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"Ich wurde blutig geschlagen" - was ich als Heimkind erlebt habe

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Seit meiner Kindheit will ich für uns alle eine bessere Welt. Wahrscheinlich deshalb, weil ich ihre Abgründe schon erlebt habe und mir nichts Menschliches fremd ist. Meine ersten Lebensjahre verbrachte ich in Isolation, Einsamkeit und Angst. Denn ich bin ein ehemaliges Heimkind.

Weil meine Familie zerrüttet war, bin ich im Heim aufgewachsen. Nicht nur ein paar Monate, wie die meisten Kinder dort, sondern von Geburt an, also meine ganze Kindheit und Jugend bis zu meiner Volljährigkeit.

Was ich dort erlebt habe, lässt mich bis heute nicht mehr los. Ich wurde dort blutig geschlagen, bekam als Strafe oft kein Essen, Bildung Fehlanzeige. Ich wurde in den Keller gesperrt und war vielen anderen Torturen ausgesetzt. Die Gräueltaten will ich alle im Detail gar nicht aufzählen.

Doch all das hat mich letztendlich angetrieben - und zu einem Ziel geführt: Anderen helfen.

Zu diesem Zweck habe ich vor knapp einem Vierteljahrhundert den sozial-tätigen Verein Ehemalige Heimkinder Deutschland e. V. gegründet. Ich, besser wir, denn im Verein sind wir natürlich inzwischen mehr, möchten den Menschen helfen, die unser Schicksal teilen oder die aus anderen Gründen in Schwierigkeiten geraten sind. Denn Leid kann ich einfach nicht mit ansehen.

Ich kann das Leid nicht mit ansehen

Ich kann nicht die Augen davor verschließen, weil es mir genauso erging - doch die Opferrolle lag mir noch nie. Ich wurde im Heim schwer misshandelt. 1983 bin ich dann mit einem Bekannten nach Berlin gezogen, habe dort auf Friedhöfen, Parks, O-Asyle, Dachböden geschlafen und hatte viele verschiedene Jobs, um mich über Wasser zu halten.

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In März 1995 begann ich unter anderem mit dem Projekt Ehemalige Heimkinder, das zum Verein Ehemalige Heimkinder Deutschlands e.V. wurde. Der Verein hat bis heute in ganz Deutschland ein Alleinstellungsmerkmal - mit mir als ehemaliges Vollheimkind. So eine Initiative gibt es in Deutschland kein zweites Mal.

Ich habe eine Ausbildung zum Sozialmanager absolviert und andere Weiterbildungen,um eine möglichst gute Arbeit mit unserem Team in Berlin für ehemalige Heimkinder leisten zu können. Zur Zeit wird nach Wünschen und Vorstellungen ehemaliger Heimkinder unsere Berliner Geschäftsstelle gänzlich neu umgebaut.

Heute helfen schon über 171 Ehrenamtliche mit - und auch die Berliner Landes-Regierung unterstützt uns mittlerweile mit einer Stelle. Doch damit kommen wir trotzdem nicht über die Runden und sind auf Spenden angewiesen.

Zu uns kommen täglich ehemlige Heimkinder, die Hilfe suchen

In unser Zentrum kann jeder kommen, der Hilfe braucht, egal ob obdachlos, verzweifelt, verbittert, arm oder einfach nur einsam. Wir bieten ihm die Möglichkeit umfangreicher Beratungen für die Verbesserung seiner Lebensumstände, Essen, eine Dusche, Internet oder einfach nur Zeit mit anderen.

Zu uns kommen die ehemaligen Heimkinder, wenn sie reden wollen, in Not sind oder etwas brauchen - oft ist es Geld, Zuwendung oder einfach menschliche Wärme. Zu einer Art Entschädigung für in Heimen begangenes Leid habe ich schon 420 Menschen verholfen. Und ich erlebe Tag für Tag ihre Geschichten.

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Vielen ist es leider so ergangen wie mir. Sie wurden blutig geschlagen, seelisch ausgebeutet und sind oft mit gebrochenen Herzen entlassen worden. Viele haben sich in Psychiatrien, Krankenhäuser, Gefängnissen oder sogar auf dem Strich wieder gefunden.

