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Gesellschaft 4.0 zwischen Wohlstand für alle und Hamburger Verhältnissen!

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Vorweg: Ein Blick zurück ...

„Wohlstand für alle" (s. hier) war ein von Ludwig Erhard 1957 publiziertes Buch. Eine Forderung nach einer inklusiven Gesellschaft - über den Wohlstand für einige hinaus - ist aber aktueller denn je.

Gerade der technologische Wandel („Industrie 4.0", "Second Maschine Age", "Nenne es wie Du willst") kann in einer dualistischen Gesellschaft münden, die dann aber sicherlich keine friedliche Gesellschaft sein wird, sondern höchstens eine befriedete.

Die Ereignisse in Hamburg waren sicherlich noch kein Ausdruck einer solchen dualistischen Gesellschaft, sondern Werk von Berufschaoten. Dennoch zeigen sie eine Zukunft auf, die uns im größeren Rahmen droht, wenn es uns nicht gelingt, die Gesellschaft im Sinne eines inklusiven Wohlstands auszurichten.

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Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F004204-0003 / Adrian, Doris / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

... und ein Blick nach vorne ...

Umso erfreulicher ist es, dass sich die Management-Vordenker des Drucker Forums dieses Jahr mit dieser überlebenswichtigen Frage auseinandersetzen.

Nachdem es im vergangenen Jahr um die unternehmerische Gesellschaft ging, wurde bereits in einer ungewöhnlich intensiven Abschlussdiskussion im letzten Jahr deutlich, dass der Fokus im kommenden Jahr breiter sein muss.

Unternehmertum und Führung müssen ihr Tun oder Nichttun auch im Kontext der gesellschaftlichen Implikationen hinterfragen.

Wenn uns die inklusive Gesellschaft und Wohlstand für alle nicht gelingt, werden wir Hamburg @ Scale erleben! (Das ist keine Rechtfertigung des inakzeptablen Verhaltens der Berufschaoten in Hamburg, sondern einfach eine Prognose).

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Flying Tiger Copenhagen in Hamburg nach den Plünderungen während des G20-Gipfels, Bild von Cosmicgirl (Anja Jung) - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, Link

... und Frustration und Hoffnung!

Das ruft eigentlich nach einer Plattform, un diese existentiellen Fragen umfassend beleuchten zu können. "Ein breit angelegter gesellschaftlicher Austausch findet nicht statt." stellt aber Gunnar Sohn bei den Netzpiloten noch frustriert am 10. Juli 2017 im Rückblick auf die Zukunftskonferenz D2030 fest.

Es gibt aber mehr an Hoffnungspflänzchen als nur das Drucker Forum. Auch Technologen aus dem Industrie 4.0-Umfeld, die 2030-Zukunftsforscher und einzelne Köpfe wie Götz Werner (Sonst knallt's) und Karl-Heinz Land und vor allem aber auch ganz viele Graswurzel-Bewegungen beschäftigen sich mit diesem Thema, was nun u.a. in einer offenen Blogparade zusammengeführt werden soll, die das Thema ganzheitlich transportiert (siehe PS) und für die dieser Beitrag nur eine erste Anregung neben anderen sein soll.

Die erfolgreiche Blogparade zu New Work auf der Huffington Post (s. hier) bekommt so einen größeren, gesellschaftlichen Rahmen!

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Die erste Blogparade zu New Work generierte über 50 Fachbeiträge

Dieser Beitrag basiert dabei wesentlich auf Gedanken und Ausführungen von Dr. Straub, dem Initiator des Drucker Forums, der führend im vergangenen Jahr mit dazu beigetragen hat, dass dieses Jahr - übrigens ganz im Sinne Peter Druckers - dieses etwas ungewöhnliche Thema im Mittelpunkt steht, s. dazu: http://www.druckerforum.org/2017/home/. Mehr denn je sind - so Richard Straub damals wie heute - vor allem auch Führungskräfte in der Verantwortung, für die kreativen Potenziale von Mitarbeitern und Mitbürgern Räume zu schaffen, um gemeinsam Digitalisierung und Globalisierung positiv zu nutzen (das vorläufige Programm zum Drucker Forum finden Sie hier).

