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Mehrwerte 4.0 (statt nur Effizienz!) - so kann die "Digitale Transformation" in Deutschland gelingen!

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DIGITALISATION
Westend61 via Getty Images
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Dieser Beitrag von Dr. Detlef Bleise unter Mitwirkung von Dr. Winfried Felser geht auf die Projekterfahrungen von Dr. Bleise, u.a. bei der Transformation eines der größten deutschen DAX-Unternehmen zurück. Da ein radikaler Wandel (Greenfield-Ansatz) bei den meisten deutschen Unternehmen im ersten Schritt schwierig ist oder oft nur in Beibooten gelingt, wird stattdessen eine evolutionäre Brückenlösung für Deutschland 4.0 vorgeschlagen, die zunächst vor allem auf neue Vernetzung und ein neues übergreifendes und nicht lineares Denken setzt. Damit schafft sie aber nicht nur schnelle Erfolge auch jenseits der digitalen Effizienzfallen und der Digitalisierung der alten Strukturen, sondern auch Lernerfahrungen für spätere, radikalere Lösungen.

1. „4.0" geht alle an!

Die (Digitale) Transformation, Industrie 4.0 oder besser Ă–konomie 4.0 oder jedes anderes Buzzword zum Wandel geht - richtig verstanden - jeden etwas an, selbst, wenn manche Begriffe bei dem ein oder anderen mittlerweile negative Assoziationen hervorrufen.

So sehr wir zurecht Blasen und Irrwege kritisieren, den Transformationsdruck können wir nicht leugnen. Durch diverse Treiber wie neue Technologien, insbesondere das allverfügbare Internet, Komplexität oder neue Werte werden sich - egal wie wir das Kind nennen - Ökonomie, Märkte, Organisationen und die Wertschöpfung fundamental wandeln.

Es vergeht nicht ein Tag, wo Ihnen daher Medien und Studien klarmachen: Sie mĂĽssen unbedingt etwas tun! Aber:

Was ist eigentlich IHR Ziel bei dieser Transformation?

Vielleicht sollten Sie das an den Anfang Ihrer Überlegungen setzen. Wollen Sie z.B. nur eine Effizienzsteigerung durch Digitalisierung? Dann brauchen Sie diesen Beitrag nicht mehr weiterlesen, denn das wird zum einem dem paradigmatischen Anspruch von „4.0" nach Ansicht der Autoren nicht wirklich gerecht, zum anderen kann dieser Beitrag dann wenig zu Ihrem Effizienzbegehren beitragen. Dafür gibt es viele Effizienz-Evangelisten.

Es geht aber noch schlimmer. Manche glauben, dass sie „Digitalisierung" als Technologie kaufen können, quasi out-of-the-box. Zu Recht wurde das Zitat des Bitkom-Chefs zu einem erfolgreichen Internet-Mem, das diesen Irrweg manifestiert:

„Wenn Sie einen
ScheiĂźprozess digitalisieren,
haben Sie einen
digitalisierten ScheiĂźprozess"

Diese Digitalisierung macht nur Technologie-Lieferanten glĂĽcklich. Was aber ist dann die Alternative?

2. Auch digital in der alten Effizienz-Sackgasse?

Vielleicht spĂĽren Sie schon lange selbst, dass die 1:1-Digitalisierung und der dominierende Fokus auf Effizienzvorteile zu wenig sind und sogar zur Sackgasse werden, wenn Technologie so altes Denken und alte Strukturen 3.0 wie in Bild 1 betoniert. Dann sind Sie idealer Leser ;-)

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Bild 1: Digitale Effizienz-Sackgasse (grau/rot) vs Digitaler Mehrwert-Pfad (grĂĽn)

Aber selbst bei gutem Willen ist die Sackgasse manchmal scheinbar zwangsweise, weil wir von unseren alten Denkmustern irregeleitet werden. Unser Tunnelblick 3.0 und unsere Konditionierung 3.0 verhindert Denken 4.0! Konkreter: Das alte Kernprozessdenken und das Agieren in unseren effizienzfixierten funktionalen Silos fĂĽhrt zum systematischen Tunnelblick 3.0.

