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Deutschland schafft sich ab 4.0

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INNOVATION
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Das verlorene Spiel um die Zukunft ...?

Deutschland hat das Spiel um die Zukunft fast verloren. Noch nicht endgültig. Aber zumindest die erste Halbzeit. Dieses Bild nutzt der Chef der Deutschen Telekom, um aufzuzeigen, dass Deutschland beim Internet der Consumer keine Rolle spielt.

Die smarten Produkte der Zukunftsökonomie von Google, Facebook, Apple, ... - not invented here! In der vergangenen Woche wurde dann deutlich, dass wir bei der zweiten Halbzeit um das Internet der Industrie nun dabei sind, endgültig das Spiel zu verlieren. Dazu mehr unten in einer Retrospektive zu der kurzen Geschichte 4.0.

„Was geht das mich an?", fragt sich jetzt vielleicht der ein oder andere? Mal ganz plakativ formuliert: Wenn Deutschland 2050 tatsächlich im internationalen Ranking hinter Nigeria liegt, wie pwc prognostiziert und wenn ohne neue Wertschöpfung Roboter und andere Maschinen 50% der aktuellen Jobs ersetzen, dann geht diese Zukunft JEDEN an, ob als Arbeitnehmer, Rentner, Aktionär oder Bürger!

Der SPIEGEL titelt: Deutschland steigt ab, Deutschland schafft sich ab 4.0, ist vielleicht korrekter, denn der Abstieg ist nicht schicksalshaft, sondern eher hausgemacht.

2013: Deutschland in der Industrie-4.0-Euphorie ...

Dabei begann alles so hoffnungsvoll... 2013 wurde von der Bundesregierung das „nationale Projekt" Industrie 4.0 als Heilsbringer für die Zukunft ausgerufen. Man hatte schließlich erkannt, dass neue Technologien, insbesondere das Internet, nach dem Consumer-Bereich nun auch Deutschlands Schlüsselwirtschaft, die Industrie, fundamental wandeln würde. Und da wollte Deutschland weltführend sein, allein, um im globalen Wettbewerb nicht am Ende abgehängt zu werden.

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Abb. 1: Frühe Diskussion zu Industrie 4.0, Bild: G+F Verlags- und Beratungs-GmbH

Und es sah eigentlich gut aus: Wie in Deutschland üblich, wurde ein Arbeitskreis eingerichtet, dessen Abschlussbericht einen wirklich fundierten Wegweiser darstellte. Und es ging vielversprechend weiter. Die drei wichtigsten Verbände zum Thema (VDMA, ZVEI, BITKOM) schlossen sich zur „Plattform Industrie 4.0" zusammen und auch der Autor dieses Beitrags reihte sich ein und war mit dabei bei den Industrie-4.0-Euphorischen, u.a. bei einer der frühen Diskussion im Rahmen der HMI 2013.

Veröffentlichungen in den Fachmedien und Konferenzen reihten sich aneinander und damit nahmen auch die Google-Anfragen zu. Alles schien auf einem sehr guten Weg. Und wenn man Google Trends als Indikator für Interesse nimmt, dann wurde aus einem kleinen Pflänzchen zumindest in der Kerncommunity ein stolzer Baum.

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Abb. 2: Google Trends zu „Industrie 4.0", s . Link (Quelle: Google)

2015: Das Scheitern 4.0 und die Berliner Chaostage

Und nun? Die Plattform Industrie 4.0 ist gescheitert!: Das wurde in der vergangenen Woche in diversen Fach- und Wirtschaftsmedien verkündet. Das aber reichte nicht. Zugleich starteten als Kompetenzstreit 4.0 der Bundesminister Wanka und Gabriel die Berliner Chaostage 4.0.

Jetzt, wo mehr denn je ein abgestimmtes Vorgehen sinnvoll wäre, scheint (Partei-)Politik die Energien auseinander driften zu lassen. Das ist aber noch nicht alles! Dass zugleich immer mehr führende deutsche Industrie-Unternehmen ihre neue Liebe zum amerikanischen Wettbewerber, dem IIC (Industrial Internet Consortium), in der Breite entdecken, ist der eigentlich wichtigste Warnindikator dafür, dass der bisherige Weg 4.0 auf einem Abstellgleis enden kann.