Daher sollten sich Führungskräfte auch für Fragen zur langfristigen Entwicklung der Gesellschaft öffnen bzw. - mehr noch - sogar Plattformen des Dialogs zur Zukunftsfähigkeit sein.

Viel Spaß beim Lesen, aber vor allem beim Mitbloggen (s. PS)!

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Schicksalsjahre und unsere Gestaltungssouveränität

Die Menschheit befindet sich in einer entscheidenden Phase ihrer Entwicklung. Technologie, kultureller Wandel, aber auch viele andere Treiber sorgen für eine Disruption unserer bisherigen ökonomischen und gesellschaftlichen „Plattformen".

Eines ist klar: Ein „Weiter so!" scheint keine Option, auch nicht ein „Wird schon!", denn ein Laissez Faire können sich nur die wünschen und als Optimum suggerieren, die heute schon Profiteure der Fehlentwicklungen sind.

Was die Zukunft bringt, ist unsere Entscheidung und nicht das Ergebnis scheinbarer Determinismen und Naturphänomene. Utopie oder Dystopie - wir werden die Zukunft haben, die wir verdienen, vielleicht, weil wir am Ende an unserer Naivität und unserer mangelnden Fähigkeit scheitern, unseren Willen zu koordinieren.

Die entscheidende gesellschaftliche Frage jenseits der Technik

Bei Gesellschaft 4.0 bzw. Society 5.0 - die Japaner sind schon einmal eine Version weiter ;-) - mögen viele immer noch vor allem an High-Tech und Technik als Selbstzweck denken, aber die wahren Herausforderungen sind gar nicht technischer Natur.

Wie schaffen wir eine inklusive Gesellschaft? Diese Frage des digitalen Zeitalters wird viel eher zur Schicksalsfrage als die Frage nach dem Zeitpunkt der Singularität und andere akademische Gedankenspiele.

Es tut sich etwas an vielen Fronten ...

Umso mehr stellt sich wieder die Frage: „Was tun?".

Glücklicherweise stellt sich diese Frage in diesem Jahr wohl eine der hochkarätigsten Management-Communities, das Drucker Forum, mit dem Titel des #GPDF17:

Growth & Inclusive Prosperity
- etwas frei übersetzt mit -
Wohlstand & Inklusion für alle (s. hier)

.

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Das jährliche Treffen der Management-Vordenker in Wien, s. hier

Aber nicht nur Manager und Management-Vordenker machen sich dieses Jahr Gedanken, sondern auch Köpfe aus der technologie-orientierten Transformations-Community. Zuletzt hat Karl M. Tröger auf der Huffington Post drei Jahre zurück auf seine ersten mahnenden Worte geblickt und in der Überschrift seine Mahnung wiederholend formuliert:

Die Gesellschaft 4.0
ist immer noch Chance
und immer noch kein Selbstläufer (s. hier)

Noch organisieren sich gesellschaftssensible und humanzentrierte Vordenker in der Industrie-4.0-Community zu wenig, die Technik dominiert immer noch zu sehr die öffentliche Diskussion. Es bleibt aber zu hoffen, dass eine Wende gelingt.

U.a. Köpfe wie "Industrie 4.0 human"-Initiator Burkhard Röhrig haben schon vor Jahren auf der Huffington Post (s. „Industrie 4.0 Human" - der Mensch als Erfolgsgarant und Profiteur, nicht als Opfer der neuen Industrie") frühzeitig eine humanzentrierte Fokussierung als Ergänzung zur technologischen Revolution eingefordert, sie blieben aber zu lange zu wenig gehört.

Gesellschaft 4.0 bedeutet eben nicht nur "Bedingungsloses Grundeinkommen" oder Revitalisierung von Trickle Down, sondern auch eine sinnstiftende Rolle des Menschen in dieser Gesellschaft, u.a. auch durch seine Arbeit. Hier wär die Botschaft von Burkhard Röhrig eindeutig:

Industrie 4.0 heißt nicht,
dass Maschinen Menschen ersetzen.
Die Produktionsarbeit wird sogar aufgewertet.

