr Bundesminister Gabriel, Frau Bundesministerin Nahles geht hier im Rahmen von Arbeiten 4.0 schon in eine gute Richtung, wenn sie zumindest sehr viel deutlicher auf neue Medien als Multiplikator setzt.

Das bedeutet zwar auch noch keine kollaborativen Plattformen und Kampagnen, aber es ist immerhin ein Hoffnungsschimmer. Es reicht aber noch nicht. An anderer Stelle habe ich formuliert:

Wer es nicht schafft, entsprechend der

neuen ökonomischen Logik der kollaborativen Netzwerk-Ökonomie

die bisher noch ungenutzten Potenziale seiner

internen und externen Netzwerke bzw. Ecosysteme

und seiner Wertschöpfung zu mobilisieren,

wird im neuen Wettbewerb untergehen!

Das gilt für jeden, sogar für Bundesminister und Projekte des BMWI. Bis zum Schluss bleibe ich aber trotz dieser Kritik optimistisch. Mit dem richtigen „Markt- und Nutzenversprechen" und einem leistungsfähigen „Betriebsmodell" - da bin ich zuversichtlich - wird Ihnen und der deutschen Industrie wie erhofft Industrie 4.0 reloaded gelingen. Das ist dann auch eine Basis für weitergehende politische Ambitionen ;-).

Es kann für die Zukunftsfähigkeit ähnlich bedeutend sein wie einst Agenda 2010 (egal, was man im Detail von der Agenda hält). Wenn aber Ihr richtiger Vorstoß „Industrie 4.0 reloaded" am Ende dann doch nur Industrie 4.0 in einer neu deklarierten Version 2.0 ohne qualitative Veränderungen und ohne Ergebnisse von wirklich bedeutender Relevanz darstellt (und das wird sehr genau beobachtet und analysiert), dann ist das eher Basis für ein Scheitern aller weitergehenden Perspektiven.

Für Frau Professor Wankas Ambitionen ist das wahrscheinlich kein Problem. Von „Gabriel" als Marken-Versprechen erwartet und erhofft man mehr, zumindest die Partei. Und die Partei, die Partei, die hat immer recht ;-)

PS: Was halten Sie davon: Lassen Sie uns mit "Unternehmern" im weitesten Sinne treffen und den direkten produktiven Austausch suchen. Haben Sie am 19.2.2016 schon etwas vor? In Köln erwarten Sie > 100 Multiplikatoren aus Forschung und Praxis, jene Gutwilligen, die zu Ihrem erweiterten Unterstützer-Netzwerk für den Wandel werden können.


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