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Liebe Frau Bundeskanzlerin, die Pflegereform ist eine Beleidigung für die Alten in Deutschland

12/08/2015 12:49 CEST | Aktualisiert 12/08/2016 11:12 CEST
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Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, leider muss ich Ihnen sagen, dass das heute im Bundeskabinett zur Abnickung vorliegende euphemistisch Pflegestärkung genannte Gesetzlein ein geradezu lächerliches Reform-Tröpfelchen auf einen glühendheißen Stein ist.

Pfffftzisch! und sonst nichts.

Welch armseliger phantasieloser, bürokratischer Versuch, ein Schräublein vom Rost zu befreien, wo das gesamte Vehikel in einem desaströsen Zustand ist. Das Vehikel ist das Pflegesystem in Deutschland - es ist überhaupt nicht mehr fahrtüchtig und es verstößt gegen das Grundgesetz, welches die Würde des Menschen als unantastbar deklariert.

Schluss mit Würdelosigkeit und Pflegenotstand!

Zu jeder Stunde und täglich mehr werden auf deutschem Boden im 21. Jahrhundert Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt! Die Opfer sind alte Menschen, kranke Menschen, wehrlose Menschen, deren intellektuelle, seelische und körperliche Bedürfnisse missachtet werden.

Es geschieht in den deutschen Pflegeheimen das größtmöglichen Unrecht, das Menschen Menschen zufügen können: Beraubung der Würde, Vergewaltigung des Willens und Dekonstruktion von Persönlichkeit. Dies geschieht in der Regel nicht, weil das Pflegepersonal charakterlich monsterhaft wäre und sich monströs gebärden würde, sondern dies geschieht auf Grundlage der von Ihnen, geehrte Frau Bundeskanzlerin, verantworteten Gesetze und Verordnungen!

Diese Schande, Frau Bundeskanzlerin!

Engagierte Menschen haben in Erkenntnis der eigenen Betroffenheit im November 2014 Verfassungsbeschwerde eingelegt - sie fürchten sich nämlich vor dem eigenen Alter! Und da wagen Sie, mit so einem angeblichen Stärkungsgesetz so zu tun, als sei man in Ihrer Regierung um Besserung bemüht!

Wer Macht hat, muss die Augen aufmachen!

Und diese 4 Dinge müssen Sie als erstes tun, sofort:

1. Hören Sie zu:

Berufen Sie ein Pflegekonsilium ein - nicht mit Politikern und Lobbyisten, sondern mit unseren besten Hirnforschern, Pflegesachverständigen, Altersforschern. Es gibt Pflegeheime, die Menschen in ihrer Würde bestärken und sogar finanziell besser laufen als jene Anstalten, die den Namen Heim nicht verdienen. Man nehme sich die Guten zum Vorbild!

2. Handeln Sie groß, kreativ und historisch:

Schaffen Sie radikal neue gesetzlichen Rahmenbedingungen, die auf ein ergebnisorientiertes Gesundheits- und Pflegesystem abzielen. Das wird ein System sein, das all jene Beteiligten (Heime, Träger, Pfleger, Ärzte) belohnt, die die Kranken gesünder und die Pflegebedürftigen selbstständiger macht und jene bestraft die umgekehrte Resultate erzielen.

3. Regieren Sie innovativ und unvergesslich!

„Niemand darf wegen seines Alters benachteiligt werden."

Dieser Passus muss ins Grundgesetz, Artikel 3 aufgenommen werden, so dass es heißt:

"Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seines Alters, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."

4. Fühlen Sie mit!

Bei der Münchner Zahnärztin Dr. Cordula A. saß kürzlich eine 83-jährige Frau. Sie weinte. „Frau Doktor", sagte sie, „können Sie mir denn neue Zähne machen, obwohl ich so alt bin!?" Die Zahnärztin, selber eine junge schöne Frau, weinte ebenfalls, als sie die Geschichte erzählte. „Zähne sind Menschenwürde! Es geht doch nicht, dass in Deutschland Alte nicht mehr richtig essen und lachen können, nur weil sie kein Geld für neue Zähne haben!"

Sie hat der alten Dame auf eigene Kosten geholfen, denn die Kassen bezahlen, wie Ihrer geschätzten Aufmerksamkeit möglicherweise entgangen ist, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, den im System unentrinnbar gefangenen Pflichtversicherten Brillen und Zahnersatznicht.

Die alten Leute in Deutschland sind aber keine Bettler. Sie haben jahrzehntelang gutgläubig in Versicherungen einbezahlt und damit Anspruch auf gute Leistung erworben. Auch Demente und Alzheimer-Kranke sind keine Almosenempfänger, sie sind Kunden.

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