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Dieses Beispiel zeigt, wie Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt gelingt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
INTEGRATION JOB
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In diesem Beitrag wird die Integration von Flüchtlingen als Gerechtigkeitsthema diskutiert. Die Politik möchte Unternehmen in die Integrationspflicht nehmen. Unternehmen wehren sich. Dabei geht es auch anders, wie ein Beispiel aus Köln zeigt.

Viele Unternehmen versagen als Integrationsbeauftragter

Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt gestaltet sich schwieriger als gedacht. Noch erfüllen sich nicht die Blütenträume von einer Lösung all unser Fachkräfte- und Demographie-Probleme. Schlimmer noch: Bis Juli hatten die DAX-Konzerne insgesamt nur 54 Flüchtlinge eingestellt wie die FAZ feststellte, s. hier.

Als Integrationsbeauftragte scheinen viele Unternehmen wenig geeignet.

Die Böhnke-Frage

"Sollte die Wirtschaft bei sozialen Aufgaben, wie zum Beispiel der Flüchtlingshilfe mehr Aufgaben übernehmen?", diese Frage stellte der Chef der Huffington Post-Blogger, Tobias Böhnke, dem Autor dieses Beitrags. Und damit ist er keineswegs allein.

Auch Politiker der GroKo nahmen die Wirtschaft in die Pflicht, von Angela Merkel über Sigmar Gabriel bis Julia Klöckner.

Daimler wehrt sich stellvertretend

"Alle sozialen Aufgaben bei der Wirtschaft abzuladen, das kann nicht funktionieren", so soll es der Daimler-Vorstand Wilfried Porth der Deutschen Presse-Agentur verkündet haben, s. hier. Und weiter bzw. geschickter argumentiert: "Wir können nicht an den Zeitarbeitern, die zum Teil schon länger für uns arbeiten, vorbei Flüchtlinge auf breiter Basis einstellen". Damit hat er seine Abwehrhaltung nicht etwas über Eigeninteressen, sondern über den Interessenskonflikt von Flüchtlingen und Zeitarbeiter begründet.

Mehr zum Thema: Job-Boom für Flüchtlinge: Diese Region schafft, woran Großkonzerne scheitern

Das soll hier gar nicht bewertet werden. Auf jeden Fall klingt es nicht nach einem euphorischen "Ja" auf die Böhnke-Frage. Skeptiker würden die Antwort von Porth sogar leichtfertig als "Nein" interpretieren. Zurecht wird mancher Ökonomie-Puritanier rufen und fordern, Unternehmen nicht mit unternehmensfremden Aufgaben zu belasten.

Ein Gedankenspiel hinterfragt einen solchen kategorischen "ökonomischen" Imperativ: Ist die Benachteiligung von Flüchtlingen durch verringerte Beschäftigungsfähigkeit (neudeutsch Employability) nicht analog zur Benachteiligung von Behinderten durch ihre verringerte Beschäftigungsfähigkeit zu betrachten?

Der § 71 SGB IX formuliert in diesem Zusammenhang:

Private und öffentliche Arbeitgeber (Arbeitgeber) mit jahresdurchschnittlich monatlich mindestens 20 Arbeitsplätzen im Sinne des § 73 haben auf wenigstens 5 Prozent der Arbeitsplätze schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. Dabei sind schwerbehinderte Frauen besonders zu berücksichtigen. ...

Hier ließen sich sicherlich noch weitere Beispiele finden, wo Unternehmen Aufgaben jenseits des eigentlichen unternehmerischen Zwecks übernehmen.

Arbeitnehmer bzw. Bürger in der Zwangspflicht

So weit dazu. Auch ein Blick auf die weitere Gesellschaft hilft potenziell bei der Entscheidung der Böhnke-Frage. Gleichzeitig zum bisher freiwilligen Engagement-/ Nicht-Engagement von Unternehmen sind z.B. Arbeitnehmer bzw. alle "normalen" Bürger zwangsweise in der Pflicht, einen großen Teil der Lasten der Flüchtlingskrise zu meistern.

Wie z.B. die BILD harmoniestiftend meldete (s. hier), werden Zusatzbelastungen durch Flüchtlinge u.a. die Gesetzlichen Krankenkassen mittelfristig um 200 Millionen pro Jahr belasten. Und das ist nur eine Zusatzlast.