Der Autor dieses Beitrags hatte diese Entwicklungen bereits 2014, ein Jahr nach der eigenen Euphorie, zusammen mit Martin Hofer von der Wassermann AG in einem fiktiven Nachruf auf Industrie 4.0 auf der Huffington Post prognostiziert. Insgeheim hofften aber beide Autoren, dass die eigene Prognose falsch sein würde. Wer konnte aber ahnen, dass jetzt innerhalb eines Jahres passierte, was eigentlich für das Jahr 2020 vorhergesehen wurde! Diese digitale Dynamik ist schon erschreckend.

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Abb. 3: Bereits 2014 (nur): der Nachruf auf Industrie 4.0 bei der Huffington Post

Das Schweigen der Lämmer, kein nationaler Aufschrei 4.0?

Und wie reagiert Deutschland auf das scheinbare Ende aller Blütenträume 4.0 bzw. diese Bedrohung der eigenen Zukunftsfähigkeit? Warnen Publikumsmedien und Talkshows vor unserem wirtschaftlichen Abstieg und gehen Bürger auf Barrikaden, jetzt wo wir auch die zweite Halbzeit zu verlieren scheinen, weil unser Zukunftsprojekt bisher nicht fruchtet? Unserer aller Zukunft steht schließlich auf dem Spiel.

Als Sarrazin Deutschlands Untergang verkündete und uns national-apokalyptisch vor ein paar türkischen Gemüsehändlern und kriminellen libanesischen Banden in Neukölln warnte, gab es einen nationalen Aufschrei, der Sarrazin zum Buchmillionär machte und alle Talkshows wochenlang (monatelang?) mit den Sarrazinschen Thesen überschwemmte.

Jahre später noch sahen die Pegidas die Notwendigkeit, auf die Barrikaden zu gehen, um die Zukunft unseres Landes gegen die empfundene Bedrohung durch das Morgenland zu verteidigen. Und jetzt?

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Abb. 4: Google Trends zu „Industrie 4.0", „Thilo Sarrazin", s . Link (Quelle: Google)

„Deutschland schafft sich ab 4.0", aber in der Breite scheint das niemand wirklich zu interessieren. Im Vergleich zu Sarrazin wird das Thema zur Fußnote, glaubt man Google Trends. Vergleicht man bei Google Trends die Begriffe „Industrie 4.0" und „Thilo Sarrazin" dann erkennt man, dass Deutschlands Aufstieg oder Abstieg die Deutschen nicht so mobilisiert, wie die irrationale Angst vor Überfremdung. Weniger polemisch: Auch techconsult diagnostiziert ein breites Ignorieren von 4.0.

Ein Grund: Das weitgehende Schweigen der Publikumsmedien. Deutschland riskiert seine ökonomische Basis und die breite Mehrheit bekommt nicht genug davon mit. Die Talkshows konzentrieren sich immer noch viel lieber auf publikumswirksamere Themen und überlassen die Diskussionen zu unserer digitalen Zukunft lieber weitgehend den Wirtschafts- und Fachmedien. Das ist keine ideale Basis für die notwendige breite Mobilisierung gegen den Abstieg 4.0.

Heilsbotschaft 4.0?!

Aber: Was bringt es, jetzt nur zu jammern?! Es hilft ja nicht, wenn wir uns nun in zig Studien bestätigen, wie dumm es gelaufen ist. Das ist die allerschlechteste Strategie. Was aber helfen kann, ist den „Betroffenen" aufs Maul zu schauen und von Wettbewerbern zu lernen. Daher zunächst einige Statements von den I4.0-Events:

„Wir sind zu langsam ... Speed ist gefordert ... hier haben die Amerikaner Führungsarbeit geleistet ... MTConnect ist bereits ein Standard, um das babylonische Sprachgewirr ... zu überbrücken ... Speed ist everything and ROI ... aufgrund der Vorgabe MT Connect war es möglich, für die transparente Fabrik in zwei Monaten die Lösung zu liefern ... wir wollen ... kein Rocket Science betreiben ... wir wollen anwendbare Software, die unseren Produktionswerken hilft, einen dramatischen Produktionszuwachs, sprich Produktivitätssteigerung zu realisieren" Franz Eduard Gruber, FORCAM, Industrie 4.0-Tagung HPI

„Das IIC kommt pragmatisch voran, dort wird nicht großartig standardisiert, sondern es werden Quasi-Standards gesetzt. Wir müssen aufpassen, dass wir hier gegen den Pragmatismus der Amerikaner nicht verlieren. ... Am Ende gewinnt vielleicht nicht der Beste, sondern der Schnellste", Reinhard Clemens, T-Systems, VDI Tagung Industrie 4.0

„Where do ... opportunities come from? ... one is revenue generation ... whole new products and services ... and operational efficiencies are going to bring down costs ... companies have to work together ... it is not only developing a use case, it is building it and testing it and seeing what works ... I call it the Nike effect: Just do it!", Richard Mark Soley, IIC, BCW 2015

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Abb. 5: Das 5-P-Modell für den Industrie 4.0-Erfolg: Paradigma, Prototypen, ...

