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Die Zukunft unserer Unternehmen - was Deutschland lernt, wenn Sattelberger auf Zuboff und Stoffel trifft

25/10/2015 14:22 CET | Aktualisiert 25/10/2016 11:12 CEST
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Thomas Sattelberger - Deutschlands Unruheständler für die Transformation und einer der renommiertesten Huffington Post-Blogger - hat es wieder getan - ein Buch geschrieben (Das demokratische Unternehmen) bzw. eigentlich einen Teil eines Buches.

Denn er ist als Mit-Herausgeber mit seiner Botschaft nicht alleine, vielmehr hat sich das Who-is-Who zur Unternehmensdemokratisierung vernetzt, um das Thema in allen relevanten Aspekten zu beleuchten. Man hatte sich im Februar 2015 an der TU München zur Konferenz "Das demokratische Unternehmen" versammelt.

Nun liegt der Konferenzreader vor, schreibt ChangeX, damit wird ChangeX dem Buch aber eigentlich nicht gerecht. Es ist nicht einfach ein Konferenzreader und auch nicht einfach ein weiteres Buch zur Unternehmensorganisation geworden, sondern direkt DAS "Managementbuch des Jahres 2015" - und das zurecht.

Video 1: "Das demokratische Unternehmen" an der TU München

Und dieser Erfolg ist auch keineswegs erstaunlich. So treibt die Autoren doch eine Idee, deren Zeit gerade jetzt gekommen ist, wo die digitale Transformation alle alten Muster hinterfragt und den Druck in Richtung Agilität, Flexibilität und Innovationsfähigkeit enorm erhöht. Darin liegt für mich fast schon die wichtige Botschaft für unsere Zeit. Die Neuorganisation in diesem Buch ist kein schöngeistiges Gutmenschentum von Unternehmensgründern oder der Wunsch von Spät-68ern. Vielmehr gilt auch im Sinne von Vordenkern wie Niels Pflaeging:

Ein Neudenken der Organisation ist „alternativlos",

um die neue Komplexität und Geschwindigkeit zu meistern.

Ein Zitat Sattelbergers fasst diese Notwendigkeit als positive Perspektive noch besser als Botschaft für Deutschlands Unternehmen zusammen und sollte an den digitalen und analogen Pinnwänden aller deutschen Unternehmer und Politiker stehen:

1. Sattelberger Zitat für die Pinnwände aller deutschen Unternehmer:

Wenn die deutschen Unternehmen

den Weg zur Demokratisierung und des Kulturwandels gehen,

können sie wieder innovationsfähiger werden,

jenseits von Effizienz- und Rationalisierungsinnovationen.

---

Ein demokratisches Unternehmen gewinnt

an technologischer und sozialer Innovationskraft,

weil technologische und soziale Innovationen wie Zwillinge sind.

Nun kann man lange ideologisch diskutieren, was Demokratisierung ist und ob man die Transformation der Oranisation immer direkt bis zur Demokratisierung vorantreiben muss. Aber eines wird bei Sattelberger & Co. klar: Wenn die neue Ökonomie das Mehr an Agilität, Flexibilität und Innovation verlangt, wird das nicht in den alten Lösungsmustern gelingen.

Sattelberger als scharfsinniger Kopf lässt es natürlich nicht bei Zitaten, sondern analysiert das Thema multidimensional und weist z.B. - zu meiner Freude - bei der vermeintlichen „Heilsbotschaft" Digitalisierung darauf hin, dass nicht nur eine neue, schöne und produktivere Welt möglich wird, sondern das Digitalisierung auch zu digitalem Taylorismus führen kann.

Auch andere Autoren, vor allem die wissenschaftlichen Mit-Herausgeber und -Autoren des Buches sind von Naivität weit entfernt und sehen neben der Demokratisierung auch Zukunftsperspektiven, die zu vermeiden sind. Titel wie bei Sattelbergers Beitrag „Abhängiger oder souveräner Unternehmensbürger - der Mensch in der Ära der Digitalisierung" oder beim Beitrag „Zwischen Empowerment und digitalem Fließband - das Unternehmen der Zukunft in der digitalen Gesellschaft" von Dr. Boes et al. sind hier deutliche Klarstellungen und Warnungen. Unsere Zukunft ist nicht zwangsweise rosarot! Es hängt von uns ab!