Wir fallen durch Jahre lange Gewöhnung immer wieder in unserer alten Arbeitslogik auf unsere alten Metaphern und Denkmuster der Ökonomie 3.0 rein, die dem Anspruch an ein nichtlineare Zukunft und ein nichtlineares Denken 4.0 nicht gerecht werden. So setzen Manager dann immer wieder gerne nur auf Personalabbau als Heilsweg, indem sie z.B. Synergien nutzen.

Statt wirklich „Change the Business" zu realisieren, wird nur ein besseres „Run the Business" erreicht. Bei diesen Einstellungseffekten nützt aber auch die Transformation in Richtung Digitalisierung nichts, weil sie zu kurz springt. Solange der Fokus eingeengt auf Effizienz liegt, bleiben wir unter dem Wert-Optimum.

HierfĂĽr gibt es aber Abhilfe.

3. Fokus auf Mehrwerte 4.0 als neue Alternative!

Was dann? Ihr Wettbewerbsvorteil liegt in Zukunft - nach Ansicht der Autoren - insbesondere in Deutschland in der Fokussierung auf den Mehrwert"4.0" zwischen Kunden, Mitarbeiter und Partner im Netzwerk! Die Ökonomie 4.0 wird eine Netzwerk-Ökonomie sein, die Technologie jenseits der Automatisierung vor allem nutzt, um neu erdachte Mehrwerte für alle Beteiligten durch Technologie, aber auch vor allem neue Strukturen zu ermöglichen.

Dabei gilt aus der Erfahrung von zurückliegenden Projekten: In den meisten Unternehmen sind sicherlich Ergebnisverbesserungen bis 20% möglich, wenn der Blick weg vom reinen Effizienz-Fetisch auf neue Mehrwerte gelegt wird und Nicht Heerscharen von Beratern (nur Coach!) katapultieren Sie in die Zukunft, sondern die mobilisierte und gehebelte Intelligenz Ihrer Teams!

4. Wie entdeckt man systematisch „Mehrwerte 4.0"?

Was tun, wenn man nun für das eigene Unternehmen möglichst systematisch neue Mehrwerte entdecken möchte? Unser konkreter Therapiervorschlag umfasst zwei Lösungen:

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Bild 2: Center of Integration: Mehrwerte 4.0 durch Hyper-Vernetzung entdecken

Eine evolutionäre Brückenorganisation ("Center of Integration")

Sie müssen sich neu organisatorisch vernetzen. Ein Center of Integration (=CoI) ist eine zentrale Intelligenz, die schnell eine Evolution in Richtung neuer Geschäftslogik ermöglichen und konkrete ökonomische Erfolge liefern soll. Dabei setzt dieses CoI als Hyper-Struktur auf eine bessere Vernetzung der alten Organisation, ohne direkt einen radikalen Strukturwandel einzufordern wie es z.B. weitergehende Konzepte wie die Organisation für Komplexität (Pflaeging) oder der Betriebssystemwechsel bei Haufe umantis , daher auch die defensive Bezeichnung „Organisation 3.3".

Es ist die demütige, aber auch realistische Einschätzung, dass eine Revolution der Organisation zumindest bei DAX-Konzernen und großem Mittelstand im ersten Schritt oft schwierig ist und man zunächst Brückenlösungen, einen Überbau oberhalb der jetzigen Struktur, braucht. Das CoI ist dabei keine theoretische Fiktion, vielmehr wurde es schon mit hoher Wirkung z.B. bei einem DAX 30-Konzern mit hohem Transformationsdruck erfolgreich realisiert.

