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Auch die Zukunft wird aus Kultur gemacht

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Kultur als Modus unseres Zusammenlebens ? Das wĂ€re auch eine mögliche Überschrift. Oder Kultur oder Leitkultur. Oder „Kulturnation ohne Staat?", wie die Überschrift der Deutschen Akademie fĂŒr Sprache und Dichtung 1994 geheißen hat. Damals habe ich gesagt, Kultur ist ein weites Feld und...

Kultur ist alles von Menschen Geschaffenes und Gestaltetes

„Kultur" in einem umfassenden Sinne ist zweifellos die „Gesamtheit der typischen Lebensformen" einer Bevölkerung einschließlich der sie tragenden „Geistesverfassung". Diese Lebensformen umfassen Sprache und Religion, Ethik, soziale Institutionen, Staat, Recht, Kunst und Wissenschaft. Die jeweils spezifischen, historisch gewachsenen Lebensformen dienen der Stabilisierung, Selbst- -vergewisserung und Abgrenzung sozialer und ethnischer Gruppen und sind Grundlage von deren IdentitĂ€t. Vermittels dieser Lebensformen erfahren, verarbeiten und verĂ€ndern die Menschen Wirklichkeit.

Kultur im engeren Sinne umfasst zum einen das Nachdenken des Menschen ĂŒber sich selbst und seine (Um)Welt. Die spezifisch europĂ€ische Form dieses Nachdenkens ist die AufklĂ€rung, ist die neuzeitliche Wissenschaft. Kultur umfasst zum anderen die Deutung von Mensch, Natur und Geschichte mittels verschiedener Formen der Gestaltung, aus denen die KĂŒnste entstanden sind.

Das Leben des Menschen vollzieht sich in jedem Augenblick an der Schnittstelle der Vergangenheit und Zukunft. Durch Kultur versichert und bemÀchtigt sich der Mensch bestÀndig der Vergangenheit, um die Zukunft zu bewÀltigen und gestalten zu können.

Sie stĂ€rkt Individuum und Gemeinschaft bei der BewĂ€ltigung von VerĂ€nderungen und UmbrĂŒchen, entfaltet stabilisierende KrĂ€fte angesichts vielfĂ€ltiger Bedrohungen und hilft bei der Sinnfindung angesichts vielfĂ€ltiger Erfahrung von Sinnlosigkeit.

Kultur hat mit unserer Geschichte und mit unserer Zeitgeschichte zu tun. Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten. Die national- sozialistische Diktatur war die moralische und politische Katastrophe Deutschlands.

Die Diktatur der SED -DDR ist damit nicht gleichzusetzen, aber durchaus mit dem NS-Regime vergleichbar. Dennoch sind weder diese noch jene, auch nicht beide zusammen, die ganze deutsche Geschichte.

Wenn ich von deutscher Geschichte spreche, dann denke ich an das römische Reich deutscher Nation, an die Goldene Bulle, an mittelalterliche Kaiser und Könige, an 2000 Jahre alte StĂ€dte wie Augsburg, Trier, Regensburg, Köln oder Bonn, an Walter von der Vogelweide, an Hildegard von Bingen und Elisabeth von ThĂŒringen, an Hanse und die Fugger, an Luther, an den 30 jĂ€hrigen Krieg, an August den Starken, die Wittelsbacher, Friedrich den Großen, Bismarck und Lassalle.

Ich denke an das Wartburg- und an das Hambacher Fest, an die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche und an die Weimarer Nationalversammlung: vor allem meine ich damit aber das Volk Kants und Herders, Goethes und Schillers, Lessings und Heines, Bachs und Beethovens, DĂŒrers und Schinkels, Plancks und Einsteins, Marx und Hegels, aber eben auch Hitler, die Gestapo und die Stasi.