Hier wird deutlich: Vor allem Geschwindigkeit und Pragmatik sind bei 4.0 gefordert. Statt 100%-Lösungen anzustreben, z.B. Standards in 5 Jahren bereitzustellen, gilt es in der zweiten Halbzeit Erfolge im Hier und Jetzt sicherzustellen. Was z.B. oft vergessen wird: Es existieren bereits erfolgreiche Success Stories, die es zu skalieren gilt.

Im Mittelpunkt des Bemühens stehen daher „Produkte" (Services!) und Prozesse 4.0. Standards und andere unterstützende Maßnahmen sind Zulieferer für diese Träger des Erfolgs. Vor allem die neue Service-Ökonomie bietet enorme Chancen für die Industrie 4.0.

Die heutigen Produkte werden immer mehr zu Services ausgeweitet, die nun von den enormen neuen technologischen Optionen profitieren. So werden z.B. Maschinenhersteller potenziell zu Garanten für den Maschinen-Service und kümmern sich auch proaktiv um Wartung oder Optimierung ihrer Anlagen. Das setzt allerdings unternehmen-übergreifendes Vertrauen voraus.

Daher sollte das Leit-Paradigma für die Industrie 4.0 eine bessere Kollaboration im doppelten Sinne sein: Zum einen bedeutet Industrie 4.0 selbst eben nicht nur Roboter und RFID-Chips, sondern vor allem bessere Produkte, Services und Prozesse durch bessere Kollaboration in Produktionsnetzwerken. Zum anderen gelingt das Projekt Industrie 4.0 nur kollaborativ, wobei vor allem finanzstarke Großunternehmen und agiler Mittelstand in neuer Qualität zusammenwirken müssen.

Eine hohe Priorisierung in den Unternehmen und eine umfassende Unterstützung durch die Politik sind dann die für den Erfolg notwendigen Rahmenbedingungen. Dabei sollte Politik nicht nur Forschungspolitik, sondern auch Förderpolitik und Steuerpolitik umfassen, um Anreize für Forschung und Investitionen zu schaffen. Eine hohe Priorisierung in den Unternehmen bedeutet vor allem Top-Management-Attention, damit Organisationssilos nicht zur „Lähmschicht" des Wandels 4.0 werden.

Gelingt der Erfolg, dann ist eine umfassende Promotion der Erfolgsgeschichten durch Unternehmen und Politik, Medien, ... notwendig. Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg und mancher skeptische Mittelstands-Unternehmer wird spätestens dann „motiviert" sein, wenn seine Marktbegleiter bereits umfassend eigene Erfolge 4.0 realisieren.

Zusammenfassung

Deutschland hat enorme Potenziale. Wenn wir jetzt nicht in Depression verfallen, sondern aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, dann erwarten uns blühende Landschaften 4.0, egal wie wir die Erfolge am Schluss nennen. Daher sollten wir den Fragen der industriellen und digitalen Zukunft mindestens genau so viel Aufmerksamkeit und Anstrengung zukommen lassen wie dem zu integrierenden Gemüsehändler in Neukölln.

Wenn wir dann noch pragmatischer und erfolgsorientierter agieren als es in der Vergangenheit der Fall war, können wir zukunftsoptimistisch sein! Dann gelingt uns der Versuch 2.0 zur Industrie 4.0 ;-)

Danksagung

Wesentliche Aussagen dieses Papiers, u.a. zum pragmatischen Vorgehen (80%-Lösungen), zur Kooperation von finanzstarken Großunternehmen und agilem Mittelstand, zu erfolgreichen Anwendungsbeispielen und zur Förderungen von Forschung und Investitionen basieren auf einem umfassendere Thesen-Papier von Karl Tröger, PSIPENTA („Industrie 4.0 - Er geht voran?"). Dafür dankt ihm der Autor herzlich.


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