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Bedeutung New Work?! Was denken die Experten?

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WORKING PEOPLE
Portra via Getty Images
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Markus Väth ist in seinem Beitrag für die Huffington Post (s. hier) noch sehr hoffnungsfroh.

Er glaubt den Begriffsnebel um New Work lichten zu können: "Auch bei New Work sollten wir uns langsam darum kümmern, den Begriff zu schärfen. Nur wenn wir wissen, was wir unter New Work verstehen, können wir Fragen beantworten wie: Woran erkenne ich ein New Work-Unternehmen?".

New Work bleibt im Nebel

Wenn das so einfach wäre. Ich stimme eigentlich sehr weitgehend mit den Vorstellungen von Markus überein, aber unsere Blogparade (s. hier ), , die wir auf der Huffington Post gestartet haben (s. hier), lehrt mich, dass die New Work-Welt sehr heterogen ist und sich das auch nicht ohne weiteres aufheben lässt.

Hier soll im ersten Wurf zumindest schon einmal aufgezeigt werden, wie unterschiedlich die New-Work-Paradigmen - also die verschiedenen Vorstellungen zum Begriff New Work und seiner Bedeutung im Detail - in der Wirklichkeit sind, den von den Ursprüngen des "Erfinders" Frithjof Bergmann hat sich das Thema New Work in viele Dimensionen ausdifferenziert und emanzipiert, wo zum Teil auch Konfliktlinien entstanden sind, die zuweilen auch ausgelebt werden.

Die nachfolgende Abbildung versucht zu ordnen:

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Kern-Botschaft: Es gibt nicht ein New Work und eine Bedeutung des Begriffs, sondern sehr unterschiedliche Schulen. Betrachtet man die horizontale Dimension in der obigen Abbildung, dann steht z.B.:

  • einem technologischen und raum-gestalterischen Paradigma bzw. Begriffsverständnis ein organisations-gestalterische Paradigma gegenüber (Technik vs. Kultur)
  • einem mitarbeiter- und innen-orientierten Paradigma ein Paradigma gegenüber, das sich vom Kunden und den Services aus definiert (Mitarbeiter vs. Kunde).

Vertikal stehen der Graswurzel-Perspektive die Top-Management-Perspektive gegenüber und der anwendungs-orientierten Perspektive auch gesellschaftliche Perspektiven. Diagonal kann man sich dann noch streiten, ob man zu theoretisch oder praktisch ist ;-)

New Work konvergiert?

Auch wenn es immer noch solche Diskussionen gibt, wo A dann B vorwirft, viel zu kopflastig oder metaphysisch zu denken, und B dann A vorwirft, mit Praxis-Tools viel zu kurz zu springen, zeichnen sich durch Diskussionen in der Community endlich einige Konvergenzen ab, wie in der Sabine-Kluge-Winfried-Felser-Marc-Wagner-Diskussion, wo Graswurzel und Top-Management als Joint Forces nun zusammengedacht werden.

Mehr dazu unten in den Kommentaren zu den Blogbeiträgen. Das scheint ein Reifungsprozess innerhalb der Community zu sein, zumal immer mehr akzeptiert wird, dass es nicht ein Patentrezept für New Work gibt, weil Kontexte der Unternehmen zu verschieden sind und New Work eine Antwort auf spezifische Anforderungen sein muss.

Ähnlich formuliert es auch Mark Lambertz im Thesen-Beitrag von Marc Wagner für die Huffington Post bzw. im Video dieses Beitrags, wenn er die Hoffnung auf Patentrezepte zurückweist (s. hier).

New Work-Paradigmen konkretisiert

Die jetzt vorzustellenden Beiträge der Blogparade konkretisieren diese Verortungen beispielhaft, was dann das Verständnis des Gesamtbildes vereinfacht. Einen Überblick über alle Beiträge findet man hier:

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Nur exemplarisch einige Vertreter der verschiedenen Schulen:

- Björn Negelmann vertritt z.B. die Gruppe der Technologen, für die New Work idealerweise von technologischen Plattformen wie dem Digital Workplace oder Enterprise Social Networks aus zu denken und zu gestalten ist. Deswegen wehrt er sich gegen zu große Bilder oder Masterplänen bzw. einem New-Work-Begriff, der gleich die gesamte Wertschöpfungslogik einer Organisation ändern will.

