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Industrie 4.0, wo stehen wir? Meldungen zum Status-Quo, u.a. von der CeMAT 2016!

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MEETING ECONOMY
Lehtikuva Lehtikuva / Reuters
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Wenn drei ganz verschiedene Quellen zu gleichen Aussagen kommen, dann könnte das für die Richtigkeit der Aussagen sprechen. So geschehen im Kontext Industrie 4.0 bei der CeMAT, bei einem Fundamentalgespräch in Köln (die Huffington Post berichtete) und bei der Studie von PwC. Quintessenz:

Die Industrie 4.0 setzt nach der internen Optimierung
jetzt den Fokus auf Kunde, Mitarbeiter und
daten-/IoT-basierte Evolution von Märkten + Wertschöpfung!


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Bild 1: Foto des Autors vom Keynote-Forum


0. CeMAT bestätigt Reifungsprozess von Industrie 4.0

Auf der CeMAT 2016 diskutierten im Keynote Forum fünf Köpfe der Industrie 4.0 die Schlüsselfrage, ob die Industrie 4.0 endlich fit für die Wertschöpfung sei. Und es diskutierte nicht irgendwer. Mit dabei waren Paul Zumbühl, CEO von Interroll, Bernhard Müller, Geschäftsleitung Industrie 4.0 der SICK AG, Professor Dr. Uwe Kubach, Chef-Evangelist der SAP AG für das Thema IoT und Professor Michael ten Hompel, geschäftsführender Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML.

Souverän moderiert wurde das Forum dabei von Dr. Christian Jacobi, Geschäftsführender Gesellschafter der agiplan GmbH, jenem Unternehmen, das zusammen mit dem Fraunhofer-IML eine sehr ehrlich-kritische Analyse zum Status-Quo des Industrie 4.0-Projekts erstellt hatte. So war nur gerechtfertigt, dass er das Forum nach der Fitness fragte, denn die agiplan/IML-Studie machte damals klar, dass Deutschland keineswegs durch die 4.0-Initiative in der Breite bereits fit war für eine neue Wertschöpfung. So waren alle gespannt, was nun in Hannover vom Forum an Ermutigung oder Fundamentalkritik verkündet würde.


1. Erster Fokus: interne Performance, vertikale Integration
Dass nicht zu Beginn einer Transformation alle Blütenträume reifen würden, das machte Paul Zumbühl, CEO von Interroll, direkt am Anfang klar.

Und das ist auch in Ordnung so! Zugleich wurde aber auch deutlich, dass bereits viele Unternehmen konkrete Umsetzungen realisieren. Bei Interroll hatte man sich dabei für ein evolutionäres Vorgehen entschieden: Erst optimierte man unternehmensintern und vertikal über die Ebenen der Planungs-/Steuerungshierarchie und dann horizontal, vor allem in Richtung einer besseren Vernetzung und Kollaboration mit den Kunden.


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Bild 2: Paul Zumbühl, erst vertikal und intern, dann horizontal und Kunde


2. Zweiter Fokus: Kunde, horizontale Integration Eocsystem

So war also der initiale interne / vertikale Fokus gar keine Einschränkung (Fixierung bis zum Werkstor), sondern nur Konsequenz der evolutionären Transformation, die intern Voraussetzungen für externe Lösungen schaffen muss.

Eine spannende Perspektive: Paul Zumbühl berichte in diesem Zusammenhang davon, dass man nun mit den eigenen Erfahrungen die eigenen Kunden bei ihrer Transformation unterstützen würde. So ist es idealtypisch: Kollaborative Transformation im Netzwerk, denn am Ende klappt eine Neuausrichtung 4.0 nicht als Insel, sondern nur im Netzwerk. Horizontal folgt vertikal und führt dann zu einer neuen Qualität der Kundenbeziehung.

Dem stimmte auch Professor ten Hompel zu. Industrie 4.0 als reine interne Effizienzstrategie greife zu kurz. Es würden durch 4.0 neue Märkte geschaffen. Ein klarer Fokus auf die Wertschöpfungsorientierung und neues Denken durch Lösungsansätze wie Design Thinking müssten hier den Weg ebnen.

Natürlich beginnen Unternehmen mit internen Quick-Wins ohne hohe Komplexität wie einer verbesserten Wartung, aber am Ende stehen dann ganz neue Service-Konzepte, Geschäftsmodelle wie pay-per-use oder neue Plattformen, so die Experten in Hannover. Das wurde von den Zuhörern und Medienvertretern in Hannover als Schlüsselbotschaft mitgenommen und in die Welt multipliziert.


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Bild 3: Industrie 4.0 im zweiten Schritt neue Märkte, Geschäftsmodelle, ...


3. Fokus: Daten und IoT als Basis neuer Wertschöpfung

Zentral werden für diesen Wandel u.a. Verbesserungen der Datenbasis sein. Eine neue Intelligenz der Sensoren wie sie von SICK realisiert wird, optimiert dabei die Datenverfügbarkeit und schafft einen Überblick über alle Fertigungs- und Logistikprozesse über das Werkstor hinaus entlang der gesamten Lieferkette bis hin zur Auftragsabwicklung und Kundenbelieferung.

So wird - und das machten die Ausführungen von Bernhard Müller von SICK klar - Industrie 4.0 natürlich gerade für Sensor-Hersteller ein wichtiger Innovationstreiber und umgekehrt sind Sensoren der zentrale Enabler für die datenbasierte Industrie 4.0! Kundenorientierung, Losgröße 1 und hohe Flexibilität brauchen Datentransparenz!