Und ich denke dabei an die herausragenden Patrioten des deutschen Widerstandes , von Kurt Schumacher, ĂŒber Graf Stauffenberg und Willy Brandt bis zu den Geschwistern Scholl an der UniversitĂ€t MĂŒnchen und Herbert Belter an der UniversitĂ€t Leipzig. Oder Bert Brecht und seine Kinderfibel:

Anmut sparet nicht noch MĂŒhe,
Leidenschaft nicht noch Verstand,
dass ein gutes Deutschland blĂŒhe,
wie ein anderes gutes Land

Kein Kapitel deutscher Geschichte darf ausgelassen werden. Und vergessen wir dabei nicht die erste Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern und das deutsche Wirtschaftswunder. Auch nicht den 17.Juni 1953, den großen Arbeiteraufstand in der DDR Und das es gelungen ist den Frieden in Deutschland und Europa zu verteidigen., wie das noch nie in Deutschland und Europa gewesen ist.

Heute wird allmĂ€hlich vielen wieder bewusst, dass wir uns um die eigene Zukunft in Europa kĂŒmmern mĂŒssen.

Kein Kapitel fĂŒr sich allein ist die deutsche Geschichte.

Heute steht Deutschland auf zwei Beinen: Westdeutschland lieferte die erste erfolgreich erprobte Verfassung, Ostdeutschland die erste erfolgreiche demokratische Revolution in Deutschland. Im Einigungsvertrag haben wir erstmals festgestellt: Deutschland ist ein Kulturstaat!

Deutsche Geschichte und Kultur waren und sind immer auch europÀische Geschichte und Kultur.

Europa ist am allerwenigsten ein geographischer, sondern ein kultureller Weltteil. Die Kultur und die Geschichte unseres Kontinents sind ein einziges Wechselspiel zwischen dem Teil und dem Ganzen, und wir alle haben ein Bewusstsein dieser Kulturwelt ganz anzugehören, das auf gemeinsamen Traditionen und Werten aufgebaut ist: Die Wissenschaft und Kunst der Antike, der römische Rechts- und Staatsgedanke, das Christentum und die AufklÀrung. Das ist die Synthese europÀischer Kultur, die uns geprÀgt hat.

Die Menschen unterschiedlicher Weltgegenden sind beim Denken und Deuten im Laufe der Geschichte zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Kultur reprÀsentiert deswegen von vornherein eine Vielzahl von Möglichkeiten.

Diese Vielzahl prĂ€gt und strukturiert soziale Gruppen unterschiedlicher GrĂ¶ĂŸe. Familien sind ebenso von dieser Vielfalt geprĂ€gt wie ethnische Gruppen und Nationen. Diese gewissermaßen „natĂŒrliche" kulturelle Differenz muss und wird auch unter verĂ€nderten staatlichen Strukturen erhalten bleiben.

Sie ist kein lÀstiger Hemmschuh von nationalen und internationalen Vereinigungs- und Verbindungsprozessen, sondern im Gegenteil Voraussetzung von deren Gelingen.

Die plurale Struktur von Kultur korrespondiert mit der pluralen Struktur einer demokratischen Gesellschafts- und Staatsform. Insofern ist Kulturpolitik und Kulturförderung immer auch Demokratieförderung.

Kultur ist essentielle Voraussetzung jeder Staatsbildung insofern, als der Mensch erst ĂŒber sich und seine Stellung in der Welt reflektieren muss, bevor das komplexe Gebilde eines Staatswesens entstehen kann. Es gibt Kulturen ohne Staat, aber keinen Staat ohne Kultur. (Schon in der Steinzeit gab es Kultur, aber noch keinen Staat.)

„Wer an den Dingen seines Staates keinen Anteil nimmt", hat Perikles 430 Jahre v. Chr. Gesagt, „ist nicht ein guter BĂŒrger, sondern ein schlechter".

Insofern ist Kultur „staatstragend", weil sie integriert und auf die Zukunft orientiert. Insofern ist der Umgang eines Staates mit den kulturellen Potenzen seiner BĂŒrger und mit seiner und mit deren Geschichte Indikator auch fĂŒr seine „Überlebens"-, Zukunfts- und KonkurrenzfĂ€higkeit.

Der in der Vergangenheit schon erreichte, in der Zukunft angestrebte Erkenntnisgewinn muss vom Staat und seinen ReprĂ€sentanten fĂŒr die Gestaltung einer immer komplexer und komplizierter werdenden Zukunft und der Weiterentwicklung der menschlichen LebensverhĂ€ltnisse genutzt werden.