- Gegen Masterpläne und die alleine Hoffnung auf Top-Management wehrt sich auch die agile Graswurzel, die z.B. Sabine Kluge vertritt, die bei Siemens und darüber hinaus über Instrumente wie WOL den Wandel vorantreibt.

- Dem gegenüber stehen die Organisationsentwickler wie Stephan Grabmeier, Kai Anderson, Marc Wagner, Fabian Kienbaum und Mathias Meifert. Sie unterstützen Organisationen bei ihrer Transformation mit verschiedenem Fokus.

=> Stephan (Grabmeier) kritisiert die Sozialromantik und fordert eine ganzheitliche Sicht auf New Work. Sein Zitat => Für mich gehört zu New Work einerseits der technologische Aspekt, das heißt die Nutzung digitaler Technologien allgemein und Sozialer Medien im Besonderen.

Zudem sprechen wir andererseits über neue Formen der Arbeit. Dazu zählt die Arbeitsplatzinfrastruktur (Räume, Zonen nach Arbeitstypologien, Zeitsouveränität, technologische Ausstattungen), neue Arbeitsmethoden -- insbesondere agiles Management -- aber auch alles, was das generationsübergreifende Miteinander betrifft. Wir sprechen auch über neue Organisationsdesigns und das Thema Führung in einer komplexen Welt. ZITAT ENDE

=> Marc (Wagner)hat mittlerweile den Graswurzel-Impuls aufgenommen und plädiert z.B. bei der Vorstellung seines Buches (mit Prof. Hackl et. al) für eine integrierte Sicht, die auf das Top-Management als Enabler und die Graswurzeln als eigentlicher Plattform des Wandels setzt.

Sonst stimmt er mit Stephan in der Ganzheitlichkeit überein, fordert in seinen 10 Thesen vor allem aber auch Räume für das Experimentieren.

=> Kai Andersonmacht deutlich, dass das Thema New Work spätestens mit den Calvinisten und dem Subsidiaritätsprinzipien begann. Dabei setzt er nicht nur auf die Organisation. ZITAT => Hier liegt die Verantwortung des Einzelnen.

Im besten Sinne eines selbstbestimmten Individuums, das Initiative zeigt und sich selbst und das gesamte System lernfähig hält. Dieses Menschenbild ist der Grundstein des Subsidiaritätsprinzips - nicht neu, aber aktueller denn je. ZITAT ENDE Organisations-Design meets Human Reality. Das ist eines der Schlüsselthemen von New Work.

=> Fabian Kienbaum schildert die eigene Transformation von Kienbaum mit allen Herausforderungen und setzt vor allem auf Ambidextrie, also zwei New-Work-Logiken in einer Organisation, die den unterschiedlichen Herausforderungen gerecht werden.

- Vom Markt her denken Köpfe wie Thomas Vehmeier und Johannes Ceh (aber auch Niels Pflaeging), die Neue Kollaboration und Neue Organisation als Antwort auf Neue Services / Neue Märkte sehen.

=> Thomas Vehmeier formuliert: "New Work muss also in all seinen Aspekten vom Kunden her gedacht werden. Ja noch mehr: Wertschöpfung kann nicht mehr für den Kunden, sondern überhaupt nur gemeinsam mit dem Kunden erzeugt werden.

Das Thema New Work muss vom Markt und seiner neuen Komplexität gedacht werden. Wer da autistische Prozesse ohne Feedback vom Kunden betreibt, wird den Wandel nicht richtig begreifen."