Neben den Daten und Sensoren ist komplementär dazu das IoT (Internet of Things) die Basis-Plattform für zukünftige Innovationen. Dass die SAP diesen Bereich nun so hoch priorisiert, ist dafür ein wichtiger Indikator.


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Bild 3: Professor Kubach, SAP: Testbeds als Basis für breite Innovation


Wie aber gelingt es diese Innovationen in der Breite zu verankern. Testbeds wie beim IIC und auch die neuen Kompetenzzentren für die Industrie 4.0 sind da der richtige Ansatz. Professor Kubach berichtete davon, dass sich auch deutsche Unternehmen für Testbeds zusammengeschlossen hätten (unabhängig vom IIC-Konsortium). Seit Januar sind zudem nun die Kompetenzzentren 4.0 am Start, u.a. auch unterstützt vom Fraunhofer-IML von Professor ten Hompel. Industrie 4.0 im Aufbruch!

So die frohen Botschaften aus Hannover.


4. Industrie 4.0 auch vom Mitarbeiter aus denken!

Zwei Wochen zuvor trafen sich vor den Industrie-4.0-Evangelisten bereits drei konstruktiv-kritische Begleiter des Projekts in Köln. Professor Andreas Syska ist der medial präsenteste Kritiker des Industrie 4.0-Projekts in Deutschland. Ralf Volkmer organisiert als Kopf der Lean-Community eine Gemeinschaft, die dem „4.0"-Gedanken anfangs kritisch gegenüberstand, weil die Visionen 4.0 für die Lean-Community zunächst zu sehr von Technik dominiert wurden.

Der Autor dieses Beitrags lobpreiste das Projekt zum Start auf der HMI 2014 zusammen mit Rainer Glatz vom VDMA und Dr. Andreas Gördeler vom BMWI zunächst euphorisch. Zugleich beerdigte der Autor im Herbst desselben Jahres das Projekt dann aber fiktiv auf der Huffington Post in der Hoffnung auf eine Neuausrichtung, die wenige Monate später durch Sigmar Gabriel erfolgte.

Und was sagten nun die Kritiker zu Zukunft 4.0? Das ist das Erstaunliche: Am Ende waren sich "Evangelisten" in Hannover und "Kritiker" in Köln einig! Zunächst wurde in Köln klar, dass Industrie 4.0 nicht einheitlich verstanden würde. Der frühen technik-zentrierten und internen Sicht stünden heute glücklicherweise erweiterte Perspektiven gegenüber, wie sie ja auch auf der CeMAT verdeutlicht wurden. Auch in Köln war Common Sense: Industrie 4.0 darf nicht am Werktor enden und sich in technischer Fixierung erschöpfen.

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Bild 4: Industrie 4.0 - Erweiterung in Richtung Kunde und Mitarbeiter


Wer nur über smarte Fabriken spricht und den Kunden aus den Augen verliert, verliert am Schluss das Spiel. Nur fundamental vom Kunden aus gedacht kann sich Innovation legitimieren. Aber auch in einer zweiten Dimension verkürzt sich oft der Blick. In Medien und schon in der Ur-DNA des Industrie4.0-Projekts lief die Argumentation einer neuen Zukunftsperspektive über die Evolution von industriellen Technologien.

Diese technik-zentrierte Perspektive vergisst aber den Menschen und die Entwicklungen seiner neuen Kompetenzen und neuer Kollaborationsformen wie sie z.B. Henry Ford oder auch die Lean-Bewegung realisierten, die nicht Technik, sondern Wertschöpfung und den Menschen in den Mittelpunkt stellten. Am Ende muss vom Kunden und vom Mitarbeiter aus gedacht werden, so die Kernbotschaft aus Köln.


5. PwC-Studie bestätigt Botschaften aus Hannover und Köln!

So weit, so harmonisch. Das Erfreulichste: Die neue Studie von PwC, die auch Professor ten Hompel zitierte, bestätigte die Botschaften aus Hannover und Köln. U.a stellt die neue Studie als zentrale Schlüsselerkenntnisse fest:

  • Industry 4.0 - from talk to action (s. Punkt 0 dieses Beitrags)
  • Digitalization drives quantum leaps in performance (s. Punkt 1)
  • Deepen digital relations with more empowered customers (s. Punkt 2)
  • Focus on people and culture to drive transformation (s. Punkt 4)
  • Data analysis + digital trust are the foundation of Industry 4.0 (s. Punkt 3)
  • ...

Wenn hier unterschiedliche Experten-Communities und eine breite Befragung der Praxis zu so ähnlichen Ergebnissen kommen, dann spricht einiges für die Validität der Aussagen. Man kan also hoffen, dass nach den Geburtswehen nun das Projekt Industrie 4.0, vor allem aber die Praxis auf einem guten Weg sind.


Was ist die Konsequenz des Wandels? Die PwC-Experten rechnen bis 2020 mit hohen Investitionen (fast 1 Billionen p.a.) und Effekten bei Effizienz + Umsatz. Interessanterweise griff Professor ten Hompel in seinem anschließenden Visions-Vortrag diese Botschaft von PwC auf und kommentierte sie.

Seine Botschaft: Prognosen sind immer schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen, aber tendentiell stimmte er den Prognosen zu. Selbst bei größeren Abweichungen bedeutet das aber enorme wirtschaftliche Chancen! Diese Chancen sollten wir uns bei aller berechtigten Kritik nicht entgehen lassen!

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Bild 4: Investitionen, Wachstum Wertschöpfung + Effizienz bis 2020 (s. PwC)


Ein Teil dieses Beitrag erschien in einer früheren Version ursprünglich auf der Lean Knowledge Base, s. dort. Die PwC-Studie finden Sie hier (zur Studie).

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