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Mehr im Blog zu Industrie 4.0 human, s. hier

Hier müsste man nur die vielen Einzelmaßnahmen vernetzen und auch eine Anschlussfähigkeit in Richtung weiterer Aktivitäten suchen. So beleuchten z.B. aktuell die Zukunftsforscher der D2030-Initiative alternative Szenarien für unsere zukünftige Entwicklung, wo sich auch technologische Kompetenz einbringen könnte.

Gut aber auf jeden Fall, dass sich etwas tut! Die Ausgangssituation bietet nämlich mehr Hoffnungspotenziale als manche Evangelisten des Pessimismus glauben lassen und auch wahrscheinlich mehr als der Autor dieses Beitrags üblicherweise sieht und formuliert ... Hier hat der Optimismus von Richard Straub gewirkt.

Zusammenfassung der 2030-Konferenz, mehr s. hier

Eine Ausgangsituation mit Hoffnungspotenzial

Für den Westen haben die letzten 250 Jahre gleichsam eine Prosperitätsexplosion gebracht. Max Roser zeigt das sehr schön in Our World in Data (s. hier). Die Wohlstandkurve für den Westen hat sich in dieser Periode steil nach oben entwickelt. Was wir heute für breite Schichten als Minimum sehen, war vor 300 Jahren nur sehr wenigen vorbehalten bzw. war gar nicht verfügbar (z.B. Transport, Medizin etc.).

Wachstum und Unternehmertum als bisherige Erfolgsbasis

Der Treiber dieser fulminanten Entwicklung war vor allem das Wirtschaftswachstum, das auch durch Technologie-Revolutionen möglich gemacht wurde.

Innovation, Globalisierung, Handel und eine Kultur der individuellen Freiheit, insbesondere auch des Unternehmertums, und das Management der Komplexität über Märkte waren entscheidend.

Der soziale Fortschritt wäre nicht möglich gewesen, hätte man nicht eine so gewaltige Steigerung der Produktivität und des Wirtschaftswachstums erzielt.

So weit, so gut.

Dualisierung und Orientierungslosigkeit als Bedrohung

Heute gibt es aber zunehmend pessimistische Stimmen, die eine zunehmende Dualisierung der Gesellschaft fürchten und / oder Wachstum und Innovation als Wohlstandstreiber generell ablehnen, vor allem, weil der Eindruck entsteht, dass Wachstum und Innovation nicht mehr allen zugutekommt.

Selbst der ehemalige Präsident der Harvard University, Larry Summers, formuliert auf der Huffington Post im Vorfeld des Drucker Forums:

The primary challenge democracies face is neither military nor philosophical.
Rather, for the first time since the Great Depression, many industrial democracies
are failing to raise living standards and provide opportunities for social mobility
to a large share of their people.
(s. hier)

Erste Lösungsansätze und Hoffnungsträger!

Der von Summers zitierte und gelobte Report of the Commission on Inclusive Prosperity zeigt Lösungsansätze auf:

1. Raising wages: Full employment in an economy where work pays

2. Educational opportunity for all

3. Measures to support innovation and regional clusters

4. Greater long-termism

5. International cooperation on global demand, trade, financial stability, and corporate tax avoidance

Ungewöhnliche Vorschläge aus Harvard ;-), aber vielleicht dringend notwendig.

Denn im gesellschaftlichen Kontext macht sich auch eine gewisse Orientierungslosigkeit generell breit, da Wirtschaft und Globalisierung keine tieferen Wertesysteme vermitteln können.

Durch die wirtschaftliche Dualisierung und eine fehlenden Wertekanon wird es dann aber geradezu unmöglich, gesellschaftlichen Konsens für die wichtigen Zukunftsfragen zu erzielen. Die Kluft zwischen konkurrierenden und vielfach widersprüchlichen Wertesystemen scheint zu tief.