- Über die Organisation hinaus gehen dann die Politischen und Spirituellen wie Cem Aslan, Gunnar Sohn, Frank Widmayer, Siegfried Lautenbach oder auch der Autor dieses Beitrags. Zum Teil wird Praxisorientierung als zu kurz springend kritisiert.

=> Siegfried Lautenbacher und Alexander Klier zitieren in diesem Sinne u.a. Marx, Engels & Hegel und formulieren zum Schluss:

Die Utopie der Neuen Arbeit steckt für uns darin, dass sie den Menschen ... ermöglicht, was den antiken Philosophen immer wichtig war: die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Menschen nicht nur biologisch leben, sondern im Sinne eines guten Lebens zusammenleben, weil sie mittels der Arbeit Natur (und Technik) gestalten und dabei sich selbst und die Gesellschaft entwickeln.

Beim Verrichten der konkreten Tätigkeiten lernen sie voneinander und bestätigen sich einander, um in diesem "Spiegel" Selbst-Bewusstsein zu entwickeln.

- Die Pioniere wie Markus Vaeth, Mark Lambert, Andreas Zeuch, ... sind näher an der Sicht Bergmanns, wobei Konzepte wie die Unternehmensdemokratie früh über die ursprünglichen Konzepte hinausgegangen sind. Sie sind zum Teil von den Entwicklungen enttäuscht und fürchten Ausverkauf und Verwässerung:

=> Markus Vaeth möchte vor allem raus aus dem Nebelbegriff und formuliert klarstellend: "New Work versteht sich als revolutionäre Bewegung. Der New Work - Begründer Frithjof Bergmann stellt das Lohnarbeitssystem radikal in Frage und übt deutliche Kritik am heutigen Kapitalismus. ... Es geht also in erster Linie nicht um eine technische, sondern um eine kulturelle Revolution. Diese Revolution soll auf drei Ebenen stattfinden: Mensch, Organisation, Gesellschaft. ..."

- Den eher politischen Pionieren stehen aber nicht nur die Pragmatiker wie Bodo Antonic (Liefern, nicht labern!) und Berater gegenüber, die das Konzept entpolitisieren. Eine Gegenperspektive kommt auch aus dem Kontext des Privaten:

=> Bodo Antonic kritisiert zunächst: "Die Zukunft der Arbeitswelt ist kollaborativ, hierarchisch flach und mindestens erfüllend für Alle - so will es uns die „New Work"-Bewegung vorgaukeln.

Doch sie braucht endlich mehr substanzielle Strategien zur praktischen Anwendbarkeit." um dann doch zum Teil ideologie-konform festzustellen: "New Work ist nach eingehender Analyse ein Begriff, der zwei Aspekte umfasst. Zum einen die Herausforderung an das Management, sich partiell von seiner Macht zu trennen.

Zum anderen die Entfesselung der Organisation durch Unwucht-Management - was letztlich die Mitarbeiter gezielt ermächtigt, Entscheidungen verstärkt selbst zu treffen. Erst wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, kann das Unternehmen ... Antifragilität erreichen."

=> Lars Hahn kritisiert die ausschließliche Fokussierung auf Organisation und Gesellschaft: "Welche Möglichkeiten der Einzelne hat, seine Arbeitswelt zu gestalten, wird bisweilen dabei übersehen." So identifiziert er 15 Life Hacks für das Individuum.

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So weit, so gut, so breit also das Verständnis des Begriffes New Work. Die Bedeutung von New Work hängt mehr vom jeweiligen Autor als von Frithjof Bergmann ab.

Was tun? Den Begriff zerstören, wie Mark Lambertz in seinem Beitrag fordert (s. hier)? Meine Alternative: Mit Vielfalt leben, wenn das nicht New-Work-kompatibel ist!

PS: Kurz vor Schluss erreichte uns noch ein Beitrag aus der Realität. Harald Schirmer von Continental beschreibt da seinen ganz persönlichen Weg.

Dieser Beitrag ist Teil der Themenreihe "New Work". Alle aktuellen Beiträge dazu findet ihr hier.

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