Daher ist es auch hilfreich, dass Wissenschaftler wie Frau Professor Welpe die Zukunftsperspektiven methodisch und empirisch untermauern. Hier können nun nicht alle Beiträge und Autoren vorgestellt werden. Neben Sattelberger haben mich aber vor allem zwei weitere Autoren mit ihren Botschaften besonders begeistert und ich glaube, dass diese Botschaften komplementär zu Sattelbergers Botschaften auch besonders wichtig für Deutschlands Unternehmen sind.

Video 2: Professoren Zuboff und Malone als Highlight in München

Ladies first! Ich bin schon lange Fan von Frau Professor Shoshana Zuboff, die in den drei Zuboff Gesetzen unsere digitale Zukunft schon hochverdichtet vorausgesagt hat („Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert ...") als manche das Thema noch gar nicht auf dem Schirm hatten. Sie war 1981, wie man bei 3Sat erfahren kann, „eine der ersten Frauen, die an der Harvard Business School eine Dozentur erhielt", aber vor allem hat sie ihre weitsichtigen Gesetze bereits vor 30 Jahren formuliert!

Eine Frau, die eine besondere Autorität für Zukunftsperspektiven in Anspruch nehmen kann. Trotzdem war ich natürlich zunächst skeptisch als ich sie als Autorin im Inhaltsverzeichnis sah, weil ich fürchtete, ihre Namensnennung sei - wie oft in solchen Fällen - nur „Buchveredler" („internationaler Touch") und sie würde auf Kernaussagen reduziert. Keineswegs! Ihre Botschaft ist essentiell:

„Zuboff ist keine Schwarzseherin. Sie glaubt fest, dass wir die Dinge noch in der Hand haben", formuliert 3Sat zurecht und uns Deutschen oder noch besser - uns Europäern - macht sie dabei besonderen Mut. Wenn sie in ihrem Beitrag Uber kompetent zerreißt, dann ist das für mich schon literarisch ein Genuss. Aber noch viel wichtiger ist was sie gegen die Uber-Idealisierer und Silicon-Valley-kann-alles-besser-Erstarrten schreibt:

2. Zuboff Zitat gegen die Silicon-Valley-kann-alles-besser-Erstarrten:

„Europe can do better!"

Den Zuboff-Beitrag sollten Deutschlands Unternehmern direkt neben das Sattelberger Zitat hängen, damit sie nicht vor Ehrfurcht erstarren, sondern mutig, selbstbewusst und entschlossen handeln! Eine nachhaltig erfolgreiche Gesellschaft, die das Wohlergehen aller sicherstellt, wird nicht von den Neu-Futuristen geschaffen.

Gerade der Erfolg der "alten" sozialen Marktwirtschaft zeigt, wie wichtig es ist, dass eine Gesellschaft Lösungen nicht nur für eine kleine The-Winner-Takes-It-All-Kaste schafft. Der "Mensch im Mittelpunkt" - auch wenn er nicht Investor ist - kann echter Differenzierungsfaktor sein. Das ist - nicht ganz zufällig - auch Schlussbotschaft meines letzten Huffington-Post-Beitrags zur Industrie 4.0 ;-)

Video 3: Marc Stoffel über Demokratie im Haus Haufe-umantis AG

Das bedeutet keineswegs Sozialromantik! Damit komme ich nun zum dritten Autor, der diese Trinität der Demokratisierung abschließt: Marc Stoffel. Auch wenn viele gute Praxisbeispiele vorgestellt werden, dann zeichnet sich der Beitrag von Stoffel, dem gewählten Chef von Haufe umantis, dadurch aus, dass er besonders ehrlich und realistisch ist.

Der Wandel bei Haufe umantis, Deutschlands Vorzeigeunternehmen Nr. 1 für die Demokratisierung, war alles andere als konsens-getrieben und rosarot. Ich persönlich kenne das Unternehmen umantis seit seiner Gründung als es noch brain-2-ventures hieß und genauso lange kenne ich Hermann Arnold. Umantis und auch Haufe sind auch viele Jahre Partner unserer Competence Site.

Als Unternehmensgründer Arnold das Thema „Unternehmensdemokratisierung" 2003 „entdeckte", war es eher eine kleine Revolution als ein Top-Down-Prozess. Seine Mitarbeiter „äußerten ihre Unzufriedenheit mit dem Produktportfolio" deutet Stoffel an und beschreibt damit sicherlich keine Selbst-Erfahrungs-Ausflüge im Rahmen von Klettertouren im Wald oder das Zuwerfen von Bällen im Rahmen eines Zukunftsdiskurses.