Kultur ist ein nicht unwesentliches Unterschiedskriterium der Nationen untereinander und konstitutiv fĂŒr ihren Begriff („Kulturnation"). FĂŒr das Nationalbewusstsein gerade der Deutschen, die erst spĂ€t zum Nationalstaat fanden, war sie in den Zeiten staatlichen Partikularismus und den Jahrzehnten der deutschen Teilung von entscheidender Bedeutung.

Es war die Kultur der deutschen Klassik, die um 1800 ein geistiges Nationalbewusstsein prĂ€gte und es war die Kultur, die trotz Mauer ein einigendes Band zwischen den Menschen in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR blieb. Zugleich war der Partikularismus auch die wesentliche Ursache fĂŒr die kulturelle Vielfalt und Lebendigkeit, die andere große Kulturnationen in dieser Form nicht kennen.

Äußeres Erscheinungsbild und innere Struktur von Staaten sind wesentlich geprĂ€gt von den kulturellen VerhĂ€ltnissen. Sie konstituieren deren IdentitĂ€t als Kulturstaaten und Kulturnationen. Zugleich profilieren sie sie im geistig-kulturellen Wettbewerb als „kulturelle Standorte".

Wie jede nationale Kultur befindet sich auch die Deutsche im Wandel.Sie wird von Biodeutschen und Neudeutschen und Überdeutschen, von deutschen EuropĂ€ern und europĂ€ischen Deutschen, und den Leuten erneuert , die gar keine Deutschen sein wollen.

Auch Achmed ist ein Deutscher und der Holocaust damit ein Teil seiner Geschichte.Das ist auch gut so, wenn Deutschland auch weiterhin eine große Kultur sein will. In der FAZ habe ich das unausgesprochene gelesen : HartnĂ€ckig hĂ€lt sich in Teilen unseres Landes die Überzeugung, die Deutschen hĂ€tten eine Art Monopol auf Sittlichkeit.

Man glaubt allen Ernstes, das Verhaltensweisen und Ideale, die immer schon in EuropÀischen LÀndern verbreitet waren und sind, eine sogenannte deutsche Leitkultur ausbildeten - und zieht dabei BestÀtigung selbst aus jenen Tugenden, die man schnell als unangenehm abtun kann, wie Pedanterie und Korrektheit.

Wobei die reflexhafte Abwehr dieser Tugenden ebenso blöd ist. Was ist das fĂŒr eine Kultur, die sich einer oberflĂ€chlichen Leitkultur unterordnen soll? Und wie verhĂ€lt sich das zur ohnehin schon unĂŒbersichtlichen Ordnung von Hoch- und Sub-Massen-und Alltagskultur? Es ist wohl typisch deutsch einen Begriff und nicht ĂŒber lebendige Inhalte Und Normen unserer Kultur zu diskutieren.

Das korrespondiert mit den UnumgÀnglichen, die haben etwas im Kopf ohne den Gesamtprozess zu erkennen.

Exkurs: Antisemitismus

Es gibt das Grundgesetz und nicht nur Wertiniativen treibt die Sorge das die einzig notwendige, die freiheitlich-demokratische Leitkultur in Deutschland erodiert. Dazu gehört auch,das Judenfeindlichkeit nicht nur im wachsenden Rechts- und Linksextremismus wieder blĂŒht, Der Chef der Holocaust-GedenkstĂ€tte sieht Werteverfall in Deutschland wie vor dem 2. Weltkrieg. Jude ist wieder ein Schimpfwort.

Nehmen wir ĂŒberhaupt wahr, wie sich rechte ReichsbĂŒrger und linke Aluhut-TrĂ€ger in unendlichen ChatverlĂ€ufen ĂŒber jĂŒdische Verschwörungstheorien ereifern? Oder dass in einigen staatlichen Schulen und auf Berliner Straßen Jude zum gĂ€ngigen Schimpfwort wird.

Das Synagogen bedrĂ€ngt , Juden beim Beten gestört und jĂŒdische Kinder bedroht werden-Und das öffentlich rechtliche Fernsehsender mit einer absurden Argumentation ausgerechnet einen in der Kulturkritik hochgelobten Beitrag zum Antisemitismus, zensieren, Grundrechte missachten und den Antisemitismus weiter verharmlosen.

