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Karnevalseröffnung: Ich als Kölner habe die Schnauze voll

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KOELN KARNEVAL
dpa
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Das trübe Wetter am Sonntagmorgen passte zur Stimmung hier am Rande des Belgischen Viertels in Köln. Verkatert mit jeder Menge Nachlass vom Start in die kommende Karnevalssession liegt das sonst so lebendige und hippe Viertel da. Nach der lauten Nacht, voller Gegröle und Gekreische herrscht hier nun ein beklemmender Friede.

Einige Zecher der letzten Nacht traten erst heute Vormittag torkelnd den überfälligen Heimweg an. Auf den Straßen liegen breit gestreut zersplitterte Flaschen und Gläser, Müll und Kotze vereint zu ekeleregenden Haufen und zieren Türeingänge und Straßenränder.

Enthemmt und sich selbst entwürdigend ließen hier gestern Massen an Menschen die Sau raus.
Darunter auch viele junge Leute, Schüler oder gerade dem Schulalter Entwachsende. Im Zeichen des Frohsinns ließen sie sich hier sinnlos volllaufen. Mir schien Suff und Rausch waren die eigentliche Attraktion des Abends.

Dumpfes Gegröle statt fröhlicher Karnevalslieder

Schon früh tönten statt fröhlicher Karnevalslieder dumpfes Gegröle und laut schallende Schlachtrufe durch das Viertel, die eher abstießen und verschreckten als zum Mitfeiern einluden. In dicken Trauben standen bzw. schwankten sie vor überfüllten Kneipen oder säumten in großen Gruppen die Straßen.

Die Kostüme verrutscht und verdreckt, die Blicke glasig, waren viele mehr damit beschäftigt, irgendwie noch stehen oder gehen zu können, als beschwingt Karneval zu feiern.

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Die Schamgrenze war schon am Nachmittag bei einigen abgestürzt, wild pinkelten sie in jede sich bietende Ecke und zeigten auch sonst mehr Blöße als Würde. Eine Karnevalseröffnung, die völlig aus den Fugen geriet und an der ich nichts mehr finden konnte, was üblicherweise mit Karneval feiern verbunden ist.

Der Preis für eine fröhliche und ausgelassene Stimmung scheint mir in Köln enorm hoch zu sein. Es bedarf anscheinend Unmengen an Alkohol um glücklich feiern zu können.

Kölner Karneval jenseits der Grenzen von Anstand und Rücksichtnahme

Karneval wird zum Freischein, die natürlichen Grenzen von gegenseitiger Rücksichtnahme ignorieren zu dürfen, jeglichen Anstand hinter sich zu lassen und Straßen, Vorgärten und Hauseingänge zu einer riesigen Müllhalde und Kloake umwandeln zu dürfen.

Das "bunte Treiben der Kölner Jecken", wie es oft verniedlichend genannt wird, ist mir ein großes Grauen geworden. Wenn die Eröffnung schon so entgleist, dann frage ich mich, was uns alles noch in der neuen Session erwarten wird?

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Ich habe die leise Hoffnung, dass der sanfte Regen die Spuren der gestrigen Nacht etwas verwischen und die eine oder andere Drecklache beseitigen könnte. Was aber bleibt, ist Traurigkeit und die bange Frage nach dem kölschen Karneval, den, wie immer wieder betont wird, die Mehrheit der Kölner zu feiern weiß.

Wird er sich doch nochmal durchsetzen und tatsächlich das Erscheinungsbild des Straßenkarnevals prägen? Nach diesem 11.11.2017 klingt dies für mich mehr wie ein frommer Wunsch als das es Wirklichkeit werden könnte. Jetzt folgt erstmal Advent und Weihnachten, deren Stimmung mir trotz aller Konsumräusche sehr viel lieber ist. Kölle Alaaf!

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