Die Mitarbeiter wollten den riskanten Shift von den Individuallösungen zur Standardsoftware, eigentlich die kreative Selbstzerstörung im Schumpeterschen Sinne, denn dieser Shift hieß, das Unternehmen neu erfinden! Auch Arnold erkannte natürlich die Notwendigkeit, dass es schnell gehen sollte, davon war er aber - die Risiken erkennend - zunächst nicht überzeugt, ging aber dann doch diesen Weg mit, den diese erste Form der Unternehmensdemokratie ihn gewiesen hat.

Ist das nicht der Pfad von Sattelbergers Forderungen zur Realität? Wir erinnern uns: „Wenn die deutschen Unternehmen den Weg zur Demokratisierung und des Kulturwandels gehen, können sie wieder innovationsfähiger werden." Arnold ist den Weg gegangen.

So ist Arnold für mich vielleicht der wahre Demokratisierungs-Held, der dann auch im Rahmen dieser Transformation konsequent damit lebt, dass bei der Wahl des Unternehmensführer Marc Stoffel gewählt wurde. Das bedeutete aber nicht, dass Herrmann Arnold das Unternehmen verließ, fiel mehr ist er heute immer noch omni-präsenter Vordenker und Evangelist für die Neudenke der Organisation, die er ja selbst miterlebt hat - in aller Konsequenz! Für Arnold war spätestens durch das eigene Erleben und den Erfolg klar:

3. Stoffel Zitat für das Vertrauen in die Mitarbeiter:

Die Mitarbeiter wissen oft eher als das Management,

wohin die Reise gehen soll,

was möglicherweise das nächst big thing werden könnte.

Marc Stoffel zeigt aber zugleich auf, dass Demokratisierung alleine nicht genug ist. Er fordert ein Betriebssystem, dass sicherstellt, dass sich Unternehmen permanent (aber auch strategisch) an den Kundenbedürfnissen ausrichten können. Dieses Betriebssystem muss dabei kontext-adäquat sein.

Ich bin bekennender Fan vom Haufe-Quadranten, der zweidimensional für ein Unternehmen beschreibt, wie die Rolle der Mitarbeiter bzw. vielleicht noch besser ihre Meta-Fähigkeiten für das Selbstmanagement und das Organisationsdesign zusammenpassen müssen. Gestalter darf man nicht durch Übersteuerung in die Schattenorganisation drängen, aber auch nicht Umsetzer durch Selbstmanagement überfordern. Agile Netzwerke und Weisungssysteme können beide adäquate Modelle sein - je nach Kontext.

Video 4: Disruption und das neue Betriebssystem der Organisation

Am Schluss noch ein Nachsatz: Mich hat dann auf Seite 291 gefreut, dass eines der Praxisunternehmen auf die „Organization for Complexity" von Niels Pfläging setzt. So schließt sich der Kreis. Und auch ein weiterer Kreis schließt sich. Stephan Grabmeier, ehemaliger Mitarbeiter von Thomas Sattelberger bei der Telekom, ist nun bei Haufe umantis verantwortlich, damit die Sattelberger-Visionen tatsächlich in der Breite in Deutschland Wirklichkeit werden.

Und die Telekom und Haufe umantis belegten den ersten und zweiten Platz in ihren Gruppen beim New Work Awards von XING. Und ganz zum Schluss: Die Community trifft sich bald wieder, beim Talent Management Gipfel 2015, ich bin übrigens auch dabei ;-)

Zusammenfassend: Was lernt Deutschland also, wenn Sattelberger auf Zuboff und Stoffel trifft? Wir müssen uns wandeln, um Agilität, Flexibilität und Innovation sicherzustellen. Die Unternehmensdemokratisierung bietet hierfür den Rahmen. Europa sollte in der Digitalisierung nicht in die Uber-Falle fallen, sondern einen eigenen Weg gehen, der gerade die Chancen einer neuen Partnerschaftlichkeit nutzt, statt in ein digitales Kastenwesen zu verfallen.

Unternehmen wie Haufe umantis haben diesen Prozess schon durchlebt und es stehen ausreichende Erfahrungen zu funktionierenden Konzepten und Lösungen bereit. Was jetzt nur noch fehlt, ist der Mut und Wille zur Veränderung. Das lernen wir von Jochen Schweizer. Dazu mehr demnächst.

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