Die jüngeren Heimkinder haben meist andere Erfahrungen gemacht. Meistens wurden sie nicht geschlagen - und doch wirken sie so scheu, so verbraucht und verletzt, wenn sie zu uns kommen. Wir nehmen uns da sehr, sehr viel Zeit.

Heimkinder werden heute auf eine andere Weise missbraucht als früher

Die Kinder werden mit Medikamenten ruhig gestellt und sind vollkommen überbetreut. Sozialarbeiter, Psychologen, Betreuer - im Heim arbeiten heutzutage viel zu viele Personen , meist auch noch im Schichtdienst. Kinder brauchen eine Bezugsperson, wenn sie schon nicht bei ihren Eltern aufwachsen, dann bei jemandem, der Mama und Papa ersetzt. Doch das ist im Heimbetrieb einfach nicht möglich. Allein deshalb ist diese Erziehungsweise unnatürlich.

Warum es das in dieser Form immer noch gibt, ist mir ein Rätsel.

Vor allem, weil die meisten Eltern, denen die Kinder weggenommen wurden, gar nicht so schlimm sind. In den meisten Fällen haben sie eine Krise oder auch mal schwerere Probleme - aber meist leiden sie im Endeffekt durch die Wegnahme des Kindes noch viel mehr. Die Spätfolgen für alle sind extrem gravierend.

Es fehlen nachhaltigere Gesetze, um glaubwürdige Übergangslösungen zu finden. Das Kind, nur weil es momentan etwas schwierig ist, in ein Kinderheim zu geben, wo es derart seelisch und körperlich immer noch misshandelt wird,wenn auch auf andere Art und Weise, als wir früher, ist in den meisten Fällen die schlechtere Wahl für das Kind.

Dass der einfache, aber für die Steuerzahler wesentlich teurere Weg gegangen wird, hat einen traurigen Grund: Die Heime sollen am besten immer voll sein und Sozialarbeitern und Psychologen viel Arbeit verschaffen. Stichwort: Planungssicherheit. Am Ende sind die Heime zu voll. Und gut geht es im Kern niemandem mehr.

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Den Kindern fehlt eine starke Bezugsperson

Was für die Kinder das Beste ist, das interessiert dabei auch heute immer noch viel zu Wenige. Sie werden irgendwann in eine Welt entlassen, die sie so nicht kennen, die es so ja auch gar nicht gibt. Sie kommen aus der Glasglocke in eine Welt, in der auch mal Probleme lauern, denen man stark entgegentreten muss und dann fehlen ihnen allzu oft natürliche, starke Partner, wie sie andere in ihren Eltern, Verwandten haben.

Diesen Menschen wollen wir zeigen, dass ich und andere es trotzdem geschafft haben. Und von unserer Erfahrung und unserem Wissen wollen wir möglichst viel mitgeben. Wir sind an ihrer Seite. Dass ich mir selbst helfen konnte und nach allen Erlebnissen, all dem Unrecht, das mir widerfahren ist, auch noch Kraft habe, anderen Menschen zu helfen, liegt unter anderem in der Versöhnung.

Ich glaube fest daran, dass eine bessere Welt möglich ist und wurde immer wieder darin bestärkt und bestätigt. Was persönlich begonnen hat wird inzwischen von vielen mitgetragen

In Deutschland und Berlin gibt es nur eine unabhängige soziale Organisation für ehemalige Heimkinder. Doch um unsere Arbeit wirklich gut machen zu können, benötigen wir deutschlandweit Spenden für unsere Arbeit. Ohne unseren vielen ehrenamtlichen Helfer wäre diese monumentale Arbeit nicht zu leisten.

Von Werner Pah, Vorsitzender Ehemalige Heimkinder Deutschlands e.V.

Der Beitrag wurde von Franziska Kiefl verfasst.

Wir freuen uns, wenn ihr uns unterstützen wollt. Spendenquittung wird selbstverständlich auf Wunsch zugesandt. Deutschlandkonto: VR Bank Hof eG, IBAN: DE79 7806 0896 0000 0428

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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