54 Einstellungen (durch Arbeitgeber)
versus 200 Millionen Zusatzbelastungen pro Jahr (für Arbeitnehmer).

Jetzt ist der Autor dieses Beitrags nicht sehr gut in Mathematik, aber nehmen wir einmal an, eine Flüchtlingsstelle kostet 100.000 Euro im Jahr. Dann sprechen wir von einer Belastung von 5,4 Millionen Euro an Kosten durch angestellte Flüchtlinge gegenüber 200 Millionen allein an Zusatzbelastungen der Krankenkassen.

Dabei vergessen wir einfach einmal, dass z.B. Arbeitnehmer aus Syrien zum Teil hochqualifiziert (Bassam Tibi sieht das anders) und eher ein Gewinn für Unternehmen sind. Seis drum - auf jeden Fall gilt: Wären Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein Ehepaar, könnte man von einer unbalanzierten Beziehung sprechen bzw. einer unbalanzierten Lastenverteilung.

Auf jeden Fall steigert es nicht die Akzeptanz in der Bevölkerung, wenn der Eindruck entsteht, dass der "normale" (Wut-) Bürger in Sachsen die Suppe auslöffeln muss, die ihm nicht betroffene bzw. privat versicherte "Eliten" in Berlin eingebrockt haben. Ich höre schon die kritischen Stimmen in der heute show.

Hilft eine Theorie der Gerechtigkeit?

Aber im Ernst: Man kann natürlich große Fragen nach einer "gerechten" Politik nicht von kleinen, oft egoistischen Perspektiven einzelner Akteure leiten lassen. Eine schöne Theorie für die Entscheidung von Fragen der Gerechtigkeit, ist Rawls Theory of Justice. Ohne hier hohe Kompetenz in Richtung Ethik zu beanspruchen und ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit (Utilitaristen dürfen nicht glücklich über meine Wahl sein), sei hier mit Hilfe von Wikipedia doch der Grundgedanke seiner Theorie präsentiert.

Rawls demonstriert sein Konzept des Gesellschaftsvertrags mit einem inzwischen berühmten Gedankenexperiment:

"Die Vertragspartner befinden sich bei Rawls in einem hypothetischen „Urzustand" (original position), der durch einen „Schleier des Nichtwissens" (veil of ignorance) gekennzeichnet ist. In dieser angenommenen Situation wird über die Gerechtigkeitsprinzipien entschieden, die der realen Gesellschaftsordnung zugrunde liegen sollen.

Die Entscheidungsträger wissen aber im Urzustand selbst nicht, an welcher Stelle dieser zu bestimmenden Ordnung sie sich befinden werden. Durch diese neutrale, anonymisierte Entscheidungssituation soll sichergestellt werden, dass die gewählten Gerechtigkeitsprinzipien in einem fairen Verfahren zustande kommen."

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Also: Wie würden Sie nun entscheiden, wenn Sie vorher nicht wüssten, ob Sie dann in der realen Situation Flüchtling, Arbeitnehmer/Normalbürger oder Arbeitgeber sind? Würden Sie Maßnahmen der Integration fordern (es könnte sein, dass Sie Flüchtling sind!)? Wie wäre Ihre Verteilung der Lasten auf die Leistungsträger dieser Gesellschaft?

Empfundene Ungerechtigkeit ist in der Internet-Ökonomie Sprengstoff!

Egal, wie Sie entscheiden. Empfundene Ungerechtigkeit ist in der Internet-Ökonomie Sprengstoff! Neben der "deontologischen" (gegebenenfalls googeln) Gerechtigkeitsfrage ist am Ende vielleicht doch auch "utilitaristische" Realpolitik (auch hier gegebenenfalls googeln) hilfreich: Was verhindert am Ende, dass die Hütte brennt?

Nicht nur in Sachsen.

Auf jeden Fall geht es besser ...

Aber vielleicht muss es so weit gar nicht kommen. Ex-Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger hat z.B. ein paralleles Ausbildungssystem für Flüchtlinge vorgedacht, s. z.B. hier. Das wäre ein tragfähiges Konzept.

In Köln hat IHK Hauptgeschäftsführer Ulf Reichardt ein eigenes Programm für Flüchtlinge aufgesetzt - zusammen mit den Unternehmen der Region. Das Programm basiert alleine auf Freiwilligkeit und der Erfolg ist beeindruckend, s. hier:

Unermüdliche Sisyphusarbeit mit tollem Erfolg: über 95% der Flüchtlinge, die unsere Programme durchlaufen, sind anschließend in Ausbildung oder Job. Mit einer klaren Perspektive in unserem Land!


Vielleicht sollten Merkel und Gabriel lieber Reichardt und Sattelberger fragen.

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