Was mir mit Elio Adler und muslimischen Wissenschaftlern große Sorge macht ist der „politische Islam", in dem Religion politisiert und Politik religiös besetzt wird. Da es ist richtig Menschen in Not zu helfen. Aber wir dĂŒrfen die Augen nicht vor den Folgen der verkehrten „FlĂŒchtlingspolitik" verschließen.

Zu dem bereits brodelnden Sud antisemitischer Rassisten kommt noch der Zustrom durch Hunderttausende, die hĂ€ufig nicht nur schwer ĂŒberwindbare eigene Kulturmuster mitgebracht haben, die von sich her ein Integrationsproblem sind, sondern oft antisemitisch sozialisiert sind. Unsere heutige Mehrheitsgesellschaft hat den einheimischen Rassismus nicht in den Griff bekommen Wie will sie das schaffen, da zehntausende Antisemiten dazustoßen.

Es gibt GrĂŒnde, dass die Mehrheit der EuropĂ€er einen Einwanderungsstopp aus diesen LĂ€ndern verlangt. Auch unsere demokratische Grundordnung ist nicht beliebig belastbar.

Kultur ist ein wesentliches Element der Lebensbedingungen und damit in vielen FĂ€llen auch der Entscheidung zugunsten eines Wirtschaftsstandortes.

Deutschland kann dies bei der Bestimmung seiner verĂ€nderten Rollen in Europa und in der Welt nicht unberĂŒcksichtigt lassen.

Jede Kulturförderung ist eine Investition in die Zukunft des Individuums und der Gesellschaft. Es ist daher bedenklich und gefÀhrlich, sie abhÀngig zu machen von tages- und parteipolitischen ErwÀgungen und der aktuellen Finanzlage.

Staatliche Kulturförderung muss sich - in Konsequenz der Blickrichtung von Kultur auf Vergangenheit und Zukunft - prinzipiell in gleicher Weise auf zwei Bereiche erstrecken.

a. Die Förderung einer umfassenden Auseinandersetzung mit der kulturellen Hinterlassenschaft zurĂŒckliegender Epochen, unter historischer und Ă€sthetischer Perspektive. Nur diese fortwĂ€hrende Auseinandersetzung konstituiert dauerhafte individuelle und gemeinschaftliche kulturelle IdentitĂ€t.

b. Die Förderung zeitgenössischer kultureller TĂ€tigkeit, d.h. zum einen der kĂŒnstlerischen Produktion, zum anderen der aktiven Teilhabe an Kultur. Kunst und Kultur entfalten erst als Bestandteil der allgemeinen Bildung ihre Individuum und Gesellschaft prĂ€gende Kraft. Die Teilhabe an Kunst und Kultur ist wesentliche Aufgabe kultureller Bildung. Sie stĂ€rkt das Urteilsvermögen vor allem auch junger Menschen und ermutigt zur verantwortlichen Mitgestaltung der Gesellschaft.

Die Förderung der Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe bliebe ohne die Förderung kultureller und kĂŒnstlerischer TĂ€tigkeit fragmentarisch, weil jede BeschĂ€ftigung mit der Vergangenheit ohne Blick auf die Zukunft zum Selbstzweck verkommt, jede kulturelle TĂ€tigkeit ohne Blick auf die Vergangenheit die KontinuitĂ€t und die BrĂŒche von Entwicklungen ignoriert und damit beliebig wird.

Panta rhei. Goethe hat das in seinem Gedicht, „Dauer im Wechsel":, recht anschaulich gemacht:

Gleich mit jedem Regengusse
Ändert sich dein holdes Tal
Ach, und in demselben Flusse
Schwimmst du nicht zum zweitenmal

Kulturkritisch ist Kultur die Kultur des Gewordenen und des Werdenden, ist Kultur von Menschen gemacht, Kultur als Modus unseres Zusammenlebens. Kultur lÀsst sich kaum fassen, definieren. Kultur ist eher das, was uns definiert. Auch die Zukunft wird aus Kultur gemacht.

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