Es stellt sich daher die Frage nach der Notwendigkeit des Wachstums, aber auch nach der Verbesserung der Qualität des Wachstums, insbesondere nach der Inklusivität von Wohlstand. Eine Exklusivität können wir uns schon aus ökonomischen Gründen nicht leisten.

Das latente menschliche Potential ist ja bekanntlich die bedeutendste Reserve die wir haben. Sie jetzt nicht zu nutzen, wäre eine fatale vertane Chance.

Von gesellschaftlichen Friktionen wollen wir gar nicht erst sprechen.

Ein entscheidender Faktor für die Zukunftsfähigkeit sollte - neben den obigen Lösungsvorschlägen - die Informations- und Kommunikationstechnologie in all ihren fortgeschrittenen Formen sein (Collaboration Platforms, Big Data, Analytics, Robotics, Machine Learning etc.).

Wir müssen nur lernen, diese Technologien menschengerecht und für eine bessere Zukunft für alle einzusetzen und uns nicht von Technokraten treiben zu lassen. Was wir daher benötigen, ist eine neue Art von Grenzgängern - etwa Anthropologen die in der digitalen Welt voll zu Hause sind, oder Philosophen, die sich Grenzen von KI denken und Psychologen die die Schichten menschlichen Denkens und Handelns von digitaler Rationalität abgrenzen und damit auch die positiven Synergien aufzeigen.

Vor allem müssen wir die vielen Perspektiven vernetzen, die für eine positive inklusive Zukunftsentwicklung notwendig sind. Im Harvard Business Manager schrieb Dr. Straub (s. hier) dazu:

Jeder hat ein Recht auf sinnvolle Arbeit

... Jeder Mensch ist zu kreativem Denken und Handeln fähig. Große Manager wissen, wie man diese üppige Ressource nutzt, und sie erkennen, dass das Bündeln kreativer Energie gewöhnlich den Fortschritt beschleunigt. Oder wie das Sprichwort sagt:

Viele Hände machen bald ein Ende. ...

Aber damit dies auf breiter Ebene (@Scale) geschehen kann, müssen mehr Organisationen erkennen, dass zu ihrem Innovationsmandat nicht nur gehört, neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, sondern auch neue Wege, die Arbeit zu erledigen.

Das digitale Zeitalter bietet uns dazu enorme Chancen - bringt aber auch neue Herausforderungen und Risiken. Wie Unternehmen Informations- und Kommunikationstechnologien entwickeln und bereitstellen werden, wird hochgradig beeinflussen, ob Wohlstand für alle entsteht oder nur exklusiv für einige wenige.
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So weit einige erste Worte. Nun sind Sie / bist Du gefordert, s. PS:

PS: Jetzt VERNETZUNG der Perspektiven!

Was also klar wird: Wir müssen uns vernetzen.

Im Vorfeld des Drucker Forums zum Thema „Growth and Inclusive Prosperity" wollen wir den Erfolg der ersten Blogparade der Competence Site / Huffington Post zu New Work fortsetzen. Unter den Hashtag

#Gesellschaft40 und #GPDF17, ... (und andere passende Hashtags wie #D2030)

wollen wir beleuchten:

Wie gelingt uns eine inklusive Ökonomie und Gesellschaft 4.0? Das kann Beiträge vom BGE über neue Managementkonzepte bis zur Neudefinition humanzentrierter Arbeit in der Industrie bedeuten.

Möchten Sie mitdiskutieren?

Nichts einfacher als das! Eigenen Beitrag bis zum 1.9. schreiben, Link auf diesen Beitrag hier integrieren, eigenen Beitrag mit Hashtags

#Gesellschaft40 und #GPDF17, ... (und andere passende Hashtags wie #D2030)

bei Twitter posten, mehr muss man nicht tun. Wir realisieren dazu dann einen Sonder-Report im Rahmen der Competence Site!

PPS: Wollen Sie in Wien mit dabei sein?

"Wie wartet auch Dich" war einmal ein New-Work-Klassiker der Software-Branche. Haben Sie Zeit, um am 16. November in Wien dabei zu sein? Bis zum 14. Juli gelten reduzierte Konditionen, s. hier.https://www.druckerforum.org/registration/

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Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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