In diesem Fall wurde ein ROI von bisher 50 Mio. € (s.u.) mit ausgewählten und hochkompetenten 25 Mitarbeitern (von > 20.000 Mitarbeitern) generiert, Dort steigerte das CoI als „organisatorischer Turbolader" für integrative Mehrwerte in den Anwendungsbereichen das Ergebnis um 10- 20%. Das ist nicht „totale Disruption" oder „Exponential Organization", aber als Zwischenschritt sicher ein Erfolg.

Ein neues kollaboratives Denken 4.0 ("Brain Chip")

Eine Neuorganisation als Hyper-Organisation und eine bessere Vernetzung reichen aber nicht aus. Insbesondere das Denken muss sich entsprechend der neuen Ă–konomie 4.0-Logik wandeln. Funktionales, isoliertes Denken fĂĽhrt zu alten und stabilen Denkmustern. Diese gilt es durch nichtlineares und integratives Denken zu sprengen.

Während die Organisation sich evolutionär wandelt („3.3" symbolisiert das), sind hier die Gedanken revolutionärer. Im kollaborativen, cross-funktionalen Austausch werden die bisherigen Denkmuster des alten Geschäftsmodells systematisch überwunden und die ungenutzten Potenziale von möglichen neuen Mehrwerten erkannt. Wir nennen diese Denkweise Denken 4.0, die durch einen „Brain Chip" realisiert wird.

Dieser stellt bewusst konstruierte Denkprozesse dar, um den Zufall der Mehrwertfindung zu organisieren. Wir glauben, dass die Gehebelte Intelligenz (GI) - erzeugt durch das Bild eines kollaborativen Brain Chip - die Künstliche Intelligenz (KI)) schlagen wird, wenn die Probleme komplexer sind. Der Turbolader des Denkens kann daher für den Erfolg entscheidender sein als manche Hightech-Lösung.

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Bild 3: Denken 4.0: Als KĂĽnstler, Gestalter, Macher gemeinsam agieren

5. Und wie hängt das genau mit Turboladern zusammen?

Ein Turbolader nutzt etwas Vorhandenes (die Bewegungsenergie im Abgas), um die Leistung des Motors zu erhöhen. Das Center of Integration (= Organisation 3.3) nutzt die vorhandene Verschwendung innerhalb und zwischen Funktionen und wandelt diese in Verwendung also Mehrwerte um.

Das Denken 4.0 nutzt grundsätzlich vorhandenes Wissen aus allen Disziplinen und Branchen, um neuartige Mehrwerte im eigenen Unternehmen zu kreieren oder zu erkennen. Somit ist der Turbolader selbst ein Beispiel für das Denken 4.0, da er als technische Innovation nun analog und eben nicht digital in die kaufmännische Welt transformiert werden kann, um die Leistung einer Organisation deutlich zu steigern.

6. Quintessenz: Wandeln Sie Organisation und Denken, DANN digitalisieren Sie!

Der Weg zum Heil entspricht der Reihenfolge der letzten Überschrift: Gemeinsam bzw. neudeutsch kollaborativ an der Mehrwert-Entwicklung arbeiten und dabei alte Denkmuster sprengen. Danach können Sie die optimierte Mehrwert-Organisation gerne digitalisieren ;-) Wer es umgekehrt versucht, wird viel Lehrgeld für und durch „Beton-IT" bezahlen.

Um ehrlich zu sein ist ein "danach" natürlich nur plakativ, in Wirklichkeit wird es auch eine Parallelität von organisatorischem Wandel und Digitalisierung geben.

PS: Das CoI als BrĂĽckenorganisation in Richtung neues Betriebssystem

Haufe umantis fordert in vielen Fällen zurecht den Wandel von der hierarchischen Organisation zur Netzwerk-Organisation (Update des Betriebssystems). Auf dem Weg dahin könnte ein Center of Integration der Überlebens-Bypass sein.

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Bild 4: Von der funktionalen Hierarchie zum Netzwerk (Quelle Haufe)

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